5 Fragen an Linda Gabriel

Linda Gabriel
Linda Gabriel | Linda Gabriel © Masimba Sasa

Für die Spoken Word-Künstlerin Linda Gabriel ist Lyrik wie die Luft zum Atmen. Sie spricht mit uns über die Universalität von Geschichten, die Spoken Word-Szene in Subsahara-Afrika, und über das Spoken Word-Projekt, eine Initiative des Goethe-Instituts.

Linda Gabriel, was bedeutet für Sie Lyrik und weshalb liegt sie Ihnen so sehr am Herzen?

Lyrik ist für mich wie die Luft zum Atmen. Ohne sie könnte ich nicht leben. Lyrik ist ein Schatz. Sie ist mein erster und bester Freund; in ihr finde ich Heilung und eine Familie: ich habe viele Schwestern und Brüder gefunden. Lyrik hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Sie hat mir Türen geöffnet, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Durch meine Arbeit bin ich in in andere Länder gereist und habe viele wunderbare Menschen kennen gelernt. In schwierigen Zeiten finde ich in der Lyrik Zuflucht. Lyrik ist meine Art, mich auszudrücken. Geschichten verbreiten sich durch die Welt, werden weiter gegeben und überschreiten von Menschen gemachte Grenzen.

Das Spoken Word-Projekt reist durch acht Länder in Subsahara-Afrika. Woher kommt die heutige Popularität dieser Kunstform?

Ich denke, Spoken Word war in den Gemeinschaften schon immer beliebt. Unsere Großmütter erzählten uns Geschichten während wir ums Feuer herum saßen oder Mais ernteten. Diese Geschichten wurden angereichert mit Tanz und Gesang, und sie enthielten zahlreiche Ratschläge und Weisheiten. Selbst wenn wir eine Geschichte bereits unzählige Male gehört hatten, wollten wir sie dennoch immer und immer wieder hören. Für mich besteht der einzige Unterschied darin, dass Spoken Word als Form heute kommerzialisiert ist und vor großem Publikum aufgeführt wird. Dafür können wir damit unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Spoken Word-Künstler reisen heutzutage in andere Länder. Das Medium Spoken Word überwindet Grenzen und benötigt dafür weder ein Visum noch einen Reisepass. Zudem ist eine Geschichte immer die Geschichte von jemandem, egal in welchem Land diese Person lebt – viele Geschichten sind universell. So hat sich zum Beispiel in Swasiland jemand mein Gedicht “Sins Of Our Mothers” (Die Sünden unserer Mütter) im Internet angehört. Der Hörer konnte sich in der Geschichte wiederfinden, und nun sind wir auf Facebook befreundet. Wir sollten die Macht des gesprochenen Worts nicht unterschätzen. Das Spoken Word-Projekt wird zeigen, dass diese Kunstform tatsächlich Grenzen überwindet.

Die Geschichten reisen mit dem Projekt durch Afrika – doch indirekt reisen sie auch durch die ganze Welt. Dank dem Internet können Künstler ihr Werk einem viel breiteren Publikum zugänglich machen.

Sehen Sie sich eher als Dichterin oder als Performerin? Wie wichtig ist Performance für Spoken Word? Üben Sie Ihre Auftritte ein oder improvisieren Sie auf der Bühne?

Ich bin zuallererst eine Dichterin. Zuerst schreibe ich ein Gedicht, und oft dauert es Monate, bis es fertig ist. Erst zu einem späteren Zeitpunkt überlege ich mir, das Gedicht aufzuführen. Für mich ist die Performance das Endresultat. Ein Gedicht wird erst zu Spoken Word durch das Aufführen, das Teilen mit dem Publikum. Ohne Performance ist Spoken Word nicht gesprochenes, sondern gelesenes Wort. Ich übe meine Auftritte ein; Proben sind wichtig. Manchmal probe ich in der Badewanne, oder wenn ich durch die Straßen laufe. Da ich die Themen, über die ich schreibe, recherchiere, bleibt wenig Raum für Improvisation.

Wie hat sich die Spoken Word-Szene in Johannesburg und in Südafrika in den letzten Jahren entwickelt; welche Trends sind auszumachen? Kennen Sie sich auch mit den lokalen Szenen in anderen Ländern Subsahara-Afrikas aus, und gibt es zwischen Künstlern in verschiedenen Ländern einen Austausch? Welches ist hierbei die Relevanz des Spoken Word-Projekts?

In den vier Jahren, seit ich in Johannesburg bin, sind viele Poetry Slam-Organisationen entstanden: House of Hunger, WORD N SOUND, Lover and Another, Penseed und andere. Viele junge Künstler nehmen daran teil. Beinahe jedes Wochenende gibt es eine oder mehrere Poetry Slam-Veranstaltungen an verschiedenen Orten. Die Qual der Wahl ist groß und es stimmt mich traurig, dass ich nicht alle Veranstaltungen besuchen kann.

Über Südafrika hinaus verfolge ich die lokalen Spoken Word-Szenen in Simbabwe, Malawi, Swasiland und Botswana. Ein Ideenaustausch findet auf Festivals statt, wenn Künstler auftreten und Workshops besuchen. Ich glaube, das Spoken Word-Projekt ist das erste seiner Art; und, wichtiger noch, es gibt Künstlern eine größere, globale Präsenz. Mit dem Projekt können Künstler in teilnehmende Städte in Afrika reisen und dadurch ihrem Traum von internationaler Bekanntheit näher kommen.

Sie sind nicht nur Spoken Word-Künstlerin, sondern Sie arbeiten auch als Kulturmanagerin und unterrichten Kreatives Schreiben. Was motiviert Sie dazu, Nachwuchskünstler zu fördern?

Ich wünsche mir sehr, dass Kunst zum angesehenen Beruf wird - es gibt noch viel zu tun in dieser Hinsicht. Sobald die heutige Generation junger Künstler ihre Arbeit ernst nimmt, werden hoffentlich Eltern in Afrika nicht mehr ausflippen, wenn ihre Kinder einen kreativen Beruf ergreifen wollen.
 

Die in Malawi geborene Spoken Word-Künstlerin Linda Gabriel lebt in Johannesburg. Sie schreibt und performt auf English, Chewa (die Nationalsprache in Malawi) und Shona. Linda ist eines der wenigen weiblichen Mitglieder des “House of Hunger” Poetry Slam in Simbabwe, der jeden Monat in Harare und Johannesburg läuft. Sie tritt beim regelmässigen Harare International Festival of Arts HIFA auf und ist Mitbegründerin der “Sistaz Open Mic”-Plattform für aufstrebende weibliche Künstlerinnen. Zurzeit koordiniert sie das Spoken Word Project, eine Initiative des Goethe-Instituts in Johannesburg.