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Alexandra Kuhn

  • Alexandra Kuhn © Ignacio Ruan
  • Alexandra Kuhn performance © Ignacio Ruan
  • Alexandra Kuhn Mandorla II © Ignacio Ruan

Die Kultur verwandelt. Sich durch das Auswandern zu verunreinigen, ist Teil der menschlichen Natur und auch ihrer Geschichte; wir sind Geschichte.

Was bedeutet für Sie das Wort „Emigrant“?

Emigration ist mehr als ein abstrakter Begriff, sie ist eine Tatsache geworden. Der Sinn dieses Wortes ist zu einer Erfahrung geworden, die ich mit mehreren Begriffen assoziiere. Einer davon ist die Sichtbarkeit; ich bin von einem Ort ausgewandert, in dem ich sichtbar war, um einen anderen zu betreten, in dem ich sofort eine mich verhüllende Unsichtbarkeit angenommen habe. Weitere Begriffe, die mit dem Emigranten zusammenhängen sind das Verlassen, das Loslassen, das Zurücklassen; der Auswanderer verliert an Ort, an Zugehörigkeit, er verlässt seinen Umkreis, und behält nur das Essentielle, das Lebensnotwendige. Emigration ist in gewisser Weise wie eine Entführung: man wird aus einem Ort herausgerissen und fällt, fast wie benommen, ineinen ganz anderen Ort; und man braucht Zeit, um sich wieder zu orientieren.
 
Wie haben Sie das Land gewählt, in dem Sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe?

Wir sind nach Madrid gekommen, weil es hier eine sehr gute Deutsche Schule gibt, deren Gebühren unter dem preislichen Durchschnitt der deutschen Schulen im Ausland liegen. Madrid bietet auch eine sehr verwandte und freundliche Kultur. Wir haben in dieser Stadt sehr besondere Freunde, die uns mit viel Zuneigung und Geduld geholfen haben, die Dynamik der Stadt zu verstehen.
  Alexandra Kuhn Otros movimientos 1 © Ignacio Ruan
Wie ist bisher Ihre Einbindung in die neue Kultur gewesen: Haben Sie das Gefühl, dass diese ihre eigene Kultur verändert hat?

Ja, ich fühle mich verändert und ich weiß das zu schätzen. Nach Hegel ist die Bildung eine verheerende Begegnung, nach der keiner wieder derselbe ist. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es gibt jedenfalls einen Unterschied, ob man sich der Erfahrung dieses Prozesses bewusst oder unbewusst nähert. Die Kultur verwandelt. Sich durch das Auswandern zu verunreinigen ist Teil der menschlichen Natur und auch ihrer Geschichte; wir sind Geschichte.
 
Haben Sie Beziehungen mit Venezolanern im Allgemeinen und/oder im Beruflichen?

Ja, die venezolanische Gemeinschaft hier wächst jeden Tag.
Ich stelle mir die heutigen Spanier vor wie die einheimischen venezolanischen Indios des 15. Jahrhunderts, die denken: „Wow, wie viele Einwanderer gibt es in unserem Land!“.
 
Wenn ja, wie ist Ihre Beziehung zu Ihnen?

Menschlich. Warm und feucht. Herzlich und emotional. Begleitend. Sie schafft Kultur und Begegnungsräume. Verbindungswege, Spiegel. Zusammensein.
 
Wie ist Ihre Beziehung zu Venezuela vom Ausland aus?

Es ist eine schmerzhafte Beziehung. Kompliziert. Traumatisch. Das Trauma wirkt wie ein „Alligator am Rohrende“, das heißt: wartend, mit offenem Schlund, zum Angriff bereit. Das Trauma ist „aufgeschobene Vergangenheit und vorweggenommene Zukunft“. Ich versuche, das Jetzt zu leben und es zu genießen, mich nicht geistig zu verkomplizieren. Ich genieße den blauen Himmel in Madrid, doch die verschüttete Milch kann man nicht mehr aufsammeln. Ich werde von einer Traurigkeit heimgesucht, die ich im Alltag bewältigen kann. In all dem, was mir passiert, weiß ich nicht mehr, was was bewirkt. Die Erinnerungen greifen mich an. Ich mag es, ohne Angst herumlaufen zu können. Ich sehne mich nach etwas Unwiederbringlichem. Ich genieße das, was ich sonst nicht hätte erleben können.
  Alexandra Kuhn Vitrina Naturmystic © Ignacio Ruan
Hat die Auslandserfahrung Ihre Karriere bereichert? Wie und weshalb?

Jetzt bin ich dieselbe. Ich habe einen Masterabschluss in Kunst und Philosophie gemacht und so habe ich „die Wände durchdrungen“, das heißt: ich bin angekommen, ich kenne Orte, denen ich mich zugehörig fühle und Leute von hier, die ich sehr schätze. Die Orte füllen sich mit Gefühlen und die Stadt bekommt so eine neue Dimension, mit der ich mich in der Tiefe auseinandersetzen kann.
Wenn ich die parteiische Politik betrachte, diejenige also, die in Parteien aufteilt, würde ich sagen, dass mein künstlerisches Werk nicht politisch ist. Allerdings gibt es auch die Auffassung, der zufolge jeder öffentliche Akt politisch ist (denn er hat eine Auswirkung in der polis, er konstruiert Stadt); und so gesehen bekommt mein Werk eine besondere Bedeutung, denn durch meine Kunst kann ich eine schöpferische Kraft anregen, die ich als entwurzelt wahrnehme. 
 

Alexandra Kuhn
Interdisziplinäre Künstlerin


Geburtsort: Caracas.
Derzeitiger Wohnort: Madrid, Spanien
 
Ausstellungen:

  • 2001 | V Salón Pirelli de Jóvenes Artistas, Museo de Arte Contemporáneo de Caracas Sofía Imber, bekommt die Auszeichnung ‘Salón Pirelli’, Caracas. 
  • 2002 | A mano, Sala Mendoza, Caracas, .
  • 2005 | Café con leche. Cultura. Migración. Identidad. Organisiert vom Goethe-Institut Caracas im Museo de Bellas Artes, Caracas.
  • 2008 | Pinturas diáfanas, Sala Mendoza. Caracas.
  • 2011 | Ser Operativo, Carmen Araujo Arte. Caracas.
  • 2013 | Living (Experiencia Caracas, mit Kunstwerken aus dem Programm “Bio Arte” der School of Visual Arts) Nueva York.  Carmen Araujo Arte, Caracas. 
  • 2016 | Todo SUR. Circulo de Bellas Artes de Madrid, Spanien.
  • 2017 | Feria de Arte de Chile, Sección Focus,eingeladen von der britischen-venezolanischen Kuratorin Cecilia Fajardo-Hill, über Carmen Araujo Arte, Caracas.  Santiago de Chile, Chile.
  • 2017 | PEC 1 (zeitgenosische Performance).  Invitada por el performista Jaime Vallaure. Teatro Pradillo, Madrid, Spanien.
Übersetzung: Sonya Gzyl.

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