Pendler Rush Hour Rest Stop

Rush Hour / raumlabor in Durban
Rush Hour / raumlabor in Durban | © Roger Jardine

Ein Trampelpfad neben der hektischen Autobahn N3 in Durban bekommt eine Überdachung aus ausgeschlachteten Autokarosserien, damit werden die alltäglichen Praktiken der lokalen Pendler anerkannt.

Kurz bevor die N3 den letzten Küstenkamm überwindet, der sich um Durbans Zentrum windet, passiert die viel befahrene Autobahn die Nordgrenze von Cato Manor, einem sehr bekannten Wohnviertel mit tragischer Vergangenheit. Auf einem Stück Land direkt neben der Autobahn, das die Einheimischen Umkhumbane nennen, wird gerade eine ungewöhnliche Überdachung gebaut, die an einen Pavillon erinnert. Die simple Balkenkonstruktion ist mit einem Dach aus ausgeschlachteten Karosserien alter Autos gemacht, die von den vielen Schrottplätzen der Stadt stammen, und sieht aus wie ein fünfspuriger Verkehrsstau. So speziell sie ist, so praktisch ist diese Konstruktion allerdings. Sie dient den Anhaltern, die sich hier versammeln, bevor sie sich langsam hinunter zum Straßenrand begeben und den Daumen heben, um ein Auto in die Stadt anzuhalten, als Schutzdach. Doch dieses Schutzdach ist auch ein Experiment, ein sichtbares architektonisches Zeichen, das einen öffentlichen Dialog anstoßen soll, wenn Architekten aus der ganzen Welt sich in Durban demnächst wieder zum Kongress der Union Internationale des Architectes (UIA) treffen, der alle drei Jahre stattfindet.


Der diesjährige UIA-Kongress tagt in Durban (3. bis 7. August) und zum ersten Mal wird dieses wichtige Branchentreffen, das bis ins Jahr 1948 zurückreicht, in einem Land südlich der Sahara abgehalten. Neben dem offiziellen Programm, zu dem programmatische Reden des japanischen Architekten Toyo Ito und dem Stadtplaner Rahul Mehrotra von der Universität Harvard gehören, wird ein lebendiges Rahmenprogramm mit kulturellen Veranstaltungen geboten. Koordiniert von dem Architekten und Aktivisten Doung Jahangeer aus Durban und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut bringt das Projekt Interface 2012-14 eine Reihe Praktiker aus verschiedenen Ländern und Fachbereichen zusammen. Neben einer brasilianischen Gruppe von Filmemachern und Tänzern aus Marseille zeigt die Interface 2012-14 auch Beiträge der Graffitikünstlerin Faith 47 aus Kapstadt und von Raumlabor, einem experimentellen Berliner Architekturbüro, das sich das Schutzdach am Straßenrand in Cato Manor ausgedacht hat.

Dass Raumlabor sich an diesem Projekt beteiligte, war die Folge einer Einladung zu einem Spaziergang. Letztes Jahr besuchte Jan Liesegang, ein in Köln geborener Architekt, der Raumlabor 1999 mit gegründet hat, Durban, um sich mit Jahangeer zu treffen. Statt Liesegang die Architektur im viktorianischen Kolonialstil und die Art-déco-Bauten in seiner Wahlheimatstadt zu zeigen, nahm Jahangeer, der 1992 aus Mauritius zum Architekturstudium nach Durban kam, ihn mit auf einen Spaziergang. Jahangeer bietet seit 13 Jahren Spaziergänge an, die den Fußgängerwegen folgen, auf denen die mittellosen Einwohner von Cato Manor in die Stadtmitte von Durban gelangen.
 
„Der Stadtspaziergang ist eine investigative Reise, eine ausgelassene Erkundung und zugleich eine Erzählung, die einen demütig und achtsam werden lässt, eine Allegorie auf die unendlichen Komplexitäten von Räumen und Zeitabläufen in der Stadt Durban“, beschrieb Jahangeer in einer Werbebroschüre seinen Spaziergang, als ich ihm 1994 zum ersten Mal begegnete. Schon damals hatte Jahangeer eine klare Vorstellung davon, worum es bei seinem Spaziergang geht. Sein sinnlicher und zielbewusster Mäander war weder touristisch entrückt noch eine pseudointellektuelle Exkursion. Es war ein offenes und erkundendes Ereignis, auf eigene Art idealistisch, aber auch zutiefst respektvoll gegenüber den Mühen der arbeitenden Stadtbewohner, die sich durch eine sich immer weiter ausdehnende und motorisierte Stadt nach der Apartheid bewegen, die bis heute von sozialen Spaltungen geprägt ist.
 
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  •  Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  •  Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - sketch of the roof construction Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - sketch of the roof construction
  • Rush Hour - Doung Jahangeer of dala projects Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - Doung Jahangeer of dala projects
  • Rush Hour - at the workshop Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - at the workshop
  • Rush Hour - public opening Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - public opening
  • Rush Hour - pedestrians hitching a hike along N3 Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - pedestrians hitching a hike along N3
  • Rush Hour - public opening Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - public opening
  • Rush Hour - public opening Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - public opening
  • Rush Hour - public opening Foto: © Roger Jardine
    Rush Hour - public opening
  • City Walk with Doung Anwar Jahangeer © Goethe-Institut, Foto: Benjamin Keuffel
    City Walk with Doung Anwar Jahangeer
  • City Walk with Doung Anwar Jahangeer © Goethe-Institut, Foto: Benjamin Keuffel
    City Walk with Doung Anwar Jahangeer
Erst jetzt, 13 Jahre später, so Jahangeer, verstehe er seinen Stadtspaziergang wirklich. „Ich musste 13 Jahre spazieren gehen, immer das Gleiche machen, damit etwas an die Oberfläche kommt“, erklärt er. „Wir als Architekten sind so getrieben von der Vorstellung, Probleme zu lösen, von der Rationalität unseres Lebens und unserer Bewegung durch den Raum, von unserer Kategorisierung des Raums, dass wir vergessen haben, dass Raum etwas Magisches ist.“ Während er sich durch das urbane Geflecht des historischen Stadtkerns von Durban treiben lässt, sagt Jahangeer, er habe diese Magie nicht nur gespürt, er wisse jetzt auch die improvisierte Art der Nutzung einer Stadt, vor allem durch ihre Armen, zu schätzen.Jahangeer hat diese Lehren in den letzten Jahren in Projekte übersetzt, die die Grenzen zwischen Produktdesign, Stadtplanung, Kunst und Kultur verschieben und infrage stellen. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist Jahangeers Spaza-De-Move-On, ein zusammenklappbarer Verkaufsstand auf Rädern, der abgestellt auch einen Stuhl für den Benutzer bietet. Damit gewann er 2009 den South Award bei der Designkonferenz Indaba. „Das ist ein Element, das aus der Beziehung zu einem Mann entstand, den ich damals schon zehn Jahre kannte“, sagt Jahangeer. Die tiefe Erkenntnis, die er gewonnen habe, fügt er hinzu, habe ihn den Wert eines „eingebetteten Prozesses“ gelehrt, der auf Wiederholung und Wiederkehr beruht.
 
„Die größere Vision ist nun, das Konzept einer Architektur ohne Wände zu entwickeln“, sagt Jahangeer, der seit vielen Jahren sowohl allein als auch als Mitglied des interdisziplinären Kollektivs Dala in Durban arbeitet (das Wort stammt aus der Sprache der Zulus und bedeutet „machen oder erschaffen“). Die Zusammenarbeit von dala, UIA und Raumlabor ist nur folgerichtig. Künstlerisch sehr einfache architektonische Experimente sind der Kern der Arbeiten beider Gruppen. So hat Raumlabors Schutzdach in Cato Manor sogar einen offiziellen Titel: Rush Hour (Hauptverkehrszeit) – Anerkennung alltäglicher Praktiken. Beide Gruppen zieht es auch zu urbanen Zwischenräumen, die sie als Labors nutzen, um neu über zeitgemäße Urbanität nachzudenken.
 
„Wir fühlen uns meist von schwierigen Orten angezogen", sagt Samuel Carvalho, der sich für den Bau des Schutzdachs von Raumlabor in Cato Manor mit Marius Busch und einem Hersteller in Chatsworth zusammengetan hat. „Es ist schwer zu definieren, aber es ist nicht der Hauptplatz. Uns interessieren mehr die vergessenen, verwahrlosten und unerforschten Räume. Es geht darum, Inseln mit Potenzial zu finden, z. B. unter einer Schnellstraße oder zwischen zwei Gebäuden.“ Busch, der mit neugieriger Faszination von Durbans ungezügelter Autokultur und den vielen Autofriedhöfen überall am Stadtrand spricht, fügt hinzu, dass für Raumlabor weniger die formale Typologie als vielmehr die „Komplexität“ einen Ort interessant mache.
 
Er erwähnt das vom Kollektiv umgesetzte Projekt ­Halle-Neustadt, eine 1967 in der ehemaligen DDR geplante und gebaute Stadt, die nach der Wiedervereinigung um ihr Überleben kämpfte. Eher im Geist der Forschung denn als Problemlösung gedacht, intervenierte raumlabor in der Stadt, indem die Gruppe ein ehemaliges Studentenwohnheim in ein Hotel bzw. eine „Hochhausfavela“, wie sie es nannte, umwandelte. Das Kollektiv fördert auch ein Recyclingprojekt, das alte Türen von zum Abriss vorgesehenen Sozialbauten einsammelt. Obwohl Cato Manor das Produkt einer vollkommen anderen Vergangenheit ist, hat es einige grundlegende Eigenschaften mit Halle-Neustadt gemein: Es ist ein schwieriger Ort mit einer belasteten Vergangenheit.
 
Indische Bürger Durbans ließen sich dort Mitte des 19. Jahrhundert nieder, im frühen 20. Jahrhundert zogen dann viele vorwiegend Zulu sprechende Schwarze dorthin und mieteten Grundstücke. Im Zusammenleben der Rassen kam es manchmal zu Spannungen. Der Angriff von Zulu-Einwohnern auf indische Einwohner im Jahr 1949 war der Auftakt zu weiterer Gewalt, dazu gehören auch die durch Alkoholschmuggler angefachten Aufstände ein Jahrzehnt später. Auch die Zwangsumsiedlung von Nichtweißen aus dem Gebiet zwischen 1958 und 1963, nachdem es als Wohngebiet für Weiße ausgewiesen wurde, zog Tote nach sich und hatte für viele Familien dauerhaft verheerende Folgen.
 
Aber Cato Manor oder Umkhumbane ist im Wandel begriffen. Es wurde neu besiedelt und hat jetzt einen Gemeindesaal und ein Konferenzzentrum. Die Autowaschanlagen dort sind pulsierende Zentren, um gesellschaftliche Kontakte zu pflegen, was Jahangeer sehr erstaunte, als er das während der Wiederholung des Projekts Interface 2012 entdeckte. Diese neue Einsicht veranlasste ihn dazu, fest verwurzelte Vorstellungen von öffentlichem Raum in Südafrika durch einen verjüngten öffentlichen Platz mit einem Hauch Kunst zu hinterfragen. Vielleicht, so regen seine Mitstreiter aus Berlin an, ist ein eigenwilliges Schutzdach, gebaut auf verwahrlostem Grund direkt neben einer viel befahrenen Autobahn und hauptsächlich von Anhaltern genutzt, eine gültige Form öffentlichen Raums.
 
Durbans Stadtverwalter, die seit einiger Zeit mit illegalen Bewohnern von River View, einem Hausbauprogramm für Geringverdiener in Cato Manor, im Konflikt liegen, können diesem Vorschlag jedenfalls durchaus etwas abgewinnen. Als ein Vertreter der UIA Raumlabors Plan für den Bau einer offiziellen Konstruktion, die eine inoffizielle Praxis anerkennt, vorstellte, zögerte die Stadtverwaltung nicht lange; das Projekt bekam rasch grünes Licht.