Ein Gespräch mit Lindokuhle Nkosi Inhalte im digitalen Zeitalter

Lindokuhle Nkosi
Lindokuhle Nkosi

Innerhalb der Bemühungen zur „Erneuerung Afrikas” hat die Kreativindustrie interessanterweise inzwischen die Mainstream-Politik überholt. Allerdings hat es die Branche auch schwer, den Klauen einer neokolonialen Agenda zu entkommen, die sich etwa in einer inhaltslosen Sprache wie „Entwicklung“, „Nachhaltigkeit“ und „der Aufstieg Afrikas“ niederschlägt.

Das Textwerk der in Südafrika lebende Autorin und Kuratorin Lindokuhle Nkosi mischt sich oftmals mit Installation und Performance. Sie hat bereits diverse Ausstellungen und Projekte in Galerien sowie im öffentlichen Raum kuratiert. Ihre Arbeiten lassen die Genregrenzen zwischen journalistisch, reflexiv und experimentell verwischen und sind stets von einem hohen Maß an Bedeutung, Vielschichtigkeit und einem deutlichen Bezug zur Realität gekennzeichnet.

Kagiso Mnisi: Sie haben im letzten Jahr als Kuratorin und Autorin bei dem Projekt Invisible Borders („Unsichtbare Grenzen“) teilgenommen, in dem es darum ging, eine potentielle neue Zukunft zu entwerfen. Welche Aktionen waren dabei besonders wichtig?
Lindokuhle Nkosi: … Schon den Gedanken an sich, sich eine neue Zukunftsgestaltung auszudenken, finde ich faszinierend. Allerdings scheint es, als würde diese Diskussion von Interessensgemeinschaften dominiert, denen ein neu gestaltetes Afrika gar nicht zu Gute kommt – von Leuten nämlich, die Interesse daran haben, dass die bestehenden Systeme nicht verändert werden, weil sie am meisten davon profitieren. Die ganzen vielumjubelten Themen Afro-Futurismus und Afrika-Zukunft werden genauso als kommerzielle Projekte auf ein hochglänzendes Podest gestellt, wie es jahrhundertelang mit Afrika bzw. verschiedenen Vorstellungen über diesen Kontinent getan wurde. Sich seine eigene Zukunft vor Augen zu führen, das ist doch keine Revolution – es gehört zum Überleben. Ist es denn wirklich so bizarr, sich eine zukünftige Welt vorzustellen, in der schwarze Menschen und schwarze Kultur noch existieren?
 
Wie begrenzt muss unsere Fähigkeit sein, eine neue Zukunft zu entwerfen, wenn wir nicht einmal unsere eigene Sprache, unsere Politik und unser Wissen jetzt und hier einbringen dürfen? Um uns eine detaillierte Situation vor Augen zu führen, die Lichtjahre von uns entfernt ist, müssen wir jedoch ganz genau wissen, wo wir gerade sind und welche Systeme und Zwänge für unsere derzeitige Situation verantwortlich sind. Damit meine ich kein System, das „man“ geschaffen hat, sondern auch das unter dieser Hülle liegende System. All die Diskurse, die darum kreisen, die Art, wie wir in diesem Bereich agieren und immer wieder durch Risse des Systems hindurchschlüpfen. Es geht nicht nur darum, wie wir innerhalb des gesamten Systems funktionieren, sondern wohl vor allem um das, was im Untergrund passiert.

Invisible Borders sollte sich einmischen. Körperlich dort anwesend sein, manchmal auf Reisen gehen, transportiert werden. Sich bewegen, gegen die Trägheit ankämpfen, das entlarvt doch das ganze Lügengerüst der Berlin Conference. Für mich ging es bei dem Projekt darum, auferlegte Vorstellungen von Zeit, Geographie, Raum und Identität abzuschütteln. Im Land unterwegs zu sein und zu sehen, wie die Landschaft sich von sattem Grün zu rauem Weiß-Braun ändert, wie Sprachen kommen und gehen, sich Akzente und Turbane gleichermaßen ein- und wieder auswickeln, sich durch all das hindurchzubewegen, das ist doch die wahre Art, sich einzumischen.
 
Leider hat sich dabei auch das hässliche Gesicht des Spiels gezeigt, das schwarze Künstler um des Erfolgs Willen spielen. Als Organisation möchte Invisible Borders jene Bemühungen, die Stereotype fördern und afrikanische Künstler dazu nutzen, um an ausländische Fördermittel heranzukommen, nicht unterstützen. Die Idee ist allerdings stärker als die Organisation an sich, und so beobachten wir gerade, wie die Fassade um diese Organisation herum langsam zu bröckeln beginnt. Was hoffentlich von Invisible Borders bleiben wird, ist der über allem stehende Grundgedanke, nämlich der der Beweglichkeit – jene Impulse, die Goddy Leye und seine Kollegen 2006 veranlasst haben, in einem Lieferwagen von Dakar nach Douala zu reisen, und die damit gezeigt haben, wie klein die Welt auf einmal werden kann. Und wie groß die Ideen in diesem Moment geworden sind.

KM: Die vorherrschende DIY-Kultur, egal ob in Filmen, die in Lagos, Kampala oder Johannesburg produziert werden, ist eine Anerkennung des selbst erarbeiteten Wissens, wie es auf dem Kontinent schon seit vielen Jahren existiert und wo eine vom Zeitfaktor losgelöste ständige Innovation zu beobachten ist. Dies ist auch in den Sozialen Medien zu sehen, in denen sich das junge Afrika mehr und mehr von Massengeschmack und Informationsselektion entfernt. Ist diese Entwicklung Ihrer Meinung nach geeignet, Erinnerungen für die Zukunft zu produzieren?
LN: Der zentrale Punkt bei der Projektion der Zukunft ist die Technologie. Wie sieht sie aus, wie benutzen wir sie? Inwieweit sind unsere vorherrschenden Strukturen, etwa der Begriff „Rasse”, ebenfalls Technologien, die wir erschaffen haben, um Kolonialismus und Sklaverei zu rechtfertigen? Wenn ich also den Schnittpunkt von schwarzer Kultur und Fantasie untersuche, beschäftige ich mich dabei auch mit der Frage, inwieweit die Technologie die Sprache dieser Schnittstelle ist. Ich glaube, zu einigen Teilen können wir dies gerade bei Twitter, in Nollywood und in der Musik beobachten. Für mich ist es dabei gar nicht mal die Frage, wie man Technologie als demokratisches Werkzeug benutzen kann, das die Gatekeeper, also die Informationsschleusenwärter, einfach umgeht, sondern eher darum, wie wir die Nutzung dieser Technologien so überarbeiten können, dass sie unseren Zwecken dienen. Denn wenn wir von Zugänglichkeit und Gatekeepern reden, müssen wir uns doch ernsthaft die Frage stellen, wem unsere Technologie gehört und wer sie kontrolliert.
 
Und was ist mit den anderen Technologien? Ist Spiritualität eine Technologie? Ist der Sangoma, der traditionelle Heiler, der wahre Siri? Natürlich ist das ein Gedankenspiel, aber ich möchte einfach versuchen, mein eigenes Verständnis zu erweitern – nicht nur in Bezug auf Technologie, sondern auch in Bezug auf meine Bedürfnisse und Wünsche, die ich mit Hilfe eben dieser Technologie vielleicht einfacher erfüllen kann.

KM: Wenn wir schon über die digitale Welt sprechen – momentan ist es doch so, dass die moderne Markenwerbung vor allem auf Prominente setzt. Sagen wir, es steht irgendeine Preisverleihung an, und Firma x bezahlt einen Promi, um im Vorfeld lautstark über Twitter die Werbetrommel zu rühren. Ich beziehe mich dabei auf Ihren Text Black Artists Must Hitch Their Wagon To BEE („Schwarze Künstler müssen auf den fahrenden BEE [Black Economic Empowerment, Anm. d. R.] -Zug aufspringen“), der die Machenschaften hinter der Politik von Raum- und Ressourcenverteilung in Johannesburg offenlegt. Glauben Sie, dass der afrikanische Künstler heute auch ohne mit Geldscheinen winkende Firmen erfolgreich sein kann?
LN: Was Sie hier beschreiben, nennen wir hier bei der Zeitschrift Chimurenga auch Soft Power Desire Machines („Werkzeuge zur Erzeugung weicher Macht“). Indem sie sich von Künstlern bewerben lassen, gewinnen die Marken an Street Credibility, lassen jedoch auch den Künstler weniger glaubhaft erscheinen. Der Titel des Aufsatzes im Mail & Guardian [Black Artists Must Hitch Their Wagon To BEE, Anm. d. R.] ist allerdings sehr irreführend. Natürlich wollte der Redakteur dem Artikel hohe Klickzahlen bescheren. Aber er trifft nicht das, was ich mit dem Text aussagen wollte.

Ich weiß nicht, wie wir am besten erfolgreich sein können. Ich schwanke zwischen einem sehr dunklen Pessimismus und einem kurzsichtigen Optimismus. Wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo in der Mitte.

Wir brauchen einfach Platz. Einen Spielraum, in dem Künstler überlegen können, wie sie sich finanzieren und was sie mit dem Geld machen. Ich meine damit einen Raum, in dem sie ihre eigenen Belange austesten können, ohne dabei allein zu sein. Vielleicht gibt es keine finanzielle Alternative, vielleicht ist die Fähigkeit, selbst den Kurs zu bestimmen, die Alternative. Selbst aktiv zu steuern, nicht einfach nur das laufende Spiel akzeptieren und mitspielen. Es gibt so ein wunderschönes Zitat aus A Noble Sound („Ein erhabener Klang“) von Stanley Crouch, das Wynton Marsallis in Premature Autopsies („Verfrühte Autopsien“) benutzt: „Wir müssen aber verstehen, dass die Geldverleiher auf dem Marktplatz noch nie den Unterschied zwischen einem Büro und einem Versteigerungspodest [aus den Zeiten der Sklaverei, Anm. d. R.] kennengelernt haben.“ Ich habe also überlegt: Wie gehen wir mit dem Versteigerungspodest um? Ich glaube, gar nicht. Man steigt niemals davon herunter, klettert herüber oder läuft darum herum. Man zerstört das Versteigerungspodest einfach. Ich weiß nicht, ob wir wirklich genug Mut dazu haben, uns selbst nicht mehr als befreite Sklaven zu sehen, sondern als Menschen, die niemals von anderen beherrscht wurden. Ich weiß nicht, wie das genau aussehen soll, aber ich glaube, das ist der Grund, warum ich über uns schreibe. Ich möchte einfach, dass dieses Bild greifbarer wird – für mich und die Menschen, die ich liebe.

KM: Im Bereich der Online-Markenkultur gibt es bestimmte Produktanbieter, die sich offenbar noch nicht genug mit dem Rassismus-Problem in der Vergangenheit Südafrikas befasst haben und unangemessene Inhalte verbreiten. Das reicht bis hin zu einem bekannten Cartoonisten, der sich fragwürdig über Schwarze geäußert hat. Sie haben sich dazu in den Sozialen Medien lautstark geäußert. Was halten Sie von solchen rassistischen Wortgefechten in sozialen Netzwerken, und was sagen diese über unsere Zeit aus?

LN: Ich weiß nicht, ob das irgendetwas über den momentanen Zeitgeist aussagt. Ich glaube sogar, dass es das nicht tut, denn diese Diskussion ist bereits viele Jahrhunderte alt. Weiße wie Zapiro haben kein Problem mit ihrem eigenen Rassismus, und die Schwarzen sind es einfach leid. Das einzige, das sich geändert hat, ist, dass wir die Proteste jetzt intensiver wahrnehmen, weil sie in den Online-Plattformen verstärkt zur Geltung kommen. Allerdings sind hier auch die rassistischen Stimmen lauter geworden. Kurz, es herrscht im Moment ein großer Lärm. Aber Lärm ist immer Ablenkung. Man muss sehr aufpassen, dass man sich nicht in der Online-Aufschreie produzierenden Maschinerie verfängt. Ich brauche mich nur auf Twitter einzuloggen und erfahre, worüber ich mich heute aufregen soll. Aber Rassismus ist kein Event, keine Zeichnung von Zapiro, nicht die Hand von Conrad Koch, die im Hintern einer schwarzen Puppe steckt oder noch ein Mord durch Polizisten. Rassismus ist eine Struktur, ein System. Ist das nicht verrückt? Rassismus ist ein Lebensstil, und genau das ist das Problem. Genau dagegen müssen wir unsere Worte und unsere Energie richten. Was mich an Zapiro und Chester Missing bzw. Conrad Koch interessiert, ist dieser gegen sich selbst gerichtete Kannibalismus. Wie sie sich selbst immer in die Ecke drängen, selbst ein großes Stück von ihrer eigenen Glaubwürdigkeit abbeißen und sich dann darüber beschweren, dass sie angegriffen werden.

Ich persönlich versuche, mich weniger mit den Weißen und ihren verschiedenen Formen des Wahnsinns zu beschäftigen. Ich möchte das Schwarzsein lieben, und das bedeutet auch, zu widersprechen. Es geht um den Mut, neue Vorstellungen zu entwickeln, um Verletzlichkeit und Kritikfähigkeit. Ich möchte dem Schwarzsein etwas entgegnen können, ohne damit das Weißsein anzusprechen. Weißseinist nicht mehr das Zentrum der Dinge – die Vorstellung, „weiß zu sein“, ist überhaupt nur erfunden worden, um uns glauben zu lassen, dass es doch so ist. Wir wissen das inzwischen, und unsere Sprache muss dies auch widerspiegeln. Wir müssen endlich dort ankommen, wo wir bereits sind.

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels von Kagiso Mnisi erschien am 31. Juli 2015 in This Is Africa. Lindokuhle Nkosi hat, zusammen mit Percy Zvomuya, die Website africanfutures.tumblr.com für das African Futures Festivalredaktionell betreut, das in den Goethe-Instituten Johannesburg, Nairobi und Lagos zwischen dem 28. Oktober und dem 1. November 2015 stattfand.