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Ivan Candeo

Porträt Iván Candeo
Foto © Diana Rangel

Ich benutze neue sprachliche Ausdrücke, entwickle neue Leidenschaften, mag neues Essen und habe neue Einstellungen und auch andere moralische Werte erlernt. Auch wenn der größte Teil von dem, was ich als Mensch bin und fühle, zu Hause, in Caracas, entstanden ist.

Was bedeutet für Sie das Wort ‘Emigrant’? 

Mit diesem Wort bezeichnen wir Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben; diejenigen, die in der Ortsveränderung einen Sinn suchen. Dieser Ortswechsel kann auf verschiedene Gründe zurückgeführt werden, und die Menschen sind dann im Exil, sind Flüchtlinge, etc. Diese Begriffe sind alle von einem Gefühl der Entwurzelung geprägt, von Werten, die mit einer anderen Kultur gewissermassen aufschlagen. Der Emigrant ist derjenige, der sich der Anspannung zwischen dem Eigenen und dem Fremden öffnet. In der Kunst kann man das mit dem ready made vergleichen, mit der Absicht von Duchamp, den Ort von bestimmten Objekten zu verändern, um sie dadurch mit einer neuen Bedeutung zu versehen.
 
Wie haben Sie das Land gewählt, in dem Sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe? 

Kraft Gesetzes bin ich eigentlich Italiener, aber ich bin nie in Italien gewesen und spreche nicht einmal Italienisch. Das heißt, dieses Recht meiner Herkunft hat nicht wirklich meine Kultur bestimmt. Nicht desto trotz gehöre ich rechtlich einem Staat der sogenannten Europäischen Union an und, unter den Optionen, die mir dadurch offen standen, habe ich mich für Spanien entschieden. Die gemeinsame Sprache, die Verbindungen von Freundschaften und Arbeit, die ich in den letzten Jahren geschmiedet hatte, waren meine Motivation, nach Barcelona zu gehen. Ich fühlte mich in Venezuela wie erstickt von den Problemen und vom zunehmenden patriotischen Autoritarismus, so dass ich dort nicht zu viele Optionen hatte. Aber ich bin auch nicht der Überzeugung, dass das Leben in Europa per se glücklich macht.
 
Post (Republica Cualquiera) Post (Republica Cualquiera) | Foto © Iván Candeo
Wie ist bisher Ihre Einbindung in die neue Kultur gewesen: Haben Sie das Gefühl, dass diese Ihre eigene Kultur verändert hat? 

Ja, dieser Prozess hat mir den Raum zur Reflexion über all das, was mir gezwungenermaßen widerfuhr, eröffnet und mich dazu gebracht, die neue Kultur, die Anderen und mich selbst zu evaluieren. Ich benutze neue sprachliche Ausdrücke, entwickle neue Leidenschaften, mag neues Essen und habe neue Einstellungen und auch andere moralische Werte erlernt. Auch wenn der größte Teil von dem, was ich als Mensch bin und fühle, zu Hause, in Caracas, entstanden ist. Heutzutage finde ich in verschiedenen Szenarien und Menschen wertvolle Anreize, und versuche immer, das Gemeinsame in dieser Vielfalt zu entdecken. Ich hoffe, aus dem Auswanderer-Sein eine verständnisvollere Beziehung mit meiner eigenen Kultur und mir selbst aufbauen zu können. Denn es ist jetzt so, als ob würde ich mich selbst von einem anderen Blickwinkel aus im Spiegel betrachten.
 
Haben Sie Beziehungen mit Venezolanern im Allgemeinen und/oder im Beruflichen? 

Meine Verbindungen mit Venezolanern im Rahmen der Arbeit sind immer noch lebendig, sowohl mit denjenigen, die im Ausland sind als auch mit den Freunden, die zur Zeit in Venezuela leben. Meine Beziehung zu Venezuela ergibt sich aus dem, was ich schon gemacht habe und immer noch mache. Das hindert mich aber natürlich nicht daran, einen Schritt vorwärts zu gehen und mit gutem Willen und Respekt an verschiedenen Aktivitäten hier, wo ich jetzt lebe, teilzunehmen.
 
Reloj de Humboldt Reloj de Humboldt | Foto © Iván Candeo
Falls ja, wie ist Ihre Beziehung zu Ihnen? 

Es gibt bestimmte Arbeitstätigkeiten, die man heutzutage trotz der Distanz dank der Kommunikationsmöglichkeiten aufrechterhalten kann. Außerdem merke ich, dass wir Venezolaner sehr emotionale Menschen sind, und vieles im Land behauptet sich dank dieser wechselseitigen emotionalen Verbindungen.
 
Wie ist Ihre Beziehung zu Venezuela aus dem Ausland? 

Etwas tragisch, denn das, was in Venezuela geschieht, worüber ich in den Nachrichten lese, im Radio und Fernsehen höre oder worüber ich rede und nachdenke, beschäftigt mich sehr. Ich bringe mich ein, auch ohne meine physische Anwesenheit. Es wird alles über Bildschirme und Geräte vermittelt, die immer mehr zu einer Art Verlängerung unseres Körpers werden. Möglicherweise wird nach der digitalen Revolution die Identität komplett ‘ent-territorialisiert’ sein. Mein Herz erlebt ein Leben in meiner Heimat und ich versuche, diesem Rhythmus zu folgen, auch wenn mein Körper nicht mehr dort ist.
 
Hat die Auslandserfahrung Ihre Karriere bereichert? Wie und weshalb? 

Ja, es gibt eine kulturelle Atmosphäre, die sehr bereichernd sein kann, wenn man sie zu nutzen weiß. Allein im letzten Jahr durfte ich eine umfangreiche Ausstellung von Alexander Kluge sehen, an einer Studiengruppe zur Geschichte des experimentellen Films teilnehmen, die Retrospektive von Paula Rego genießen, das gesamte Werk von Duane Michals kennenlernen, die Skizzen Rodins zu Das Tor zur Hölle sehen, eine Veranstaltung über Aufstände von Didi Huberman besuchen - dazu noch die vielen Konferenzen, der Zugang zu Büchern und Konzerten wie das vom New York Ska-Jazz Ensemble. Eine solche Atmosphäre ist leider unvorstellbar im heutigen venezolanischen Alltag. Ich habe das Bedürfnis, mich mit meinen eigenen Umständen als Auswanderer kreativ auseinanderzusetzen sowie die Themen der Identität und des Materiellen in meiner künstlerischen Praxis umzusetzen. Dabei hoffe ich, dass die spezifischen Verbindungen zu meiner Kultur sowie die Offenheit gegenüber dem Ausland zu einer einzigartigen Erfahrung wie Werk führen werden.

Iván Candeo
Künstler


Geburtsort: Caracas.
Derzeitiger Wohnort: Barcelona, Spanien
 
Ausstellungen:
 

  • 2010 | ¡Patria o Libertad! The Rhetorics of Patriotism, MOAD - Miami Dade College - MDC Museum of Art and Design. Miami, USA.
  • 2010 Unresolved Circumstances: Video Art from Latin America. MOLAA-Museum of Latin American Art, California, USA.
  • 2011 8ª Bienal do Mercosul: Ensaios de geopoética. Porto Alegre, Brasilen.
  • 2011 | When a Painting Moves… Something Must Be Rotten!, Museo Sternesen. Oslo, Norwegen.
  • 2012 | Los irrespetuosos, Museo de Arte Carrillo Gil, México D.F., Mexiko.
  • 2012 | Moving image, un abedécédaire contemporain/ Alteration, Gaîté Lyrique.  Paris, Frankreich.
  • 2014 | Colonia apócrifa. Imágenes de la colonialidad en España. MUSAC-Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León, Spanien.
  • 2014 | Identidad y ruptura. Galería Casa sin fin. (Erste Einzelausstellung) in Madrid, Spanien.
  • 2015 | Ibi Et Nunc: sobre paradojas democráticas. Loop. Barcelona, Spanien.
Übersetzung: Sonya Gzyl.

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