Kino muss immer wieder neu erfunden werden Kino muss immer wieder neu erfunden werden

African Metropolis
African Metropolis | Foto: © African Metropolis / Goethe-Institut Johannesburg

„African Metropolis“ zeigt innovative Kurzfilme aus sechs afrikanischen Städten. Auf die Weltpremiere auf dem Durban International Film Festival folgt nun die internationale Premiere auf dem Toronto International Film Festival.

Ein alter Mann, eingeschlossen in seiner Wohnung; eine Obsession die zu Science Fiction wird; eine Aufreihung nackter Männer die auf das grosse Geld hoffen; zwei Frauen die sich in einer polygamen Ehe näher kommen; ein amerikanischer Künstler, der an einem Strand in Abidjan auf seine Dämonen trifft; ein Musiker der sich als Kleindieb durchschlägt und damit eine Freundschaft aufs Spiel setzt - solche Geschichten werden kaum mit Kino aus Afrika in Verbindung gebracht.

Neue Stimmen im afrikanischen Kino

Wie von den Akademikern Kenneth Harrow und Alexie Tcheuyap schon lange vorausgesagt, hat das pastorale, nationenbildende afrikanische Kino, das revolutionäre „Dritte Kino“, das „Kino als Abendschule“ der alten Meister wie Sembene ausgedient. Diese Filme wurden selten in Afrika von Afrikanern gesehen; vielmehr fristeten diese Filme ihr Dasein in europäischen Kinosälen, und anstatt dass sie afrikanische Kinogänger über ihre Vergangenheit aufklärten, dienten sie dazu, kulturelle Stereotypen international zu vermischen.

Populäres Kino war in Afrika bis vor kurzem dominiert von zweitklassigen Importen aus Hollywood und Bollywood, und in jüngster Zeit werden die Filmmärkte überflutet von Nollywood-Produktionen (Filme aus Nigeria die direkt auf DVD herausgegeben werden und den Filmmarkt auf dem Kontinent dominieren) und seiner Derivative. Doch neue Stimmen erheben sich – postkoloniale, globalisierte Stimmen die eine andere Perspektive auf Afrika eröffnen – als einen hybriden, lebendigen, sich entfaltenden und heterogenen Kontinent.

Diese Strömung zu erkennen und zu unterstützen ist eines der Hauptanliegen des African Metropolis-Projekts, initiiert vom Goethe-Institut Südafrika und dem Produzenten Steven Markovitz. Die Stärke des Projekts jedoch liegt in den Filmen selbst. Nicht alle sechs Filme weisen die gleiche technische Qualität auf, doch alle versuchen, die Idee von dem was Afrika ist in Frage zu stellen.

Für den Produzenten Steven Markovitz war dies die Hauptmotivation. “Afrikanisches Kino hat einen ähnlichen Ruf wie Medizin: es ist notwendig aber schmeckt nicht unbedingt gut. Die Geschichten in African Metropolis entziehen sich den offensichtlichen Klischees. Sie sind so unterschiedlich voneinander, es gibt kein übergreifendes Thema oder einheitlichen Stil, und jede Geschichte hat ihre eigene visuelle Sprache und Herangehensweise. „Das Themenspektrum ist sehr breit,” bemerkt Jim Chuchu, Regisseur des kenianischen Beitrags “Homecoming”; und weiter: “Es gibt eine bestimmte Art von Geschichten, für die sich leicht Fördermittel finden lassen. Dies gilt nicht nur für Filmschaffen aus Afrika, sondern auch für Musik, bildende Kunst und Literatur. Geschichtenerzähler die sich nicht in diese Schablone pressen lassen haben es schwer.”

Weltpremiere auf afrikanischem Boden

African Metropolis feierte am diesjährigen Durban International Film Festival (DIFF) Premiere. Die Projektidee wurde aus Gesprächen am DIFF 2012 geboren. Markovitz sagt: “Wir haben uns selbst versprochen, nach Durban zurück zu kommen und hier Premiere zu feiern.” African Metropolis ist eine Antwort auf zwei Realitäten ohne Verbindung. Erstens, so Markovitz: “Spielfilme aus Afrika können eine Produktionszeit von bis zu sieben Jahren aufweisen, und selbst dann werden einige davon aufgrund von finanziellen Einschränkungen nicht fertig gestellt. Dies trägt zum schlechten Bild von afrikanischem Filmschaffen bei.”

Die Idee hinter den Kurzfilmen zum Thema “Metropolis” ist es, Filmemachern die Möglichkeit zu geben, gute Filme zu schaffen, die sie auf die großen Festivals bringen und ihnen Aufmerksamkeit verschaffen. “Die Vermarktung als Gesamtfilmpaket ist der Versuch, dem ‚Kurzfilmghetto‘ zu entgehen. “ so Markovitz weiter, “Oft gehen Kurzfilme auf den Festivals unter. Als Gesamtpaket hingegen können wir sie dem Spielfilmpublikum zeigen.”

Das Projekt ist auch für seinen Hauptfinanzpartner, die Hubert Bals Stiftung, eine Anomalie. In den Worten von Stiftungsmanagerin Iwana Chronis: “Wir unterstützen ausschließlich Spielfilme. Als Stiftung erhalten wir pro Jahr ungefähr 800 Bewerbungen, wovon nur zehn Prozent aus Afrika kommen. Deshalb suchten wir neue Talente für die internationale Filmgemeinschaft. Wir wollten Filmemacher aus Afrika nach Rotterdam bringen, in der Hoffnung, dort neue Partner für die Produktion von Spielfilmen zu finden.”

Die zweite Realität mit der die Produzenten konfrontiert waren ist die Tatsache, dass seit kurzem mehr als 50 Prozent von Afrikas Bevölkerung in Städten lebt. Deshalb wurde der Schwerpunkt des Projekts auf zeitgenössische urbane Geschichten gesetzt. “Es wurde lange darüber diskutiert, was genau denn eine Metropole ausmacht,” sagt Lien Heidenreich-Seleme, Leiterin Kulturprogramme am Goethe-Institut Johannesburg: “Am Ende wählten wir mehr Städte aus als wir Geld dafür hatten. Wir hätten gerne mehr nordafrikanische Städte gehabt, deshalb wollten wir Kairo unbedingt dabei haben.”

“Durch unser Netzwerk kontaktierten wir fünf oder sechs Regisseure in jeder Stadt und luden sie ein, uns ihre Filmidee vorzustellen,” erklärt Markovitz. In diesem Schritt wollten wir vorallem konventionelle Ideen hinterfragen. explore what narrative ideas mean in terms of representation.

In Europa die Wahrnehmung von Afrika verändern

Heidenreich-Seleme definiert die Rolle des Goethe-Instituts folgendermaßen: “Wir wollten die Wahrnehmung von Afrika in Deutschland und Europa verändern. Afrikaner haben es satt, ständig als hilfsbedürftig und verhungernd angesehen und sexualisiert zu werden. Wir haben damit begonnen, diese Wahrnehmung außerhalb Afrikas zu ändern, und gleichzeitig haben wir auch angefangen, Projekte innerhalb des Kontinents zu fördern. Beides trägt dazu bei, die Wahrnehmung von Afrika in Europa zu beeinflussen.”

Die ausgewählten Regisseure sind: Folasakin Iwajomo aus Lagos, Philippe Lacôte aus Abidjan, Marie KA aus Dakar, Vincent Moloi aus Johannesburg, Ahmed Ghoneimy aus Kairo und Jim Chuchu aus Nairobi. Mit den Filmemachern wurden Workshops in Berlin und Durban abgehalten. Markovitz sagt, von den vielen Herausforderungen, mit denen das Projekt konfrontiert wurde, war die Größte: “Wie immer, die Geschichte zu finden und diese dann filmisch umzusetzen. Daraus entsteht oft eine philosophische Diskussion.” Es gab auch logistische Schwierigkeiten, wie zum Beispiel Festplatten von einem Land ins andere zu fliegen, Skype-Telefonkonferenzen zu halten zwischen Ländern, in denen die Internetinftrastruktur teils dürftig ist, sowie politische Umstände im Fall von Kenia und Ägypten. Jim Chuchu, der Regisseur des Kurzfilms aus Kenia, wollte seinen Film vor den Wahlen fertig drehen, und in Kairo mussten die Dreharbeiten während des zweiten Aufstands unterbrochen werden.

Alle Filmemacher erhielten vom Goethe-Institut den gleichen Betrag (finanziert von der Hubert Bals Stiftung und der Guaranty Trust Bank) und bei Bedarf konnten sie sich weitere Finanzierung von anderen Förderern holen. Während die Regisseure das letzte Wort beim Schnitt hatten, behielten sich die Produzenten das Recht vor, Filme aus dem African Metropolis-Paket auszuschließen, falls die Qualitätskriterien nicht erfüllt waren. Markovitz sagt über den Prozess: “Jedes Mal wenn ich mit talentierten Filmemachern rede, bin ich erstaunt über deren Ideen.”

Eine Auswahl an erfrischenden Geschichten

Die Filme selbst waren überraschend und erfrischend. Vincent Molois “Berea” erzählt mit Würde und einem scharfen Beobachterblick die Geschichte eines alternden weißen Mannes, der sich mit der veränderten Demografie in der ehemals vornehmlich weißen Johannesburger Wohngegend Berea abfinden muss.

“Homecoming” von Jim Chuchu ist eine interessante Kulmination von Science Fiction und Liebesgeschichte. Aus Senegal kommt Marie KAs “The Other Woman”, eine zarte Untersuchung der wachsenden Zuneigung zweier Frauen in einer polygamen Ehe. Folasakin Iwajomos “The Line Up” untersucht die Armutsfalle, indem mit traditionellen westlichen Vorstellungen unterwürfiger Geschlechterrollen gespielt wird. “To Repel Ghosts” von Philippe Lacôte ist eine bildstarke Liebeserklärung an Abidjan und Jean-Michel Basquiat. Der Beitrag aus Kairo, “The Cave” von Ahmed Ghoneimy, ist eine unaufdringliche, zart beobachtete Studie zweier Musikerfreunde, deren Lebenswege auseinander gehen.

Obwohl keiner der Filme an sich bahnbrechend ist, so haben sie doch größtenteils starke Stimmen; sie präsentieren keinen endgültigen Bruch mit Erzähltraditionen, doch sie vertreten eine beträchtliche Verschiebung in dem was gezeigt wird, und in der Art wie es gezeigt wird.

Während der Podiumsgespräche zu African Metropolis in Durban gab es Hinweise, dass das Projekt in eine zweite und eventuell dritte Runde gehen könnte. Auch eine Verlagerung Richtung Dokumentarfilm wurde angesprochen, sowie die Veröffentlichung als Video-on-Demand und DVD, nachdem das Filmpaket an den internationalen Festivals gezeigt worden ist. Um mit diesen Plänen erfolgreich zu sein, muss African Metropolis eventuell auch Filmemacher in Betracht ziehen, die nicht in den hergebrachten Netzwerken sind, um dadurch an Filme zu gelangen, die die Grenzen der traditionellen Erzählform noch weiter verschieben.

African Metropolis macht auf jeden Fall einen zukunftsweisenden Schritt wenn es darum geht, Stereotypen zu hinterfragen. Wie Regisseur Vincent Moloi sagt: “Nur durch Filme können wir anfangen, einander zu verstehen. Manchmal denke ich, dass wir als Afrikaner einander hart beurteilen. Die African Metropolis-Filme zeigen Afrika im Gespräch mit sich selbst.“