Eine Tagung zum Bauen in Afrika Nirgends wachsen die Städte schneller

Afritecture Konferenz in München, 2013
Afritecture Konferenz in München, 2013 | Foto: Simone Bader

Mit dem Wort fängt es an. Als die Architektin und Schriftstellerin Lesley Lokko das Red Location besuchte, ein Museum über Apartheid mitten in einer der ältesten Townships außerhalb des Zentrums von Port Elizabeth, Südafrika, fiel ihr eine Unregelmäßigkeit in der Beschriftung auf. 

Alle Wegweiser – zum Museumsausgang, Museumsshop, Museumscafé – waren in mehreren Sprachen ausgeführt, aber anders als im Englischen oder in Afrikaans tauchte in Xhosa, der lokalen Sprache, bei jeder Markierung eine andere Umschreibung für Museum auf. Warum? „Weil wir dafür kein Wort haben“, so das Aufsichtspersonal. Ein Museum sei eben vor allem ein Haus für Weiße und Touristen.

Heißt das nun, in Afrika sollten keine Museen gebaut werden? Ganz bestimmt nicht. Doch die kleine Anekdote auf dem zweitägigen Symposium über Bauen in der Subsahara, das im Rahmen der Ausstellung „Afritecture“ im Münchner Architekturmuseum jüngst stattfand, verdeutlicht, wie schwierig und konfliktbeladen es nach wie vor ist, Projekte auf dem Kontinent zu realisieren, die wirklich dem gerecht werden, was der jeweilige Ort auch braucht. Oder wie Lien Heidenreich-Seleme, die für das Goethe-Institut die Kulturprogramme in Südafrika leitet, sagte: „Wir sollten uns fragen: Für wen machen wir es eigentlich? Für die Gemeinschaft oder doch für uns selbst?“ Die Gründe für letzteres seien dabei zahlreich. Schuldgefühle aufgrund der kolonialen Vergangenheit, Geld, das NGOs ohne bestimmte Auflagen zur Verfügung stellen, oder auch die Möglichkeit, „unseren Architekturstudenten einen Spielplatz für ihre Ideen zu bieten – egal, ob das Gebäude danach benützt wird oder nicht“.

Die Kritik trifft. Das Interesse von westlichen Universitäten an sogenannten Design-Build-Projekten wird seit einigen Jahren immer größer. Im Rahmen des Studiums realisieren die angehenden Architekten dabei ein Gebäude vom Entwurf bis zur Fertigstellung. Das ist natürlich in Ländern wie Kenia, Kongo oder Ghana einfacher als in Deutschland oder in der Schweiz, wo Kosten und Baugesetz schier unüberwindbare Hindernisse darstellen. Nur: Wie garantiert man, dass die Gebäude nicht nur den Studenten praktische Einblicke in den Bauprozess liefern, sondern auch langfristig positive Auswirkungen auf ihre Umgebung haben? Schließlich suchen die betreuenden Professoren bewusst arme Regionen für ein Design-Build-Projekt aus, Orte, die sonst keine Schule, kein Ausbildungszentrum oder keine Krankenstation hätten. Nur hilft der ökologisch nachhaltigste Bau wenig, wenn die Nutzung danach nicht gesichert ist oder später Technik und Know-how fehlen, wenn Reparaturen anfallen.

Die Frage, welche Architektur Afrika tatsächlich braucht, stellt sich aber vor allem dem Kontinent selbst, der eine Urbanisierung von bislang unbekannten Ausmaßen erlebt; sie übertrifft sogar Asien. Die städtische Bevölkerung verdoppelt sich innerhalb einer Generation. Doch wie die eine Million neuen Häuser aussehen sollen, die etwa Angola in den nächsten vier Jahren baut, dazu gibt es keine neuen Ideen, genauso wenig wie für die Städte, die durch den Bauboom entstehen werden. Von dem profitiert bislang vor allem das Ausland. Mit fatalen Folgen: In Äthiopien gehen 80 Prozent des Handelsdefizits zurück auf die Einfuhr von Zement, Stahl, Glas und Baumaschinen. Solche Materialien benötigt man nur, weil man den Westen kopiert.

„Wir müssen die architektonischen Prototypen neu definieren, um sie an das afrikanische Maß anzupassen“, so Angela Christina Mingas, die über historische Stadtquartiere in Angolas Hauptstadt Luanda forscht. Wie kann etwa eine Straße aussehen, die den in Afrika allgegenwärtigen Straßenhandel zulässt ohne den Verkehr zu behindern? Für eine Metrostation zumindest hat der südafrikanische Architekt Luyanda Mpahlwa eine Antwort gefunden. Sie räumt kleinen Ständen Platz ein und kann im Notfall trotzdem evakuiert werden. Die Suche nach neuen Formen hat erst begonnen.