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Tomás Páez Bravo

Portät Tomás Páez
© Kris Ferrin

Das Interview mit Tomás Páez unterscheidet sich von den anderen Interviews insofern, als er nicht über seine eigene Situation als Emigrant spricht, sondern über seine wissenschaftliche Arbeit zur venezolanischen Emigration und die Situation der venezolanischen Diaspora.

Allein das Reisen in ein neues Land erlaubt es, das eigene Land mit anderen Augen zu sehen. Es ist dann möglich, zu vergleichen und sowohl das, was man hinter sich lässt, sowie das Neue, das man sich im Aufnahmeland aneignet, schätzen zu lernen.


Welche Bedeutung hat für die Venezolaner aus der Ferne das Wort „Emigrant“?

Auf der Grundlage der Antworten, die wir im Rahmen der Arbeit für „Voz de la Diáspora” („Stimmen der Diaspora“) bekommen haben, kann man dies unterschiedlich zusammenfassen, da es keinen einzigen Grund für die Entscheidung zum Auswandern gibt.
  • a. Die Suche nach besseren Lebensumständen, die sich nicht nur auf wirtschaftliche Aspekte beschränkt, sondern weitere einschließt, wie Frieden, Ruhe, Sicherheit.
  • b. Die Suche nach Mitteln, um die eigene Familie und Freunde unterstützen zu können: den Versand von Medikamenten und Lebensmitteln.
Tomas Paez Voz de la diáspora venezolana Tomas Paez: Voz de la diáspora venezolana | Foto © La Catarata
Wie haben sie das Land gewählt, in dem sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe?

Im Fall der venezolanischen Diaspora hängt diese Entscheidung eng mit der Geschichte zusammen.
  • a. Venezuela war fast zwei Jahrhunderte lang ein Einwanderungsland. Bereits im Jahr 1840 wurde die „Colonia Tovar“ von deutschen Zuwanderern gegründet. Im 19. und 20. Jahrhundert haben sich Immigranten aus Spanien, Italien, Portugal, Kolumbien, Chile, Argentinien, Peru, Ecuador, der Dominikanischen Republik, Haiti, etc sehr gut in die Entwicklung des Landes integriert. Die Nachfahren dieser außerordentlichen Einwanderung haben bei der Volkszählung von 1960 15% der Bürger ausgemacht. Heutzutage besitzen sie die doppelte Staatsangehörigkeit.
  • b. Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre wurde ein breites Programm aus verschiedenen Stipendien entwickelt (von der Stiftung „Gran Mariscal Ayacucho“, dem Wissenschaftsrat CONICIT und mehreren Universitäten und staatlichen Unternehmen), an welchem Tausende von Venezolaner teilgenommen haben. Diese haben wiederum in den Ländern, in denen sie damals studiert haben, Nachwuchs gezeugt, der heute die doppelte Staatsangehörigkeit besitzt. Die doppelte Staatsangehörigkeit erleichtert den Prozess der Diaspora, denn die Menschen können sich dann in diesen Ländern, die sie eben als Inländer betreten, freier bewegen und umziehen. Länder wie Spanien, Italien, Portugal, Kolumbien, Ecuador, Argentinien, Chile, etc, stechen hier hervor. Außerdem haben die venezolanischen Auswanderer in diesen Ländern ein soziales und familiäres Netzwerk, das als Unterstützung dient. Diese Beziehungen machen die Entscheidung zum Auswandern viel attraktiver.
  • c. Bei dieser Entscheidung spielt auch das Vorwissen über das gewählte Land eine wichtige Rolle. Aus dem bereits Erwähnten leuchtet ja ein, dass die Nachfahren von Immigranten oft ins Ausland gereist sind, um die Familie zu besuchen, die sie an diesen Orten noch hatten (Spanien, Portugal, Italien, Kolumbien, etc). Dazu kommt noch die ganz besondere Beziehung der Venezolaner zu den USA, insbesondere zu Miami und New York.
  • d. Es gibt auch andere Gründe, die in der Entscheidung der Wahl des Ankunftslandes mitwirken. Diese hängen von der jeweiligen Schicht der Migrationsart ab, sowie von den erzwungenen oder zwingenden Gründen, die die Venezolaner dazu bewegten, sich zu ihrer Diaspora hinzuzugesellen.
 
  1. Die Ölbranche hat eine historisch gewachsene Beziehung mit nordamerikanischen, englischen, holländischen, deutschen und spanischen Unternehmen sowie mit anderen Ländern mit Öl- und Ingenieunternehmen im Allgemeinen.
  2. Das Milieu der Journalisten und Korrespondenten hat sich hauptsächlich in den USA und Spanien etabliert. Innerhalb der USA sind sie vor allem in diejenigen Staaten gezogen, in denen es eine beachtliche lateinamerikanische Bevölkerung gibt (wie z.B. Florida, New York, Texas).
  3. Im Gesundheitswesen hat sich die Migration auf die Länder konzentriert, in denen es möglich ist, den Beruf auszuüben, wie Spanien und Lateinamerika, oder auf Regionen, in denen eine Aus- und Weiterbildung attraktiv ist (z.B. Florida und Boston).
  4. Die Diaspora ist in sukzessiven Wellen gewachsen. Die letzte Welle entspricht den letzten zwei Jahren (2016-2017) und richtet sich vor allem auf lateinamerikanische und karibische Länder. Die Gründe hierfür hängen mit folgenden Tatsachen zusammen:
    a. Die Anzahl der Fluggesellschaften, die von und nach Venezuela fliegen sowie die Häufigkeit der Flüge haben stark nachgelassen. Außerdem sind die Preise für die Flüge gestiegen und diese müssen oft in ausländischer Währung bezahlt werden, was sie für die meisten Venezolaner unzugänglich macht. Innerhalb Lateinamerikas ist es leichter zu reisen: mit dem Bus, im Boot auf die karibischen Inseln oder sogar zu Fuß, die Grenzen nach Kolumbien und Brasilien zu überqueren.
  5. Es gibt Länder wie Kanada und Australien, die eine aktive Migrationspolitik betreiben. Sie fördern die Begegnungen und machen von ihren Vorteilen Werbung, um gezielt in bestimmten Branchen und Gruppen die Einwanderung in ihre Länder voranzutreiben.

Wie ist die bisherige Einbindung der Venezolaner in die neuen Kulturen verlaufen: Hat dieser Prozess ihre eigene Kultur verändert?

Dies ist ein natürliches Ergebnis aus der Begegnung mit einer neuen Kultur.
  • a. Allein das Reisen in ein neues Land erlaubt es, das eigene Land mit anderen Augen zu sehen. Es ist dann möglich, zu vergleichen und sowohl das, was man hinter sich lässt, sowie das Neue, das man sich im Aufnahmeland aneignet, schätzen zu lernen.
  • b. Die Antworten, die wir von den Venezolanern in den tiefer gehenden Interviews bekommen haben, sowie in den focus groups, in den Lebensgeschichten, in den Workshops und in den Lebensabschnittsstudien – das sind die „Werkzeuge“ unserer Studien -  deuten auf folgende Punkte hin:
  1. Die Venezolaner schätzen sich in ihren Aufnahmeländern folgende Aspekte: eine Kultur des Respekts und Gesetze, die befolgt werden; den Zugang zu guten Gesundheitsleistungen, wie in Europa; die bessere Lebensqualität; die Möglichkeit, sich sogar nachts auf der Strasse aufhalten zu können; die öffentlichen Verkehrsmittel.    
  2. Diejenigen, die nach Ecuador und Kolumbien gereist sind, sind erstaunt über den guten Zustand und die Qualität von Bushaltestellen.
  3. Viele weisen darauf hin, eine neue Sprache gelernt und neue Kompetenzen erworben zu haben sowie ihre persönlichen, beruflichen und institutionellen Netzwerke augebaut zu haben.
  4. An dem Land, das sie verlassen haben, schätzen sie vor allem die menschlichen Beziehungen, Familie und Freunde, die sie dort zurücklassen müssen.
 
Wie sind die Beziehungen zwischen den Venezolanern im Ausland, im Allgemeinen und/oder im Beruflichen?

Die wachsende Präsenz der Venezolaner überall auf der Welt (zurzeit über zweieinhalb Millionen) schafft neue Verbindungen und Beziehungen zwischen ihnen.
  • a. Es ist ein neues Phänomen, das sich in kürzester Zeit ereignet hat. Es gibt nämlich keine Geschichte der venezolanischen Diaspora.
  • b. Diesen völlig neuen Charakter und die zwangsläufigen Gründe, die dazu geführt habe, zwingen die Auswanderer dazu, eine Arbeit zu suchen und um ihre Existenz zu kämpfen. Diese Realität erschwert Kontakte über die bereits bestehenden persönlichen und familiären Beziehungen hinaus.
  • c. Trotzdem ist es beeindruckend, wie schnell verschiedenartige Organisationen entstanden sind: sektorbezogen wie die Verteidiger der Meinungsfreiheit und Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte; für den Versand von Medikamenten und Lebensmitteln; Organisationen für die Eingliederung der Venezolaner in den Aufnahmeländern; politische Parteien, etc.
  • d. Es sind Wirtschaftsverbände entstanden, die das riesige Potenzial der Diaspora vereinen, und Vermögen, Arbeitsstellen und sozialen Zusammenhalt in den Einwanderungsländer schaffen.
  • e. Es wurden studentische Organisationen ins Leben gerufen, die die gegenwärtige Situation Venezuelas analysieren und Vorschläge und zur Wiedererlangung der Demokratie und zum Wiederaufbau des Landes artikulieren.
  • f. Es gibt Vereine, die sich der Verbreitung von Informationen über die tragische Lage des Landes und die humanitäre Krise in Venezuela widmen.
  • g. In vielen Ländern wurde beispielsweise Folgendes gefördert:
  1. Die Bildung von Arbeitsgruppen in bestimmten Fachgebieten, die Programme und Vorschläge für eine neue Regierung ausarbeiten.
  2. Verschiedenartige Bürgerinitiativen für die Unterstützung von Projekten mit dem Ziel, die venezolanische Diaspora in die Entwicklung und in den Aufbau Venezuelas einzubeziehen. Dazu zählen etwa binationale Begegnungen, Initiativen zur Unterstützung der lokalen und regionalen Regierungen und Ämter, etc.
  3. Die Radiosendung „Voz de la diáspora” („Stimme der Diaspora“) in Buen Provecho.
  4. Das Projekt zur Erstellung einer Webseite zu „Voz de la diáspora“  in der Zeitung El Nacional, in Caracas.
 
Wie geschieht der Kontakt mit den venezolanischen Emigranten?

Das Projekt der venezolanischen Diaspora erlaubt es uns, unter denjenigen, die auf der ganzen Welt zerstreut diese Gruppe bilden, präsent zu sein, einen Teil davon zu sein.
  • a. Durch die Studie ist es möglich gewesen, das Ausmaß der Diaspora und ihre geographische Verteilung auf der Welt zu verstehen. Diese Daten werden ständig von den ‚Observatorien‘ aus aktualisiert. Wir arbeiten zurzeit am dritten ‚Observatorium‘  der venezolanischen Diaspora.
  • b. Im Rahmen unserer globalen Organisation können wir uns auf mehreren Ebenen in den Ländern mit den höchsten Zahlen an venezolanischen Emigranten beteiligen: an Problemen und Realitäten, Initiativen, Organisationen und Projekten, etc.
  • c. Über die sozialen Netzwerke machen wir uns bekannt:
    Facebook Seite der Voz de la diáspora.
    Twitter der Voz de la diáspora.
    Radiosendung der Voz de la diáspora.
  • d. Wir hatten die Möglichkeit, uns mit über 4.000 Venezolanern in über 25 Städten überall auf der Welt zu treffen.
  • e. Unsere Beziehung zu den Emigranten ist alltäglich und systematisch. Wir arbeiten mit ihnen für Studienmaterial zusammen, machen Interviews, schreiben Texte, Artikel und weitere Veröffentlichungen.
  • f. Wir halten online Meetings und persönliche Treffen überall auf der Welt.
 
Wie ist die Beziehung der Emigranten mit Venezuela aus dem Ausland?

Das Ziel des Projekts der venezolanischen Diaspora ist, eine Verbindung dieser Diaspora mit Venezuela zu schaffen, um den demokratischen Erneuerungsprozess, der den Wiederaufbau des Landes ermöglichen kann, einzuleiten.

In diesem Sinne versuchen wir, die beiden Endpunkte dieser Beziehung zu verbinden: das Ursprungsland mit dem Aufnahmeland, und in der Mitte steht der Auswanderer mit seinen entsprechenden Organisationen.
  • a. Die Radiosendung stellt eine Kontaktmöglichkeit dar.
  • b. Das Projekt der Diaspora-Webseite in der Zeitung ist eine weitere Initiative mit demselben Ziel
  • c. Wir haben Vereinbarungen getroffen und arbeiten zurzeit an regionalen Verbindungen innerhalb der Diaspora:
  1. Ein Abkommen mit der Industriekammer Caracas mit dem Ziel, strategische Allianzen und unternehmerische Vereinbarungen zu befördern.
  2. Die ‚Diaspora Ucevista‘. Dieses Projekt entstand in der Universität Universidad Central de Venezuela und wir haben diese Diaspora Ucevista gegründet, um über verschiedene Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Alumni der UCV nachzudenken, die beim Erneuerungsprozess dieser Universität hilfreich sein können.
  3. Zurzeit gründen wir die Diaspora Carabobeña, bestehend aus dem Verband von Führungskräften, verschiedenen Unternehmer-Gremien und der Universität Universidad de Carabobo. Das Ziel ist hier, Projekte und mögliche Anleger zu identifizieren und strategische Allianzen zu fördern.
 
Hat die Auslandserfahrung die berufliche Karriere der Venezolaner bereichert. Wie und weshalb?

Das Auswandern ist ein Prozess, in dem der Emigrant neue Fertigkeiten und Kompetenzen erwirbt, die ihn sowohl als Person, wie auch als Bürger und beruflich bereichern.

Der Ausgangspunkt dieses Projekts, dass die Diaspora ein „grain gain“ ist, d.h. sie stellt einen enormer Gewinn an Humankapital dar, das sein eigenes wesentliches Ziel des „circulation brain“ oder des Umlaufs eben diesen Humankapitals verwirklicht. Denn dieses menschliche Leistungspotenzial kann und will an dem Prozess teilnehmen, auch ohne dass dies notwendigerweise die tatsächliche Rückkehr der Personen, die die Diaspora ausmachen, impliziert.

Eine neue Sprache, neue Beziehungen, die das Sozialkapital ausweiten, neue Fertigkeiten und Kompetenzen, Zugang zu neuen Technologien und Prozessen, etc.
  • a. Alle eignen sich eine neue Kultur an, sowie neue Formen der sozialen, unternehmerischen und institutionellen Interaktion. In vielen Fällen wird auch eine neue Sprache gelernt.
  • b. Auswandern ist vergleichbar dem Abschluss eines Masters- oder eines Promotionsprogramm, denn es ermöglicht den Kontakt zu neuen Institutionen und zu neuen Arbeitsformen innerhalb dieser Institutionen (der Justiz, der Polizei, der Verkehrsmittel, der Marktforschung, der sozialen Interaktion, etc.)
  • c. Zugang zu Technologien, die im Ursprungsland fehlen, sei es aus Kostengründen oder weil die kritische Masse für diese Investition fehlt.
  • d. Auch die Beziehung zur eigenen Arbeit ändert sich aufgrund der Tatsache, dass der Auswanderer im Aufnahmeland nicht mehr über die ganzen sozialen Netzwerke, die er in der Heimat hatte, verfügt. Der Emigrant bekommt aber durch Arbeit auch würde und sein Einkommen ermöglicht ihm Zugang zu bestimmten Gütern und Dienstleistungen, an denen es in der Heimat fehlte:
     
  1. Als Erstes die Arbeit an sich. In Venezuela sind sechs bis sieben von zehn Menschen arbeitslos oder im informellen Sektor tätig. Die Hyperinflation macht es außerdem unmöglich, eine Wohnung zu mieten oder Grundnahrungsmittel zu erwerben.
  2. Die Arbeit ist ein Wert und die Vergütung dafür macht das Leben möglich. Keine Arbeit ist eine Demütigung und allein dies ist schon ein Lernprozess.
  • e. Das Verhältnis zu den Institutionen, von denen man etwas verlangen kann, ändert sich. Die Menschen werden zu echten Bürgern und entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass die Institutionen da sind, um ihnen zu dienen und nicht umgekehrt. 
 

Tomás Páez 

Soziologe, Universitätsprofessor, Schriftsteller, Vortragender, Unternehmensberater im Bereich Unternehmensstrategien, Qualitätsmanagement und Produktivität. 


Geburtsort: Puerto de la Cruz, Tenerife, España.
Derzeitiger Wohnort: Madrid, Spanien

Text

  • 2000 | Tomás Páez. Estrategia empresarial y calidad de Gestión. Fintec- Banco Central de Venezuela. Caracas, (zweite Auflage).
  • 2004 | Tomás Páez: Pymes y nuevas Tecnologías. Edic. Ceatpro. Caracas.
  • 2007 | Páez, Tomás. Emprendimiento e informalidad: hacia una construcción conjunta de soluciones. Edic. Ceatpro, Caracas, .
  • 2009 | Tomás Páez. Pymes y nuevas tecnologías. Ediciones El Nacional. Caracas.
  • 2015 |Tomás Páez (Cord) La voz de la diáspora venezolana.  Editorial La Catarata. España.
  • 2016-2017 | Tomás Páez (Coord). La voz de la diáspora venezolana. Editorial El Estilete. Caracas (zweite und dritte Auflage).  





Übersetzung: Sonya Gzyl.

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