5 Fragen an Lindiwe Matshikiza

Lindiwe Matshikiza
Lindiwe Matshikiza | Lindiwe Matshikiza © Stephanie O'Connor

Eine hochschwangere Frau wird unter Fremden mit viel Aufregung begrüßt. Als das Kind geboren wird, gleicht es unerklärlicherweise einem Esel. Wir sprachen mit Lindiwe Matshikiza, der Autorin und Regisseurin des Theaterstücks 'Donkey Child'.

Die Theaterproduktion 'The Donkey Child' basiert auf einer Geschichte, die Sie geschrieben haben. Was war Ihre Inspiration?

Das Theaterstück basiert auf einer Idee, von der ich dachte, daraus ließe sich viel machen, einschließlich eines Schauermärchens oder eines Kinderbuchs. Die Idee hat über die Jahre hinweg viele Formen angenommen. Als ich in Grahamstown lebte, faszinierten mich Gegenwart und Naturell der Esel, die sich dort einige Leute halten, um über die Runden zu kommen. Ich sah junge Esel, zusammengerollt wie Kätzchen auf jemandes Veranda; ältere Esel, die nachts brüllend durch die Straßen streiften; Menschen, die sich um die Gesundheit ihrer Esel Sorgen machten… Ich fand ihre seltsame, lustige Erscheinung irgendwie schön, und einsam. Ich begann, über eine Geschichte nachzudenken, in der eine Frau ein Eselskind gebärt und sich dann damit auseinandersetzen muss, was dies alles bedeuten könnte.

'The Donkey Child' untersucht die Rolle von Außenseitern anhand einiger seiner Hauptfiguren: Die Mutter, das Eselskind selbst, sowie auch Daniel und ein kleiner Junge namens Kabelo. Können Sie diese Idee ausführen? Macht Andersartigkeit einen zum Außenseiter, insbesondere im Kontext des multikulturellen Südafrika?

An erster Stelle sollte ich hervorheben, dass Kabelos Charakter einer der vielen ist, die in einem Workshop-Prozess entwickelt wurden. Im ursprünglichen Skript – eher ein Arbeitsentwurf als ein fertiges Drehbuch – existierten nur das Eselskind, seine Mutter, die allgemeine Idee eines Chors, und ein Prototyp von Daniels Charakter. Bereits früh im Prozess wurde klar, dass Kabelo und Daniel eine spezielle Verbindung hatten und so begannen sie, regelmäßig kurze komische Einlagen zu üben, die sie zusammen entwickelten. Es war offensichtlich, dass wir einen Weg finden mussten, um diese Partnerschaft in die Geschichte einfließen zu lassen. Wie fast alles, was in diesem neunwöchigen Enstehungsprozess entdeckt wurde, spiegelt das Stück die Entdeckung des Unerwarteten und Magischen wider. Ich denke nicht, dass Anderssein einen automatisch zum Außenseiter macht. Man kann wählen, ob man es als „Speziell-Sein”, als “Talent” betrachten will oder als “unwillkommene” Eigenschaft. Es können sich auch Subkulturen und Kulte rund um einen Status oder eine Identität bilden bis zu einem Punkt, an dem man nicht mehr länger ein Außenseiter ist.

Ich denke die Frage ist: Wer oder was entscheidet, ob jemand ein Außenseiter ist? Die Figuren im Stück spielen dieses Dilemma oft als Gemeinschaft aus, als kleinere Gruppen in dieser Gemeinschaft und als Individuen. Jeder der beteiligten Künstler kam als Außenseiter ans Hillbrow Theater. Und dann erschufen wir gemeinsam etwas; und jetzt können wir sagen, dass wir dort einen Platz haben, wenn auch nur als vorübergehende Gemeinschaft – ob das nun physisch, künstlerisch oder einfach nur ein Platz in unserem kollektiven Gedächtnis ist. Im Projekt geht es auch darum, bewusst zur Debatte um imaginäre oder konstruierte soziale und künstlerische Hierarchien beizutragen. So wie es zur Diskussion steht, ob die Figuren ihren eigenen Status als Außenseiter konstruiert haben oder ob sie von einer Stimme, die als Mehrheit angesehen wird, dazu gezwungen wurden – besteht das Menschenkollektiv, das die Geschichte erzählt, aus Künstlern, die in verschiedenen Sektoren der Kunstindustrie arbeiten, die manchmal als Underground, Nische, Mainstream, Kindertheater oder Volkstheater beschrieben werden… alle mit ihren eigenen problematischen Implikationen und Verbindungen. Wenn all diese verschiedenen Leute beschließen, ein Werk zu schaffen, das alle von ihnen repräsentiert, wie sollen wir es dann nennen? Sollen wir es überhaupt benennen? Natürlich sind dies Dinge, mit denen wir uns in Südafrika auf verschiedenen Ebenen befassen, doch am Ende ist die Frage von Außenseitertum und Identität universal.

Die Mutter des Eselskinds führt ein Nomadenleben. Hat sie dies gewählt oder ist es eine Notwendigkeit, weil sie von der Gemeinschaft ausgestoßen wird?

Mir gefällt es, dass dies im Verborgenen bleibt. Es lässt die Frage offen, ob es ihr Lebensstil ist, der zu diesem bizarren Dilemma geführt hat, und es lässt uns unsere Annahmen über Exzentrik und Moral hinterfragen. Wir haben dies während der Proben viel diskutiert, haben versucht uns vorzustellen, was zu ihrer Schwangerschaft geführt hat, darüber geredet, wie der Chor auf ihr plötzliches Auftauchen reagieren könnte und wie sie ihren Platz in der Gruppe einnehmen könnte. Selbst als sie die Gruppe nach der Geburt des Eselskinds verlässt, ist das ihre Entscheidung – etwas, was wir ausgiebig diskutiert haben. In der Folge muss das Publikum selbst entscheiden, ob die Mutter ihren Ausschluss aus der Gemeinschaft mitverantwortet hat oder ob der Konflikt auf eine andere Art hätte gelöst werden können.

Wie war es, mit so vielen Kinderdarstellern an diesem Stück zu arbeiten?

Es ist mit keinem meiner bisherigen Projekte vergleichbar und ich bin überzeugt, dass dies zu einem großen Teil mit der Einzigartigkeit des Hillbrow Theatre Project zusammenhängt. All die jungen Mitglieder sind freiwillig dort, in ihrer Freizeit zwischen Schule und Zuhause. Ich finde dies bringt eine spezielle Sinnhaftigkeit und einen Enthusiasmus, den man bei gleichaltrigen Kindern, die zur Teilnahme an einem Projekt gezwungen werden, nicht immer findet. Die Ausbildung, welche die Kinder erfahren und andere kreative Einflüsse aus dem Hillbrow Theater führen zu einem sehr hohen Niveau an Kreativität und künstlerischem Verständnis. Es war erstaunlich, zu sehen, dass einige dieser Teenager ein besseres Verständnis der Grundlagen des Theaters haben als ich in dem Alter, und es bedeutete, dass wir während der nur kurzen täglichen Proben intensiv und in gereifter Weise arbeiten konnten.

Die Darsteller sind im Allgemein sehr selbstsicher und das war wichtig für die improvisierte Art, in der wir arbeiteten. Wir ließen uns mehr oder weniger von Instinkt und Spontanität leiten. Viele der Darsteller sind nicht nur Schauspieler, sondern auch Sänger, Tänzer (Insbesondere Darsteller der Keleketla! Bibliothek die sich uns freiwillig angeschlossen haben), Bauchredner, Musiker… es stand uns also eine endlose Vielfalt an Fähigkeiten zur Verfügung und es war sehr spannend, mitzuerleben, wie verschiedene Mitglieder der Gruppe ihre anderen Talente entdeckten. Das war der große Vorteil daran, über so viele Disziplinen hinweg gearbeitet zu haben.

Die tägliche Arbeit mit diesen Menschen war für mich sehr stimulierend und machte viel Freude, und gleichzeitig war es eine große Herausforderung, zu lernen, eine große Gruppe junger Leute mit dem richtigen Maß an Autorität, Ermutigung, Sanftheit und Strenge zu führen. Gezwungenermaßen sorgt man sich um seine Darsteller und findet sich in Situationen, in die man bei der Arbeit mit Erwachsenen nicht geraten würde. Es war eine riesige Verantwortung, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und jeden jungen Erwachsenen als Individuum zu behandeln, unabhängig vom Alter. Wie sie sich vorstellen können, wurden wir Erwachsene ab und zu an unsere eigenen Teenagerjahre erinnert…

Nach 'The Donkey Child' gehen Sie nach Paris, um dort an einer Produktion zu arbeiten. Wie steht Südafrikas Theaterszene im internationalen Vergleich da und welche Entwicklungen wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich bin Teil mehrerer kollaborativer Kunstprojekte mit der Lézard Dramatique (LZD) Kompanie in Frankreich. Es begann vor einigen Jahren mit der Produktion ‘Ster City’. Wir bemerkten eine sehr starke kreative Affinität zwischen uns und so haben wir die Kollaboration fortgesetzt. Ich schätze mich sehr glücklich, diese Menschen kennen gelernt zu haben; unter anderen den Südafrikaner Nicholas Pule Welch, der auch viele eigene interessante Projekte macht. Einer der Gründe, weshalb mir die Zusammenarbeit mit LZD und mit Nick so gefällt, ist, dass ich nie das Gefühl habe, es werden kontraproduktive Vergleiche zwischen der Arbeit in Frankreich und der hier in Südafrika gemacht. Es ist eher ein Spiel mit einer Menge philosophischer Substanz. Natürlich diskutieren wir über Stücke, die wir in beiden Ländern gesehen haben, und darüber, ob und warum sie an dem einen oder anderen Ort erfolgreich sein könnten. Gespräche mit anderen Künstlern sowie mit dem Publikum über Theater und künstlerische Identität sind sehr bereichernd. Es ist gut, daran erinnert zu werden, dass es überall schlechtes und hervorragendes Theater gibt, und wie es scheint, stellen sich auch im Zusammenhang mit Finanzierung und Kunstmanagement überall ähnliche Probleme.

Ich finde, dass sich das südafrikanische Theaterpublikum freier ausdrückt (zumindest in Johannesburg), und das vergesse ich immer, wenn wir in Europa auftreten. Dann denke ich mir jeweils: die hassen das Stück, sie hassen es auf jeden Fall… und dann sind die Zuschauer nach dem Stück sehr lebendig oder es gibt einen Stehbeifall, und dann fängst du an, dich zu fragen, welche Art Bestätigung Künstler suchen, und wie sich dies in verschiedenen Situationen ausdrückt. Ich denke, in der südafrikanischen Theaterszene gibt es noch viel darüber zu diskutieren, wie wir Kategorien und Genres wahrnehmen, und ob wir allenfalls an überholten Ideen davon festhalten, wo und wie und mit wem Theater stattfinden soll. In letzter Zeit sind die meistgelobten Darbietungen oft jene, die aus einer Zusammenarbeit unabhängiger Künstler entstehen und an unkonventionellen Orten aufgeführt werden. Solche Stücke werden vom Publikum gut aufgenommen, weil weltweit mehr und mehr Leute authentisches Theater sehen wollen; das Publikum will intelligente menschliche Geschichten sehen, die nicht in einen vorgegebenen Rahmen gepresst werden.
 

The Donkey Child wurde im Hillbrow Theatre in Johannesburg vom 26. bis zum 29. März 2014 aufgeführt. Die Produktion wurde unterstützt vom National Arts Council of South Africa und dem Goethe-Institut Südafrika.