Sehen und gesehen werden Afrikanische Künstlerinnen erobern ihren Platz

Tumi Nkopane, KwaThema, Springs, Johannesburg 2010, © Zanele Muholi. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg
Tumi Nkopane, KwaThema, Springs, Johannesburg 2010, © Zanele Muholi. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg | Foto: © Zanele Muholi. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg

Lange Zeit waren Frauen in der afrikanischen Kunstszene praktisch nicht präsent; künstlerische Arbeit wurde sogar als für Frauen unziemliche Beschäftigung angesehen. Doch allmählich entsteht nun ein Forum für weibliche Themen und Ausdrucksformen.

Kapstadt 2008: Ein schwarzes Dienstmädchen steht vor den Sicherheitsschranken eines Kongresszentrums. Drinnen tagt die internationale Frauenrechtsorganisation Avid, eine ziemlich exklusive Veranstaltung. Abschätzig mustert der Wachmann das Mädchen, doch schließlich lässt er es passieren. Im Saal sitzt nämlich angeblich die weiße „Madam“ der jungen Frau, und die will der Mann nicht verärgern. Er kann nicht ahnen, dass Zanele Muholi keine echte Hausangestellte ist – genauso wenig wie die Tagungsgesellschaft, vor der die Künstlerin sich wenig später enttarnt. Im Konferenzsaal zückt sie ihre Kamera und beginnt, die Teilnehmerinnen zu fotografieren. Die Anwesenden sind irritiert, und das nutzt Muholi für ihren Hauptakt: Sie baut sich vor den Frauen auf und ermahnt sie, sich zu bedanken. Für die Arbeit anderer, die seit dem frühen Morgen Toiletten für sie gereinigt haben.

Provokante Themen

Auf die Performance folgt Monate später die Porträtreihe Massah und Minnah. Zanele Muholi durchleuchtet darin erneut das Verhältnis zwischen weißen Arbeitgeberinnen und schwarzen Hausmädchen – dieses Mal mit ironisch sexuellen Andeutungen. In südafrikanischen Kunstkreisen ist sie für derartige Provokationen längst bekannt. Mittlerweile auch international: Mit einer anderen Porträtreihe war die 40-Jährige vergangenes Jahr bei der Documenta 13 zu Gast und hat etliche Preise für ihre Arbeiten gewonnen. Sie hat es geschafft, komplexe südafrikanische Themen inner- und außerhalb der Heimat zu verhandeln – die Machtstrukturen der Post-Apartheid-Gesellschaft ebenso wie den schwierigen Umgang mit Homosexualität. Derzeit ist Muholi wohl eine der bekanntesten Fotografinnen Afrikas. Dennoch kämpft sie um Anerkennung.

Selbst in Johannesburg, einer der progressivsten und lebendigsten Kunstmetropolen des Kontinents, ist es noch immer nicht selbstverständlich, dass eine schwarze, lesbische Künstlerin die einschlägigen Kunstorte mit ihren Werken bespielt. Erst vor vier Jahren weigerte sich die südafrikanische Kulturministerin, eine Ausstellung mit Muholis Arbeiten zu eröffnen. Überhaupt haben es Künstlerinnen in vielen afrikanischen Ländern deutlich schwerer als männliche Kollegen. Bis in die späten 1980er Jahre traten sie kaum in Erscheinung, über Kunsthandwerk hinaus waren sie bestenfalls für Dekoration zuständig; gesellschaftliche Fragestellungen und Provokationen waren unerwünscht. Der Beruf des Künstlers galt in vielen Ländern als unanständig für Frauen.

Weibliche Kunstszene

Heute gilt zumindest Letzteres nicht mehr. Seit Mitte der neunziger Jahre ist eine weibliche Kunstszene zwischen Kairo und Kapstadt im Entstehen, die sich ästhetisch sowie inhaltlich von kolonialen und patriarchalischen Strukturen emanzipiert. Allerdings müssen junge Künstlerinnen auch heute noch um Förderung und Wahrnehmung auf dem innerafrikanischen Kunstmarkt kämpfen. Unter anderem deshalb hatte das Goethe-Institut Johannesburg Ende vergangenen Jahres eine Konferenz initiiert, bei der Künstlerinnen des ganzen Kontinents zusammenkamen, um sich auszutauschen, gegenseitig zu unterstützen und einen Querschnitt ihrer Arbeiten zu präsentieren.

Auftakt der Veranstaltung war Muholis Ausstellung Faces and Phases. Dutzende lesbische Frauen wurden für die Porträtreihe in Südafrika, Simbabwe, Uganda und Botswana fotografiert. Es sind junge Frauen, die Opfer von Hasskriminalität geworden sind oder die als Aktivistinnen dagegen kämpfen. Doch anstatt brutale Übergriffe, Vergewaltigungen und Morde an Freundinnen zu dokumentieren, zeigt Muholi in ihrer Serie ein ganz anderes Bild. Stolze, schöne, schüchterne und starke Frauen blicken der Fotografin teils kämpferisch, teils verschmitzt in die Linse und demonstrieren überwiegend eines: dass sie gesehen werden wollen. „Wenn ich sie so nicht zeigen würde, täte es wohl keiner“, sagt Muholi.

Zeit für Superheldinnen

„Wir wollen trotzdem nicht einfach nur feministischen Protest in der Kunst üben“, sagt die renommierte Kuratorin N'Gone Fall aus Senegal am nächsten Morgen. Zwar drehten sich die Arbeiten vieler afrikanischer Künstlerinnen um weibliches Selbstverständnis, aber eben nicht im engeren Sinne. Vor zehn bis fünfzehn Jahren beschäftigten sich Künstlerinnen wie Bill Kouelani (Kongo) oder Berry Bickle (Simbabwe) noch stark mit Körperlichkeit und Instrumentalisierung derselben. Doch nun scheint ein neuer Trend die Kunstszene des südlichen Afrika erfasst zu haben: Heute bevölkert eine Reihe von Superheldinnen die Galerien.

Unter anderem die Sophie des südafrikanischen Shootingstars Mary Sibande. Auch Sophie ist ein Dienstmädchen, allerdings eines mit besonderen Fähigkeiten. Die lebensgroße Figur aus Fiberglas, von der es etliche Versionen gibt, trägt stets ein ausladendes blaues Kleid, das laut Sibande magische Kräfte hat. Mit ihm kann Sophie sich aus ihrer vermeintlich untergeordneten Position in die abenteuerlichsten Situationen versetzen, sie kann afroamerikanische Selfmade-Millionärinnen treffen oder als berittene Heldin zum nationalen Denkmal werden. „Meine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter waren auch Dienstmädchen, allesamt starke Frauen“, sagt Sibande. „Ich wollte sie in meiner Arbeit würdigen und eine Figur erschaffen, die ihr Dasein aus neuer Perspektive thematisiert und sichtbar macht.“ Ein Ansatz, der ihr nicht nur Lob einbrachte. Zu unkritisch sei die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zuständen, schrieben südafrikanische Medien. Zu unterwürfig das Bild der Dienstmagd, nicht zeitgemäß die Überhöhung durch die Zauberkraft eines Kleides. Doch viele, die Sophie gesehen haben, sehen in Mary Sibandes Figur eine angemessene Form der Annäherung. „So wie der Stoff ihrer voluminösen Kleider fast schon bedrohlich den Raum einnimmt, schleicht sich auch Sophie in unser Gewissen und wird Teil unserer Gegenwart“, urteilt die Kuratorin Nontobeko Ntombela.

Vielleicht noch mehr mit den zeitgenössischen Frauen Afrikas gemein hat die Heldin der südafrikanisch-botswanischen Künstlerin Pamela Phatsimo Sunstrum. Sunstrums Kunstfigur heißt Asmi, ist in Videos, Bildern und Installationen zu sehen und hat eine multiple Persönlichkeit. An ihr prallt jede Kritik des Unzeitgemässen ab: Asmi ist eine kühne Mischung aus mythischer Gestalt, Afro-Futurism-Heldin, Zeitreisender und naturverbundener Erdfrau. Und auch sie ist eine gespaltene Persönlichkeit im besten Sinne, verkörpert nicht nur ein bestimmtes Frauenideal, sondern viele Varianten einer Unangepassten.

Gegen die Klischees des Mainstream

Die Auflehnung gegen Stereotype und gesellschaftliche Anpassung treibt Muholi, Sunstrum und Sibande an. Sie lassen ihre Heldinnen gegen die Klischees der Mainstream-Medien antreten, auch gegen Comicfiguren wie die Protagonistin des diskriminierenden US-Comics Voodoo. Denn Voodoo ist schwarz, ehemalige Stripteasetänzerin, und ihr Name eine ethnozentristische Ohrfeige. „Unfassbar“, sagt die sambische Künstlerin Milumbe Haimbe: „Die einzige schwarze Superheldin, die derzeit durch unsere Kinderzimmer geistert, ist eine stumpfe Sexbombe und Killermaschine.“ Die neuen Heldinnen der afrikanischen Kunst jedenfalls sind deutlich vielschichtiger.
 

Zanele Muholi wurde am 28. Oktober 2013 zur Honorarprofessorin der Hochschule für Künste Bremen ernannt.

Der schwierige Brückenschlag zwischen politischem Engagement und künstlerischer Qualität gelingt Zanele Muholi in einmaliger Weise; ihr Werk bildet eine unverwechselbare Position in der heutigen Fotografie.