Deutsche Filme in Uruguay
2. - 9. - 16. - 23. März 2017 / 19:30 Uhr
Als wir träumten
Regie: Andreas Dresen, Farbe, 117 Min., 2013-2015
Vor wenigen Jahren waren Dani, Rico, Paul und Mark noch Schüler in der DDR, ideologischen Zwängen unterworfen, aber auch geborgen in einem überschaubaren Alltag. Nach der Wende scheint es keine Regeln mehr zu geben. Die Freunde genießen ihre private Anarchie, ziehen nachts durch Leipzig, rasen in gestohlenen Autos betrunken durch die nächtlichen Straßen, nehmen Drogen, randalieren und genießen ihren Vandalismus. Sie gründen eine Diskothek und scheitern nach einem Jahr an der Gewalt der Neonazis. Rico versaut seine Karriere als Boxer, Paul handelt mit Pornos; Mark verliert sein Leben, Dani die große Liebe. ALS WIR TRÄUMTEN erzählt die Geschichte einer lost generation, die unbewusst ein Opfer der Wiedervereinigung wurde.
Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren. Nach einem Volontariat im DEFA-Studio für Spielfilme und einer Regieassistenz bei Günter Reisch studierte Dresen an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Seit 1992 arbeitet er als freier Autor und Regisseur. Neben seinen Filmen inszenierte Dresen auch am Theater, u.a. Goethes „Urfaust“ am Staatstheater Cottbus (1996), sein Stück „Zeugenstand“ am Deutschen Theater Berlin (2002), dort auch Horvaths „Kasimir und Karoline“ (2006). Im Februar 2006 in Basel erstmals auch Opernregie: Mozarts „Don Giovanni“.
Oh Boy
Regie: Jan Ole Gerster, Farbe, 82 Min., 2010-12
Niko Fischer lebt einfach in den Tag hinein. Sein Jura-Studium hat er abgebrochen. Er streunt durch Berlin, beobachtet verwundert die Menschen in der Stadt und lässt sich treiben. An diesem Tag wird alles anders: Nikos Vater stellt die monatlichen Zahlungen ein, mit der Freundin klappt's nicht mehr, ein Psychologe entzieht ihm den Führerschein, ein Nachbar klagt Niko sein Leid und beginnt zu heulen, eine Bekannte aus der fernen Schulzeit macht ihn an und in einer Kneipe erzählt ihm ein alter Mann von einem traumatischen Kindheitserlebnis. Am Ende ist der alte Mann tot und Niko hat vielleicht zum ersten Mal so etwas wie Anteilnahme und Verantwortungsgefühl gezeigt. Es wird endlich Zeit für ihn, erwachsen zu werden. OH BOY erzählt in Episoden von turbulenten 24 Stunden aus dem Leben eines jungen Mannes, an deren Ende nichts mehr sein wird wie vorher. Mit seinem wunderbaren ersten Spielfilm gelingt es Jan Ole Gerster, an große Vorbilder zu erinnern, ohne sie auszubeuten: an frühe Arbeiten von Woody Allen und an Martin Scorseses AFTER HOURS - aber auch an die Schwabing-Filme der späten sechziger Jahre. Und trotz aller erkennbaren Vorbilder entwickelt Gerster eine ganz eigene Tonart, die er vom ersten bis zum letzten Bild durchhält.
Jan Ole Gerster: Geboren 1978 in Hagen (Niedersachsen). Nach dem Zivildienst absolvierte er von 2000 bis 2001 ein Praktikum bei „X-Filme Creative Pool", anschließend arbeitete er als persönlicher Assistent von Wolfgang Becker bei GOODBYE, LENIN!. 2003 begann er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. OH BOY ist Gersters erster Spielfilm.
Zeit der Kannibalen
Regie: Johannes Naber, Farbe, 93 Min., 2014
Öllers und Niederländer sind Unternehmensberater. Seit Jahren touren sie um den Globus als hochdotierte Frontschweine des internationalen Kapitalismus, die doch immer auch gründlich Abstand zur Wirklichkeit ‚da draußen‘ halten, die sie nur als staubige Silhouette hinter den Fenstern ihrer klimatisierten Luxus-Hotels wahrnehmen. Bisher glaubten die beiden Manager immer, alles im Griff zu haben. Plötzlich müssen sie sich aber mit einer neuen Kollegin auseinandersetzen, die ihren alten Kumpel Hellinger ersetzen soll, der unerwartet einen ‚krassen Karrieresprung‘ hingelegt hat indem er zum Teilhaber der Company aufgestiegen ist. Aber das ist erst der Anfang der Schrecken, die da noch kommen sollen: warum stürzt sich dieser Hellinger gerade jetzt, so kurz nach seiner Ankunft im Olymp aus dem Fenster? Und was hat es mit den Gerüchten von einer feindlichen Übernahme der Firma auf sich? Die Nerven sind zunehmend zerrüttet. DIE ZEIT DER KANNIBALEN ist eine ebenso unterkühlte wie schrille Groteske über den Fall aus den Tempeln der Hybris hinab in den Hades der Kümmerlichkeit – und unterdessen haben muslimische Freischärler auch noch das Hotel gestürmt. (Ralph Eue)
Johannes Naber: Geboren 1971 in Baden-Baden. Johannes Naber studierte von 1991 bis 1993 Philosophie und Indische Philologie an der Freien Universität Berlin und anschließend Film und Medien an der Filmakademie Baden-Württemberg. Nach Absolvierung seines Diploms lebt er wieder in Berlin und arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor.
Zwischen Welten
Regie: Feo Aladag, Farbe, 103 Min., 2014
Jesper ist Soldat bei der Bundeswehr, und obwohl sein Bruder beim Dienst in Afghanistan ums Leben kam, meldet er sich zu einem neuerlichen Einsatz in dem umkämpften Land. Gemeinsam mit seiner Einheit soll er ein abgelegenes Dorf vor den Taliban schützen. Zu Jespers Begleitern gehört der junge afghanische Dolmetscher Tarik, dessen Aufgabe unter anderem darin besteht, zwischen Soldaten und Dorfgemeinschaft zu vermitteln.
Beiden Seiten fällt es schwer, Unterschiede in der Lebensweise zu überbrücken. Bei Jesper, der das Vertrauen der Bauern und der verbündeten Arbaki-Milizen gewinnen muss, liegen bald die Nerven blank. Die Gewissenskonflikte, ausgelöst durch die Befehle seiner Vorgesetzten, häufen sich. Als Tarik, der aufgrund seiner Nähe zu den Deutschen mit dem Tode bedroht wird, auch um das Leben seiner Schwester fürchtet, muss Jesper eine Entscheidung treffen.
Der Film wurde an Originalschauplätzen in Kunduz und Mazar-i-Sharif sowie an verschiedenen Drehorten in Deutschland auf Deutsch, Englisch, Dari und Paschtu gedreht. Seine Weltpremiere feiert ZWISCHEN WELTEN im Wettbewerb der Berlinale 2014.
Feo Aladag wurde 1972 in Wien geboren. Von 1990 bis 1995 studierte sie Schauspiel in Wien und London sowie Kommunikationswissenschaften und Psychologie in Wien. 2000 folgte ihre Promotion zum Dr. phil. Nebenbei arbeitete sie als Filmkritikerin und Kolumnistin für österreichische Tageszeitungen. Ab Mitte der neunziger Jahre spielte sie Theater und war als Schauspielerin in Filmen von Anno Saul (GRÜNE WÜSTE, 1998), Mike Figgis (CO/MA, 2004), Henner Winkler (LUCY, 2005) und Vanessa Jopp (MEINE SCHÖNE BESCHERUNG, 2007) zu sehen.
2005 gründete sie die in Berlin ansässige Independent Artists Filmproduktion, bei deren erstem Projekt, DIE FREMDE, Feo Aladag als Produzentin, Autorin und Regisseurin fungierte. Der Film gewann 47 nationale und internationale Auszeichnungen, darunter zwei Deutsche Filmpreise (Bester Film, Beste Hauptdarstellerin), den Europa Cinema Label Award der Berlinale sowie den Preis der Deutschen Filmkritik in gleich sieben Kategorien. 2011 wurde DIE FREMDE für die 83. Academy Awards als deutscher Beitrag in der Kategorie Bester nicht englischsprachiger Film entsandt. (Ralph Eue)