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Frauenfiguren in der Literatur
Die unsichtbare Macht

Machos, Lachos und starke Frauen in der lateinamerikanischen Literatur
Foto: Claudia Casarino

In der lateinamerikanischen Literatur spielt der Typ des Macho sowie eine seiner Varianten, der Lacho, eine zentrale Rolle. Ihnen gegenübergestellt sind starke Frauenfiguren, die die traditionelle Macht des Mannes geschickt zu unterlaufen wissen. Wie passt dies zusammen?  Die chilenische Historikerin Andrea Kottow hat sich auf eine Spurensuche in die Literatur begeben.

Von Andrea Kottow

Das Wort macho – das sich unzweifelhaft auf eine prototypische männliche Figur des lateinamerikanischen Kulturraums bezieht – reimt sich auf lacho. Dieser Begriff ist vor allem in Chile und Peru geläufig und beschreibt eine Art Negativbild des Machos. Der Macho verkörpert normalerweise eine hyperbolische Männlichkeit, die sich auf seine unbestreitbare Überlegenheit und Macht stützt. Der Lacho dagegen ist eine Figur mit gewissen Widersprüchen. Mit dem Macho gemein hat er seine Überlegenheit über die Frau, doch eine Eigenschaft, die der Macho häufig versteckt, tritt bei ihm offen zutage: seine Unverbindlichkeit. Der Lacho ist eine Art Liebesnomade, ein lateinamerikanischer Don Juan: Er geht von Frau zu Frau, von Haus zu Haus und lässt hier und da Kinder zurück. Ein Lacho ist nicht der „Herr im Haus“, sondern einer, der sich zeitweise an verschiedenen Orten, die von verschiedenen Frauen gelenkt werden, niederlässt. Er ist weder Ehemann noch Vater. Diese Positionen nimmt er nur vorübergehend ein. Der Lacho ist der, der rausgeht, um Zigaretten zu kaufen und nicht mehr wiederkommt. Er ist der Vater, der den Unterhalt nicht bezahlt, den er seinen Kindern schuldet, das heißt den huachos – ein weiterer Reim im Andenvokabular –, Kindern ohne einen Vater, der sie anerkennt. Der Lacho ist also ein Mann, der von seinen ehelichen und väterlichen Pflichten nichts wissen will. Außerdem zeigt er beharrlich seinen Machocharakter, wenn er dazu aufgefordert wird, Verantwortung zu übernehmen. Denn weder der Lacho noch der Macho legen gegenüber irgendjemandem Rechenschaft ab.

Komplexität der lateinamerikanischen Weiblichkeit

In Madres y huachos (Mütter und Huachos) – einem einflussreichen Buch innerhalb der lateinamerikanischen Sozialwissenschaften der 1990er-Jahre – interpretierte die chilenische Anthropologin Sonia Montecino die Figur des Lacho als Schlüssel zum Verständnis gewisser Merkmale der lateinamerikanischen Kultur. Seit der spanischen Eroberung, so Montecino, trete der Mann als Eroberer in Erscheinung; als einer, der komme, aber nicht bleibe. Der Spanier habe eine Frau, eine Familie in seinem Heimatland zurückgelassen, habe aber seine „Bedürfnisse“. Er sei daher womöglich ein Mann mit mehreren Frauen und mehreren Haushalten, mit überall verstreuten Huachos. Die Figur des Lacho findet sich laut Montecino in den verschiedensten lateinamerikanischen Kulturproduktionen wieder, denn während der Kolonialzeit und später, nach der Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Länder von der spanischen Krone, verwandelt sie sich in eine soziale Konstante.

In seinem Roman El roto aus dem Jahr 1920 umreißt der chilenische Schriftsteller Joaquín Edwards Bello die Koordinaten des Lacho mit der Figur des Fernando, der vorübergehend bei Clorinda, der Mutter des Protagonisten Esmeraldo, einzieht. Der Vater von Esmeraldo ist ein Trunkenbold, der im Gefängnis sitzt, Clorinda leitet ein Bordell, und Fernando, ihr Liebhaber, kommt und geht, wie es ihm gefällt, ohne sich für die Gefühle der Frau oder des Stiefsohns, der neben ihm aufwächst, verantwortlich zu fühlen. Er ist ein Anhänger des Spiels, des Alkohols und der Frauen. Als er eines Tages verschwindet, löst er damit zwar Traurigkeit und Verzweiflung, nicht aber Überraschung aus. So sind die Dinge, so sind sie früher gewesen und werden sie immer sein, scheint sich in Clorindas Haltung auszudrücken. So wie er kam, ist Fernando wieder gegangen.

Was für eine Art von Frau lässt der Lacho zurück? Tatsächlich eine starke, selbstgenügsame Frau, die allein zurechtkommt. Eine Frau, die Haus und Kinder vorwärtsbringt. Vielleicht, so könnten wir mutmaßen, ist sie eine misstrauische und vom männlichen Geschlecht in gewissem Maße ernüchterte Frau. Aber sie ist auch eine Frau, die diese Machos-Lachos aushält. Oder, wie man ein bisschen manichäerhaft in Lateinamerika zu sagen pflegt: Hinter jedem Macho steht eine Frau, die ihn erträgt.

Maskierungsformen weiblicher Macht

Was hat es mit dieser Frau, die wir mit der lateinamerikanischen Kultur verbinden, die zwar „die Hosen anhat“, den Macho und den Machismus aber meistens trotzdem nicht niederringt, auf sich? Scheinbar gibt es einen Widerspruch zwischen dieser – in der kollektiven lateinamerikanischen Ideenwelt fest verankerten – Vorstellung von einer starken weiblichen Figur einerseits und von der Vorstellung des aus der Kultur dieses Kontinents kaum wegzudenkenden Machos andererseits. Einerseits sind da, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Großmütter von der Plaza de Mayo in Buenos Aires und die Frauen, die in Chile allein, ohne Partner, die sogenannte „Cueca Sola“ tanzen, in beiden Fällen, um nach Auskunft über die Verschwundenen der Diktaturen dieser Länder zu verlangen. Und andererseits sind da die Frauen, die sich weiterhin als Sexualobjekte (auch in den Songtexten des Reggaeton, der heutzutage eines der erfolgreichsten Exportprodukte aus Lateinamerika ist) behandeln lassen.

Aber kehren wir zur Literatur zurück. Im Roman El loco estero aus dem Jahr 1909 des ebenfalls chilenischen Schriftstellers Alberto Blest Gana hat es die Erbin Manuela geschafft, ihren Bruder und Rivalen Julián für verrückt zu erklären und ohne Zugriff auf den Familienbesitz wegzusperren. Außerdem haben Manuelas Stärke und Energie ihren Ehemann, eine romantische und nervenschwache Seele, zur Lektüre in den Garten verbannt, wo er sich mit Romanen über einsame Abenteurer tröstet. Zum vollständigen Beweis, dass sie diejenige ist, die das Sagen hat, akzeptiert sie einen Gendarmerieoffizier als Liebhaber und verbündet sich so mit der eigentlichen Macht. Gleichzeitig besitzt dieser Frauentyp – stark, ermächtigt, Herrin im Haus, zuständig nicht nur für die familiären, sondern auch für die finanziellen Angelegenheiten – eine klare Tradition in der lateinamerikanischen Literatur. Vielleicht ist Doña Bárbara, die Protagonistin des gleichnamigen, 1929 vom Venezolaner Rómulo Gallegos verfassten Romans, ihr paradigmatischstes Beispiel, eine mächtige, unerbittliche femme fatale, eine Grundbesitzerin, die über Land und Menschen verfügt.

Allerdings zeigt sich die weibliche Macht in der lateinamerikanischen Literatur nicht nur in Gestalt der Frau, die den Platz des Mannes einnimmt. Sie tritt auch als Alternativkraft auf, als geheime Macht, die im Verborgenen die Fäden zieht und hinter dessen Rücken die Macht des Mannes unterminiert. Die argentinische Schriftstellerin Silvina Ocampo beschreibt in ihren Erzählungen das weibliche Komplott, die Bündnisse der Frauen, durch welche sie ihren Willen durchzusetzen, ohne dass die Männer davon Wind bekommen. Auch in den Texten des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig hintergehen die Frauen die Macht des Mannes, während sie ihn glauben lassen, dass er weiterhin die Fäden in der Hand hält, und verrichten und vernichten, wie es ihren Vorlieben und Bedürfnissen entspricht. Ein sehr prototypisches Duo dieser Art von Komplizenschaft sind die Mutter und der homosexuelle Sohn, die den Vater weiterhin glauben lassen, alles nehme seinen „normalen“ Gang.

Koexistenz weiblicher Macht und patriarchaler Ordnung

Weitere Beispiele für die Darstellung weiblicher Macht, die andere Werte und andere Strategien als die traditionellen ins Spiel bringt, die aber gleichzeitig die männliche Macht und das patriarchale System unangetastet lässt, finden wir in den Büchern von Isabel Allende oder im Roman der mexikanischen Autorin Laura Esquivel Como aua pari chocolate von 1989, der durch den gleichnamigen Film berühmt wurde. Dort geschieht etwas Eigenartiges: Die traditionell weiblichen Bereiche – Haushalt und Kochen – verwandeln sich in Orte, von denen aus Macht ausgeübt wird. Allerdings bleibt diese Macht unsichtbar, und behält, um ihre Wirkung zu entfalten, das herrschende geschlechter-generische System bei.

Der provisorische Streifzug auf der Fährte von Frauenfiguren und des Weiblichen in der lateinamerikanischen Literatur führt uns also vor einen komplexen Horizont. Wir sehen einerseits die Tradition einer weiblichen Macht, die sich mit abwesenden und verantwortungslosen Männern arrangieren muss, was sie dazu bringt, den Platz von Ernährerinnen und Familienoberhäuptern einzunehmen. Und wir sehen andererseits die unbestreitbaren Überreste eines starken Machismo, der nicht beseitigt ist und zumindest teilweise durch das Auftreten einer weiblichen Kraft, die handelt, ohne sich zu zeigen oder ihre Rechte einzufordern, instandgehalten wird.

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