5 Fragen an Christian Nerf

Christian Nerf
Christian Nerf | Christian Nerf. © Goethe-Institut. Foto: Miriam Daepp

Mit „Things Are Odd“ gewährte Christian Nerf Besuchern in GoetheonMain Einblick in den Entstehungsprozess von Kunst. Wir haben uns mit ihm über das Leben und die Kunst unterhalten.

Christian Nerf, Ihre künstlerische Praxis wurde als “querdenkerisch, absurd, scharfsinnig, verspielt und ernsthaft” bezeichnet. Welchen dieser Beschreibungen stimmen Sie zu, und welchen weniger?

Ich stimme weder zu noch widerspreche ich allen diesen Beschreibungen. Ich sehe mich vielmehr als jemanden der weiß wie man ohne Geld Dinge tun kann. Ich will die Welt erforschen und herausfinden was uns menschlich oder unmenschlich macht. Zum Glück gibt es Kunst; ich weiß nicht was aus mir geworden wäre wenn ich kein Künstler sein könnte. Ich versuche, sehr beweglich zu sein und jedes Experiment mit möglichst wenig Ballast anzugehen. Dadurch kann ich einerseits sehr konservativ und andererseits total flexibel sein.

Sie sagen von sich Sie wollen mit Ihren Werken nicht nur die Kunstszene sondern auch die breite Öffentlichkeit zum Denken anregen. Ist Kunst etwas für wenige Eingeweihte; in anderen Worten: ist Kunst elitär?

Einige meiner Projekte werden im öffentlichen Raum aktiviert, zum Beispiel die “Polite Force”. Die Passanten auf der Straße wissen meist gar nicht, dass es sich um Kunst handelt. Ohne dieses Vorwissen erleben sie die künstlerische Intervention unbelastet und ohne Berührungsängste. Kunstwerke die außerhalb von Galerien kaum überleben würden empfinde ich als elitär. Ich versuche diese Art von Kunst zu vermeiden und mache meine Werke stattdessen zugänglich indem ich komplexe Ideen verständlich mache. Eine Unterhaltung mit Leuten aus der Kunstszene oder mit Intellektuellen ist ganz anders als ein Gespräch mit “gewöhnlichen” Menschen.

Um mit den Leuten auf der Straße ins Gespräch zu kommen schenke ich ihnen zum Beispiel eine nummerierte und signierte Eindollar-Note, oder ich bitte sie, mir etwas von ihrem Abfall zu geben, eine leere Cola-Dose oder ähnliches. Ich unterhalte mich mit ihnen nicht über Kunst, sondern über die Wirtschaftslage oder über das politische Wahlsystem. Ich finde es faszinierend, dass Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung abgeben indem sie jemand anderen zu ihrem Chef wählen. Meiner Meinung nach ist jeder sein eigener Chef.

Sie sagen, in eine Kollaboration bringen Sie nichts mit, damit alles passieren kann. Was haben Sie zu GoetheonMain gebraucht, und was ist während dem offenen Studio entstanden?

Ich kollaboriere nicht mehr. Kollaborationen waren für mich eine Art Ausbildung. Teil meiner Arbeit hier in GoetheonMain ist eine Reflektion meiner bisherigen Projekte. Das macht es schwierig, nichts mitzubringen. In diesem Kontext bedeutet „nichts einbringen“, nicht mit vorgefertigten Vorstellungen an das Projekt heranzugehen. Als ich ins GoetheonMain Studio kam hatte ich ein paar Ideen davon was ich machen wollte und wie ich Objekte installieren wollte, doch als ich hier war änderte sich dies. Ich bin mit dem Bus von Kapstadt hergereist, mit leichtem Gepäck und den Ausstellungsobjekten. Das Fahrrad, die Flagge, der Tisch – alles was Sie in der Ausstellung sehen ist faltbar.

In früheren Jahren war ich ein begeisterter Sammler von Gegenständen, bis ich begriff, dass mich diese Dinge zurück hielten. Daraufhin verschenkte ich das Meiste oder warf es weg um mich neuen Möglichkeiten zu öffnen. Wenn ich in einem Studio voller Objekte bin fangen sie an mit mir zu sprechen; sie wollen wissen wie ich sich installieren und mit anderen Objekten arrangieren werde. Um dies zu vermeiden versuche ich, mit so wenig Ballast wie möglich an neue Projekte heranzugehen.

Fortlaufende Arbeiten sind ebenfalls Teil dieser Ausstellung, zum Beispiel die Kaktusskulptur, durch die ich das Konzept von Manipulation erkunde. Während der vergangenen elf Jahre habe ich dem Kaktus abwechslungsweise die Erde und das Licht entzogen und beobachtet in welcher Form die Pflanze daraufhin weiterwächst. Der Kaktus ist ein Experiment in Manipulation.

Meine Arbeit beschreibe ich als portabel, beweglich und humorvoll. Das Leben ist eine ernste Sache - wir müssen versuchen, humorvoll damit umzugehen.

“Things are Odd” lud jeden Mittwoch zu einem Mittagessen vom Grill (in Südafrika: Braai) ein. Wer kam zum “Braaiklub für Arbeitslose”, wie Sie das Projekt genannt haben?

Es kamen einige Selbständige sowie Angestellte, die dafür einen halben Tag Urlaub bezogen hatten. Beim Braaiklub geht es um die Idee von freier Zeit. Ich will damit Fragen aufwerfen wie: Wie viel unserer Zeit verkaufen wir und wie viel unserer Lebenszeit gehört tatsächlich uns. Der Braaiklub soll als Denkanstoß dienen über die Nutzung seiner Zeit und seines Lebens nachzudenken. Ein Großteil der Bevölkerung kann nicht an einer Veranstaltung teilnehmen die wochentags zur Mittagszeit stattfindet weil die meisten Leute nicht frei über ihre Zeit verfügen können.

Sie sagen, Kunst sei für Sie ein Weg die Wahrheit zu hinterfragen und zu offenbaren. Was ist die Wahrheit?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Mein Lebenswerk befasst sich damit, die Idee der Wahrheit zu finden. Ich denke es gibt eine allgemeine Übereinkunft, dass die Wahrheit viele Formen annehmen kann. Mit der Wahrheit verhält es sich ein wenig wie mit dem Glauben: es lässt sich nicht über sie streiten. Sie sollte ein definitives Konzept sein, doch sie ist es nicht – die Wahrheit ist schwer fassbar. Meine persönliche Wahrheit, zumindest für den jetzigen Zeitpunkt, ist Folgende: Verwende deine Zeit weise. Zeit ist nicht flexibel; wir werden geboren und wir sterben. Die Frage ist daher: Wie verwenden wir die Zeit dazwischen?