Interview Wie Nelisiwe Xaba die Politik der Exotik entlarvt

Nelisiwe Xaba Teaser
Nelisiwe Xaba performs Fremde Tänze © John Hogg

„Ich muss einfach eine Feministin sein. Jeder Tag sollte ein Protesttag sein“, erklärt die Tänzerin und Choreografin Nelisiwe Xaba. Es sind noch etliche Wochen bis zum 27. Dance Umbrella Festival. Die preisgekrönte Künstlerin nimmt am Schreibworkshop des Festivals teil und lässt dabei ganz in Ruhe ihre beinahe zwei Jahrzehnte umfassende Karriere als Tänzerin Revue passieren. Den politischen Aspekt eines Daseins als schwarze Tänzerin behält sie dabei stets im Blick. Das Thema des diesjährigen Workshops heißt choreographing gender („Gender-Choreografie”).

„Feminismus ist nicht nur so ein Relikt aus den 60er Jahren. Wir haben das Problem, gegen das unsere Großeltern damals ankämpften, immer noch nicht gelöst“, erklärt die in Soweto geborene Tänzerin. „Meine Großmutter war in den 60er Jahren eine aktive Frauenrechtlerin. Es war mir von daher immer wichtig, an diese Arbeit anzuknüpfen. Protest wird immer ein Teil meines Lebens bleiben.“

Ihr Stück mit dem Titel Angels And Uncles („Engel und Onkel“), das Tanz und Installation vereint, ist eine Zusammenarbeit mit dem experimentellen Filmemacher Mocke J van Veuren. Es soll eine Kritik an Jungfrauentests sein und hat 2013 den FNB Art Prize gewonnen. Xabas Aktivismus ist immer in ihre Kunst eingebettet, will aber keinen Zeigefinger erheben. „Als Feministin bin ich gegen solche Jungfrauentests, aber viel wichtiger ist es mir einfach, eine Diskussion um das Thema anzuregen. Ich finde, man sollte Menschen, die eine Tradition praktizieren, nicht sagen, dass sie etwas Falsches tun. Das hat etwas Arrogantes an sich.“
 
Für Xaba, die ihren Stil bei der Johannesburg Dance Foundation, der Rambert School Of Ballet sowie bei Contemporary Dance in London entwickelte, ist Gender-Aktivismus nichts Neues. Angefangen von They Look At Me And That’s All They Think („Sie gucken mich an und denken sich nichts dabei”), einer Zusammenarbeit mit dem Contemporary Design Studio Strangelove über Sarah Baartman (eine Angehörige der Khoi, die im 19. Jahrhundert abschätzig als „Venus der Hottentotten” bezeichnet und in kolonialistischen „Menschenzoos” zur Schau gestellt wurde) bis hin zu den gemeinsam mit der Choreografin Kettly Noël aus Haiti konzipierten Correspodences - Xabas Arbeiten lesen sich wie das Tagebuch einer Frau mit brauner Haut, die in der Welt herumreist und ihre Kunst direkt auf ihrem Körper zur Schau stellt.

„Ich muss mir nicht das Etikett ‚Aktivistin‘ auf die Stirn kleben. Ich bin einfach ich“, erklärt Xaba vor ihrer Performance Fremde Tänze. Das Werk entstand in Freiburg in der Nähe des Schwarzwaldes in Süddeutschland, wo Xaba eine Residenz als Künstlerin hatte. Inspiriert wurde sie zu dieser Arbeit, als sie sich mit deutschen Choreografen und ihren Vorstellungen zum Thema Exotik beschäftigte. Mit der Arbeit thematisiert Xaba exotische Vorstellungen und das damit verbundene Anstarren – ein wiederkehrendes Motiv in ihrer Arbeit.

„Ich akzeptiere es, dass ich als Königin des Exotismus bzw. des Exotischen angesehen werde“, erklärt sie. Mein Körper ist politisch. Mir geht es jedoch um das Anstarren und die Perspektive, aus der heraus dieses geschieht“, erklärt sie. „Der Blickwinkel, aus dem man schaut oder starrt, ist der Punkt, an dem es politisch wird.“

Xabas Ausführungen darüber, wie schwarze Frauen in der zeitgenössischen Tanz-Szene und der Gesellschaft an sich als exotisch betrachtet werden, geht auf eine Vorgehensweise zurück, die bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann, angefangen von der Erotisierung und Darstellung von Baartman bis hin zur Arbeit der afrikanisch-amerikanischen Tänzerin und Schauspielerin Josephine Baker, die im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts als „schwarze Perle“ oder „Bronze-Venus“ gefeiert wurde.
 
Schönheit – Aber Ohne Hochglanz

Jahrhunderte später zieht sich ein solcher Blick durch die gesamte populäre Kultur, von kommerziellen Musikvideos zu Hochglanz-Modemagazinen. Xabas Fremde Tänze ist jedoch nicht das einzige Werk des Dance Umbrella Festivals, das sich mit solchen Beispielen für Othering und ähnlichen Darstellungsweisen beschäftigt.

Das Stück Wena Mamela, choreografiert von der gefeierten Darstellerin Mamela Nyamza, beleuchtet deren Leben als schwarze südafrikanische Frau und die traditionellen Rollen, die Frauen im Tanz und in der Gesellschaft zugeteilt werden.
Nelisiwe Xaba Artikel Nelisiwe Xaba performs Fremde Tänze © John Hogg
Eine Zusammenarbeit zwischen der Tumbuka Dance Company aus Simbabwe und der Company Nora Chipaumire zeigt, wie diese Muster auch auf Männer übertragen werden. Portrait Of Myself As My Father, eine Choreografie des in Simbabwe geborenen und nun in New York beheimateten Altmeisters Chipaumire, beleuchtet die Darstellung von Männern, Männlichkeit und des schwarzen afrikanischen Körpers. Darüber hinaus spricht die Arbeit auch diverse Themen rund um das Stichwort „Identität“ an, vor allem das Selbstverständnis der Menschen aus Simbabwe.

Der Sunnyboy von Moving Into Dance Mophatong, Motau, und Rachel Erdos aus Tel Aviv haben das Stück Fight, Flight, Feathers, F***ers konzipiert, („Kampf, Flucht, Federn, F***er”) die anhand der Methode „Flucht oder Kampf” die Politik der Maskulinität erkundet.

Zum Abschluss des Workshops regt Xaba noch mit ihrem kontroversen Stück Sarkozy Says ‘Non’ To The Venus („Sarkozy sagt ‘nein’ zur Venus”), mit dem sie die in fragwürdigen Museen in Europa übliche Gewohnheit des Anstarrens thematisiert, wo Menschen wie Sarah Baartman wie Objekte ausgestellt wurden.

„Meine Arbeiten zeigen die Schönheit, allerdings nicht die, die man in Hochglanzillustrierten findet“, hat sie einmal zu City Press gesagt. Wenn wir allerdings nur als hübsche, tanzende Elfen im Raum herumhüpfen, kann ich beim besten Willen daraus keine Arbeit machen.”
 

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erschien am 4. März 2015 in der Wochenzeitung Mail & Guardian. Der Dance Umbrella Dance Writer's Workshop fand vom 13. bis 14. Februar und 20. bis 21. Februar 2015 innerhalb des Dance Umbrella Festivals statt.