Der rote Mercedez Benz Simon Gush erkundet das demokratische Südafrika

Simon Gush - RED
Simon Gush - RED | © Masimba Sasa / Goethe-Institut Johannesburg

Der Künstler Simon Gush redet über den roten Mercedes-Benz, den Arbeiter Nelson Mandela im Jahr 1990 schenkten, den darauf folgenden Streik in der Produktionsanlage des Autoherstellers und wie es um die Machtverhältnisse nach 20 Jahren Demokratie bestellt ist.

Simon Gush, woher kommt Ihre Faszination für den roten Mercedes-Benz, den Arbeiter Nelson Mandela im Jahr 1990 schenkten? 

2011 hatte ich gerade eine Ausstellung abgeschlossen, die sich mit dem ideologischen Graben befasste, der bei Cosatu (Kongress der südafrikanischen Gewerkschaften) sichtbar geworden war. Ein paar Wochen nach der Ausstellung war ich zu meinen Eltern nach Pietermaritzburg gefahren. Auf der Rückfahrt vom Flughafen in Durban erzählte mir mein Vater vom Streik in der Mercedes-Benz Produktionsanlage. Ich war von diesem Streik fasziniert und stellte Nachforschungen an. Dabei fand ich heraus, dass das Auto nur Monate zuvor für Mandela gebaut worden war. Die Kombination aus dem Streik und dem Geschenk an Mandela interessierte mich, weil es irgendwie nicht ganz zusammenpasste. Die beiden unabgeschlossenen Geschichten faszinierten mich.

Für Ihre Ausstellung RED drehten Sie zusammen mit James Cairns einen neuen Dokumentarfilm, der den individuellen Geschichten einiger beteiligter Leute folgt. Sie sprachen hauptsächlich mit Arbeitern, dem Management, sowie mit damaligen Vertretern der Gewerkschaft. Welche persönliche Geschichte hat Sie am meisten berührt und weshalb? 

Es ist schwierig, eine einzige Perspektive auszuwählen, denn im Dokumentarfilm geht es um das Zusammenspiel zwischen allen beteiligten Parteien. In dieser Geschichte gibt es keine Guten oder Bösen; es geht um die verschiedenen Seiten, die versuchten, einen Weg zu finden – was sie erstaunlicherweise schafften. Wir haben eine Menge Interviews geführt und nicht jeder Gesprächspartner und jede Geschichte konnten in den Film aufgenommen werden. Manchmal mussten wir aus Zeitgründen einige der Passagen weglassen, die mir am besten gefallen haben. Ich glaube, das berührt mich am meisten – so viele persönliche Geschichten gehört zu haben, die es nicht alle in den Film schafften.

Nach 20 Jahren Demokratie in Südafrika werden Streiks immer noch als Mittel genutzt, um raschen Wandel zu fordern. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach der Streik bei Mercedes-Benz im Jahr 1990 mit kürzlichen Streiks vergleichen, zum Beispiel mit den sehr gewalttätigen Ereignissen in Marikana?

Ich denke, wir vergessen oft, dass Streiks ein letzter Ausweg und für beide Seiten hart sind. Ein streikender Arbeiter wird nicht bezahlt und es kann Jahre dauern, bis er das verlorene Geld wieder eingespielt hat, sogar wenn die geforderten Leistungen gewährt wurden. Ein Streik ist nicht unbedingt ökonomisch; es ist eher ein Prozess, bei dem Arbeiter etwas Macht erlangen, um mit der Geschäftsleitung auf Augenhöhe zu reden. Während ich die Ausstellung vorbereitete, wurde mir klar, dass Streiks weiterhin auftreten werden, solange die Ungleichheit in unserem Land so groß ist. Es ist schwierig, aus einer Position sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit heraus zu verhandeln; und unter diesen Voraussetzungen werden Streiks immer auch eine politische Dimension haben.

Interessanterweise konnte Mercedes-Benz die Produktionsanlage in East London zu einer der weltweit effizientesten machen, indem sie in die Arbeiter investierten; nicht nur durch das Gehalt, sondern durch Ausbildung und Unterkunft. Dies gab den Arbeitern die Stabilität, um zu verhandeln. Ich denke, wir ignorieren noch immer oft die Ursachen des Arbeitskampfes.

In einem der Interviews machte mich Thembaletu Fikizolo darauf aufmerksam, dass der Streik und Marikana beide an einem 16. August stattfanden. Das ist ein interessanter Zufall, doch ich denke nicht, dass wir zu viel hineininterpretieren sollten.

Sie haben gesagt, der rote Mercedes-Benz “symbolisierte viele der Bestrebungen und Spannungen eines wichtigen Übergangsmoments in Südafrika”. Nach 20 Jahren Demokratie und anlässlich des aktuellen Wahljahres steht uns ein weiterer Übergangsmoment bevor. Wie empfinden Sie diesen Meilenstein? 

Jahrestage sind wichtig, weil sie Selbstreflexion hervorrufen. Ich finde, dieser Moment hat einige Parallelen zum Jahr 1990 (als der Streik stattfand), eher als zu 1994, als die ersten demokratischen Wahlen stattfanden. Wir befinden uns am Ende einer Ära, die abgeschlossen werden muss, bevor wir weitergehen können. Ich freue mich sehr über die Gerüchte über eine neue Linksbewegung, die aus der Numsa (Nationale Metallarbeitergewerkschaft) hervorgeht.

Können Sie uns etwas sagen zur Entwicklung der Machtverhältnisse zwischen Arbeitern und Geschäftsleitung (in ausländischen Unternehmen in Südafrika) seit dem Moment im Jahr 1990, mit dem sich Ihre Arbeit RED auseinandersetzt? 

Trotz der Fortschritte, die dank dem Arbeitsgesetz von 1995 gemacht worden sind, ist die Macht immer noch beim Management. Die vielen Streiks, die wir sehen, sind ein Zeichen dafür, dass das Machtverhältnis nicht ausgewogen ist. Für Arbeiter ist es schwer, Macht auszuüben in einer Situation, in der die Arbeitslosigkeit so hoch ist. 1990 hatten die Arbeiter in der Produktionsanlage von Mercedes-Benz wegen der militanten Gewerkschaften eine Menge Macht; doch dies muss im Kontext der Apartheid-Gesellschaft betrachtet werden. Macht kann nicht isoliert in der Produktionsanlage gesehen werden, sondern muss in den Zusammenhang der breiteren Gesellschaft gestellt werden.

Nelson Mandela, diese überlebensgroße Ikone und gleichzeitig der Empfänger des roten Mercedes-Benz, verstarb im Dezember 2013. Glauben Sie, das Auto und der Mann werden weiterhin Symbolcharakter bewahren oder werden diese Werte sich mit der Zeit verschieben oder gar in Vergessenheit geraten?

Ich glaube, das Auto funktionierte wegen seiner Mehrdeutigkeit gut als Symbol. Jeder konnte eine andere Bedeutung hineininterpretieren – eine Projektionsfläche für die Wünsche der Menschen. Nelson Mandela ist als Mann immer noch ein sehr aktives Symbol. Das Symbol war für viele Jahre getrennt vom Mann wahrgenommen worden; wahrscheinlich war das schon immer so gewesen. Dies bedeutet wiederum, dass die Leute ihre Wünsche auf ihn projizieren können. Ich denke, das ist Teil des Grundes, weshalb sein Symbolwert noch für eine lange Zeit erhalten bleiben wird. Wir brauchen Menschen, auf die wir unsere Wünsche projizieren können.

Für RED haben Sie die Uniformen der Streikenden vom lokalen Designer Mokotjo Mohulo machen lassen. Sie scheinen den Uniformen einen großen Symbolcharakter zuzuschreiben. Heute sehen wir Julius Malema und seine Parteikommillitonen rote Baskenmützen tragen. Uniformen als Zeichen des Widerstands? Wie sehen Sie das im Zusammenhang mit RED?

Die Uniformen, Betten und sogar das Auto waren für mich interessant als Momente, in denen die Produktionsanlage für andere Zwecke genutzt wurde. Anstatt Autos zu fertigen, die an Kunden verkauft werden, nutzten die Arbeiter die Anlage, um etwas für sich selbst herzustellen. Obwohl das Auto die gleichen Produktionsschritte durchlief, unterschied es sich konzeptuell von den anderen Autos. Die Betten waren für die Besetzung der Anlage notwendig; die Arbeiter mussten irgendwo schlafen. Die Zweckentfremdung von Materialien ist ein kreativer Akt. Den wollte ich hervorheben. Die Streikenden nutzten Materialien aus der Fabrik, um sich selbst sichtbar zu machen – das finde ich interessant. Ich will den Streik als solchen nicht verherrlichen – er war destruktiv, doch es gibt auch andere Aspekte, die unterschiedliche Produktionsansätze aufzeigen.

Sie befassen sich in Ihrer künstlerischen Praxis mit soziopolitischen Themen – welche anderen Themen interessieren Sie?

Zurzeit drehen sich meine Arbeiten größtenteils um das Konzept der “Arbeit”. In RED geht es um einen historischen Augenblick, den ich faszinierend finde und der erzählt werden musste. Meistens befasse ich mich mit dem Thema Arbeit aus einem eher persönlichen Blickwinkel. Ich beschäftige mich mit ideologischen Konzepten von Arbeit und den Dingen, die mir durch den Kopf gehen, während ich arbeite. Die meiste Zeit verbringe ich mit Jobs, die nicht künstlerischer Natur sind; daher macht es für mich Sinn, diese Erfahrungen für meine Kunst zu nutzen. Die Arbeit macht mehr Spaß, wenn ich sie als Forschung für meine Kunst betrachte. Da wir in einer kalvinistischen Gesellschaft leben, reden wir nicht viel darüber, aber die meiste Arbeit ist bedeutungslos, repetitiv und langweilig.

Sehen Sie sich als politischen Künstler?

Als ich jünger war schon, jetzt nicht mehr so sehr. Ich mache die Arbeit, die ich am interessantesten finde. Es ist nur so, dass mich unpolitische Themen wenig interessieren.
 

Die Ausstellung RED ist von 27.03.2014 bis 16.05.2014 in der Galerie des Goethe-Instituts zu sehen.