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Gianfranca Rainone

Porträt Gianfranca Rainone 695
Fotot © Mary Borgia

Mein größter Wunsch? Nach Venezuela zurückzukehren und die Restaurierung der Ruinen der Misión de la Purísima Concepción del Caroní, bekannt als "Las Misiones del Caroní", im Bundesstaat Bolívar, zu veranlassen.

Was bedeutet für Sie das Wort 'Emigrant'?

Das Wort Emigrant ist mein Leben, schon seit immer. Meine Eltern sind italienische Auswanderer, die wie so viele andere nach Venezuela kamen. Mein Vater ist im Jahr 1949 angekommen, nur mit einem Koffer in der Hand. Die Politik der "offenen Tür", die damals für die Einwanderer galt, erlaubte es ihm, auf dem Bau der Autobahn Caracas-La Guaira zu arbeiten und hinterher war er für den Rest seines Lebens für das Elektrizitätssystem verantwortlich. Meine Mutter kam 1951 nach, sie war 19 Jahre alt, ausgebildete Schneiderin und konnte die Sprache nicht. In Venezuela sind ich und meine Schwester geboren, dort haben wir studiert und unsere beruflichen Karrieren begonnen.
Tochter von Emigranten zu sein, war für mich nie ein Problem; als ich jünger war spürte ich nur eine Dichotomie, einen 'Identitäts-Dualismus'. Das Bild, das ich diesbezüglich immer hatte, ist das eines Sandwiches; das Brot stellte meine uralte Vergangenheit dar, eine äußerliche aus weiter Ferne stammende Schale, welche ich mit der Auswanderung identifizierte; die Füllung aber war ich, mit meiner Gegenwart, meinen Erfahrungen und meinen Gefühlen. Ich konnte diese zwei Teile nicht miteinander verbinden, sie als eine einzige Sache sehen; auf der einen Seite war das Brot, auf der anderen ich. Diese Art 'Konflikt' dauerte lang und paradoxerweise konnte ich ihn erst in Italien lösen, während meines Studiums an der Universität in Rom. Dann fühlte ich mich nicht mehr bloß als Füllung, sondern als ganzes Sandwich, denn in meinem Inneren konnten beide Identitäten, beide Erben in Form einer einzigen Sache zusammengefasst, leben.

Wie haben Sie das Land gewählt, in dem Sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe?
 
Nach Italien auszuwandern, war nicht wirklich eine Entscheidung, sondern viel mehr der natürliche Verlauf der Dinge. In den siebziger Jahren wurde die ‚Zentrale Universität in Caracas‘ (Universidad Central de Venezuela) geschlossen und durch das Militär besetzt; dann haben meine Eltern mich und meine Schwester nach Italien geschickt. Hier bin ich geblieben und habe an der Universität 'La Sapienza' in Rom Architektur studiert. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, kehrte ich nach Venezuela zurück und arbeitete dort im öffentlichen Dienst. Im Jahr 1983 kam ich wieder nach Italien, um mich im Bereich der Restaurierung von historischen Gebäuden zu spezialisieren. Derzeit bin ich als Architektin tätig, spezialisiert in der Restaurierung von Baudenkmalen, und bin Koordinatorin für das Zentrum für Bildung und Kulturerbe, in der Abteilung für Bildung und Forschung des Ministeriums für Kulturgüter, kulturelle Aktivitäten und Tourismus (italienisch kurz MiBACT) mit Sitz in Rom, Italien.
 
Gianfranca Rainone Mision del Caroni 2010 Gianfranca Rainone in der Mission del Caroni | Foto © Andrés Garral
Wie ist bisher Ihre Einbindung in die neue Kultur gelaufen: Haben Sie das Gefühl, dass diese Ihre eigene Kultur verändert hat?

Tatsächlich, obwohl meine Familie ja italienischen Ursprungs ist, fühle ich mich auch als Venezolanerin; und Venezuela - zunächst - verlassen zu haben hat eine große emotionale und auch physische Kraft erfordert. Emotional, weil ich meine Freunde aus der Kindheit, aus meiner Studentenzeit und von der Arbeit sowie einen Teil meiner Familie verlassen musste. Aber nicht nur das, sondern auch diesen typischen Duft des Regens nicht mehr zu spüren, dieses Blaue des Himmels nicht mehr zu sehen, das Licht der Morgendämmerung mit dem Gesang der Aras, die Formen der Wolken, den Ávila Berg... die Strände von Morrocoy, Cata, Choroní, Guayana, den Fluss Caroní, den Orinoco, den Geschmack der tropischen Früchte, ... alles. Es ist körperlich anstrengend gewesen wegen der Dunkelheit und die Kälte des Winters, wegen den geschlossenen Schuhen und dem Gewicht der Kleidung. Doch irgendwie habe ich beide Seiten, beide Kulturen aufgenommen, keine herrscht über die andere, sondern beide begleiten mich gleichermaßen.

Haben Sie Beziehungen mit Venezolanern im Allgemeinen und/oder im Beruflichen?

Eigentlich sehr wenig. In Rom und in meiner Arbeit habe ich diese Möglichkeit nicht. Doch ich halte Kontakt mit Verwandten, ursprünglich aus Mérida, die jetzt auch Emigranten sind und in Asis (Italien) leben. Porträt Gianfranca Rainone Porträt Gianfranca Rainone | Foto © Mary Borgia Wie ist Ihre Beziehung zu Venezuela aus dem Ausland??

Ständig und konstant, über Internet, WhatsApp; es gibt keinen Tag, an dem ich nicht einen Gruß verschicke oder einen bekomme, eine E-Mail, eine Nachricht. Diese Technologien erleichtern die Kommunikation, früher gab es ja nur das Telefon oder die Post. Aber was für eine Freude war es dann auch, als ein Brief oder eine Postkarte kam!

Hat die Auslandserfahrung Ihre Karriere bereichert? Wie und weshalb?

Sicherlich! In Italien habe ich mich beruflich weitergebildet und hatte das Glück, in der Hochschule für Restaurierung den besten Professoren auf diesem Gebiet zu begegnen: Renato Bonelli, Gaetano Miarelli, Giovanni Carbonara, die für mich Leiter und Lehrer gewesen sind, die mir ihr großes Wissen vermittelt haben und vor allem auch die Liebe zu diesem Beruf, zur Wissenschaft. Ich habe dank ihnen gelernt, eine architektonische Struktur wirklich zu betrachten und einen "Dialog" mit ihr zu suchen.
Mein größter Wunsch? Nach Venezuela zurückzukehren und die Restaurierung der Ruinen der Misión de la Purísima Concepción del Caroní, bekannt als "Las Misiones del Caroní", im Bundesstaat Bolívar, zu veranlassen. Dieser religiöse Bau war Heim der katalanischen Kapuziner um 1728 und repräsentiert wegen seiner Architektur und seinen dekorativen Elementen ein Werk von herausragendem historischem und kulturellem Wert, weshalb es am 2. August 1960 zu einem nationalen historischen Denkmal deklariert wurde. Ich wünsche mir, an diesem Ort eine spezialisierte Lehranstalt zu gründen, damit jungen Venezolaner lernen, das Erbe unseres Landes zu schätzen und zu schützen. Dieses historische Denkmal, heute absolut vernachlässigt, verlangt dringend eine angemessene Wertschätzung und Restaurierung, damit zukünftige Generationen von Venezolanern über diesen stillen Zeugen einen wichtigen Teil der Geschichte der venezolanischen Unabhängigkeit kennenlernen können.
 

Gianfranca Rainone
Architektin und Restauratorin


Geburtsort: Caracas.
Derzeitiger Wohnort: Rom, Italien.
 

Projektleitung und Aufsicht über folgende Restaurationsarbeiten:

  • Basílica de San Francisco, Retablo Monumental. Struktur in geschnitztem Holz, vergoldet mit Bildern von Künstlern aus dem 17. Jahrhundert. Ferrara, Italien.
  • Basílica de San Francisco. Restaurierung des Chors aus Holz mit Schnitzereien, 16. Jahrhundert. Ferrara, Italien.
  • Basílica de San Doménico. Restaurierung von acht Altären mit Reliefs, 16. Jahrhundert. Budrio, Bologna, Italien.
  • Iglesia de San Antonio de Padova. Restaurierung von drei Barockaltären und Gruppen von bemalten Skulpturen, 16. Jahhrundert. Bologna, Italien.
  • Capilla de la Virgen de los Bosques. Restauration der Fresken der Jungfrau mit Kind des Altars, um 1640, in Zusammenarbeit mit der Aufsichtsbehörde für Architektur und Landschaft,  Bologna, Italien.
     
Veröffentlichungen:
  • 2006 | Intervento di restauro sugli altari in cotto e stucco nella Chiesa di San Domenico in Budrio, Bologna, in: Conservare – Restauro – Innovare. MiBAC. Ferrara, Italien.
  • 2006 | Oratorio della Madonna dei Boschi, in Parco Regionale dei Gessi Bolognesi e Calanchi dell'Abbadessa. Bologna, Italien.
  • 2007 | Las Ruinas de la Purísima Concepción del Caroní un extraordinario tema de restauracion. Monumento Histórico Nacional, in:  Entre- Rayas. Caracas, Venezuela.
  • 2009 Gli altari delle chiese di San Giuliano a e di San Domenico in Budrio-BO, in Restauri in Emilia-Romagna.  MiBAC, Rom, Italien.  
  • 2010 | El oro del Caroní y los grafismos de la Purísima Concepción, in: Libro de Oro. Herausgegeben von Banco Central de Venezuela. Caracas, Venezuela.
 Übersetzung: Sonya Gzyl.

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