African Futures Kultur neu beleben

Loyiso Mkize was commissioned to paint a series of artworks from the Holywood movie "Momentum", whcih was shot in Cape Town, and a cover from his "Kwezi" comic book
© Esa Alexander

Wann würden wir endlich einen südafrikanischen Superhelden bekommen, der auch aussieht wie wir?

Das lässige Auftreten und der weiche Akzent des Bildkünstlers Loyiso Mkize lassen zunächst nicht vermuten, dass er ein groß angelegtes Projekt vorhat. Wenn man jedoch aufmerksam zuhört, merkt man, dass er wirklich Großes plant. In unserem einstündigen Gespräch in der Eyethu Gallery in Mofolo/Soweto sind die Begriffe Afrika, Südafrika oder afrikanische Ästhetik sicher ein Dutzend Mal gefallen.

An diesem Freitagnachmittag hat Mkize gerade die letzten Handgriffe für seine dritte Einzelausstellung Reflections vorgenommen. Sie zeigt verschiedene Leinwandbilder und soll am folgenden Tag eröffnet werden. Einige seiner Bilder und Kwezi, eine Comicserie um den gleichnamigen Helden, wurden eine Woche später bei der FNB Joburg Art Fair gezeigt.

Wenn Mkize von Kwezi erzählt, sprüht er förmlich vor Begeisterung. Star der Serie, die bereits in der fünften Staffel läuft, ist der Superheld Kwezi, was in den Nguni Sprachen so viel bedeutet wie „Stern“ (manchmal wird er auch mit dem vollständigen Namen Kwezilokusa angeredet, der den früh in der Dämmerung erscheinenden Morgenstern bezeichnet).

Zunächst ist Kwezi natürlich nur ein kleiner südafrikanischer Superheld. Ein Marketing-Kumpel hat jedoch Großes mit ihm vor: Kwezi soll auf jedem Magazintitelblatt zu finden sein und auch in trendigen Blogs auftauchen. Nur eine kleine Mission für Kwezi, der angeblich ein „Nachfahre des Sternenvolks ist”, ein uraltes Volk, das auf die Erde kam, als die Menschheit kurz vor der Auslöschung stand.

Sie kamen, sie retteten – aber seither sind sie verschwunden. Nun ist das Erbe der Vorfahren bedroht, weil ein habgieriger Feind die Herrschaft über Gold City an sich reißen will. Kurz, Kwezi wird wieder so nötig gebraucht wie damals, als das Sternenvolk auf die Erde kam.

Bislang war das Terrain für südafrikanische Superhelden sehr überschaubar; Kwezi ist sozusagen der erste seiner Art. Obwohl, nicht ganz. Es gab schon einmal einen schwarzen Superhelden, der allerdings ironischerweise durch seine eigenen Leute zu Tode kam.

Danny Ndhlomo war der Mighty Man, ein Held, der in den 1970er Jahren kurzen Ruhm erfuhr. Erschaffen wurde er ausgerechnet von Richard Manville, einem US-Marketing-Chef, der Geschäftsbeziehungen nach Südafrika hatte.

Bevor Ndhlomo Mighty Man wurde, war er Polizist, der bei einer Schießerei mit Gangstern in einem Supermarkt, der sich in einem Soweto ähnelndem Township befand, angeschossen und verwundet wurde. Er wurde daraufhin von einer Horde Kreaturen in einer unterirdischen Höhle gepflegt, bis er wieder gesund wurde – und übernatürliche Fähigkeiten verliehen bekam.

Allerdings richtete Mighty Man seinen Groll nur gegen Kriminelle, Gangster und Killer aus der Gegend. Mit dem größeren Verbrechen, der Apartheid, kam er niemals in Berührung.

Bei den Aufständen vom Juni 1976 brannten Studierende aus Wut über das doch recht eingeschränkte Wirken von Mighty Man „Zeitungsstände nieder … warfen alles auf den Boden und die Veröffentlichung musste eingestellt werden“, so Manville.

Daran wird klar, was Mkize meint, wenn er sagt, dass der südafrikanische Superheld jenes Wunschdenken verkörpert, das die Leute dazu bringt, sich selbst einmal ganz anders zu sehen. Kwezi ist damit ein wichtiger Helfer bei dem Versuch, „den Bezugsrahmen neu zu definieren“.

„Ich habe mich immer gefragt: Wann bekommen wir endlich einen südafrikanischen Superhelden, der auch aussieht wie wir, spricht wie wir und im gleichen Umfeld wohnt wie wir? Das wäre doch mal eine Maßnahme. Wenn man nicht mehr nur die Abenteuer von X-Men, sondern eines südafrikanischen Superhelden verfolgt, kann man diese Fantasie doch viel besser greifen.“

Mkize wuchs in Butterworth in der Ostkap-Provinz auf. Der Familie war schon früh klar, dass sie einen Künstler hervorgebracht hatte. „Ich habe jeden Tag gemalt, gemalt und noch mal gemalt.“ Seine Eltern haben ihn dabei sehr gefördert. „Ich kann mich nicht an einen einzigen Tag erinnern, an dem sie mich nicht dazu ermuntert haben, Künstler zu werden.“

Er studierte Grafik-Design an der Cape Peninsula University Of Technology und wurde Illustrator bei Super Strikas. Inzwischen konzentriert er sich jedoch auf seine eigene Kunst und Kwezi. Es gibt auch schon Pläne, den Comic als Zeichentrickserie umzusetzen.

Die in Eyethu ausgestellten Werke zeigen, dass Mkize mit Leichtigkeit verschiedene Stile bedient: Eine Mischung aus klassischem Porträt und Surrealismus verleiht seinen Werken einen schrägen afro-futuristischen Touch. Es ist also kein Zufall, dass der Kunsthistoriker und Dozent der University Of The Witwatersrand Raimi Gbadamosi einige Werke von Mkize in einer Ausstellung zeigt, die parallel zur Konferenz bzw. zum Festival des Goethe-Instituts mit dem provokativen Titel African Futures läuft.

Sein klassisches Markenzeichen ist eine königlich anmutende dralle Frau, die in der linken Hand einen Stab hält, einen auffälligen Kopfschmuck („Doek“) trägt und offenbar in den Himmel aufsteigt. Der romantisierende Entwurf soll laut Mkize „bestimmte Begriffe von Schönheit überdenken“ und „eine afrikanische Ästhetik schaffen, die einzigartig und authentisch ist.“

Mich beeindrucken vor allem seine surrealen Porträts mit ihrer lebhaften und üppigen Bildsprache. Mit spannenden Symbolen und faszinierenden Metaphern peppt er die hier üblichen stilistischen Standards ordentlich auf und hinterlässt mit seinen Portraits beißende Kommentare zum Hier und Jetzt.

Nelson Mandela, Robert Sobukwe, Lilian Ngoyi und andere Superhelden sind nicht mehr da. Wir haben nur noch Jacob Zuma, Robert Mugabe und andere kleine Lichter.

Vielleicht brauchen wir einen Kwezi.

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erschien am 27. September 2015 in der Sunday Times. Mkizes Arbeiten wurden im Rahmen der Ausstellung They Came From Outer Space („Sie kamen aus dem Weltraum“) präsentiert.