Musikalische Frühförderung Ab 0 Jahren

Ausgewählten Konzerte werden am Konzerthaus Dortmund im Rahmen des Jekiz-Programm eigene Einführungen vorangestellt.
Ausgewählten Konzerte werden am Konzerthaus Dortmund im Rahmen des Jekiz-Programm eigene Einführungen vorangestellt. | Foto (Ausschnitt): Konzerthaus Dortmund / Petra Coddington

Bildungsprogramme – seit rund einem Jahrzehnt gibt es kaum noch ein Konzerthaus in Deutschland, das nicht die Aktivitäten im Bereich der musikalischen Nachwuchsförderung ins Programm genommen hätte. Die Ziele sind ähnlich, die Wege zur Nachhaltigkeit verschieden.

Vordergründig betrachtet, geht es um nachwachsendes Publikum. Doch treibt die Veranstalter wirklich nur die Sorge um den Konzertbesucher von morgen um? Natürlich geht es auch darum, Freude an der Musik zu wecken, im Jetzt und Heute. Die Entwicklung der letzten Jahre ist erstaunlich. Gab es früher allenfalls monatlich pauschale „Kinder- und Jugendkonzerte“, sprießen in den letzten rund zehn Jahren musikalische „Education“-Programme wie Pilze aus dem Boden. Rüdiger Beermann vom Festspielhaus in Baden-Baden betont, dass durch „entsprechende neurologische Forschungen erst seit wenigen Jahren objektive Belege für die positive Wirkung des Musizierens bei Kindern vorliegen. Gleichzeitig verschwindet vor allem die klassische Musik aus dem Alltag vieler Familien. Viele Eltern fühlen sich überfordert, selber mit ihren Kindern Musik zu machen.“

Das Ziel der Nachhaltigkeit

Musikalische Nachwuchsförderung gilt längst nicht mehr als fixe Idee von Veranstalter-Seite, sondern hat eine breitere Legitimation erfahren. Immer mehr Konzerthäuser verzichten aus diesem Grund auf Altersbeschränkungen. Die Tonhalle in Düsseldorf und die Alte Oper Frankfurt etwa bieten Konzerte ab „0 Jahren“. „Dabei sehen wir nicht die Kinder solitär. Sie kommen mit ihren Familien. Wir hoffen, dass dieses Gemeinschaftserlebnis anregend sein kann und eine Horizonterweiterung darstellt“, erläutert Ariane Stern, Konzertpädagogin der Tonhalle. Daher arbeitet man in Düsseldorf bewusst mit verschiedenen Altersgruppen: „Wir haben fünf verschiedene Konzertreihen entwickelt, die allein die Altersspanne von 0 bis 12 abdecken.“

Alle Veranstalter setzen auf die nachhaltige Wirkung ihrer „Education“-Programme. Diese erreicht man, so Jan Boecker vom Konzerthaus Dortmund, durch „höchste Qualität, Kontinuität und Breitenwirkung“. Als Beispiel wäre die Ausstellung von Esa-Pekka Salonens Multimedia-Installation re-rite – Du bist das Orchester! zu nennen, bei der man – auch praktische – Einblicke in das Zusammenwirken eines Orchesters bekam. Knapp 10.000 Besucher kamen, alt wie jung. Die Zusammenarbeit mit Schulen verläuft teilweise in enger Verzahnung mit dem Lehrplan. Eines der aktuellen Schulprojekte beschäftigt sich mit Alban Bergs Oper Wozzeck, analog zur Vorbereitung auf das Abitur, wo 2013 Büchners Drama Woyzeck ein inhaltlicher Schwerpunkt war.

In Köln umfasst das Konzept der Nachhaltigkeit einen engen Kontakt mit Schulen. „Unser Angebot ist inzwischen integraler Bestandteil des Schulunterrichts geworden“, erklärt Othmar Gimpel von der Philharmonie. Musiker gehen in die Schulen und stellen ihre Instrumente, ihr Repertoire vor und bereiten gezielt auf Konzerte vor, zum Mitmachen und selber Agieren. „Die Schüler beschäftigen sich kreativ mit inhaltlichen Aspekten der Konzerte, indem sie tanzen, malen, filmen, komponieren oder schreiben.“ Das Themen-Spektrum ist bunt. Es reicht von der „Norwegischen Sagenwelt“ über „Filmmusik aus einer anderen Galaxie“ bis zu „Afrikanischen Stimmen“.

In Baden-Baden versucht man unterdessen, Frühförderung nicht nur im Sinne ehrfurchtsvollen Zuhörens zu betreiben, sondern durch aktive Teilnahme. „Der Weg zur Musik beginnt bei uns auf der Bühne“, so Rüdiger Beermann. „Kinder lernen von Anfang an einen respektvollen Umgang mit Künstlern. Indem sie selbst singen, tanzen, ist eine Horizonterweiterung vorprogrammiert.“ Um diesen Ansatz noch intensiver verfolgen zu können, wird derzeit für einen Millionenbetrag ein Musikhaus für Kinder gebaut und werden Instrumente im Überformat hergestellt. Eine Blockflöte misst dann knappe zwei Meter. Doch handelt es sich um kein Museumsstück. Wer hineinbläst, erzeugt originale Töne. Musikerlebnis als ganzheitliche Erfahrung.
Das Kinder-Mitmach-Orchester erkundet Prokofjews „Peter und der Wolf“ am Festspielhaus Baden-Baden. Das Kinder-Mitmach-Orchester erkundet Prokofjews „Peter und der Wolf“ am Festspielhaus Baden-Baden. | Foto: Festspielhaus Baden-Baden / Andrea Kremper Selbst in den Rundfunkanstalten, ob beim Westdeutschen Rundfunk, beim Südwestrundfunk oder beim Bayerischen Rundfunk, hat man erkannt, welche Verantwortung und welches Potenzial die musikalische Frühförderung birgt. Schließlich spricht man nicht nur die eigentliche Zielgruppe an, sondern hofft, auch die Erwachsenen für die Klassik zu begeistern. Natürlich ist den Veranstaltern klar, dass dadurch nicht automatisch mehr Abonnenten in die Konzertreihen strömen; daher hofft man auf punktuelle Erfolge einerseits und auf eine langfristige, allgemeine musikalischen Bewusstseinserweiterung andererseits.

Finanzielle Partner als wichtige Helfer

Ob im kreativen Bereich, in der direkten Begegnung mit Orchestermitgliedern, ob in der Förderung junger Talente, der Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Institutionen, oder in der Einbindung von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten – die Vernetzung der musikalischen Nachwuchsförderung erhält einen immer höheren Stellenwert. Seit Jahren gewachsen ist das vielschichtige „Education“-Programm der Berliner Philharmoniker, die das Glück haben, mit der Deutschen Bank einen treuen finanziellen Unterstützer an ihrer Seite zu wissen. Und das Bemühen, Partner aus der Wirtschaft für solche Programme zu gewinnen, wird in Zeiten knapper öffentlicher Kassen sicher zunehmen.
 
Szenen aus dem U16-Orchester der Tonhalle Düsseldorf, Quelle: Tonhalle Düsseldorf / Youtube

Bei der Frage, welchen Budget-Anteil die einzelnen Häuser für die Nachwuchsarbeit aufwenden, bleiben die Antworten oft wenig konkret. Entweder werden gar keine Angaben gemacht, oder es wird darauf verwiesen, dass der finanzielle Aufwand von den saisonal unterschiedlichen Erfordernissen und Planungen abhängt. In Köln beziffert man eine Summe von knapp 200.000 Euro, die „das Musikvermittlungsteam verplant“, so Othmar Gimpel. „Betrachtet man den Musikvermittlungsbereich insgesamt, so ist der Betrag deutlich höher.“ Insgesamt haben nicht nur Quantität und Intensität der musikalischen Nachwuchsarbeit in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, auch das Niveau ist konstant gewachsen. Das trägt inzwischen dazu bei, dass die Akzeptanz der Klassik auch bei einem durchaus kritischen Publikum zunimmt. Erste Erfolge sind also erkennbar.