Konzert PIERROT LUNAIRE von ARNOLD SCHÖNBERG - EINE MULTIMEDIA-KLANG-PERFORMANCE

MAM 737 © MAM

Do, 21.02.2019

20:00

Jugendtheater Hanoi

Ein Performance von MAM.manufaktur für aktuelle musik


Arnold Schönberg erzählt in seinem musikalischen Werk Pierrot Lunaire die Geschichte des wohl berühmtesten Charakters der Commedia dell’Arte, des „weißen Clowns“ Pierrot. Charakterlich gibt es kein ganz einheitliches Bild von Pierrot, jedoch wird er oftmals als faul, melancholisch, schweigsam sowie stets unglücklich verliebt skizziert. Er träumt von einer besseren Zukunft in den Armen seiner angebeteten Kolombine, versucht, sie mit Geschenken zu erobern – doch bis er endlich mit seinem Geschenk vor ihrer Türe steht, ist die Angebetete längst mit einem anderen Mann, Harlekino, über alle Berge.

Interkulturell vielfach aufgegriffen in der Kultur- und Kunstgeschichte (u.a. bei Toulouse-Lautrec, Watteau und Picasso), in der Literatur und im Film, findet die Thematik auch in der Musik Verwendung. Schönbergs Melodram entstand im Jahr 1912 im Auftrag der Diseuse Albertine Zehme und in Anlehnung an den gleichnamigen französischen Gedichtzyklus von Albert Giraud aus dem Jahr 1884 in der freien deutschen Übertragung von Otto Erich Hartleben. Für die Instrumentierung ging Schönberg über das ursprüngliche Konzept eines Klavierstücks hinaus und komponiert stattdessen für ein Kammerensemble mit fünf Mitgliedern und acht Instrumenten und einer Sprechstimme.

Die Reaktionen auf die Premiere des Stückes in Berlin im Oktober 1912 waren gespalten. Es forderte heraus. Manch einer der Versöhnliches aus der Musik hören wollte, war erschreckt, andere aber waren begeistert und reagierten mit großem Beifall. Mit dem Pierrot Lunaire begann eine neue Epoche der Musikgeschichte.

Das Besondere dieses Werkes wie überhaupt von Schönbergs historischer Schöpfung einer neuen Musik ist die Atonalität: der akustischer Bruch jeder konventioneller Harmonie und die Auflösung von tonaler Bindung. Zudem resultierte aus der Atonalität die Zwölftontechnik, für die Schönberg u.a. bekannt wurde. Jeder in dieser Technik komponierten Partitur liegt eine Reihe zugrunde, die jeden Ton der zwölfstufigen temperierten Tonleiter einmal enthält. Da jeder der Töne zum Ausgangspunkt einer Reihe werden kann, ergeben sich zwölf Reihen, von denen jede wiederum vier Erscheinungsmöglichkeiten hat, sodass insgesamt 48 Reihenformen möglich sind. Die Idee der Komposition bestimmt in gleichem Maße der Reihe, wie die Reihe die Komposition bestimmt.

Das Werk wird als Meilenstein der Moderne betrachtet, als „eines der repräsentativsten Werke des 20. Jahrhunderts“ (Musikwissenschaftler H. H. Stuckenschmidt). Das Stück ist „der Solarplexus und der Geist der Musik des frühen 20. Jahrhunderts". Pierrot Lunaire wurde mit seiner Kombination traditioneller Formen und Techniken und dem fast völlig neuen Ansatz für die Anordnung von Klängen ein Fenster in das neue Jahrhundert.

Mehr als ein ganzes Jahrhundert später wird das Stück nun in Hanoi aufgeführt. Eine performative Neuverortung des Meisterwerks, welches ein konzertreiches und musikalisch abwechslungsreiches Jahr 2019 einleiten wird.

Über MAM.manufaktur für aktuelle musik
MAM.manufaktur für aktuelle musik ist aus Mitgliedern des Internationale Ensemble Modern Akademie Förderprogramms 2010 hervorgegangen, die sich durch eine gemeinsame Leidenschaft für neue Ausdrucks- und Aufführungsformen zeitgenössischer verbunden fühlten. Die Musiker verstehen sich als liberales, international ausgerichtetes Kollektiv, das durch interdisziplinäre Arbeit über das Verständnis eines normalen Ensembles hinausgeht, alte Hörgewohnheiten überwindet und neue Klangkonzepte entwickelt.
 
MAM arbeitet mit vielen Komponisten zusammen, darunter Mark Andre, Georges Aperghis, Hans-Joachim Hespos, Robin Hoffmann, Neele Hülcker, Jagoda Szmytka und Simon Steen-Andersen. Auf dem Tourplan des Kollektivs stehen auch viele Festivals, darunter das Eclat Festival in Stuttgart, der International Summer Course For New Music in Darmstadt, das AchtBrücken Festival und die New Talents Biennale in Köln, das Mixtur Festival in Barcelona, Klangwerkstatt Berlin, das pgnm Festival Bremen, das klub katarakt Festival Hamburg sowie die Reihe Schönes Wochenende in der Tonhalle Düsseldorf und im ZKM Karlsruhe.
 
2012 hat MAM beim Label Ensemble Modern Media eine DVD von Exotica von Mauricio Kagel aufgenommen, 2015 folgte eine CD mit neuen Arbeiten von Ying Wang für Wergo. Die Musiker kultivieren nicht nur ihr zeitgenössisches Repertoire, sondern sind darüber hinaus stets bemüht, alternative und/oder experimentelle Spieltechniken an der Schnittstelle von Performance, Improvisation und der Interpretation komponierter Musik zu pflegen und zu erweitern. Kurz, MAM steht für Experimente, Grenzüberschreitung und unerwartete Verbindungslinien.

Zurück