Interview mit Jim Chuchu „Die Menschen in Kenia sind unser wichtigstes Publikum“

Im Film Stories of our Lives vom The Nest Kollektiv werden fünf authentische Geschichten queeren Lebens in Kenia erzählt. International wird der Film in den höchsten Tönen gelobt. In Kenia ist er derzeit auf Grund eines Verbots des kenianischen Classification Boards nicht zu sehen. Von den Recherchearbeiten bis hin zur Postproduktion hat das Kollektiv jeden Aspekt des Films in Eigenregie gemacht, obwohl die meisten von ihnen keine Erfahrung mit dem Filmemachen hatten. Wir sprachen mit Jim Chuchu, dem Regisseur von Stories of our Lives.

Bevor Stories of our Lives zu einem Filmprojekt wurde, ging es zunächst lediglich darum Geschichten queerer Menschen in Kenia zu sammeln. Wie kam es zu dieser Ursprungsidee?
JC: Zum Teil war es Neugier von uns als Kollektiv, gleichzeitig ging es uns aber auch darum Dinge, die über das Queer-Sein gesagt werden, auseinander zunehmen. Generell interessieren wir uns sehr dafür, wie Gesellschaften mit Minderheiten umgehen. Ständig hört man, dass Homosexualität etwas vom Westen Importiertes ist, dass es ein Nairobi-Ding ist, ein Stadt-Ding. Wir fragten uns was ein Bericht der Erfahrungen aus dem ganzen Land dokumentiert mit dieser Vorstellung tun würde. Wie er sich auf uns selbst und unsere Vorstellungen des Queer-Seins auswirken würde.

Zurückgeben an die Queer-Community

Wie entwickelte es sich dann in ein Filmprojekt?
JC: Nachdem wir circa 40 bis 50 Geschichten gesammelt hatten, fragten wir uns, was wir mit den Interviews am Ende machen würden. Eine Idee war es ein Buch mit den Geschichten herauszugeben. Es gab jedoch einige Geschichten, die so anschaulich und visuell waren, dass wir empfanden das geschriebene Wort würde niemals alle Nuancen solch bildlicher Geschichten vollständig transportieren können. Das geschriebene Wort entzieht einer Geschichte manchmal die Emotionen. Dann kamen wir auf die Idee, von dieser, und dieser, und dieser Geschichte Kurzfilme zu machen. Also fingen wir an die Skripte zu schreiben. Es ging uns darum Kurzfilme zu machen, die wir der Queer-Community zurückgeben könnten. UHAI/EASHRI – eine ostafrikanische aktivistische Stiftung – kam hinzu und unterstützte uns mit Geldern. Sie waren daran interessiert, dass die queeren Geschichten aus einer afrikanischen Perspektive wiedergegeben werden, nicht wie die üblichen Dokumentationen, die von Fremden mit einer Außenperspektive erzählt werden.

Und wie entwickelten sich die Kurzfilme schließlich in einen Langspielfilm?
JC: Nachdem wir drei, der letztendlich fünf Kurzfilme fertig gestellt hatten, war Rashna Salti, eine der Programmverantwortlichen des Toronto International Film Festivals (TIFF) in Nairobi. Zufälliger Weise sah sie einen der Kurzfilme. Sie bekundete Interesse daran, die Filme auf dem TIFF 2014 zu zeigen. Dieser Übergang von ein paar Kurzfilmen mit einem ganz bestimmten Publikum zu einem Langspielfilm, der seine Premiere auf einem internationalen Filmfest haben würde, war eine große Umstellung für uns. Es bedeutete ein Level an Sichtbarkeit, das wir nicht erwartet hatten und das wir auch nicht angedacht hatten, als wir anfingen. Wir mussten uns zunächst untereinander darüber verständigen, ob wir das wollten, und ob dieser Grad an Sichtbarkeit für alle, die am Projekt beteiligt waren sicher sein würde. Das TIFF Team schlug vor den Film anonym zu zeigen und wir dachten über diesen Vorschlag nach. Schließlich kam der Katalog des Filmfestivals ohne die Filmcredits heraus. Wir entschieden uns jedoch dies zu ändern und zeigten während der Premiere den Film mit der Nennung aller Namen aller Beteiligten.

Ihr habt das aber nicht spontan auf der Premiere entschieden?
JC: Nein. Es gab viel hin und her darüber, was wir tun sollten. Ich erinnere mich, dass auch der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina auf uns zukam und uns klar machte, dass wir eine falsche Botschaft aussenden würden, wenn wir den Film anonym präsentieren würden. Eine Botschaft, dass wir uns für unsere Arbeit schämen würden. Ganz sicher jedoch schämten wir uns nicht für dieses Projekt. Es war uns sehr ans Herz gewachsen und wir alle hatten während dessen so viel dazu gelernt. Bevor wir nach Toronto reisten zeigten wir den Film den Schauspielern sowie einem kleinen Publikum von Freunden und Partnern. Es war sehr emotional – das berührendste Screening, das wir bis jetzt hatten.
 
Wie reagierten die Menschen in Kenia, als sie vom Film erfuhren und wer dahinter steckt?

JC: Es war eine eigenartige Woche, mit guten und schlechten Vorkommnissen. Wir bekamen viel Aufmerksamkeit und Unterstützung von alten Freundinnen, Partnern und der Queer-Community. Dann war es natürlich auch eine Überraschung. Einige unserer Familienmitglieder und Freunde fragten, warum wir einen solchen Film produziert hatten, und was dies bedeutete in Bezug auf unsere individuellen Identitäten und  in Bezug auf unsere Identität als Kollektiv. Außerdem wurde uns bewusst, wie Kenia und Afrika von außen gesehen werden. Seitdem der Film draußen ist, haben wir mit vielen gutmeinenden internationalen Medien  sowie mit den Filmzuschauern interagiert, und die Idee, dass Uganda, Nigeria und Kenia ein homogener, dunkler Block namens Afrika sind, ist selbst im Jahr 2015 noch allgegenwärtig, wenn man annehmen würde die meisten Menschen müssten es besser wissen.

"Die Existenz als queerer Mensch ist revolutionär"

Seht ihr euch selbst als Aktivistinnen und Aktivisten?
JC: Zunächst waren wir etwas zögerlich dieses Label für uns zu beanspruchen, da wir empfanden, dass wir dadurch die jahrelange harte Arbeit der Menschen in Kenia, die wir als “echte” Aktivistinnen der Queer Community sehen auszulöschen. Menschen, die seit Jahren an vorderster Front für Minderheitenrechte und sexuelle Rechte kämpfen und deren Netzwerke es uns überhaupt erst möglich machten unsere Recherchearbeiten durchzuführen. Nach einiger Zeit jedoch, merkten wir, dass manchmal schon die bloße Existenz als Künstlerin, oder als queerer Mensch revolutionär ist. Zu existieren, als jemand der eine andere Sichtweise hat, oder eine Meinung die vom Mehrheitsdogma abweicht, kann einen zu einer Art Aktivist machen.
 
Wie sind Kunst und der Kampf für soziale Gerechtigkeit miteinander verbunden?
JC: Politischer Aktivismus kann manchmal sehr theoretisch sein. Dann geht es schnell nicht mehr um Menschen. Die Rechte, um die man kämpft erscheinen getrennt von gelebten Erfahrungen. In der Vergangenheit hatten wir hier bei The NEST ein Theaterprogramm, das nach dem Vorbild des „Theater der Unterdrückten“ ablief. Das Publikum bekommt hierbei die Möglichkeit in einem Stück zu intervenieren. Uns fiel dabei immer der Unterschied auf zwischen Leuten, denen ein Vortrag über ein bestimmtes Thema gehalten wird und solchen, die in eine konkrete Angelegenheit innerhalb eines Theaterstücks eingreifen können. Im letzteren Fall sind die Menschen engagiert bei der Sache, sie haben eine Meinung und sie sind ehrlich. Es gibt Dinge, die Menschen mit anderen Menschen verbinden, die sie etwas ehrlicher macht, als wenn sie mit Expertinnen über große Theorien diskutieren. Vermutlich ist es das: Kunst kann einen relativ einfach an einen Ort bringen, der ein wenig ehrlicher ist.
 
Was waren einige der Erfolge die ihr bisher mit dem Film erreichen konntet?

JC: Ich denke für jeden von uns waren die Erfolge unterschiedlich. Einige sahen sich nicht als Filmemacher, aber indem wir alle mithalfen den Film zu realisieren, musste jede und jeder von uns einen Aspekt des Filmemachens lernen und Teil der technischen Crew sein. Unsere technischen Fähigkeiten sowie unser Selbstbewusstsein wuchsen an desto weiter wir mit dem Film kamen. Auf eine Art hat uns alle der Film zu anderen Menschen gemacht, als die, die wir waren bevor wir mit dem Projekt anfingen.
 
Neben vielen anderen Orten habt ihr den Film im Februar auf der Berlinale 2015 in Berlin gezeigt. Wie waren eure Erfahrungen dort?
JC: Das Publikum auf der Berlinale beschäftigte sich mit unserer Arbeit in einer Art, wie ich sie auf wenigen Filmfestivals erlebt habe. Sie schätzten sowohl die handwerklichen und künstlerichen Aspekte des Filmemachens sehr und waren sich gleichzeitig der politischen Umstände um den Film herum bewusst. Sie interessierten sich für den Kontext seiner Entstehung. Auch das Festivalteam war sehr bemüht, die Filme in ihrer bestmöglichen Weise zu präsentieren.

Die USA und das "Homophobie Problem" Afrikas

Wie wurde der Film in anderen Teilen der Welt rezipiert? Wo hattet ihr die einzigartigste Erfahrung?
JC: In Toronto hatten wir sicherlich unsere emotionalste Erfahrung, da es das erste Screening war und wir uns mit all unseren Ängsten auseinandersetzen mussten. New York war ebenfalls interessant, wegen der Beziehung, die die USA mit dem „Homophobie Problem“ Afrikas hat. Es handelt sich um eine sehr enge Beziehung, auch wenn das die meisten US-Amerikaner nicht zugeben wollen. Die USA sind gleichzeitig ein großer Unterstützer für queere Bewegungen genauso wie für anti-homosexuelle Bewegungen in Afrika. Menschen desselben Landes geben also ihre Unterstützung für beide Enden des Spektrums. Zunächst zögerten wir diesen Aspekt zu beleuchten, aber dann konnten wir es auch nicht zulassen, dass das US-amerikanische Publikum da saß und uns fragte, warum Afrika so homophob sei, wenn es doch verrückte rechtskonservative US-amerikanische Kirchen sind, die so stark involviert sind in der Unterstützung der anti-homosexuellen Bewegung.
 
Neben seinem Inhalt, wird der Film auch für seine hohe Qualität in Sachen Kinematographie und für den Soundtrack gelobt. Besonders fällt auf, dass ihr den Film in schwarz-weiß gedreht habt. Was waren hierfür die Gründe?
JC: Hierfür gab es zwei Gründe. Erstens, die Farbe herauszunehmen erlaubte es uns, uns mehr auf die Form und Schatten zu konzentrieren. Es vereinfacht gewisse technische Dinge. Der zweite Grund drehte sich mehr um Fragen der Repräsentation. Schaut man sich Filme an, die in Afrika spielen oder in denen es um Afrika geht, findet man stets die gleichen Farben wieder: braun wie die Savanne, grün wie der Dschungel, und golden wie die Sonnenuntergänge. Wenn man hier aus dem Fenster schaut sieht man jedoch, dass es keine braune Stadt ist. Kenia kommt in vielen unterschiedlichen Farben daher. Es wurde bereits viel gesagt über die negativen stereotypen Bilder, die über Afrika produziert werden. Die Diskussionen beschäftigten sich jedoch nie mit der formalen Struktur der über Afrika produzierten Bilder. Es gibt hier eine Vorherrschaft bestimmter Farben, die ebenfalls auseinander genommen werden sollte. Daraus wollten wir in jedem Fall herausbrechen und deshalb entschieden wir uns in schwarz-weiß zu filmen.
 
Wie fühlt ihr euch damit, dass Menschen in Kenia derzeit den Film nicht sehen können, vor allem unter dem Aspekt, dass ihr den Film in erster Linie nicht für ein internationales Publikum gemacht hattet, sondern für Kenianerinnen und Kenianer?

JC: Auf eine Art bin ich amüsiert darüber, dass das Classification Board denkt  es könne kenianische Erwachsene kontrollieren. Wenn man etwas verbietet, dann wollen es erst recht alle sehen. Die Welt hat sich verändert und es ist sehr schwer erwachsene Menschen heutzutage auf diese Art und Weise zu kontrollieren. Gleichzeitig ist es auch sehr ärgerlich. Allein die Vorstellung, dass es ein Regierungsorgan gibt, dessen Aufgabe es ist, sich kulturelle Werke anzusehen und zu urteilen was gut und was schlecht ist für erwachsene Menschen, ist ärgerlich. Es ist lästig und traurig, denn unser erstes Screening mit kenianischem Publikum ist bis heute das wirkmächtigste. Dieser Film hat eine ganz andere Bedeutung für Kenianerinnen und Kenianer. Für uns werden sie immer das wichtigstes Publikum bleiben, denn der Film ist über sie.