5 Fragen an Bianca Baldi

Das Werk „Zero Latitude“ der bildenden Künstlerin Bianca Baldi aus Südafrika ist eine Auftragsarbeit für die 8. Berliner Biennale. Wir sprachen mit der Künstlerin aus Südafrika über den Entdecker De Brazza, seinen Koffer von Louis Vuitton und Baldis künstlerisches Selbstverständnis.

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen, und wie sind Sie an den Forscherkoffer von Louis Vuitton gekommen?

Bianca Baldi: Ich habe mich zunächst für das Konzept des Nullpunkts an sich interessiert und im Zuge dessen auch über dessen tatsächliche physikalische Zusammenhänge nachgedacht. Ausgehendend von meinem grundsätzlichen Interesse an Abbildungssystemen habe ich angefangen, geographisch zu denken. Als Weiterführung dieses Gedankens wurde der Äquator für mich ein mythischer Ort. Der Kongo und das am Äquator gelegene Afrika erschienen mir als bildlicher Ausdruck – ein widersprüchlicher fiktionaler Ort, der mit vielerlei Projektionen und Fantasien behaftet ist. Mit diesen Überlegungen im Kopf besuchte ich daraufhin das Museum For Central Africa in Tervuren, wo ich tagelang die Tagebücher von Henry Morton Stanley studierte, der die bekannten kartographischen Aufzeichnungen des Kongos anfertigte, und zwar ungefähr in der Gegend um den Breitengrad Null. Hier bin ich erstmals auf De Brazza gestoßen und war gleich von ihm fasziniert, vor allem, weil Stanley ihn nicht ausstehen konnte – dieser nannte ihn einen zerzausten, exzentrischen und barfüßigen Italiener. Daraufhin habe ich von De Brazzas Reisen gelesen und vom tragbaren Baumstammbett, das er sich ausgedacht und bei Louis Vuitton in Auftrag gegeben hat. In einem Buch über De Brazza habe ich eine winzig kleine Zeichnung davon gesehen – das war sozusagen der Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Sie haben auf der Grundlage von De Brazzas Erfahrungen einen Begleittext zu „Zero Latitude“ geschrieben. In einem Ausschnitt daraus heißt es: „Ich sinniere über die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur – hier am Nullpunkt befindet sich das Ende der zivilisierten Gesellschaft – der Mensch trifft im Busch auf sein tierisches Ebenbild – und ist verblüfft über dessen menschliche Eigenschaften - …. – eine Ähnlichkeit ohne soziale Restriktionen – das Tier kratzt sich an seinen Eiern, ohne darüber nachzudenken.“

Glauben Sie, dass wir uns ohne soziale Restriktionen alle wie wilde Tiere benehmen würden?

BB: Nicht unbedingt, aber mit diesem Text, der einer typischen Kapiteleinleitung des 19. Jahrhunderts nachempfunden ist, möchte ich daran erinnern, dass die Unterscheidungen natürlich/kulturell bzw. Mensch/Tier wohl noch nicht sehr lange so getroffen werden. Diese Sprache entspricht den Gewohnheiten der Westlichen Welt und ist Teil eines Denkens, das das Kolonialwesen mit beeinflusst und gerechtfertigt hat. Erst in jüngster Zeit ist uns klar geworden, wie wichtig der Begriff „natürlich“ oder besser gesagt „ökologisch“ wirklich ist.

2013 haben Sie und Bridget Baker Ihre Arbeit „Aerolithe Illusion” im Kunstraum GoetheonMain gezeigt. Die Filminstallation bezieht sich auf die Autobiografie des amerikanischen Spekulanten und Zauberers Carl Hertz, der auf seiner Reise nach Johannesburg im Jahr 1896 erstmals auf See Filme gezeigt hat.

Sie haben anscheinend ein Faible für Forscher und Pioniere, nicht wahr?


BB: In gewisser Weise schon. Was mich dabei am meisten interessiert, ist jedoch die Art und Weise, in der solche historische Figuren durch meine Aktivitäten und meinen beschönigenden Blick zu Charakteren werden, die in einem fiktionalen Raum agieren können. Meine jüngsten Werke basieren alle auf fiktionalen Erzählungen, wobei ich auch manchmal Dinge beschönige, wenn es bei dem „so tun als ob“ darum geht, eine logische Illusion oder Fiktionalisierung zu schaffen, wie es schon lange in den Bilder produzierenden Medien wie der filmischen Erzählung oder der Studiofotografie praktiziert wird. Indem ich Figuren wie Hertz oder De Brazza sprechen lasse, kann ich Geschichte bewusst anders erzählen und historische Fakten noch weiter ausschmücken.

Mit Ihrer Arbeit sind Sie bereits in der ganzen Welt aufgetreten. Hat sich dadurch Ihr künstlerischer Ansatz geändert?

BB: Genau genommen haben mich meine Reisen bislang nur entlang der Nord-Süd-Achse geführt. Also bin ich eigentlich gar nicht so viel unterwegs gewesen. Trotzdem ist das Reisen für mich gleichsam ein Vergnügen und eine Notwendigkeit für meine künstlerische Arbeit. So lange ich noch körperlich dazu in der Lage bin, möchte ich nicht nur mit der Arbeit im Gepäck umherreisen. Ich möchte meine Werke immer auch gerne in der Stadt zeigen, in denen sie entstehen. Dadurch entstehen viele Möglichkeiten, aber manchmal auch viele frustrierende Momente. Allerdings bringt mir diese Methode sehr viel ein, denn sie beeinflusst meine künstlerische Herangehensweise, und zwar nicht nur im technischen Sinne. Wenn man so arbeitet, lernt man verschiedene Einstellungen zur Arbeit kennen und erfährt, welche Rolle die Arbeit in einem bestimmten kulturellen Kontext einnimmt. Copy-Shops etwa, für meine Arbeit oftmals die erste Anlaufstelle, sind sich oft ganz ähnlich, egal, ob man in Lissabon, Frankfurt, Neapel oder Johannesburg ist, um nur einige jüngste Beispiele zu nennen. Ich stelle aber auch immer wieder fest, dass trotz der Globalisierung die vorherrschenden lokalen Gegebenheiten immer auch die Einstellung zur Arbeit beeinflussen.

Gibt es einen Künstler aus Südafrika oder Afrika, mit dem Sie gerne einmal zusammenarbeiten würden?

BB: Es ist sehr schwer, einen einzelnen Künstler aus Südafrika zu benennen. Ich würde Südafrika lieber als sehr besonderen Arbeitsplatz bezeichnen wollen, einen Ort, an dem trotz all der vielen für uns alle spürbaren Herausforderungen, die junge Künstler zu bewältigen haben, eine sehr aktive und extrem inspirierende Atmosphäre herrscht. Diese Aktivität ist schwer genauer zu definieren – oft wird sie einem erst bewusst, wenn man einige Zeit woanders verbracht hat. Die Leute haben ein großes Selbstbewusstsein, was ihre Arbeit angeht, und hinterfragen diese auch durchaus kritisch. Gleichzeitig herrscht hier eine so große Offenheit, die Diskussionen meiner Erfahrung nach immer entweder sehr schnell oder eben auch sehr langwierig macht. Vielleicht ist es genau dieses Spannungsfeld, aus dem immer etwas Besonderes entsteht. Was die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern angeht, so hat diese in jüngster Zeit vor allem Publikationen im weiteren Sinne hervorgebracht. Zum Beispiel das von Ihnen eben erwähnte Projekt, „Aerolithe Illusion“ mit Bridget Baker. Aus dieser Zusammenarbeit heraus ist auch ein Buchprojekt entstanden. Ich würde auch gerne noch weitere Texte veröffentlichen, die Südafrika nicht nur thematisieren, sondern auch hier entstehen und dabei auch gerne mit hiesigen Künstlern und Denkern zusammenarbeiten.
 

Bianca Baldi wurde in Johannesburg geboren, wuchs in KwaZulu Natal, Südafrika auf und absolvierte 2007 einen BA (Bildende Kunst) im Studiengang Studio Practice And Theory an der Michaelis School Of Fine Art der University Of Cape Town. Baldi besuchte 2010 als Gaststudentin die Università IUAV in Venedig, Italien und hat gerade ihr Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main, Deutschland, abgeschlossen.
 
„Zero Latitude” (2014) wurde mit Unterstützung des Goethe-Instituts von der 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst in Auftrag gegeben und koproduziert. Die Ausstellung ist im Goethe-Institut in Johannesburg vom 2.10.2014 bis 28.10.2014 zu sehen.