Informelle Siedlungen: Die neue Stadtästhetik

Ponte de Villa du Gamek, Luanda, Angola 2009  2010
Ponte de Villa du Gamek, Luanda, Angola 2009 2010 | © Lard Buurman

Die Städte Afrikas sind ganz anders aufgebaut als diejenigen in Europa. Das neue Buch Rogue Urbanism widmet sich diesen einzigartigen Siedlungsgebieten.     

Als Titel für ein Buch über afrikanische Städte ist Rogue Urbanism: Emergent African Cities (Jacana Media) (dt. etwa: Skrupelloser Urbanismus: Aufstrebende afrikanische Städte) eingängig, treffend und subversiv zugleich, vor allem, wenn er vor dem Hintergrund des totalisierenden Eifers der Johannesburger Bürokraten betrachtet wird, die den großen Ehrgeiz hegen, Jozi in eine „afrikanische Stadt von Weltklasse“ zu verwandeln.

Herausgegeben wird Rogue Urbanism von Edgar Pieterse und AbdouMaliq Simone, zwei der wichtigsten afrikanischen Wissenschaftler, die sich mit dem Urbanismus im globalen Süden beschäftigen.

Pieterse hat alle Hände voll zu tun. Er ist Professor für Architektur, Planung und Geometrie an der Universität von Kapstadt und beteiligt sich nicht nur an Expertenbüchern, die für die Universität vorgesehen sind, sondern steht auch hinter Initiativen, die sich an den „durchschnittlichen“ Leser wenden. Er ist der Mann hinter The African Cities Reader, einer alle zwei Jahre erscheinenden Publikation mit Ntone Edjabe, dem Gründer der Zeitschrift Chimurenga magazine.

Im einleitenden Essay spricht Pieterse den Punkt an, dass „Urbanismus“ nur „durch verschiedene Medien, sei es in Form von Text, Ton, Visualisierung und Performance“ aufgegriffen werden kann. Sein 500 Seiten umfassendes Werk enthält daher Beiträge von einer Vielzahl von Wissenschaftlern, Fotografen, Architekten, Künstlern und Schriftstellern, die ein geschultes Auge für Städte wie Johannesburg, Maputo, Kinshasa und Dakar entwickelt haben.

An anderer Stelle räumt Pieterse ein: „Die afrikanischen Städte und Gemeinden sind von tiefen Krisen gezeichnet.“ Er argumentiert: „Das sichtbare Zeichen dieser Krise sind die unendlichen Weiten der informellen Siedlungen ...“ und fügt pointiert hinzu, dass „informelle Siedlungen im Großen und Ganzen die echten afrikanischen Städte sind“.

Man fragt sich demnach, was Johannesburgs Slogan „afrikanische Stadt von Weltklasse“ wirklich bedeutet. Sie könnte nie in die Fußstapfen anderer „Städte von Weltklasse“ wie New York, London und Mailand treten – aus dem einfachen Grund, dass sie in Afrika liegt. Ihre Gebäude sind von einer anderen Geschichte geprägt, die Gassen von einer anderen Art von „Tsotsis“ (Kriminellen) bedroht und die unterirdischen Flüsse und Abwasserkanäle mit anderen Schadstoffen verseucht.

Dies ist der Gedankengang, mit dem sich Place Resists: Grounding African Urban Order in an Age of Global Change (dt. etwa: Der Lebensraum wehrt sich: Fundamentlegung für die afrikanische Stadtordnung im Zeitalter des globalen Wandels), das Werk des preisgekrönten Architekten Matthew Barac, auseinandersetzt.

Das Ideal der „Weltstadt“, so argumentiert er, „bedeutet in den ärmeren Ländern oder Entwicklungsländern die Nachbildung der modernistischen Stadt in vereinfachter Form für [eine] … internationale Klientel“.

Die französische Theoretikerin Dominique Malaquais und der in Kapstadt lebende Künstler Kadiatou Diallo haben zusammen ein Essay mit dem Titel Igniting Sparck verfasst. Wenn ich in einem Satz zusammenfassen müsste, worauf sie anspielen, würde ich sagen: „Die Afrikaner gehen die Sache geschickt an.“ Die beiden beziehen sich auf die internationalen Verflechtungen, die afrikanische Geschäftsmänner mit der übrigen Welt etabliert haben. Der andere Eckpfeiler, der das Gebäude des Werkes stützt, ist die Organisation Space for Pan-African Research, Creation and Knowledge (Sparck). SPARCK baut Netzwerke auf und fördert die Zusammenarbeit, die die Entwicklung alternativer „Stadträume und Zukunftsszenarien“ vorantreiben soll.

Für viele unserer Städte ist die Vorstellung einer Zukunft schwierig, wenn, wie von dem Stellenbosch-Wissenschaftler Mark Swilling beobachtet wurde, deren Lebensgrundlage jährlich von 54 Milliarden Tonnen Baumaterial und 500 Exajoule Energie abhängt.
In einfachen Worten ausgedrückt lautet sein Argument, dass wir eine nachhaltige Möglichkeit finden müssen, unser Wasser und unsere Energie zu verwenden sowie unsere Abfälle zu entsorgen und wiederzuverwenden.

Das Buch zeigt, ganz gleich in welcher Gestalt, eine Tendenz zum Technokratentum, und doch gestattet es keine unverständlichen Antworten und Beiträge. Dies könnte mit der klar greifbaren Fragestellung zu tun haben, die es einem nicht wirklich erlaubt, abzuschweifen. Gegen Ende des Buches fragt Pieterse beispielsweise den Architekten Mokena Makeka: „Was können Architektur und Städtebau uns in Bezug auf das Verständnis der Informalität und des wachsenden Urbanismus in Afrika bieten?“

Obwohl Makekas Stil manchmal affektiert und spärlich wirkt, stellt er unmissverständlich klar, dass Architektur und Städtebau von einem gemeinsamen Ziel untermauert werden, nämlich von der Verbesserung der funktionalen und emotionalen Leistung der Umwelt, sowohl in Bezug auf die Natur als auch auf den Menschen. In einem Buch mit über 30 Beiträgen sollte man nicht vergessen, das Werk der kenianischen Wissenschaftlerin Caroline Wanjiku Kihato über das Umdenken der städtischen Verwaltung durch den Alltag der Migrantinnen in Johannesburg zu nennen. In vielerlei Hinsicht ist das Essay gespickt von dieser Ästhetik des Verwahrlosten, von der das ganze Buch berichtet. Seine Subjekte bewohnen die Schatten. Ohne offizielle Dokumente, die belegen, dass sie sich legal im Land aufhalten, haben sie ständig ein Auge auf die Waren, die sie verkaufen, und eins auf die Polizeibeamten.

Ein weiteres bemerkenswertes Essay ist Simones Beitrag über die Umarbeitung der städtischen Wirtschaft in Kinshasa, vor allem der Abschnitt, der eine Bande von Unternehmern, Dealmakern und Rohstoffspekulanten, bekannt als Kasa-Vubu Bloods, dokumentiert.
Ich habe den wissenschaftlichen Beiträgen viel Zeit gewidmet, doch das Buch ist mehr als das. Es enthält eine Reihe von schönen Fotografien von Kutlwano Moagi. Mit Aufnahmen, die wirken, als wären sie auf der Flucht gemacht worden, verweist das Werk auf die Viertel, das Licht und den schieren „Stadtcharakter“ von Johannesburg.

Wenn Pieterse sagt, dass Afrika seine städtische Bevölkerung von 294 Millionen Einwohnern im Jahr 2000 auf 742 Millionen bis zum Jahr 2030 mehr als verdoppeln wird, kann man es sich nicht recht vorstellen. Es ist schwierig, weil die meisten von uns nie mehr als 100.000 Menschen auf einem Schlag in einer geschlossenen Ortschaft gesehen haben. Es fällt daher schwer, sich eine visuelle Vorstellung von diesem Phantombild zu machen. Es fällt schwer, bis Sie Akintunde Akinleyes Fotografien von Lagos sehen, einer Stadt mit 16 Millionen Einwohnern. Um sich diese Zahl vorstellen zu können, bedenken Sie: Simbabwe hat eine Gesamtbevölkerung von etwa 13 Millionen. Akinleye fängt die dichte städtische Topographie ein, die viele Menschen beherbergt. Doch er verweist auch auf die prekären Existenzen, die sinnbildlich am Rande eines Wasserfalls leben. Anstatt die Vorlagen für zukünftige Städte in Europa und Nordamerika zu suchen, sollten wir auf uns selbst schauen. Dies scheint die Erkenntnis zu sein, die Philosoph Josep Subirós in seinem Brief, einem Nachwort zu dem Buch, vermittelt.

Die Finanzkrise, die die "ökonomischen Gewissheiten in der ganzen Welt" in Frage stellte, hat die "Absurdität und Zerbrechlichkeit des Systems offengelegt, das wir errichtet haben, sowie die parallele Absurdität, ständig zu versuchen, es nach dem Leitsatz ‚Urbi et Orbi‘ [der Stadt (Rom) und dem Erdkreis] durchzusetzen", argumentiert Pep Subirós.

Was für Europa mit seinen unrechtmäßig erwirtschafteten Gewinnen funktioniert hat, wird nicht für Harare, Maputo, Lusaka, Nairobi und Yaoundé funktionieren. Um Frantz Fanons Mantra zu missbrauchen: "Wir sind unser eigenes Fundament."

Dieser Artikel ist zuerst im Mail&Guardian am 29.11.2013 erschienen.