5 Fragen an Gina Kraft

The Last Supper
The Last Supper © Gina Kraft

Die Künstlerin Gina Kraft wählt Leonardo Da Vincis „Abendmahl” als visuellen Bezugspunkt für ihre Performance, die am 15. April 2015 im GoetheonMain zu sehen ist. Wir sprachen mit ihr über Religion, Rituale und Darstellungen des weiblichen Körpers.

Warum haben Sie sich gerade mit Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde des letzten Abendmahls beschäftigt?
Gina Kraft: Ein zentraler Punkt meiner Performance ist es, die gängige von der christlichen Religion geprägte Weltsicht kritisch zu hinterfragen. Der Kern der Sache ist die Geschichte des letzten Abendmahls, wie sie in der Bibel erzählt wird. Sie ist der Vorbote der Erlösung der Menschheit, der Moment der Offenbarung. Da Vincis berühmtes Gemälde dieser Szene ist eine wichtige bildliche Darstellung dieser Begebenheit, die viele Menschen verehren und die sie bei ihren religiösen Inszenierungen immer wieder zum Vorbild nehmen.

Ich bin sehr religiös erzogen worden. Meine Eltern waren evangelische fundamentalistische Christen. Die hier gepflegte Kultur, die Rituale und Praktiken waren ganz normal für mich. Mit Anfang zwanzig begann ich jedoch, dieses Leben mit seinem Glaubenssystem zu hinterfragen. Seitdem nähere ich mich der Religion mit ihren Ritualen und deren Darstellungen aus einer neugierigen und kritischen Grundhaltung heraus. Ich habe bereits viele verschiedene bestehende Rituale und rituelle Gesten studiert, mit ihnen experimentiert, sie bloßgestellt und dabei sogar neue Rituale erschaffen. Meiner Meinung nach ist die Durchführung von bzw. die Teilnahme an Ritualen der zentrale Punkt innerhalb religiöser Gemeinschaften. Für eine funktionierende Gemeinschaft sind gemeinsam ausgeführte Handlungen wichtiger als der gemeinsame Glaube. Das Experimentieren mit Beziehungen und dem Aufbau von Gemeinschaften durch Rituale ist ein wichtiges Element des Abendmahl-Projekts.

Da Vincis Abendmahl zeigt 13 Männer, die nebeneinander an einem langen Tisch sitzen. Von weiblichen Jüngern ist in der Bibel nie die Rede, und so gibt es auf dem Gemälde auch keine Frauen. Laut der Überlieferung haben diese in einem Raum eingeschlossenen Männer ihre Mahlzeit selbst zubereitet und gegessen. In meinem Projekt stelle ich den Ausschluss von Frauen in dem im Bild dargestellten streng patriarchalischen System jedoch in Frage.
 
Der weibliche Körper an sich und besonders Ihr eigener Körper ist in Ihrer künstlerischen Arbeit ein wiederkehrendes Motiv. Warum setzen Sie Ihren eigenen Körper ein, um ihre Botschaft zu vermitteln?
GK: Die Themen, die ich wichtig finde und um die es in meinen Arbeiten geht, haben oft viel mit dem weiblichen Körper zu tun: Wie wird er wahrgenommen, angeschaut, beurteilt, geliebt, beneidet, manipuliert, verfremdet oder gar verstümmelt? Ich zweifle gerne stereotype Geschlechterrollen an. Vor diesem Hintergrund ist es also sehr passend, meinen eigenen Körper einzusetzen, um diese Themenkomplexe zu erörtern.

Bei der Entstehung eines Kunstwerks ist immer eine gewisse Verletzbarkeit im Spiel. Egal, welches Medium man nutzt, welches Thema man behandelt oder welche Vorstellungen man kritisch beleuchtet, das Kunstwerk entsteht immer aus dem Künstler selbst heraus. Indem ich meinen eigenen Körper benutze, betone ich diese Verletzlichkeit und stelle mich ihr. Ich erschaffe damit eine Unmittelbarkeit und eine direkte Konfrontation mit dem Zuschauer, der in dieser Situation sogleich beginnt, seine eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, neue Möglichkeiten zu erkennen und vielleicht sogar etablierte Meinungen kritisch zu betrachten.

Eine Szene Ihrer Abendmahl-Performance ist besonders beeindruckend: Man sieht eine Gruppe sich drehender und windender Frauen, deren Köpfe und Gesichter mit durchsichtigen Strümpfen bedeckt sind. Können Sie uns diese Szene etwas näher erklären?
GK: Diese Szene beschreibt die Seelenqualen, die man im Angesicht von Verlust und Trauer erleidet. Das sind auch die Hauptthemen von The Last Supper Part III („Das letzte Abendmahl Teil 3“). Ich wollte das Gefühl der Hilflosigkeit ausdrücken, die man angesichts der Unfähigkeit, die Situation zu ändern, empfindet. Die Intensität dieses Gefühls wird durch die Vielzahl der vor Kummer schreienden Frauen noch verstärkt – ein Gefühl, das ein Mensch alleine kaum aushalten kann, aber dennoch ertragen muss.

Ich habe in letzter Zeit privat selbst viele Verluste erfahren. Die schreienden Frauen in dieser Szene sind der äußere Ausdruck meiner inneren Qualen. Als Weiterführung von The Last Supper Part II („Das letzte Abendmahl Teil II”), in der 13 Frauen erfahren, das eine von ihnen sterben wird, setzen sie choreografierte Gesten ein, um ihre Beklemmung und Verlustangst auszudrücken. Das Ganze ist eine sehr persönliche Reflexion, dargestellt von Frauen, die ihre Freundin verloren haben. In der eben beschriebenen Szene ist die Frau bereits verstorben und ihre Freundinnen sind von extremem und unabänderlichem Leid ergriffen.

Ihre Arbeiten beschäftigen sich häufig mit der Frage, wie Frauen in verschiedenen Kulturen wahrgenommen werden, was von ihnen erwartet wird und welchen Formen der Unterdrückung sie ausgesetzt sind. Wie beurteilen Sie den Stand der Gender-Debatte und der Machtstrukturen in der heutigen Zeit?
GK: Die Folgen eines Jahrtausende langen Machtkampfes zwischen Mann und Frau, der von schleichender Manipulation bis zum konkreten körperlichen Missbrauch reicht, sind selbst in der heutigen Zeit noch deutlich spürbar. Durch das Festhalten an stereotypen Geschlechterrollen sollen die Männer begünstigenden Machtstrukturen aufrechterhalten bleiben. Diese zugeschriebenen Rollen untergraben das Recht des Einzelnen und sollen Macht und Dominanz sichern. Sie sind in verschiedenen Lebensbereichen zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Familieneinheiten entwickelt und verändert worden. Die Bewahrung dieser Geschlechterrollen in der heutigen Zeit hat einen deutlich negativen Einfluss auf das Leben, die Ambitionen, das Glück, die Leistungsfähigkeit und das Selbstwertgefühl von Frauen weltweit.

Beim Aufbau und der Manipulation solcher stereotypen und vorgefertigten Rollenbilder als Maßstab für das eigene Leben spielen die Medien eine große Rolle. Prominente Persönlichkeiten beeinflussen Männer und Frauen mit ihren Vorstellungen und Erwartungen in Sachen Schönheit und Auftreten. Die Menschen fühlen sich diesem allgegenwärtigen Blick auf das unrealistische Leben und Aussehen der Schönen und Reichen hilflos ausgeliefert und fühlen sich zunehmend wertlos, nicht liebenswert und unattraktiv.

Ein weiteres wichtiges Instrument der Machterhaltung sind religiöse Glaubenssysteme, die die Moral- und Wertvorstellungen einer Gesellschaft steuern und am Patriarchat mit seinen vor langer Zeit festgelegten Geschlechterrollen festhalten. Ich selbst bin in diesem Wertesystem aufgewachsen und passte dort jahrelang auch wunderbar hinein. Nun habe ich mich vor kurzem nach 18 Jahren Ehe von meinem Mann getrennt. In diese Beziehung war ich nach vorherrschenden heterosexuellen Geschlechterrollen hineingestolpert. Wenn ich jetzt an diese Jahre zurückdenke, bin ich nun in der Lage, all die Jahre als „Ehefrau“ und „Mutter“ kritisch zu reflektieren; eine Zeit, in der ich verzweifelt darum kämpfte, ich selbst sein zu dürfen, Zeit für meine Ambitionen zu haben, etwas Kreatives erschaffen und glücklich leben zu können. Kurz, ich habe gemerkt, dass die stereotypen Geschlechterrollen, die ich vermittelte, einfach nicht funktionieren.
 
Zu den Abendmahl-Aufführungen bei GoetheonMain gehören auch Workshops, Rituale und gemeinsame Mahlzeiten, um direkt mit dem Publikum und den Menschen im Stadtbezirk Maboneng in Kontakt zu treten. Welche Erfahrungen erwarten den Zuschauer dort?
GK: Ich möchte mit meinem Projekt den Menschen die Gelegenheit bieten, an einem gemeinschaftlichen Erlebnis teilzuhaben – ohne (Vor-)urteile und Exklusivität. Es geht darum, dass alle mitmachen können, akzeptiert und inkludiert werden.

Während wir mit dem Abendmahl-Projekt im GoetheonMain sind, gibt es neben der Performance, den Videovorführungen, visuellen und auditiven Dokumentationen auch an zwei Wochentagen pro Woche Workshops, um die Performance vorzubereiten und weiterzuentwickeln. Das Publikum kann damit hautnah erfahren, wie die Choreografie einer solchen Aufführung genau abläuft. Dazu gibt es weitere Workshops, in denen die Zuschauer aktiv mitwirken können. Wir bereiten Mahlzeiten zu, die wir dann gemeinsam mit dem Publikum und den Menschen vor Ort einnehmen. Ein gemeinsames Essen verbindet die Menschen, da man bei Tisch unweigerlich miteinander ins Gespräch kommt. Außerdem gibt es noch verschiedene Workshops rund um Tanz und Bewegung, in denen wir demonstrieren möchten, wie wunderbar und schön der menschliche Körper ist.

Am Anfang zelebrieren die Workshop-Teilnehmer immer ein gemeinsames Ritual. Dadurch kann jeder seine eigene Verletzbarkeit zeigen und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe wächst. Es passiert immer das Gleiche, allerdings mit wechselnden Partnern. Nach jedem Ritual gibt es dazu eine Feedback-Runde, in der jeder seine persönlichen Eindrücke schildern kann. Dadurch wird das Ganze persönlich, inklusiv und bedeutsam. Das Ensemble hat dieses Ritual schon ein Jahr lang bei den Proben vollzogen. Wir haben festgestellt, dass dies die Verbindung zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern deutlich intensiviert hat. Nun möchten wir auch anderen ermöglichen, an dieser Erfahrung teilzuhaben, bei der man sich anfangs noch verletzlich und unwohl fühlt, am Ende aber auch viel Heilung und Trost erfährt und wertvolle Eindrücke sammelt.

 

Gina Kraft ist eine südafrikanische Performance-Künstlerin und lebt in Johannesburg. In vielen interaktiven (Live-) Performances hat sie bereits mit der Wirkung ihres Körpers auf die Zuschauer experimentiert. Mit ihren Aktionen setzt sie sich mit gängigen Vorstellungen und Praktiken kritisch auseinander. Diese finden oft im öffentlichen Raum statt, sie führt ihre Werke jedoch auch in Galerien auf und macht Video- und Fotokunst. Sie ist derzeit Vorreiterin einer Performancekunst, die das Publikum aktiv teilhaben und mitarbeiten lässt.


Das Interview mit Gina Kraft führte Miriam Daepp im April 2015