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Nayarí Castillo

Portät Nayarí Castillo
Foto © Yuri Liscano

Was bedeutet für Sie das Wort ‘Emigrant’? 

Emigrieren hat für mich mit Ablösung zu tun, mit Unruhe, Verwandlung, Traurigkeit, mit Vergebung und Aufbauen. Es ist eine Erfahrung des Entzugs und ein Alchemie-Prozess, um sich selbst zu finden. Es ist eine Mischung aus Abenteuer und Flucht.
Am Anfang ist es ein Spiel des Erkennens, des neugierigen Betrachtens und Ausmessens von allem, was einen umgibt. Es bedeutet, das Stillwerden und das achtsame Zuhören zu erlernen, bis man sich an die neuen sinnlichen Eindrücke gewöhnt.
Dann folgt die Abspaltung, die mit der Distanz zu tun hat. Die ständige Leere im Bauch (…). Du schlägst dich gleichzeitig mit der unmöglichen Rückkehr und mit dem Wunsch, dich einzupassen, herum. Es ist eine schwierige Phase, in der dich alles ängstigt. Die Veränderung und der Übergang fangen an, wenn du merkst, dass du dich neu erfinden kannst (…). Dann kannst du dich mit deinem Ursprungsort aussöhnen, du kannst es mit Ruhe tragen und es ist keine Belastung mehr, sondern eine Bereicherung.
Die letzte Etappe besteht darin, Räume aufzurichten; dann gibt es keine Hoffnung auf Rückkehr mehr und man versucht, eine neue Zukunft aufzubauen mit der Gewissheit, dass der andere Ort nur noch eine Erinnerung ist.
 
Wie haben Sie das Land gewählt, in dem Sie leben? Welche waren hierfür die entscheidenden Gründe? 

Österreich ist meine dritte Heimat, ich kam hier an nach der gut überlegten Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern (…) Als die Krise in Venezuela begann und sich die erste Migrationswelle ereignete, bin ich nicht sofort weggegangen. Ich bin später mit meinem gesamten Eigentum aufgebrochen, um an der Bauhaus Universität Weimar zu studieren. Ich gehörte zu der privilegierten Generation, für die ein Hochschulstudium in Deutschland  dank des Abkommens zwischen DAAD und Fundayacucho möglich war. Ich habe Deutschland gewählt, weil es damals eines der wenigen Länder auf der Welt war, wo es Studiengänge zu Kunst im öffentlichen Raum gab (…). Dann habe ich Hanns Holger, meinen Ehemann, kennengelernt, der mir das Gehör eröffnete – ein Sinn, von dem ich nicht geglaubt hätte, dass ich ihn überhaupt besitze. Unsere Lieben und die Ausübung der zeitgenössischen Kunst führten uns zu vielen Zielen, darunter auch Graz. Hier bin ich im Rahmen einer Künstler-Residenz im Jahr 2009 angekommen (…). Graz ist die Stadt, an der mir zum ersten Mal aufegfallen ist, dass ich ich selbst sein konnte, einfach Nayarí. 

Bildergalerie: (klicken Sie das Bild)

Rosa de los vientos Bildergalerie Rosa de los vientos | Foto © Nayarí Castillo
Wie ist bisher Ihre Einbindung in die neue Kultur gelaufen: Haben Sie das Gefühl, dass diese Ihre eigene Kultur verändert hat? 

Ich glaube, nach so vielen Jahren an einem anderen Ort wird man zu einer Art Schimäre, zu einem Wesen aus Fragmenten und Resten. Man hat das Glück, überall hin zu gehören und gleichzeitig die Traurigkeit, von nirgendwo zu sein (…). Man hat die Erlaubnis, nicht dazu zu gehören, aber man kann sich all das, was einem Freude bereitet, zu eigen machen.
Zu den Sachen, die ich an der deutschen und österreichischen Kultur am meisten schätze, gehört die Redlichkeit (…). Ich muss zugeben, dass einige Dinge in mir Resonanz fanden: das Recyclen, die Nüchternheit, die Ehrlichkeit und die Offenheit gegenüber der Vielfalt. Das ständige Reisen ist vielleicht eins der wichtigsten Elemente, die meine kulturübergreifende Wesensart ausmachen. Deutschland und Österreich haben mir die Mobilität geschenkt.   
 
Haben Sie Beziehungen zu Venezolanern im Allgemeinen und/oder im Beruflichen? 

Die Beziehung mit Venezuela ist bitter-süß, eine Mischung aus Sehnsucht und Angst vor schlechten Nachrichten. Ich halte den Kontakt, den die Gefühle bestimmen, nämlich mit meinen jahrelangen Freundschaften, mit der Familie und mit all denjenigen, die mich beeinflusst haben. Doch ich gehöre zu keiner venezolanischen Gruppe in Österreich und ich muss leider sagen, dass ich keinen anderen Venezolaner in Graz kenne.
 
Und wenn ja, wie ist Ihre Beziehung zu ihnen?

Venezuela zu verlassen hatte für mich auch damit zu tun, mich von einer schwierigen Vergangenheit zu distanzieren (…). Die Türen sind für mich zwar nicht verschlossen, aber ich bin sehr vorsichtig, denn die Distanz bedeutet für mich, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu leben, ohne falsche Anmaßung, ohne Exzesse und ohne Einmischungen.
 
Wie ist Ihre Beziehung mit Venezuela aus dem Ausland? 

Mit meiner Mutter und meinem Vater, mit meiner Familie, bin ich ständig in Kontakt, genauso wie mit meinen engen Freunden (…). Die sozialen Netzwerke ermöglichen es, eine nahe Beziehung zu pflegen. Viele Jahre von politischer Unruhe, Krisen und furchtbaren Geschichten haben zur Folge gehabt, dass ich mich vom Geschehen in Venezuela etwas fernhalte. Manche extremen Ansichten ließen mich auch zu Vielen auf Distanz gehen, insbesondere zu denen, die uns, die wir weggegangen sind, anscheinend nicht verzeihen können.
Im Beruflichen bin ich weiterhin nah (…). Es gab bisher kein einziges Jahr in den letzten 12 Jahren, in dem ich nicht in irgendeiner Form zurückgekehrt bin, wenn nicht ich persönlich, dann mein Werk. (…) Ich werde immer Venezuela lieben.
Wenn es mir notwendig erscheint, nach Venezuela zu fliegen, nehme ich mir eine Mango, auch wenn sie hier nach Pappe schmecken, stelle ich mir vor, dass sie den leckeren tropischen Geschmack hat, ich schließe die Augen, sehe die Aras, den Ávila, die Regenbögen.
 
Hat die Auslandserfahrung Ihre Karriere bereichert? Wie und weshalb? 

Zweifellos. Das Studium in Deutschland hat meine Art zu denken verändert, meine Arbeitsweise, meine Interaktionsmöglichkeiten (…). Der Kritik und der Materialität näher zu sein. Auch meine Möglichkeiten der Herstellung haben sich erweitert (…). Hier zu sein ist eine ständige Übung der Demut, denn das Nicht-Dazu-Gehören führt dazu, dass man manchmal im Nachteil ist und keinen Zugang zu allen Ressourcen hat. Diese prekäre Situation ist zwar schmerzhaft, aber sie hält einen nah am Erdboden und dieser Bodenkontakt ist immer wichtig. Ich glaube, dass mich auch das Erlernen anderer Sprachen sehr bereichert hat, denn es beinhaltet die Möglichkeit, mit vielen verschiedenen Geschmäckern und Formen in Kontakt zu sein. Ich schätze es sehr, täglich Neues zu erleben und zu erkunden.

Nayari Castillo.
Künstlerin.


Geburtsort: Caracas.
Derzeitiger Wohnort: Graz, Österreich.
 
Ausstellungen und Werke im öffentlichen Raum:
 
2006 | Café con leche. Cultura. Migración e Identidad. Museo de Bellas Artes, Caracas.  Ausstellung organisiert vom Goethe-Institut Caracas. Caracas, 2006.
2008 | Victoria Regia. Galería La Cuadra. Caracas, 2008.
2009 | De cara al norte. L. C. Bates Museum. Hinckley, USA, 2009.
2010 | Contrabando al paraíso. Oficina #1. Centro Cultural Los Galpones. Caracas, 2010.
2012 | Epigramas Sonoros. Galería La Caja. Centro Cultural Chacao. Caracas, 2012.
2013 | Aquatopia. El Submarino de investigación. Karmeliterplatz Graz, 2013.
2014 | Rosa de los vientos. Drei Installationen im öffentlichen Raum. Sarajevo, BiH-Trieste, Graz, 2014.
2015 | Una mujer nacida en Viena que perdió sus pasos en el tiempo. Wiener Festwochen. Wien, 2015.
2016 | Reacción en cadena. En cámara lenta. EisernerzArt. Eisenerz, 2016.
2016 | La casa de los portones abiertos. Steirischer Herbst. Graz, 2016.
2018 | Operación abierta. Graz, Österreich.

www.nayaricastillo.com

Übersetzetzung: Sonya Gzyl

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