Fotografie "Another Country" erkundet Porträtfotografie

Chris Hani 1992
Chris Hani 1992 | © Rainer Leist

Begleitet von einer Ausstellung erkundet ‚Another Country‘, der neue Bildband des Fotografen Reiner Leist, die Porträtfotografie.

Reiner Leists neuer Fotoband ‚Another Country‘ trägt denselben Titel wie die englische Übersetzung des in Afrikaans verfassten Romans ‚'n Ander Land‘ von Karel Schoeman aus dem Jahre 1984. Letzterer erzählt die Geschichte eines schwindsüchtigen holländischen Reisenden, Versluis, der auf der Suche nach einem Heilmittel nach Bloemfontein reist.

Die erste Übersetzung erschien 1991, als Leist 27 Jahre alt war. Im Gegensatz zu Versluis strotzte Leist damals vor Gesundheit und war während seines sechsjährigen Aufenthalts in Südafrika nicht an eine bestimmte geografische Lage gebunden.

In dieser Zeit machte er sich hartnäckig daran, jeden einzelnen, der an dem Kampf beteiligt war, zu treffen und zu fotografieren. Neben den Aktivisten Helen Joseph und Amina Cachalia fotografierte Leist 1991 Desmond Tutu in seiner Residenz in Bishopscourt und Albertina und Walter Sisulu vor ihrem Haus in Orlando West.

Ein Jahr darauf brachte er ein herzliches Porträt eines rundgesichtigen Chris Hani heraus, der sich vor der Flagge der Kommunistischen Partei Südafrikas niedergesetzt hat, und ein weiteres Jahr später fotografierte er Nelson Mandela.

Farbporträts

Letzteres Porträt, eine nüchterne Schwarz-Weiß-Studie über einen erfahrenen Politiker kurz vor der Seligsprechung, erscheint auf dem Cover von Leists neuem Buch. Schwarz-Weiß ist zweifelsohne Leists Metier; die neuen Farbporträts, die seine Personenstudien von vor zwanzig Jahren ergänzen, sind weitaus weniger eindrucksvoll.

Er hat oft mit dem gleißenden hiesigen Tageslicht zu kämpfen. Viele seiner Farbfotos, einige von denselben Menschen, die er in den frühen Neunzigerjahren getroffen hat, werden von einer verhängnisvollen Eintönigkeit beschwert, die oft auf die matten Farbtöne an den Plätzen zurückzuführen ist, an denen er seine jüngsten Fotos geschossen hat.

Unter den besonders bemerkenswerten Porträts in einem Buch voller Studien über unsere politische und künstlerische Aristokratie sind Leists Studien über gewöhnliche Südafrikaner. Frauen wie Glory Badirileng Maebela, die er fotografierte, als sie 1992 vor ihrem Haus im ländlichen Mpumalanga saß und ihre Zwillinge Thereso Evens und Nnete Yvonne stillte.

Das Porträt erschien ursprünglich auf dem Cover seines Buchs ‚Blue Portraits‘ (1996), das ebenso wie ‚Another Country‘ eine enge Verbindung zwischen Bild und Text aufbaut. In beiden Büchern finden sich ausführliche Interviews mit den Porträtierten, wobei sich Leists neues Buch darin unterscheidet, dass er den Porträtierten ermöglichte, von damals bis heute zurückzublicken. “Als die Kinder klein waren, ging es ihnen gut, aber mein Sohn Thereso leidet darunter, dass wir kein Geld haben, um ihn aufs College zu schicken.”, erzählt Maebela Leist 2010; ein Jahr, nachdem er damit begonnen hat, die vielen Menschen aufzuspüren, die er in den frühen Neunzigerjahren fotografierte.

Seltsame Mischung

Ihre Geschichte von Kummer und Erfolglosigkeit zieht sich durch das Buch, ebenso wie der allgemeine Konsens, dass unsere Politiker korrupt sind und der größte messbare Gewinn seit 1994 die grundlegende Freiheit ist, dorthin gehen zu dürfen, wo man will.
Nicht jeder, den Leist ausfindig zu machen versuchte, weilt noch unter uns, darunter Hani, Sisulu, Mandela und ein schmaler weißer Mann namens Denis Brookstein, der damals Museumswärter in der Johannesburg Art Gallery war.

Leist, der momentan einige der in seinem neuen Buch erscheinenden Porträts in eben diesem Museum vorstellt, fotografierte Brookstein 1991. Sein Porträt, das im Hintergrund ein verschnörkelt eingerahmtes Renaissancegemälde zeigt, weist einige Ähnlichkeiten mit dem von Mandela auf.

Auch Brookstein trägt einen grauen Anzug mit schwarzer Krawatte und glänzenden, schwarzen Büroschuhen. Doch es ist nicht die formale Kleidung des Museumswärters – ein Relikt einer schwindenden Formalität –, die so stark ins Auge fällt, es ist vielmehr die seltsame Mischung aus Gleichmut und Erschütterung in seinem Blick. „Was wollen Sie von mir?“, fragt sein Gesicht.

Allem Anschein nach war Brookstein kein Roger Barlow, der tagträumende Museumswärter, der in ‚Bruchreif‘ so schwungvoll von Christopher Walken gespielt wurde; bloß ein städtischer Angestellter, der einen Lohn bezieht. „Nachdem er uns verlassen hat, hat er nie wieder einen Fuß hier in die Galerie gesetzt“, erzählt Fannie Malatjie, ein Sicherheitsbeamter des Museums, Leist 2010.

‘Alte Fotos von sich selbst’

Im Gegensatz zu seinem verstorbenen Vorgänger, der sich ebenfalls für ein Porträt ablichten ließ, verzichtet Malatjie auf Formalitäten. Er trägt auf der Arbeit weder Anzug noch Krawatte. Doch einige Dinge bleiben gleich, selbst über die Kluft zwischen damals und heute hinweg: Malatjie hat die gleichen polierten schwarzen Schuhe und vermittelt eine ähnlich ausgeprägte Hingabe zur Wachkultur wie Brookstein in seinem Porträt.

Der zentrale Dünkel von Leists Buch liegt in der intendierten Gegenüberstellung von Menschen aus einer schwindenden Vergangenheit mit denen aus einer nahezu gleichzeitigen Gegenwart. Manchmal, so wie in seinen Porträts von Brookstein und Malatjie, entscheidet der Beamtenapparat des Ortes darüber, wer nun den Vorsitz hat.

Doch Leists Buch handelt nicht nur von Freiheitszugewinn; es ist auch eine Studie über das Altern, welches die Fotografie mehr als jede andere Kunstform mit solcher Präzision dokumentiert. „Es hat immer etwas Melancholisches, wenn man sich alte Fotos von sich selbst anschaut“, sagte der Künstler William Kentridge 2010 zu Leist, nachdem er ein Foto von sich selbst betrachtet hatte, das 1992 in seinem Studio in Johannesburg aufgenommen worden war.

“All diese tausende von Möglichkeiten haben sich zu einem Ergebnis verengt, das du in diesem Moment bist.” Das Interview mit Kentridge, das wie alle Interviews in diesem Buch als ein langer Gedankenstromerguss dargestellt wird, bringt die Vertrautheit und Fremdheit, die allen Porträts eigen ist, wieder aufs Tapet.

Ausstellung

“Ich bin viel weiter von dem Mann entfernt [...], der eine schwache Ähnlichkeit mit mir aufweist“, wird er zitiert. „Ich sehe ihn als jemanden aus der Zeit, bevor mein Haar ergraut ist; er muss sehr jung gewesen sein.“
 
In seinem Roman ‘Verliesfontein’ von 1993 zaubert Schoeman (indem er den englischen Romanschriftsteller LP Hartley anklingen lässt) einen wunderschönen Satz hervor, der einen Gedanken anregt, während er gleichzeitig eine Frage stellt: „Die Vergangenheit ist ein anderes Land; wo ist die Straße, die dorthin führt?“ Eine Antwort – zumindest eine, die Leist in seinem Buch anbietet – ist die Fotografie. 
 

Another Country. Ausstellung in der Johannesburg Art Gallery von 18.04.2014 bis 13.07.2014.

Zuerst erschienen im Mail&Guardian am 19.06.2014.