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Pandemie
„Zeit nehmen, die Akkus aufzuladen“

Foto: Claudia Casarino
Foto: Claudia Casarino

Die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie wirken sich belastend auf alle aus, aber Frauen trifft es besonders hart – traditionelle Rollenmuster lassen grüßen. Wie Frauen sich schützen können, erklärt Sabine Köhler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview.

Von Eleonore von Bothmer

Die Lockdown-Maßnahmen seit Beginn der Corona-Pandemie brachten Homeoffice und Homeschooling mit sich, und auf einmal müssen Familien ganze Tage und Wochen auf engstem Raum miteinander verbringen. Glaubt man der bundesdeutschen Medienlandschaft, hat uns die Pandemie damit in die Rollenverteilung der 1950er-Jahre zurückkatapultiert. Denn nach wie vor kommt der Job der Familienmanagerin vor allem den Frauen zu – das heißt: zum (Vollzeit-)Job kommt nun noch die Rund-um-die-Uhr-Versorgung und Betreuung von Mann und Kindern hinzu. Im schlimmsten Fall gibt es im Haushalt auch pflegebedürftige Angehörige. Die Folge dieser Doppelt- bis Dreifachbelastung äußert sich in Depressionen, psychosomatischen Schmerzen und anderen Stresssymptomen. Wie Frauen sich der Situation stellen und sich vor den negativen Auswirkungen schützen können, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Sabine Köhler im Interview.

Frau Köhler, die Corona-Krise ist für uns alle eine große Herausforderung. Studien zeigen, dass Frauen besonders leiden. Stimmt das?

Meine tägliche Erfahrung mit Patientinnen zeigt, dass sie aktuell durch die Mehrfachbelastungen schon deutlich geprägt sind. Die Kinder zu Hause zu beschulen ist meist Sache der Frauen. Das machen sie dann nebenher, während sie selbst von zu Hause aus arbeiten. Da hat sich viel zurückgedreht, was es in den letzten Jahren an guter Entwicklung gab. Die traditionelle Rolle ist zurück und darunter leiden viele sehr. Und obendrein findet das alles oft auf viel zu engem Wohnraum statt.

Das alles betrifft ja letztlich auch die Männer. Leiden die denn weniger?

Für Männer ist diese Situation natürlich auch belastend. Aber sie können sich leichter abgrenzen als Frauen, die sich als Fürsorgerin der Familie fühlen. In Beziehungen, in denen es schon vor der Pandemie eine paritätische Aufteilung der Rollen gab, verteilt sich natürlich auch jetzt die Arbeit besser.

Spielt Bildung eine Rolle dabei, wie die Aufgaben verteilt werden?

Deutschland ist ein ziemlich akademisiertes Land. Aber nach dem Studium hat es mit der gesellschaftlichen Gleichheit schnell ein Ende, da verdienen Frauen durchschnittlich neun Prozent weniger als Männer. Und sobald Kinder da sind, sind es schon 28 Prozent weniger. Das drückt schon etwas aus – und Corona wirkt wie ein Brennglas auf die Gesellschaft.

Wie zeigt sich denn die erhöhte seelische Belastung bei Ihren Patientinnen?

Da ist alles dabei: Zukunftsängste, Versagensängste und Depressionen treten besonders häufig und aktuell vermehrt auf. Aber auch psychosomatische Störungen, Schmerzzustände in Schulter und Nacken, Probleme mit Magen und Darm – ein Anstieg solcher Symptome ist klar zu beobachten. Und wer schon vorher erkrankt war, kommt jetzt eher wieder zum Arzt als es früher zu beobachten war.

Wen trifft die Situation denn am heftigsten?

Zunächst einmal ist die Krise für alle extrem. Jeder muss sich letztlich fragen: Überlebe ich das? Aber dann gibt es zwei Gruppen, die besonders anfällig dafür sind, psychisch zusammenzuklappen: Zunächst die 25- bis 45-Jährigen, die die Doppelbelastung von Familie und Beruf leben und ohnehin sehr gefordert sind. Eine weitere Gruppe sind Menschen, vor allem Frauen, die am Ende ihres Berufslebens stehen. Viele fühlen sich derzeit völlig überfordert von der veränderten Arbeitswelt durch das Homeoffice und die neuen technischen Herausforderungen. Und dann kommt in dem Alter oft noch die Pflege der eigenen Eltern dazu – wobei meist klar ist, wer das macht: die Frauen.

Wie steht es um diejenigen, die auch ohne globale Krise benachteiligt sind, wie Alleinerziehende oder Menschen mit Migrationshintergrund?

Alleinerziehende sind sowieso besonders benachteiligt, weil sie alles allein tragen und die Aufgaben nicht aufteilen können. Bei meinen Patientinnen mit Migrationshintergrund spielt Corona angesichts der Probleme, die sie ansonsten haben, oft keine so große Rolle. Aber natürlich sind die Kinder extrem benachteiligt. Sie brauchen Fürsprecher*innen in dieser Zeit, da gibt es eine große soziale Verantwortung.

Was ist zu erwarten: Gehen die Menschen gestärkt aus dieser Extremerfahrung heraus oder klappen sie zusammen, sobald die Gefahr einigermaßen gebannt ist?

Das ist individuell unterschiedlich. Manche erkennen jetzt ihre Stärke. Für andere ist es zu viel. Studien zeigen, dass nach Zeiten wie diesen zum Beispiel mehr Pflegekräfte erkranken. Meta-Studien zu früheren Pandemien zeigen allgemein eine Zunahme psychischer Krankheit als Reaktion auf die Akutgefahr: „Sterbe ich? Überlebe ich?“ Wirtschaftliche Folgen des Lockdowns sind bereits sichtbar, Kneipen schließen, der Mittelstand leidet. Damit sind viele soziale Probleme verbunden, und diese wiederum hängen eng mit psychischer Krankheit zusammen. Schon jetzt sehen wir eine Zunahme an Erkrankungen. Es gibt mehr Patient*innen und sie sind teilweise kränker. Denn viele haben Schreckliches erlebt, haben Angehörige verloren und konnten sich nicht richtig verabschieden, oder werden als systemrelevante Helfer*innen dauertraumatisiert.

Frauen sind auch ohne Pandemie „systemrelevant“, nicht zuletzt für das System Familie. Was raten Sie ihnen, um gut durch diese schwierigen Zeiten zu kommen?

Ich rate jeder Frau, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Der Systemblick der Frau in der Familie ist großartig, ihre Fähigkeit zum Multitasking, davon sollen sie nicht lassen. Aber sie sollten sich unbedingt Zeit nehmen, die eigenen Akkus aufzuladen, sich abzugrenzen, mal allein zu Hause zu sein, einen Spaziergang zu machen, sich mit einer Freundin zu treffen – und wenn nötig, für diese Auszeiten kämpfen. Wir haben das Recht darauf, denn wir leisten Erhebliches. Und für jede Arbeit braucht es Entschädigung, auch für unbezahlte Arbeit.

 

Für die Studie „Psychische Gesundheit in der Krise“ führte die Betriebskrankenkasse pronova BKK im Oktober und November 2020 eine Online-Befragung unter 154 Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen in Praxen und Kliniken in Deutschland durch. Die Haupterkenntnis: Frauen und Familien mit Kindern im Haushalt macht die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen und Belastungen besonders zu schaffen. Vier Fünftel der Ärzte beobachteten, dass psychische Beschwerden in dieser Gruppe im Jahr 2020 zugenommen haben. Vor allem Alleinerziehende gerieten in der Krise seelisch stärker unter Druck.
Von den befragten Expert*innen beobachteten 86 Prozent eine Zunahme psychischer Beschwerden bei Frauen, bei Männern bemerkten dies nur 70 Prozent. Bei Familien mit Kindern sprachen 84 Prozent der Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen von verstärkten psychischen Problemen. Bei Familien ohne Kinder sind es nur 49 Prozent, bei Alleinerziehenden hingegen sogar 92 Prozent. 

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