5 Fragen an Nakhane Touré

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Nakhane Touré © Goethe-Institut/Andile Buka

Der Autor und Gewinner des South African Music Award (SAMA) Nakhane Touré ist für seinen Roman Piggy Boy’s Blues noch einmal zu seinen Wurzeln, sprich seinem Geburtsort und seinen Kindheitsjahren, zurückgekehrt.

In seinem Roman Piggy Boy’s Blues nimmt Touré den Leser mit auf eine Reise in die Ostkap-Provinz. „Emotional, psychologisch durchdacht, voller Erinnerungen, verherrlichend, weil es nichts zu verherrlichen gab, denn mir wurde gesagt, es gäbe nichts zu verherrlichen, aber das war eine Lüge.“

Wann haben Sie Ihr Talent als Erzähler entdeckt?
Nakhane Touré: Eigentlich erst ziemlich spät im Leben. Als Kind habe ich Texte lieber auswendig aufgesagt als erzählt. Ich habe eine klassische Musikausbildung, dabei viele klassische Stücke gelernt und sie dann vorgetragen oder in Bands und Orchestern gespielt. Als ich ungefähr 11 Jahre alt war, gab uns ein Lehrer einmal ein leeres Blatt Papier mit der Aufgabe, uns eine Geschichte auszudenken. Ich dachte mir „Hm, das also machen einige Leute beruflich – sie denken sich Geschichten aus und leben davon – das will ich auch machen!“ Dieser Wunsch ist allerdings ziemlich schnell wieder in Vergessenheit geraten.

Mit 17 war ich bereits weg aus der Ostkap-Provinz nach Johannesburg gezogen, wo ich rund zwei Jahre lebte. Damals hatte ich die Musik aufgegeben und in der Schule nur Schauspiel belegt, weil dort nichts Musikalisches angeboten wurde. Meine Art, Geschichten zu erzählen, war damals noch dialogorientierter und auf dramatische Ereignisse ausgerichtet. Dann ging ich zurück in die Provinz Ostkap, weil ich dort beim Grahamstown Festival (dem National Festival Of The Arts) einen Auftritt mit meiner ehemaligen Schülerband hatte. Wir haben einen Song geschrieben, für mich als 17-jähriger ein Aha-Erlebnis: Ich habe gelernt, dass Musik einem unheimlich viel geben kann.

Damals hatte ich einfach keine Lust mehr, Musikstücke auswendig zu lernen, die andere Leute geschrieben hatten. Ich wollte lieber meine eigenen Geschichten erzählen, alles andere fühlte sich nicht ehrlich an. Ich hatte das Gefühl, die Musik könnte noch viel mehr interessante Geschichten erzählen, an die sich bislang keiner herangetraut hat. Die einzige Möglichkeit, dies zu ändern, war, diese einfach selbst zu schreiben. Und somit fing alles an.

Wie ist es dann dazu gekommen, dass Sie vom musikalischen Geschichtenerzähler zum Romanautor wurden?
NT: Ich wollte schon immer ein Buch schreiben. Mit 17 hat sich in meinem Leben viel geändert. Wir hatten ein Projekt, bei dem jeder ein Essay schreiben musste. Nachdem die Lehrerin diese eingesammelt und benotet hatte, sagte sie zu mir „Nakhane, ich würde dich gerne nach dem Unterricht noch sprechen.“ Ich dachte mir schon: „Oh Gott, was habe ich nur falsch gemacht?” Sie sagte dann aber zu mir: „Nakhane, ich habe dein Essay gelesen. Es ist wirklich gut, aber es ist kein Essay, sondern eine Kurzgeschichte.“ Ich antwortete „Okay, was muss ich also tun?”, und sie entgegnete: „Ich glaube, du möchtest ein Buch schreiben.“ „Ja, das stimmt“, erwiderte ich und sie sagte zu mir: „Schreibe es, und ich werde es lesen.“ Damit war Grundstein gelegt.

Ich fühlte mich quasi in den Moment zurück versetzt, als ich als 11-jähriger vor einem leeren Blatt Papier gesessen und beschlossen hatte, Geschichten schreiben zu wollen – woraus aber dann doch nichts geworden war. Ich habe schon immer gerne geschrieben und aus dem Nichts etwas erschaffen – da fühlt man sich geradezu gottgleich.

Mit Piggy Boy‘s Blues gehen Sie zurück zu Ihren Wurzeln in der Ostkap-Provinz. Wie war es, diese Erlebnisse noch einmal zu reflektieren?
NT: Das Ganze war ein Umlernen, eine Art Dekolonisation meiner selbst, allerdings bezogen auf die Gegend, in der ich geboren und aufgewachsen bin, die Landschaft und die Erkenntnis, dass all das wertvoll ist und ein Recht hat, geliebt zu werden.

Es ist viel wieder in mir hochgekommen, Positives und Negatives. Das merkt man auch an dem Buch, in dem sowohl die Ostkap-Provinz und das Land selbst als Figuren erscheinen, die ich auch bewusst als solche behandelt habe.

War das Schreiben hilfreich beim Prozess, ihre Ursprünge zu „dekolonisieren“?
NT: Auf jeden Fall! Ich bin extra zurück in die Ostkap-Provinz gegangen, um das Buch zu schreiben und zu überarbeiten. In Joburg hätte ich das gar nicht tun können. Dort geht es ganz anders zu, überall ist Lärm, und ich habe ja auch nicht über Johannesburg geschrieben. Natürlich kann man auch von Joburg aus über die Provinz Ostkap schreiben (Zakes Mda Link). Man weiß ja, wer man ist oder vorgibt zu sein, aber ich hatte das Gefühl, auch an dem Ort arbeiten zu müssen, den ich beschreibe.

Außerdem ist das Leben in der Ostkap-Provinz so ein wichtiger Teil von Piggy Boy’s Blues, dass ich einfach so authentisch wie möglich sein wollte. Ich hasse das Wort „authentisch“ eigentlich, es ist doch ein Scheißwort! Aber für dieses Gespräch will ich es doch benutzen. Anders ausgedrückt: Ich wollte das Leben dort schmecken, nicht nur riechen. Ich wollte nicht nur kleine Bausteinchen des Lebens einfließen lassen, sondern die dortige Realität zum Kernpunkt machen. Darum war mein Aufenthalt vor Ort genau die richtige Entscheidung.

Welchen Schritt auf der Karriereleiter wollen Sie als nächstes gehen?
NT: : Ich möchte gerne einen Film machen. Das finde ich richtig spannend. Vielleicht schreibe ich in einem Jahr noch ein Buch. Aber dafür muss ich erst einmal noch viele Informationen sammeln.

In der Schule lasen wir früher immer Bücher von Charles Dickens. Ich mochte ihn nicht, er wirkte immer sehr lehrmeisterhaft und selbstgerecht. Es gab immer nur ein „Diese Menschen sind richtig und diese sind falsch“. Ich glaube, die Menschen sind aber viel komplexer. Es gibt keine Helden.