Ke Lefa Laka Eine Familiengeschichte

Pied Piper, 2013
Pied Piper, 2013 | © Courtesy of the artist and Stevenson Gallery

Die junge südafrikanische Fotografin Lebohang Kganye spricht über Ke lefa laka, eine fotografische Erkundung ihrer Familiengeschichte.

Manon Braat von Africanah Arena for Contemporary African, African-American and Caribbean Art im Gespräch mit Lebohang Kganye über Ke lefa laka, das Werk aus einer einjährigen Forschungsarbeit an ihrer Familiengeschichte anhand von Familienfotos, Geschichten von Familienmitgliedern sowie persönlichen Erzählungen.

MB: Können Sie mir sagen, woher die Idee für Ke lefa laka stammt?

LK: Bei dem Projekt ging es hauptsächlich um die Geschichte meiner Familie sowie darum, mich selbst in dieser zu positionieren, da ich mich verloren fühlte. Meine Mutter war das wichtigste Verbindungsglied zu meinen anderen Familienmitgliedern, und als sie verstarb, hatte ich das Gefühl, die Verbindung zu verlieren. Durch die Arbeit an diesem Projekt habe ich also auf eine gewisse Art meinen Platz in der Familie gefunden.

MB: Wie sind Sie vorgegangen?

LK: Ich versuchte, meine Familie in den Kontext der südafrikanischen Politik, Geschichte und Wirtschaft einzuordnen. Es fing damit an, dass ich die Wurzeln meiner Vorfahren erforschte. Dazu begann ich mit Geschichten, die mir meine Großmutter über die Orte erzählte, an denen meine Familienmitglieder gelebt hatten. In diesen Geschichten wurde meine Familie aufgrund von Apartheidgesetzen und Gesetzesänderungen in Bezug auf den Grundbesitz entwurzelt und umgesiedelt und musste von Ort zu Ort ziehen. Ich besuchte die verschiedenen Schauplätze in Südafrika, wo meine Familie lebte, und versuchte nachzuvollziehen, wie wir am Ende an die verschiedenen Orte gelangten, die wir jetzt alle unser Zuhause nennen.

MB: Und was haben Sie herausgefunden?

LK: Das Projekt war ein Mittel, meine Identität zu rekonstruieren, indem ich die Verbindung zu Familienmitgliedern wieder aufnahm – sowohl zu den lebenden als auch zu bereits verstorbenen. Dadurch habe ich jedoch gelernt, dass Identität nicht zurückverfolgt werden kann; sie ist eine Erfindung, erschaffen aus wahren, halbwahren und unwahren Erzählungen, Hoffnungen, Träumen und Ängsten. Ein Ziel des Projekts war es, meinen wahren Nachnamen herauszufinden. Über die Jahre hat sich der Nachname meiner Familie von Khanye zu Khanyi, und schließlich zu Kganye geändert. Der Nachname meiner Großmutter wurde anders geschrieben als der meines Großvaters, was überhaupt keinen Sinn ergab – sie waren doch verheiratet. Der Nachname meiner Mutter wurde wiederum anders geschrieben, und so gab es drei Varianten desselben Nachnamens in einem Haushalt. Während meiner Suche fand ich sogar noch mehr Varianten, und dann kam mir die Frage auf: Wenn ich meinen Nachnamen ändere, welcher wird es sein, und was wird er letztlich bedeuten? Bald akzeptierte ich, dass ich vielleicht niemals erfahren würde, wie unser Nachname ursprünglich geschrieben wurde. Bei allem was ich während meiner Suche erfuhr, lernte ich, dass mir die Wahl offenstand, diese Dinge als meine Geschichte zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Ich traf meine eigenen Entscheidungen; sie wurden nicht mehr länger für mich gefällt. Diese Reise erlaubte es mir, eine Geschichte zu wählen, und zwar eine, die ich meine eigene nennen kann.

MB: Könnten Sie etwas näher auf die Namensänderungen in Südafrika eingehen?

LK: Während der Apartheid waren schwarze Bürger gezwungen, in bestimmte Gebiete zu ziehen. Die Namensänderung war entweder ein Versuch, sich mit den verschiedenen sozialen und physischen Orten zu identifizieren, die alle ihre eigene Hauptsprache hatten und in denen die Familien ein Zuhause fanden. Oder es war das Ergebnis von nachlässigen Eintragungen durch Beamte. Die Beamten trugen die Nachnamen schwarzer Bürger falsch ein, da sie ihnen schlichtweg egal waren. Zudem waren viele schwarze Bürger Analphabeten und konnten die Beamten daher nicht korrigieren, wenn diese ihre Nachnamen falsch schrieben. Ke lefa laka ist eine typisch südafrikanische Geschichte; die Menschen sind leichte Abänderungen von Nachnamen gewohnt, und die Behörden ebenfalls. Wenn ich also eine Versicherung oder ähnliches in Anspruch nehmen möchte, können die Behörden dies nicht beanstanden.

MB: Wozu führte Ihre Reise letztendlich?

LK: Mein Projekt spaltete sich in verschiedene Untersuchungsthemen auf, die die persönlichen und kollektiven Geschichten meiner Familie erforschen: Die Geschichte meiner Mutter, meines Großvaters, und meine eigene. Das Werk besteht aus drei verschiedenen Teilen. Ein Teil umfasst Tonaufnahmen von Interviews mit Familienmitgliedern, die ich ausfindig machte, und das Fotoalbum, das ich anhand einer Auswahl all der Bilder anlegte, die sie mir gegeben haben. Der zweite Teil setzt sich aus digital bearbeiteten Fotos zusammen. Ich verwendete bestehende Bilder meiner Mutter und stellte sie Bildern von mir gegenüber, auf denen ich so gekleidet war wie sie und ihre Körperhaltung nachahmte. Dann sind da noch die Fotos aus den Kartonkollagen. Ich machte lebensgroße Ausschnitte aus Pappkarton von vergrößerten Fotos aus alten Familienalben und versetzte mich selbst in das Szenario, indem ich den Anzug meines Großvaters schlüpfte und die Geschichten über ihn nachspielte, die mir erzählt wurden. Diese inszenierten Bilder wurden dann fotografiert, und die Bilder sind jetzt im Huis Marseille zu sehen.

MB: Indem Sie sich in die alten Fotos hineinversetzen, haben Sie sich mit der Geschichte Ihrer Familie verbunden, bevor Sie Teil dieser Geschichte waren und sich selbst in die Zeit der Apartheid versetzt.   

LK: Mir ist sehr bewusst, dass ich nicht in der Zeit gewesen bin, in der sie gelebt haben. Während ich an der Serie arbeitete, kam oft das Wort „Geist“ auf. Zunächst waren damit die (verstorbenen) Familienmitglieder gemeint, doch später wurde mir klar, dass ich der Geist war, da ich diejenige war, die sich in ihre Geschichte hineinzwängte, in eine Umgebung und eine Zeit, von der ich kein Teil war. Ich versetzte mich in eine Geschichte, in die ich nicht hineingehörte und die ich nicht als meine bezeichnen kann, und dennoch bin ich mir meiner Präsenz dort bewusst. Das Werk handelt von der Apartheid, einer Ära, die hinter uns liegt. Es spricht aber auch die Gegenwart an, die von der Apartheid in weiten Teilen betroffen ist. Jeder Aspekt des heutigen Lebens, die Wirtschaft,  schwarze Familien, die in Townships leben, die Weißen in den Vororten, ist ein Resultat der Vergangenheit. Die Serie greift also auch die aktuellen Themen in Südafrika auf, zum Beispiel den Grundbesitz. Es hat eine Menge Diskussionen über die Umverteilung von Grundbesitz  gegeben. In dem Werk erzähle ich von meiner Familie, die über so viele Jahre auf einer Farm gelebt hat, doch keinen Besitzanspruch auf diese hatte. Dann kamen sie in die Stadt und zogen in die Townships, da dort die Schwarzen nun mal leben mussten. Das ergibt keinen Sinn.

MB: Ke lefa laka greift das Fehlen einer Vaterfigur auf. In Südafrika sind extrem viele Mütter alleinerziehend. Haben Sie eine Erklärung dafür?

LK: Das geht auf eine Zeit zurück, in der schwarze Mütter und ihre Kinder in den ländlichen Regionen zurückblieben und wohnten, während die Familienväter in die Stadt zum Arbeiten gingen und für lange Zeit dort blieben, ohne ihre Familien zu sehen. Im Grunde hat das System der Apartheid die schwarzen Familien getrennt. Selbst nach der Apartheid sind viele schwarze Familien zerbrochen und funktionieren größtenteils nicht. Es ist auf eine gewisse Art und Weise normal geworden, dass schwarze Männer uneheliche Kinder mit verschiedenen Frauen haben und diese Frauen die Kinder alleine großziehen. Ich halte es für ungerecht, dass Kinder unter solch instabilen Bedingungen aufwachsen müssen, und auch für die Mütter ist es nicht gerecht. Mein Werk handelt auch von der Abwesenheit des Vaters. Ich bin in einem Zuhause aufgewachsen, in dem meine Mutter alle Rollen übernehmen musste. Sie war Hausfrau und Ernährerin zugleich.

MB: Wie gehen Sie mit dem Thema der Darstellung in Ihrer künstlerischen Praxis vor, in der Sie mit dem Medium arbeiten, das, so könnte man sagen, die wichtigste Rolle in der Erschaffung von stereotypischen Bildern von „Afrika“ spielt?

LK: Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mich vom Fotojournalismus zu entfernen und mich mit Themen auseinanderzusetzen, die meiner Meinung nach persönlich sind. Was ich produziere, sind nicht die typischen Bilder von schwarzen Afrikanern, die man oft in den Medien sieht. Afrika ist mehr als das. Es scheint aber ein Interesse an Bildern von Afrika zu bestehen, die arme, hungrig aussehende und schmutzige schwarze Menschen zeigen. Die weltweiten stereotypischen Vorstellungen von Afrika resultieren aus den Bildern, die in der Welt veröffentlich sind. Wenn ich ins Ausland reise, sind die anderen Menschen manchmal schockiert darüber, dass ich als „Afrika“ zivilisiert bin.

MB: Wirklich?

LK: Ja, man bekommt wirklich seltsame Fragen zu hören. Als ich das letzte Mal in New York war, fragte mich ein Mann: „Wie, Sie kommen aus Afrika?“ Ich fragte ihn, wie er das meinte, und er antwortete: „Wie kommt es, dass Sie so angezogen sind wie wir?“ [Lacht]

MB: Jetzt lachen Sie. Aber regt Sie das nicht auf?

LK: Nein, ich rege mich nicht so schnell auf. Ich sagte ihm einfach, er sollte sich etwas besser bilden. Es zeigt einfach nur die Auswirkungen der Medien. Und es sind wir, die Fotomacher, die Schuld daran sind, dass Afrika so dargestellt wird.

MB: Wie denken Sie über die aktuelle politische Situation in Südafrika?

LK: Ich denke, wenn wir die Apartheid bewältigen können, können wir alles bewältigen. Wir leben in einem Zwischenstadium, was ein wenig beängstigend ist. Ich meine, es stehen beispielsweise die Wahlen bevor und ich weiß nicht, welche Partei ich wählen soll. Ich habe einfach das Gefühl, dass mich keine der Parteien wirklich anspricht. Und ich weiß nicht, ob ich irgendeiner der Parteien die Führung dieses Landes zutraue, was traurig ist. Ich denke, am Ende wird es uns gut gehen, doch es hat sich noch keine wirkliche Änderung vollzogen, obwohl das hätte passieren können.

MB: Inwiefern?

LK: Afrika sollte aufgrund seiner Rohstoffe wirklich ein reicher Kontinent sein; es sollte richtig wohlhabend sein. Es gibt Gründe, warum es das nicht ist … Dies betrifft nicht nur Südafrika, sondern den ganzen Kontinent. Es gibt Gründe, warum Afrika als Ganzes in dem aktuellen Zustand ist. Wie und wann wir diesen tatsächlich bewältigen können, bleibt abzuwarten, schätze ich.

MB: Was sind Ihre persönlichen Träume für die Zukunft?

LK: Ich gehe seit kurzem wieder zur Universität, um für vier weitere Jahre Bildende Kunst zu studieren. Ich bin derzeit in der Universität von Johannesburg eingeschrieben und freue mich sehr darauf, mit Skulpturen zu arbeiten.

MB: Möchten Sie nicht mehr fotografieren?

LK: Ich werde weiterhin fotografieren. Ich möchte die Fotografie nur irgendwie mit der bildenden Kunst mischen. Mein Werk wird sich dahingehend entwickeln, dass ich mehr mit meinen Händen arbeiten kann. Es hat mir Spaß gemacht, mit der Pappe zu arbeiten, und ich habe die Ähnlichkeit mit der bildenden Kunst gespürt. Daher möchte ich dies weiter erforschen. Für mich persönlich geht des bei der Fotografie ebenfalls um den Prozess des Erschaffens. Ich habe nicht so viel Interesse daran, Dinge zu fotografieren, die einfach da sind, sondern möchte wirklich in den Erschaffungsprozess involviert sein und Teil des Prozesses sein, bevor der Auslöser gedrückt wird.

MB: Ihr vorheriges Werk handelt ebenfalls von Darstellung und von Rassenpolitik. Würden Sie sagen, dass Ihr Bewusstsein für Geschichte und ihr politisches Engagement durch die Kunst wachgerufen wurde? Ich meine, zeitgenössische Kunst von afrikanischen Künstlern, die in westlichen Einrichtungen präsentiert wird, ist oft politisch. Es scheint, als würden wir im Westen erwarten, ja sogar wollen, dass Kunst aus Afrika politisches und soziales Engagement zeigt. Wie denken Sie darüber?


LK: Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt. Sollte ich den Drang verspüren, Kunst über Schuhe zu machen, würde ich das tun. Mein Engagement hat nichts damit zu tun, was erwartet wird. Meine Werke spiegeln lediglich meinen mentalen Prozess wider. Man kann vor Themen, die relevant für einen sind, nicht einfach die Augen verschließen. Wie kann ein Werk nicht von Politik handeln, wenn man die ganze Zeit über Politik nachdenkt? Natürlich machen Künstler aus verschiedenen Gründen Kunst. Dies sind nur meine Gründe. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich immer schon mit Kunst zu tun gehabt. Also glaube ich, dass meine Fotografie bloß eine Erweiterung sowohl meiner kreativen Interessen als auch meiner Gedanken über die Politik Südafrikas und meiner eigenen persönlichen Identitätsfragen ist.

MB: Der Westen ist zunehmend an der Kunst aus Afrika interessiert. Westliche Museen präsentieren immer mehr die Arbeit zeitgenössischer Künstler aus Afrika oder der afrikanischen Diaspora. Gleichzeitig diskutieren Kuratoren darüber, wie sie die "afrikanische Kunst" präsentieren sollten. Sie kämpfen mit Fragen wie: Wie geht man die Rassenpolitik so an, dass die Unterschiede der Menschen sowie Vorurteile und das Anderssein nicht wieder hervorgebracht werden? Wie sollen kolonialistische Denkweisen vermieden werden, die in der Kunst und in den Kunstinstitutionen existieren? Wie denken Sie über afrikanische Ausstellungen in westlichen Institutionen?

LK: Sinnvoll für Ausstellungen über Afrika, die in westlichen Einrichtungen stattfinden, ist es meiner Meinung nach, einen afrikanischen Kurator an Bord zu haben, der als Co-Kurator oder Berater fungiert. In jedem Fall ist es aber wichtig, jemanden für die Ausstellung zu engagieren, der die Geschichte des Themas versteht, mit dem man sich auseinandersetzt. Jemanden, der wirklich in Afrika lebt und mit der persönlichen Lebenserfahrung dazu verhelfen kann, Klischees und Fehlinterpretationen auszuschließen.  Eine Geschichte hat immer mehrere Seiten, und die Ausstellungen sollten sich nicht auf die einseitige Perspektive der westlichen Außenseiter beschränken.

MB: Einbeziehung ist also das Schlüsselwort?

LK: Ich denke schon. Ich habe überhaupt nichts gegen die Gruppierung von Künstlern aus bestimmten Gebieten oder Ländern bei Ausstellungen. Ich denke nur, dass dies am besten funktioniert, wenn das lokale Know-how zu einem spezifischen Kontext einbezogen wird. Ich weiß beispielsweise, dass es Gespräche und Vorträge von Künstlern im Huis Marseille gab, und ich denke, dass dies sehr wichtig für das Verständnis der Arbeit und den breiteren Kontext ist, in dem sie produziert wurde. Wenn Menschen aus Südafrika zum Beispiel über den historischen, politischen, sozialen Kontext sprechen und die Arbeit in den richtigen Kontext setzen, wie in „Apartheid & After“, erscheint mir das sehr sinnvoll.
 

Lebohang Kganye (1990, Johannesburg) ist eine in Johannesburg lebende Fotografin, die derzeit Bildende Kunst an der Universität von Johannesburg studiert.

Ke lefa laka wurde mit der Tierney Fellowship produziert, die von dem Market Photo Workshop in Johannesburg in Zusammenarbeit mit der Tierney Family Foundation in New York organisiert wurde. Das Werk wurde erstmals in Johannesburg in der Market Photo Workshop Gallery, und später bei Photoville, der großen jährlichen Fotografieveranstaltung in New York, ausgestellt. Ke lefa laka war im Huis Marseille in Amsterdam als Teil der Ausstellung „Apartheid & After“ von 15.03.2014 - 08.06.2014 zu sehen.