Stadtplanung: Von Johannesburg nach Berlin

Informal Settlement in marlboro South © 26’10 south Architects
Informal Settlement in marlboro South | © 26’10 south Architects

Ein Austauschprogramm zwischen Johannesburg und Berlin ermöglicht es jungen Stadtplanern und Architekten, das Prinzip der Informalität zu untersuchen. Guy Trangos begleitete die erste Austauschgruppe und fragt sich, ob das Konzept einige der sozialen Probleme in Entwicklungsländern lindern kann. 

Die Spannung zwischen dem Formellen und dem Informellen ist allgegenwärtig in Südafrikas Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Oftmals bekannt als „informelle Siedlungsstrukturen“ und „informeller Handel“, wird Informalität immer verstanden als das, was außerhalb von Regulationen oder „Standards“ liegt. Der Begriff spielt auch auf unerlaubte oder illegale Aktivitäten, Korruption und dubiose Geschäfte an.Obwohl einige Praktiken am Rande von Rechtmäßigkeit oder Regulationen illegal und gefährlich sein können, ist der schlechte Ruf des informellen Sektors nicht gänzlich gerechtfertigt.
Der sogenannte „zweite Wirtschaftssektor” verschafft erhebliche Einkommensmöglichkeiten, fördert Unternehmertum und stärkt jene, die zum konventionellen Sektor keinen Zugang haben oder es sich nicht leisten können. Die deutsche Robert Bosch Stiftung unterstützt die Bemühungen, mehr Verständnis für den informellen Sektor zu schaffen. Dieses Jahr finanzierte die Stiftung einen Forschungsaustausch für Architektur- und Urbanismus- Studenten aus Johannesburg und Berlin.

Entwickelt in Kooperation mit dem Goethe-Institut und des in Johannesburg ansässigen Architekturbüros 26'10 South, der Universität Johannesburg und dem Berliner Unternehmen Inopolis, ermöglicht der Austausch Einwohnern zweier sehr unterschiedlicher Städte, Informalität aus ihrem jeweiligen Blickwinkel zu betrachten und verschiedenartige aber kompatible Ideen einzubringen.

In Entwicklungsländern begegneten Kolonialisten der in den Kulturen und Praktiken der lokalen Bevölkerung verankerten Informalität oft mit Misstrauen, wobei die Kolonisten Ordnung oder Formalität mittels strenger Stadtnetze, Schulbildung, Religion oder Kapitalismus einführten.

Historisch existierte Formalität in mächtigen europäischen Städten. Die Zerstörung des labyrinthartigen mittelalterlichen Paris durch Baron Haussmann und die Schaffung einer anmutig uniformen Stadt und Zivilisation, die größere militärische Kontrolle ermöglichte, wird oft als ein Vorreiter des Modernismus des 20. Jahrhunderts zitiert. Es versinnbildlicht die Zerstörung des Unbekannten oder „Chaotischen” im Namen der Ordnung.

Modernistische Architekten und Planer nutzten ihre Disziplinen, um die Natur zu kontrollieren, Bevölkerungen zu verwalten, und dem “Unhygienischen” und Überfüllten entgegenzuwirken.
Trotz dieser oftmals brutalen Bestrebungen gedeiht Informalität in Entwicklungsländern. Das südafrikanische Netzwerk für Wirtschaftsentwicklung hält fest, dass der informelle Wirtschaftssektor in Südafrika 28% des BIP ausmacht – das sind beinahe 70% des Gesamtbeitrags des Bergbausektors. Ähnlich zeigt die Volkszählung von 2011, dass beinahe zwei Millionen Haushalte in Südafrika vorwiegend in informellen Strukturen leben. Wenn die Einwohner nicht die Möglichkeit hätten, im informellen Wirtschaftssektor ein Einkommen zu verdienen, wäre die Armut in Südafrika extrem; und gleichzeitig wären Anwohner ohne Zugang zu formellem Wohnungsbau mittellos.

Aus diesen Gründen ist Informalität zu einem wichtigen Feld in Architektur- und Urbanistikstudien geworden. Es ist schwer, das zu studieren und verstehen, was außerhalb der Konventionen liegt; doch bei der Informalität geht es hauptsächlich um zwei Variablen, die mit dem richtigen Rückhalt und Willen dazu einfach zu fördern, unterstützen und replizieren sind: Einfallsreichtum und echte menschliche Ressourcen.

Inzwischen gibt es unzählige Beispiele erfolgreicher Kollaborationen zwischen Architekten und informellen Gemeinden weltweit. Glanzpunkte sind unter anderem: der inkrementelle Wohnungsbau von Elemental in Chile, das Torre David-Projekt von Urban Think Tank in Caracas, sowie Wohnbauprojekte in Indien und Kenia der „Society for the Promotion of Area Resource Center“. Die kolumbianischen Städte Medellín und Bogotá haben sich selbst neu erfunden, indem sie Formen von Informalität unterstützen und befähigen.

In Südafrika wurden kleine Schritte unternommen, um die Rolle der Informalität in unserer vielfältigen Gesellschaft und Wirtschaft anzuerkennen. Der politische Wandel von der Beseitigung hin zur Aufwertung informeller Siedlungen basiert auf der Annahme, dass erfolgreiche, nachhaltige Gemeinschaften entstehen, indem man in die drastische Verbesserung der sozialen und physischen Infrastruktur in informellen Siedlungen investiert, anstatt Häuser zur Verfügung zu stellen oder Anwohner umzusiedeln.

Jedoch könnte der Gesetzesentwurf zur Lizenzierung von Unternehmen drastische Auswirkungen auf den informellen grenzüberschreitenden Handel haben; als Folge davon könnten viele Händler ihr Einkommen im Namen der Formalisierung verlieren.
Politische Entwürfe beiseite, Anwohner informeller Siedlungen und informelle Händler sehen sich täglich konfrontiert mit Drohungen und Missbrauch durch Regierung und Polizei. Illegale Strom- und Wasseranschlüsse, Kriminelle und Kriminalität sind in informellen Umgebungen zu finden, und informelle Händler könnten Investoren abschrecken, weil sie eine Gegend ungepflegt aussehen lassen. Bessere Planung und Verwaltung durch alle Regierungsinstanzen können viel dazu beitragen, illegalen Aktivitäten entgegenzuwirken. Wenn ausreichende Infrastruktur bereitgestellt und verantwortliche Überwachung durchgeführt würde, dann müssten sich einige Anwohner nicht auf illegale Machenschaften verlassen.

Ein Verständnis vom Umfang der Informalität und dem Umgang damit bietet jungen Fachleuten enormes Potential, urbane Lebensbedingungen in der ganzen Welt zu verbessern.
Im Juli 2013 reisten Austauschstudenten aus Johannesburg für zwei Wochen nach Berlin.
Während viele Studenten und junge Fachleute Berlin mit dem Eindruck verließen, die Stadt gewähre keine Einsichten bezüglich Informalität, konnten andere ihr Verständnis dieses schwierigen Begriffs mithilfe der gezeigten Projekte vertiefen.

Viele sind sich darüber einig, dass verschiedene Arten von Informalität in Berlin bestehen: in Form einer Bürgerorganisation, spontanen Künstlerateliers, einem Zeltlager für Flüchtlinge oder einem Park, wo sowohl Flaschen wiederverwertet wie auch Drogen verkauft werden. Die Austauschstudenten sahen die Wurzeln dieser Projekte entweder im Wunsch begründet, institutionelle Leerräume zu füllen, oder informelle Ansätze zu nutzen um Alternativen zu aktuellen Situationen zu präsentieren.

Besonders interessant fanden die Teilnehmer aus Johannesburg den Prinzessinnengarten, ein Gemeinschaftsgarten auf einem offenen Grundstück in Berlin-Kreuzberg. Der Garten zeigt urbane Landwirtschaft auf Bürgerebene als Weg, die Einwohner Berlins zusammenzubringen zum Lernen und Wissensaustausch über Früchte- und Gemüseanbau in einer Stadt, wo die Mehrheit der Menschen in Wohnungen lebt.

Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des stillgelegten Flughafens Berlin Tempelhof, wo die unglaublich weiten Flächen der ehemaligen Landebahnen der Öffentlichkeit als Park zugänglich sind. 138 „Pioniere“ haben dort in drei abgegrenzten Gebieten informelle Projekte eingerichtet. Diese werden regelmäßig von einer Jury ausgewählt – unter anderem gibt es Sportanlagen, Gärten und Kindergärten.

Den sogenannten Pionieren wird das Land für einen festen Zeitraum kostenlos zur Verfügung gestellt, lediglich die Unterhaltskosten müssen sie zahlen. Oft werden hier elementare Strukturen geschaffen, doch permanente Gebäude sind nicht erlaubt. Hier wird der Informalität innerhalb eines strikten institutionellen Rahmens freie Hand gelassen.
Dies gab den Teilnehmenden aus Johannesburg Grund zum Nachdenken.

In Südafrika können die Ausdrucksformen der Informalität schnell, vorübergehend und hoch wirksam, innovativ und kostengünstig sein. Sie befähigen Einzelpersonen und Gemeinschaften, bis die Mühlen der Bürokratie endlich für sie aufkommen, und sie erlauben es Gruppen, Räume zu besetzen und alternative Wege aufzuzeigen, wie eine Gesellschaft funktionieren kann. Informalität gibt der Stadt große Flexibilität; sie erlaubt es Bewohnern ohne Unterkunft, sich selbst unterzubringen; denjenigen, die aus dem formalen Arbeitsleben herausfallen, weiterhin Geld zu verdienen; und jenen ohne formelle Qualifikationen, weiterhin einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Im November werden die Studenten aus Berlin Johannesburg besuchen, wo sie einige Zeit in einer informellen Siedlung verbringen werden. Die Lernerfahrung wird gänzlich unterschiedlich, aber wichtig sein, und der mögliche Nutzen für beide Städte unschätzbar.

Dieser Artikel ist zuerst am 3. September 2013 in der Financial Mail Südafrika erschienen.