Achille Mbembe über die Zukunft Afrikas

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Achille Mbembe ©Goethe-Institut/Lerato Maduna & Bhekikhaya Mabaso

Laut Achille Mbembe hängt die Zukunft unseres Planeten merklich von den momentanen Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent ab. Wir sollten ihm also zuhören. In den Diskussionen über die „Zukunft Afrikas“ ist der Intellektuelle aus Kamerun die wichtigste Stimme. Seine Tätigkeit als Professor an der Wits University in Johannesburg, seine Veröffentlichungen und sogar seine Facebook-Seite haben schon viele wichtige Diskussionen über die Zukunft des Kontinents und sogar der ganzen Welt angestoßen.

Damola Durosomo: Was fasziniert sie, wenn Sie an die zukünftige Entwicklung des Kontinents denken?
Achille Mbembe: Also, was mich vor allem interessiert, wenn ich über den Zustand des Kontinents nachdenke, ist das Ausmaß, in dem wir eine Vielzahl von Schritten übersprungen haben, die andere Gesellschaften machen mussten, um in Sachen technologische Entwicklung mithalten zu können. Die meisten Regionen unseres Kontinents spazieren sozusagen gerade aus der Steinzeit ins digitale Zeitalter.

Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit einer wahren Explosion an Wissensformen, die sich sowohl auf traditionelles Wissen als auch auf modernste Technologien, wie sie im Rest der Welt anzutreffen sind, stützt. Diese Beschleunigung ist für mich die wichtigste philosophische, politische und wirtschaftliche Frage, die stets der Kern unserer heutigen Diskussion um Wissensproduktion sein sollte.

DD: Wie wird diese rasende Geschwindigkeit die zukünftige Entwicklung beeinflussen? Und welche Folgen hat es, die eben erwähnten Schritte auszulassen?

AM: Eine solche rasante Beschleunigung kann auf verschiedenen Gebieten spürbare Effekte hinterlassen, wenn man sie nicht sorgfältig steuert. Das Besondere an Afrika ist historisch gesehen die Fähigkeit dieses Kontinents, sich auf Neues einzulassen. Afrikanische Gesellschaften haben es immer geschafft, alles Neue in alte kulturelle Muster einzubetten.

Ich bin sicher, dass auch die digitale Revolution nach dem gleichen Muster aufgenommen werden wird, und das birgt meiner Meinung nach nur Vorteile. Besonders die jungen Menschen unseres Kontinents werden sich diesen neuen menschlichen Erfindungen sicher vorbehaltlos öffnen.

DD: Apropos junge Leute – genau die werden gerade immer als enorm wichtig für die Zukunft Afrikas beschrieben. Welche Rolle spielen die Studierenden dabei?
AM: Besonders die Studierenden sind die Vorreiter dieser neuen Entwicklung. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass die Bevölkerungszahlen in Afrika weiter steigen werden. Wir befinden uns mitten in einer demografischen Revolution. Der Kontinent setzt sich mehrheitlich aus jungen Menschen zusammen, gleichzeitig befinden wir uns in einer urbanen Revolution. Von Lagos über Kinshasa, von Nairobi und Ruanda über Johannesburg bis hin zu Douala und Abidjan werden wir gerade Zeuge, wie neue städtische Zivilisationen entstehen, die die jüngste Geschichte der Menschheit bislang nicht kannte.

Die Kombination aus demografischer und urbaner Revolution stellt Afrika allerdings wieder vor neue Dilemmas. Eines davon ist das Dilemma verbindlicher Abmachungen. Wir müssen diese auf dem gesamten Kontinent durchsetzen und dabei interne Grenzen abschaffen. Die jungen Menschen müssen diese Bemühungen anführen und den Kontinent damit wieder zu sich selbst finden lassen. Technologie spielt dabei eine entscheidende Rolle.

DD: Sie haben schon viel zum Thema Dekolonisierung des Wissens geschrieben. Glauben Sie, dass die Studierendenbewegung, die sich derzeit in Südafrika ausbreitet, bei diesem Prozess eine Schlüsselrolle spielen wird?
AM: Zunächst einmal ist die Situation in Südafrika recht typisch für eine Gesellschaft, die ihre lange Geschichte der Rassendominanz abschütteln will. Auf politischer Ebene werden die wichtigsten Zukunftsentscheidungen in Südafrika von einer schwarzen Mehrheit getroffen, andererseits werden die Geschicke des Landes in kultureller und, was noch wichtiger ist, wirtschaftlicher Hinsicht nur von einer kleinen Gruppe mächtiger Weißer gelenkt.

Die Trennung von Politik auf der einen und Wirtschaft und Kultur auf der anderen Seite wird besonders im universitären Bereich auf dramatische Weise deutlich. Sprich, die meisten Universitäten in Südafrika laufen immer noch den kolonialen Moralvorstellungen von Oxford und Cambridge und dergleichen hinterher, und das in einer Zeit, in der (vor allem die schwarze) südafrikanische Gesellschaft, den Wunsch nach höherer Bildung mit dem Bestreben, Massenarmut zu bekämpfen und sozialen Aufstieg zu ermöglichen, in Einklang bringen will. Dadurch haben sich zahlreiche Widersprüche aufgetan, die wiederum neuartige Konflikte hervorgebracht haben. Dieser Prozess wird hier als Dekolonisationsbewegung bezeichnet.

Die Dekolonisationsbewegung will aktiv in den Lehrplan eingreifen und das beenden, was sie als institutionellen Rassismus innerhalb der Universitäten empfindet. Es sollen mehr schwarze Mitarbeiter eingestellt werden, studentische und soziale Initiativen sollen vereint werden, um stärker agieren zu können. Die Bewegung steckt noch in den Kinderschuhen, momentan versucht man hier, intellektuelle Fragen mit Fragen nach einer Demokratisierung des Bildungszugangs, freier Bildung für sozial Schwache und ähnlichen Dingen zu verbinden, was die vielen Aufstände in südafrikanischen Universitäten in der jüngsten Vergangenheit erklärt.
Salie Rabie Kane_mid für Achille Mbembe African Futures (Okayafrica)
DD: Warum ist die Diskussion um die Zukunft Afrikas so wichtig?
AM: Eine lange Zeit stand die Zukunft Afrikas in der ganzen Afrika-Diskussion überhaupt nicht zur Debatte. Man ist einfach davon ausgegangen, dass Afrika keine Zukunft hat. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Überschrift „Der hoffnungslose Kontinent“, die das Magazin The Economist Mitte der 90er Jahre formulierte.

Jetzt, wo wir uns am Anfang des 21. Jahrhunderts befinden, scheint es vielen Menschen, auch im internationalen Finanzsektor, dass Afrika anscheinend die letzte Grenze des Kapitalismus darstellt. Es wird immer deutlicher, dass die Zukunft Afrikas über die Zukunft des gesamten Planeten entscheidet. Egal, ob es um Umweltkrisen, Klimawandel, Flüchtlinge, erneuerbare Energien oder andere Themen geht – Afrika ist endlich wieder auf der Agenda. Man geht davon aus, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Afrikas werden wird.

Diese Vorstellungen sehen wir am Horizont, jetzt müssen wir sie nur noch in die Tat umsetzen. Die Kunst ist bei diesem Vorhaben ein wichtiger Faktor, und auch das Festival in Johannesburg ist ein Teil dieser Bemühungen, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen.

DD: In einem Ihrer jüngsten Facebook-Updates stellen Sie die Annahme zur Diskussion, dass die Studierendenbewegungen in Südafrika ein prärevolutionärer Teil der Geschichte Südafrikas sind. Am Ende kommen Sie zu dem Schluss, dass Südafrika ganz einfach offen für das Unerwartete sein soll. Sollte diese Regel für den gesamten Kontinent oder nur für Südafrika gelten?
AM: Ich glaube, das bezieht sich auf den gesamten Kontinent, nicht nur auf Südafrika. Wir sind ganz klar an einem Punkt, an dem alle, die hier leben, arbeiten und im Land herumreisen, langsam aber sicher große politische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen spüren.

In den vergangenen 15 Jahren hat der Kontinent wirtschaftliche Wachstumsraten vorgelegt, die zu den höchsten auf der ganzen Welt zählen. Natürlich wird dieser enorme Reichtum, der hier produziert wird, nicht gleichmäßig verteilt. Die Beschäftigungszahlen sind dadurch nicht sonderlich gewachsen, aber es passiert etwas in diesem Land, und das sollte man nicht übersehen. Es ist nicht so, dass nichts passiert.

Ich glaube, der beste Weg, diesen Kontinent zu behandeln ist der, ihm weder eine apokalyptische Zukunft vorauszusagen noch ihn durch eine rosarote Brille zu sehen, die nichts mit der Realität zu tun hat. Der beste Weg, sich Afrika zu nähern, ist, auf das Unerwartete vorbereitet zu sein. So können wir am besten verstehen, was derzeit in diesem riesigen und beeindruckenden Teil der Welt passiert.
 

Dieser Artikel wurde zuerst in Okayafrica am 9. November 2015 veröffentlicht. Achille Mbembe hat für das African Futures Festival in den Goethe-Instituten Johannesburg, Nairobi und Lagos zwischen dem 28. Oktober und dem 1. November 2015 eine Keynote Address zu diesem Thema verfasst.