Interview mit Saodat Ismailova „Ich liefere keine Erklärungen, ich schaffe einen Dialog“

 „Syncretic verses“
„Syncretic verses“ | © Foto: Saodat Ismailova

Die Ausstellung „Syncretic verses“ präsentiert dem usbekischen Publikum vom 21. April bis 13. Mai 2018 erstmalig Werke der usbekischen Filmemacherin und Video-Künstlerin Saodat Ismailova, welche in Taschkent und Paris lebt. Mit ihrer Ausstellung im Ilkhom-Theater gibt die  Künstlerin intime Einblicke in kultische Rituale und Praktiken von Frauen in ihrem Heimatland.

Saodat, Ihre Ausstellung „Syncretic verses“ wird Ihre erste Soloausstellung in Ihrer Heimatstadt Taschkent. Was bedeutet es für Sie, Ihre Werke in der Stadt und dem Land zu zeigen, wo Sie aufgewachsen sind?

Auch wenn meine Werke hauptsächlich außerhalb Zentralasiens ausgestellt werden, bleibe ich tief in meiner Kultur verwurzelt – bis heute ist das für mich meine wichtigste Inspirationsquelle.  Eine Soloausstellung in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, erfüllt mich mit Begeisterung. Die Vorstellung, dass meine persönliche und meine imaginäre Welt vor den Augen des lokalen Publikums miteinander verschmelzen, finde ich sehr spannend – zu beobachten, wie mein kleiner Mikrokosmos, der endlich in sein ursprüngliches Ökosystem zurückgefunden hat, sich in die Interaktion, Emotion und Analysen des lokalen Publikums einfügt.

Viele Ihrer Werke thematisieren kultische Rituale von Frauen in Zentralasien. Was ist Ihre Inspiration, sich mit diesem ungewöhnlichen Thema auseinanderzusetzen?

Ich würde eher sagen, dass ich mich für den Synkretismus interessiere, der in Zentralasien so einzigartig und divers ist. Die Region liegt an einem wichtigen Knotenpunkt unterschiedlicher Kulturen, die genau hier aufeinandertrafen, sich gegenseitig beeinflussten und koexistierten. Diese intensive Interaktion hat Spuren auf spiritueller Ebene, in der Kunst und in den alltäglichen Ritualen der Menschen hinterlassen. Ich habe manchmal bereut, nicht Anthropologie oder Geschichte Zentralasiens studiert zu haben, aber später habe ich einen Weg gefunden, diese Leidenschaft mit meiner künstlerischen Tätigkeit zu verbinden – Film. Darüber hinaus hat meine Großmutter mir einen Ozean voller Geschichten, Erinnerungen und Rituale hinterlassen. Je älter ich wurde, desto mehr wuchs mein Wunsch, diese zu verstehen – das hat mich letztendlich zu meiner Auseinandersetzung mit den Lebenswelten von Frauen in Zentralasien gebracht. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine faszinierende Welt von anthropologischen, archäologischen und ethnografischen Forschungen aus Sowjetzeiten. Die Arbeiten von Snesarew, Sucharewa, Andrejew, Tolstow und Basilow halfen mir dabei, mich selbst besser zu verstehen und meine eigene Identität neu zu formen.

Was erzählen Ihre Arbeiten dem Publikum über das Leben von Frauen in Zentralasien? Wie lässt sich Ihrer Meinung nach die derzeitige Situation von Frauen in Zentralasien und insbesondere in Usbekistan beschreiben?

Ich denke, Frauen sind verantwortlich für die Weitergabe von Spiritualität und Identität. Niemand würde in Zweifel ziehen, dass die erste Sprache, die wir sprechen, „Muttersprache“ genannt wird – die ersten Worte, die wir benutzen, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Sprache ist eine Definition der eigenen Kultur. Daher haben Frauen seit je her synkretistische Überzeugungen, Mythen und Rituale von Generation zu Generation weitergegeben – selbstverständlich unbewusst.  Dieses Wissen ist nicht-institutionalisiertes Wissen – das Wissen, das die Einzigartigkeit Zentralasiens ausmacht.
Es ist unbedingt notwendig, dass Frauen ihre eigene Individualität und Persönlichkeit entwickeln – das ist eine Garantie für Stabilität in jeder Gesellschaft. Doch leider beobachte ich von Jahr zu Jahr eine Schwächung des Selbstwertgefühls von Frauen. Eine gute Ausbildung, der Glauben an Persönlichkeitsentwicklung und kreative Entfaltung sind für Frauen in Zentralasien heutzutage essentiell.

2005 waren Sie Teilnehmerin des “Artist in Residence”-Programms des DAAD in Berlin, 2010 kamen Sie als Alumni des “Berlinale Talent Campus” erneut nach Berlin. Was für einen Einfluss hatte Ihre Zeit in Deutschland auf Ihre künstlerische Arbeit?

Das „Artist in Residence“-Programm des DAAD war essentiell für die Entwicklung des Skrips für meineb ersten Spielfilms „40 Days of Silence“. Außerdem war es für mich außergewöhnlich, Wissenschaftler*innen kennenzulernen, die an der Humboldt-Universität Berlin über Zentralasien forschen. Während des „Berlinale Talent Campus“ habe ich den deutschen Produzenten Benny Drechsel von Rohfilm kennengelernt, der Koproduzent meines Spielfilms wurde. Später wurde „40 Days of Silence“ dann vom World Cinema Fund gefördert, einem Fond der Berlinale zur Unterstützung von unabhängigen Stimmen im Filmbetrieb aus der ganzen Welt – ein angesehener Fond, der nur eine kleine Anzahl von ausgewählten Skripten bei der Produktion unterstützt. 2014 hatte mein Film dann Premiere auf der Berlinale in der Sektion „Forum“, die auf Kunstfilme ausgelegt ist. Im gleichen Jahr fand meine Soloausstellung „Celestial Circles“ in der Neuen Galerie Hohmannhaus in Augsburg statt. All diese bereichernden Ereignisse mit deutscher Unterstützung halfen mir, meine eigene künstlerische Stimme zu entwickeln.

Welche Gedanken oder Erfahrungen sollen die Besucher*innen Ihrer Ausstellung im Ilkhom-Theater mitnehmen?

Gedanken und Erfahrungen sind unbewusste und persönliche Ergebnisse. Meine Arbeit lässt dem Publikum im Allgemeinen viel Raum zum Denken und Interpretieren – das ist es, worauf es mir ankommt. Es geht um Interaktion. Ich liefere keine Erklärungen, ich schaffe einen Dialog. Sollten Fragen aufkommen, bedeutet das, dass meine Kunstwerke es geschafft haben, Kommunikation anzustoßen. Die Interpretation und Lesart hängt dann vom jeweiligen Hintergrund, vom Bildungshintergrund und von den Erfahrungen einer Person ab. Meine Ausstellung zielt darauf ab, die Vorstellungskraft anzuregen und über unsichtbare Orte nachzudenken, die uns umgeben. Wie wir diese Orte ausfüllen, hängt von jeder*m einzelnen ab. Allgemein stellt diese Ausstellung eine Auswahl meiner Videoarbeiten zusammen, die ich in den letzten fünf Jahren gemacht habe und die sich alle mit synkretistischen Ritualen beschäftigen, die leider immer mehr in Vergessenheit geraten – eine Reise zu heiligen Orten, die auch heutzutage verehrt werden, neben Schriften von Anthropologen und Ethnografen. Es ist ein Versuch, das Bewusstsein zu schärfen für die spirituelle Dimension und das Ökosystem der Region, und bei manchen wird das sicher Erinnerungen hervorrufen, die in ihrer Kindheit versteckt liegen. Ich wünsche mir, dass die Besucher*innen der Ausstellung sich Zeit nehmen, um einige ihrer Erinnerungen anonym in ein Notizbuch zu schreiben, das am Ausgang des Ilkhom-Theaters ausliegen wird.

Interview: Annkatrin Müller