5 Fragen an Akinbode Akinbiyi

Akinbode Akinbiyi
Akinbode Akinbiyi |

Der renommierte, in Berlin lebende nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi im Gespräch über urbanen Raum in Johannesburg, Langsamkeit und verlorene Unschuld.



Akinbode Akinbiyi, weshalb haben Sie für Ihr Fotoprojekt Johannesburg gewählt? Was fasziniert Sie an dieser Stadt?

Die Arbeit in Johannesburg ist Teil meines Langzeitprojekts das sich mit den sogenannt bedeutendsten Städten in Afrika befasst: Lagos, Kairo, Johannesburg und Kinshasa. Ich arbeite jedoch auch in anderen Städten, wie Dakar, Addis Abeba, Bamako, Kano und Ibadan.

Zuerst empfand ich Johannesburg als sehr dicht gedrängt, schwer zugänglich und schwer zu verstehen. Mit der Zeit begann ich das Innenleben der Stadt zu verstehen und zusätzlich ich machte mich mithilfe von Büchern und dem Internet schlau. Trotzdem erscheint mir Johannesburg immer noch widersprüchlich. Da gibt es die nördlichen Vororte wo die Elite lebt, dann die Innenstadt wo die Mehrheit der Anwohner Schwarzafrikaner vom ganzen Kontinent sind, die südlichen Vororte die auch teilweise von der Elite bewohnt sind, weiter Soweto eine riesige Stadt an sich, wo einige der Einwohner ebenfalls zur sogenannten neuen Mittelklasse gehören.

Johannesburg ist ein seltsamer Ort.

Wie Addis Abeba und Lagos ist es eine junge Stadt. Die Schichtung ging sehr rasch und sehr dicht vor sich. Für einen nicht Einheimischen sind die kleinen Dinge schwer verständlich: wie die Menschen ihr Leben in der Stadt leben, wie sie miteinander kommunizieren, wie Raum verhandelt wird und was als privater und was als öffentlicher Raum wahrgenommen wird.

Weshalb gehen Sie? Gibt diese Art sich fortzubewegen Ihnen eine andere fotografische Perspektive?

Meines Erachtens ist man zu Fuß am schnellsten. Dies mag widersprüchlich anmuten. Wer geht bewegt sich langsam durch Raum und Zeit und sieht dadurch mehr.

Seit 40 Jahren bewege ich mich langsam und sanft; ich versuche nicht in den persönlichen Raum anderer Menschen einzudringen und dabei gleichzeitig Bilder zu machen. Es ist eine Art Tanz, eine Verhandlung, ein Schlendern – eine sehr feinfühlige Art sich durch alle möglichen Räume zu bewegen.

Sie beobachten Menschen durch Ihr Kameraobjektiv. Haben Sie den Eindruck Ihre Motive bewegen sich in Johannesburg frei oder sehen sie so aus als fühlten sie sich im öffentlichen Raum eingeengt?

Ich beobachte, dass sich die meisten Menschen in ihrer eigenen Nachbarschaft ziemlich unbeschwert bewegen. In der Innenstadt hingegen - in Hillbrow, Berea und Yeoville – herrscht ein Gefühl von Anspannung. Den Gesichtern der Menschen ist eine Art unterschwellige Angst abzulesen die sich in ihrer raschen Gangart offenbart. Ich weiß nicht genau was diese Spannung ist. Ich denke nicht, dass es Furcht ist, eher eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrem täglichen Leben. Hohe Mauern, Zäune und Sicherheitsleute sind omnipräsent – es scheint ein Wechselspiel zu sein zwischen Sicherheit und Unsicherheit; die Menschen sind hin und her gerissen zwischen ihrer Angst und dem Wunsch nach Freiheit. Als ich fürs Finale des Africa Cup of Nations ins Soccer City-Fußballstadion in Soweto ging war die Atmosphäre ganz anders: ein Gefühl von Freiheit lag in der Luft, die Leute feierten und waren entspannt. Die Sicherheit war gut und es gab Polizeipräsenz. Eine solche Stimmung gibt es nicht allzu oft in der Stadt.

Was wollen Sie mit Ihrem fotografischen Werk ausdrücken?

Meine Arbeit ist ein Versuch, heutige Städte und das Leben in der Stadt zu verstehen. In den letzten Jahren habe ich begriffen, dass ich nach meiner Kindheit suche, nach dieser verlorenen Unschuld meiner Kindheitstage in London und Lagos.

Wann immer ich solche Momente flüchtiger Unschuld finde mache ich Fotos.

Gleichzeitig versuche ich zu verstehen was heutzutage in den Städten die ich dokumentiere geschieht. Mit versuchen zu verstehen meine ich wundern. Ich bin weder ein flâneur im Sinne von Baudelaire, noch versuche ich das Stadtleben als Antropologe zu beobachten – stattdessen bewege ich mich mit dem natürlichen Bewegungsfluß dieser Städte. Dennoch lasse ich mich von diesen Strömungen nicht davontragen, sondern versuche mich ihrer bewusst zu werden. Ich trete einen Schritt zurück und mache Bilder.

So sehr ich kein flâneur bin, so bin ich auch des Begriffs “Beobachter” überdrüssig. Ich sehe mich selbst als einen Wanderer, jemand der wandert und sich dabei wundert; mit Langston Hughes´Ausspruch “Ich wundere mich während ich wandere” kann ich mich gut identifizieren. Es ist meine Art der Auseinandersetzung mit der Welt um mich herum, im Falle meiner aktuellen Arbeit urbaner Raum. Städte, und insbesondere heutige Großstädte, sind sehr schwer fassbar. Sobald du ein bestimmtes Stadtviertel verstanden hast und eine Weile später zurückkehrst, hat sich die Gegend bereits verändert. Urbaner Raum verändert und entwickelt sich ständig. Du kannst einige Schichten einer Stadt und ihres Fundaments verstehen, doch du kannst sie wegen des konstanten Wandels der vor sich geht niemals gänzlich erfassen.

Nehmen Sie zum Beispiel Addis Abeba: auf demselben Grund wo vor zwei Jahren noch informelle Siedlungen waren stehen jetzt Hochhäuser, Einkaufszentren und Wohnsiedlungen. Nostalgisch bin ich aber nicht. Stattdessen versuche ich aus einem kindhaften Blickwinkel zu verstehen was wirklich in einer Stadt geschieht. So frage ich mich zum Beispiel: warum gibt es in Johannesburgs Innenstadt Taxistände? Dieses Unterfangen ist manchmal eine große Herausforderung.

Was passiert in der afrikanischen Fotografieszene? Gibt es junge Fotografen aus Afrika die Sie beobachten?

Es gibt viele Talente in Afrika, und ich halte ein Auge auf sie. Ich baue eine Initiative auf für junge Fotografen die in den Städten die ich dokumentiere leben und arbeiten. Die Nachwuchstalente sollen meine Arbeit in diesen Städten in ihrer eigenen Bildsprache fortführen. Ich will junge Fotografen dazu ermutigen zum Thema urbaner Raum zu arbeiten. Egal ob diese fotografische Arbeit als Lebenswerk umgesetzt wird oder während einem bestimmten Zeitraum – ich bin der Meinung städtischer Raum ist wichtig; er sollte erkundet und dokumentiert werden.

Das Interessante an Fotos ist, dass wir sie im Laufe der Zeit anders betrachten; wir sehen mehr und andere Dinge als wir ursprünglich wahrgenommen haben. Hinzu kommt der historische, archivarische Aspekt der Stadtfotografie.

Ich habe den Eindruck in Johannesburg befassen sich viele Fotografen eher mit persönlichen Themen als damit was sich im öffentlichen Raum abspielt.
 

1946 in Oxford, England geboren, studierte Akinbode Akinbiyi in Nigeria, England und Deutschland. Er lebt in Berlin und arbeitet als Fotograf, Kurator und Schriftsteller. Gewinner eines STERN Reportage Stipendiums (1987), Gründer des UMZANSI Kulturzentrums in Durban, Südafrika (1993), kuratierte er unter anderem den deutschen Beitrag zur Bamako Rencontres de la Photographie in Mali (2003) und war 2008 Jurymitglied beim World Press Photo Award.

Sein aktuelles Schaffen befasst sich mit dem Phänomen der afrikanischen Megastädte Kairo, Lagos, Kinshasa und Johannesburg, wo er Ende 2012 und Anfang 2013 im Rahmen einer Künstlerresidenz an der 2013 erscheinenden Kunstpublikation über afrikanische Megastädte arbeitete.
Die Fotografieausstellung kommt Ende 2013 nach Johannesburg.