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Fernando Gerbasi

Portät Fernando Gerbasi
Portät Fernando Gerbasi | Foto © Irene Kaplun

Das Emigrieren ist eine Gemütsverfassung, die den Menschen dazu bewegt, die Heimat zu verlassen, sich von seinen Lieben zu verabschieden, von der Familie, von den Freunden und von all dem ganz Eigenen, um ins Ungewisse zu springen mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen und die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern.


Was bedeutet für Sie das Wort ‚Emigrant‘?

Das Erste, was mir dieses Wort in Erinnerung ruft, ist mein Großvater, der Ende des 19. Jahrhunderts von Süditalien nach Amerika ausgewandert hat, erst nach Brasilien, um dann später in Venezuela zu landen, auf der Suche nach neuen Horizonten und neuen Hoffnungen. Dort hat er dann eine Familie gegründet, die sich schon immer aktiv an der Entwicklung des Landes beteiligt hat.
Das Emigrieren ist eine Gemütsverfassung, die den Menschen dazu bewegt, die Heimat zu verlassen, sich von seinen Lieben zu verabschieden, von der Familie, von den Freunden und von all dem ganz Eigenen, um ins Ungewisse zu springen mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen und die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern. Aber das Auswandern ist auch Konsequenz von Kriegen, von Not, von Verfolgung, seien sie politisch, rassisch oder religiös bedingt.
Ich persönlich musste in März 2014 heimlich auswandern, da ich vom Diktator Nicolás Maduro politisch verfolgt wurde. Am 12. Februar 2014 wurde ein unberechtigter und auf Unwahrheiten beruhender Haftbefehl gegen mich ausgesprochen. Auch meine Frau und meine Tochter wurden verfolgt, meine Tochter wurde sogar entführt und stundenlang über meinen Verbleib ausgefragt.   
  Fernando Gerbasi: Testimonio de una diplomacia activa Fernando Gerbasi: Testimonio de una diplomacia activa | Foto © Megustaescribir
Wie haben Sie das Land gewählt, in dem Sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe?

Ich habe hauptsächlich aus zwei Gründen Spanien gewählt. Erstens weil mein jüngster Sohn hier mit seiner (venezolanischen) Frau lebt und arbeitet. Er ist aus freien Stücken im Jahr 2002 ausgewandert.
Der zweite Grund ist, dass ich eine doppelte Staatsangehörigkeit besitze. Meine zweite Staatsangehörigkeit ist die italienische, so dass ich und auch meine ganze Familie in der Europäischen Union wohnen dürfen, ohne besondere Genehmigungen oder Asyl beantragen zu müssen.
 
Wie ist bisher Ihre Einbindung in die neue Kultur gewesen: Haben Sie das Gefühl, dass diese ihre eigene Kultur verändert hat?

In diesem Fall handelt es sich weniger um eine Einbindung in eine neue Kultur als viel mehr um eine Wiederbegegnung.
Die Venezolaner und die Spanier gehören nicht nur zur selben westlichen Kultur, wir haben uns auch über viele Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte von der spanischen Kultur genährt. Nicht umsonst sprechen wir vom „Mutterland“ Spanien. Die spanische Kultur hat meine eigene in diesem Sinne sehr wenig verändert. Doch ohne Zweifel habe ich hier Zugang zu einem reichen und viel besseres Kulturleben als in Venezuela (...) Vieles kann man heute in Venezuela nicht mehr machen. Madrid hat ein außerordentliches kulturelles Angebot. Andererseits habe ich es geschafft, zwei Bücher zu veröffentlichen: „Testimonio de una diplomacia activa. Colombia 1990-1992 y 1997-2000“ und „La diplomacia venezolana en democracia. 1958-1998“, welches ich herausgegeben habe. 
 
Haben Sie Beziehungen mit Venezolanern im Allgemeinen und/oder im Beruflichen?

Ja, ich pflege ständige Beziehungen zu anderen Venezolanern, übrigens aus sehr unterschiedlichen Gründen und verschiedener Art. Hier in Madrid entwickeln sich gerade umfangreiche venezolanische kulturelle Aktivitäten, wegen der vielen venezolanischen Intellektuellen, die jetzt hier leben.
Wir haben Diskussionsgruppen gegründet, um über Venezuela nachzudenken, die aktuelle Lage des Landes und seine mögliche Zukunft zu verstehen. Mit dem gleichen Ziel haben wir auch eine sogenannte Experten-Gruppe in der Universität Carlos III gebildet, die aus spanischen und venezolanischen Professoren sowie Graduiertenstudenten besteht. 
 
Wenn ja, wie ist Ihre Beziehung zu ihnen?

Meine Beziehung zu anderen Venezolanern ist sehr positiv, aber ich muss zugeben, dass es viele und vielfältige Gruppen und NGOs gibt, die in den meisten Fällen die gleichen Ziele haben, aber unabhängig voneinander agieren. Wir haben noch nicht gelernt, unsere Aktivitäten im Rahmen der venezolanischen Diaspora zu bündeln.
 
Wie ist Ihre Beziehung zu Venezuela vom Ausland aus?

Ich informiere mich über Venezuela digital durch venezolanische Zeitungen, die teilweise in Venezuela und teilweise im Ausland herausgegeben werden und zumeist eine sehr gute Berichterstattung bieten. Auch die sozialen Netzwerke sind im allgemeinen sehr gut, um informiert zu bleiben, insbesondere profitiere ich von WhatsApp Gruppen, an denen auch Freunde teilnehmen, die in Venezuela leben.  
 
Hat die Auslandserfahrung Ihre Karriere bereichert? Wie und weshalb?

Mein jetziger Aufenthalt im Ausland hat mich als Mensch sehr bereichert. Den beruflichen Aspekt würde ich dabei nicht hervorheben, denn ich bin schon seit einigen Jahren Im Ruhestand. Aber ich möchte betonen, dass ich durch das Exil und vor allem dadurch, dieses Los mit so vielen Landsleuten zu teilen, die, unabhängig von den konkreten Gründen, die sie zum Auswandern bewegt haben, nichts anderes als Exilierte sind, viel gelernt habe. Ich habe viel über mich selber und auch über die anderen gelernt, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Religion oder ihrem Geschlecht. Wir leben in einer globalisierten Welt der gegenseitigen Wechselwirkungen, und das Phänomen der Migration betrifft uns alle, denn in irgendeiner Form beeinflusst es unser tägliches Leben. Die venezolanischen Auswanderer sind nun ein aktiver Teil der Migrationswelle, die heutzutage über 250 Millionen Menschen umfasst.

Fernando Gerbasi.
Venezolanischer Diplomat und Essayist.

Geburtsort:
Caracas.
Derzeitiger Wohnort: Madrid, Spanien.

Veröffentlichungen:

  • 2006 | Chávez y su visión del mundo. Analítica Premium. Caracas.
  • 2007 | Las relaciones colombo – venezolanas durante el período 1989 – 1998, en las Fronteras de Venezuela. Homenaje a Isidro Morales Paúl. Ceeri – Unimet. Caracas.
  • 2008 | La FARC(quización) de las relaciones colombo – venezolanas durante el gobierno de Hugo Chávez. Analítica Premium. Caracas.
  • 2009 | Expansión internacional del proyecto bolivariano. Socialismo del Siglo XXI. En “Nuevos conflictos. Nuevos desenlaces”.  Asociación de Periodistas Europeos. Madrid.
  • 2010 | La política exterior de la Revolución Bolivariana y Colombia, en “Hugo Chávez: Una década en el poder”. Universidad del Rosario. Bogotá.
  • 2013 | El rol presente y futuro de Venezuela en el nuevo multilateralismo latinoamericano. Ediciones del Instituto Latinoamericano de Investigaciones Sociales ILDIS. Caracas.
  • 2016 | Testimonio de una diplomacia activa. Colombia 1990 – 1992 y 1997 – 2000. En colaboración con José Egidio Rodríguez. Megustaescribir.  Madrid.
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Übersetzung: Sonya Gzyl.

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