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Südamerikanerinnen in Berlin
„Die Diaspora mildert meinen Kampf nicht“

Foto: Claudia Casarino
Foto: Claudia Casarino

Sechs Frauen, in Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien geboren, in Berlin ansässig, sprechen über ihre Identitäten, Ideen, Erfahrungen und Beziehungen zu dem – so komplexen wie umstrittenen – Begriff der Macht.

Von Marie Leão

DJ Grace Kelly, internationale Bahiana, Sertaneja, Anhängerin der Macumba, Schwarz, lesbisch, bringt gerade ihre erste EP heraus: Dengo, „über Empowerment und Zärtlichkeit, eine Art Selbstbeschmeichelung“. Macht ist für sie ein gewichtiges Wort. „Ich bringe den Begriff in Verbindung mit dem Machismo, denn er wurde von Männern für Männer geschaffen, als hierarchisches Wort. Feministische Macht ist Empowerment. Wir müssen sie erkämpfen, sie in uns selbst keimen und wachsen lassen. Bewusst, hart und zart.“

Sich selbst zu empowern hat eine verändernde Wirkung, sagt Grace, insofern als sich Ziele, Träume und Wünsche verwirklichen. „Das führt zu Bewunderung, Inspiration und Repräsentanz“, sagt sie und bemerkt, dass dazu Mut nötig sei. Ob in Brasilien zu leben oder in Deutschland sei mit ihrer Identität egal: „Der Kampf ist derselbe, die Diaspora mildert meinen Kampf nicht.“

Amalgam unterdrückter Identitäten

Ein Kampf, den auch die trans Multimedia-Künstlerin Sanni Est führt. Nach dem Konservatorium in Pernambuco ging sie mit 18 Jahren nach Berlin, wo sie unterschiedliche Prozesse der Migration außerhalb und auch im eigenen Körper durchlebte, bis hin zur Transition. 2017 rief Sanni die Plattform für Narrative intersektioneller Minderheiten Empower ins Leben und organisierte zwei Musik- und Digitalkunst-Festivals. 2018 veröffentlichte sie ihr erstes Album, War in her.

Sanni erzählt, hinter dem Empower Festival habe die Idee gestanden, eine kathartische Nacht zu veranstalten. „Das Kuratieren einer Veranstaltung erlaubt es mir, einzigartige Erfahrungen zu potenzieren oder zu schaffen. Ich wollte ein Amalgam unterdrückter Identitäten.“ Damals machte Sanni ihre Erfahrungen mit Intersektionalität und wollte, was sie in der Theorie lernte, auch praktisch umsetzen. „Ich war konfrontiert mit den Grenzen des weißen cis Feminismus und des antirassistischen Diskurses in Europa, der Partys von und für lateinamerikanische Menschen, und fühlte mich weder zugehörig noch davon repräsentiert. Ich musste die Narrative verbinden und meine eigene Realität zusammenbringen“, erzählt sie.

Jahrhunderte des Missbrauchs und der Arroganz

Feministisches Empowerment bedeutet auch das Besetzen männlicher Domänen. Das Kollektiv SoundSysters ist ein multikulturelles Team von Soundtechnikerinnen, die queerfeministische Veranstaltungen und Demonstrationen in Berlin beschallt, Wissen mit nicht-binären und LBTQIOA+-Personen teilt und in kostenlosen Workshops Kenntnisse im Aufbau von Soundsystemen und der Musikproduktion in antipatriarchaler Atmosphäre vermittelt.

Für die chilenische Multiinstrumentalistin Antto Logy, eine der Systers, bestimmt das Patriarchat seit Jahrhunderten die Geschichte und war auch immer durch Machtmissbrauch, Anmaßung und Arroganz gekennzeichnet. Sie betont die Notwendigkeit, heute für Frauen von morgen zu kämpfen „in dem Bewusstsein, einen Ort zu besetzen und ihn deinen Träumen so nahe wie möglich zu bringen. Es ist gut zu wissen, dass du bei diesem gesellschaftlichen Übergang vielen unbequem sein wirst“.

Handlungsfähigkeit

Antto hält eine Umerziehung der heterosexuellen Community für nötig. Frauen sollten, wenn es nach ihr geht, aufhören zu schweigen, aufhören, Machismo zu normalisieren, sich für das, was sie sind, oder für ihre Körper zu schämen. Aus queer-feministischer Perspektive bedeute Macht haben, sie zu teilen, sagt sie und fügt hinzu: „Ich glaube, Macht zu haben macht dich verantwortlicher, oder zumindest sollte es das.“
 
Von links nach rechts: Sanni Est. Foto: Abiona Esther Ojo | Tato Chaves. Foto: Privatarchiv​ | Verena Vargas. Foto: Tanja Tricarico​ | Dj Grace Kelly. Foto: Liz Ketschman | Samanta Sokolowski. Foto: Pierre Emö | Antto Logy. Foto: Wivis. Von links nach rechts: Sanni Est. Foto: Abiona Esther Ojo | Tato Chaves. Foto: Privatarchiv​ | Verena Vargas. Foto: Tanja Tricarico​ | Dj Grace Kelly. Foto: Liz Ketschman | Samanta Sokolowski. Foto: Pierre Emö | Antto Logy. Foto: Wivis. |
Eine Sichtweise, die auch die Argentinierin Samanta Sokolowski vertritt, die als Beraterin für öffentliche Gesundheit bei internationalen Organisationen in der Prävention gegen HIV und Tuberkulose tätig ist. Auch Sokolowski glaubt, dass Macht mit Verantwortung einhergehen muss, um niemanden zu schädigen. „Empowerment ist die Stärkung einer Person, damit sie sich auf eine Machtposition hin bewegen kann, eine Position mit mehr Handlungsfähigkeit, was von den menschlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen abhängig ist, über die sie verfügt. Ich setze mich dafür ein, Wege zu finden dafür, dass Gruppen, die durch Krankheit oder die damit einhergehende Stigmatisierung marginalisiert sind, mehr akzeptiert und gestärkt werden“, sagt sie.

Misogyne Klischees

„Leider haben die Männer die Macht“, sagt Sokolowski, „und sind nicht bereit, sie abzugeben“. Sie verweist damit auf misogyne Klischees – wie etwa das von der unweigerlichen Rivalität unter Frauen – als ein Hindernis auf dem Weg zu mehr weiblicher Macht und als ein ständig von Männern verwendetes Instrument. In dieser Hinsicht braucht es die Strategie der Beharrlichkeit, schlägt sie vor. „Wenn eine Frau eine feste und selbstbewusste Haltung einnimmt, macht man ihr die Tür vor der Nase zu, einem Mann, der dieselbe Haltung an den Tag legt, stehen alle Türen offen.“

Über Macht nachzudenken, gehört übrigens schon lange zum Alltag von Samanta Sokolowski, die mit Anastasia Biefang, der ersten trans Offizierin im Rang eines Oberstleutnants in der deutschen Militärgeschichte, verheiratet ist, deren Biografie der Dokumentarfilm Ich bin Anastasia (2019) von Thomas Ladenburger zeigt. Sokolowski betont, vorgefasste gesellschaftliche Normen seien einer der wichtigsten Faktoren, wenn es um Macht geht, denn sie etablierten Hierarchien, legitimierten Haltungen und zementierten und legten fest, wie man sich verhalten müsse, um Teil der Gesellschaft zu sein.

Körper in vorderster Front

Für die chilenische Filmemacherin Verena Vargas, die schon in den 1970er Jahren mit ihrer Familie nach Berlin kam, versucht der heutige Feminismus nicht nur Frauen zu befreien und zu empowern, sondern alle Menschen. „Die Opferhaltung wird aufgegeben zugunsten einer Konfrontation mit dem neoliberalen System.“ Der argentinische „Grüne Tsunami“, die Bewegung für das Recht auf legalen, kostenlosen und sicheren Schwangerschaftsabbruch, sagt sie, habe auch viele Frauen in anderen Ländern motiviert.
 


Ein weiteres Phänomen aus der jüngeren Zeit, das sich für die Stärkung der Lage der Frau einsetzt und auch anderswo auf der Welt inspirierend wirkt, ist die Performance „Der Vergewaltiger bist du!“ (2020) des chilenischen Kollektivs Las Tesis aus Valparaiso, findet Vargas, denn: „Es ist ein Rezept, das lokal angepasst werden kann.“ Die Filmemacherin ist davon überzeugt, dass Veränderungen der Lage der Frau über den Körper geschehen, was wiederum zu Veränderung des sozialen Gefüges führt: „Viele Frauen, die gemeinsam tanzen und singen, sich anmalen und Freiheiten und umfassende Veränderungen verlangen,“ ergeben Veränderungen in größerem Maßstab in der Gesellschaft insgesamt.
 

Inklusion und Toleranz

Für die Kolumbianerin Tato Chaves sind der wichtigste Schlüssel für den Anspruch auf Macht für sich selbst Neugier und Zugang zu Bildung, das permanente Hinterfragen des Eigenen und des Systems, in dem man sich befindet. In Bogotá geboren lebte sie viele Jahre in den USA, studierte dort Bildende Kunst, anschließend in São Paulo und jetzt seit 2012 in Berlin. Tato ist Mitbegründerin des selbstorganisierten feministischen Festivals Fuzarka mit dem Fokus auf die lateinamerikanische Community, das den Versuch unternimmt, auferlegte soziale Strukturen zu brechen und einen inklusiven Raum des Widerstands durch Kunst, Kultur, Politik und Feiern zu schaffen.

Für Tato Chaves leben wir immer noch in einem infamen heteronormativ patriarchalen System. „Die Macht sollte nicht einfach nur weiblich werden, sondern auch LGBTQIA+, denn sonst würden wir nur wieder die gleiche Ordnung genau der Struktur, die wir jeden Tag zu dekonstruieren versuchen, neu aufbauen, uns weiter ausweglos in den gleichen Mustern bewegen, immer das gleiche Narrative wiederholen“, findet sie. Eine Macht, die LGBTQIA+ ist, sagt sie, wäre inklusiver und toleranter und würde auf dem Verständnis der Fähigkeiten, Bedürfnisse und Rechte der Personen basieren sowie auf die intellektuelle und soziopolitische Gleichheit zielen, die nicht auf Unterdrückung aus ist.

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