Friedman x Makhene Elektro trifft auf Perkussion

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Burnt Friedman and Tlale Makhene in concert © Tseliso Monaheng

Für ein einmaliges Konzert in Johannesburg spannte der deutsche Elektromusikpionier Burnt Friedman mit der südafrikanischen Perkussionslegende Tlale Makhene zusammen. Im Gespräch redet Friedman über die Universalität von Musik.

An einem frühen Sonntagabend in Parkwood, Johannesburg, versammelte sich eine Gruppe von Menschen vor dem Auditorium des Goethe-Instituts und wartete auf den Auftritt des Musikers Burnt Friedman. Die Musik des Elektropioniers Friedman weckte das Interesse eines vielfältigen Publikums – von kleinen Kindern bis hin zu älteren Leuten. Ein Großteil von ihnen hatte vorher der Performance von Mpho Molikeng beigewohnt und entschied sich, zu bleiben. Im Auditorium machten Friedman und Tlale Makhene, der viel beachtete und von der Kritik gefeierte südafrikanische Perkussionist, einen letzten Soundcheck. Niemand hätte auf das bevorstehende musikalische Erlebnis gefasst sein können.

Friedman und Makhene traten im bis auf den letzten Platz gefüllten Auditorium an, um ihre Pflicht zu erfüllen, die zu diesem Zeitpunkt glasklar war – die Sinne des Publikums zu verwischen! Während Friedman komplexe Sounds aus seiner elektronischen Hardware feuerte, und dabei die basslastigen Töne ausklingen ließ, brachte Makhene sein Perkussionsgenie in die Leerräume ein, wodurch von Natur aus ein vollerer, dynamischer und lieblicher Klangteppich entstand. Die ersten Schritte ihrer geheimen Übernahme waren getan; sie hatten erfolgreich die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen.
695x300_Tlale Makhene1 Burnt Friedman and Tlale Makhene in concert © Tseliso Monaheng Die nächsten eineinhalb Stunden boten musikalische Manipulation auf höchstem Niveau. Mit nur wenig Zeit zum Proben und fehlender Kenntnis der Musik des jeweils anderen Künstlers, spielten Makhene und Friedman zusammen als wären sie langjährige musikalische Landsmänner; ständig bauten sie solide Klangwände, welche sie dann mühelos wieder zerstörten mit ihren vielen Wendungen und Kreisen. Im Grunde genommen nahmen sie das Publikum mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt; und jeder fuhr willig mit, denn es war alles so süß, so lieblich, so perfekt!

Friedman lächelte wiederholt und tauschte kurze Blicke aus mit Makhene, der die Leute beinahe zum Aufstand aufhetzte mit seinem schnellschussartigen Getrommel, aufstand wenn die Energie zu intensiv wurde, und sich für kurze Momente der Ruhe zurück auf seinen Hocker setzte. Gefundene Klänge, tiefe Bassrhythmen, mehrfache Trommeltakte, und psychedelische Ambient-Klangbilder erwiesen sich als das richtige Futter für Makhenes liebenswürdige Possen. Sein Rhythmusgehör ist unübertroffen; es ist beinahe so als ob er instinktiv wüsste, welches Perkussionsinstrument zu welchem Song passt. Er entwickelte sich mit den Änderungen in der Musik, achtete auf Friedmans unangekündigte Änderungen, und brachte das Publikum dazu, sich dieser Bewegung musikalischen Zaubers anzuschließen. Scharf, exakt und jederzeit mit dem Rhythmus gehend, erwies Makhene sich als perfekter Kumpan zu Friedmans dezenterem Auftreten.

Das Publikum klatschte, pfiff und heulte gar wenn sich die Gelegenheit bot. Ein Kleinkind kletterte sogar auf die Bühne und tanzte zu den Klängen.

Von Samples mongolischer Kehlgesänge bis hin zu Makhenes eigenen stimmlichen Biegungen, die eine zusätzliche Ebene zum bereits reichhaltigen Sound hinzufügten, wurde das Publikum verwöhnt; von Viervierteltakten zu funkigen Grooves – die beiden Musiker wussten das oftmals komplexe Schallgelände so zu navigieren, dass es sich auf die Hörerschaft übertrug. Einige der Songs bewegten sich gefährlich nahe an der Grenze zu Technomusik, bevor sie sich rehabilitierten und zu etwas sehr viel Langsamerem und schwer Fassbarem wurden.

Friedman lässt sich nicht in eine restriktive “Genre”-Schublade stecken. Für ihn ist alles eine verwobene Sequenz konzeptueller Gerüste, eine Leinwand, auf die er wilde Kombinationen von Ideen malt. Wir diskutierten diese Herangehensweise vor dem Auftritt sowie auch seine Eindrücke der verschiedenen Städte, in denen er auf seiner Exkursion des afrikanischen Kontinents Halt machte. Folgendes sickerte dabei durch.

Erst gestern waren Sie in Kampala. Welches sind Ihre Eindrücke der Stadt?

Was hat Sie zu dieser Tournee veranlasst?


Ich denke, der Grund für diese Tournee, ob bewusst oder unbewusst, ist das Material das ich habe, die Musik selbst. Die rhythmische Sprache, die ich nutze, stammt von einem meiner Partner, Jaki Liebezeit. Wir haben beide ein System entwickelt, um Rhythmen zu spielen, das als universell bezeichnet werden könnte. Es ist eine Art Bewegungsformel, die auf alle Instrumente anwendbar ist, alle Elemente in der Musik. Sie folgen demselben…

Muster?

Es ist eine Art Muster, aber mehr als das. Es gibt auch Anhaltspunkte für die richtige Balance; die Frequenz verlangt nach einem Plus- und einem Minuspol. Man kann es nicht auswendig lernen oder nach Gehör nachspielen; man muss es fühlen. Jeder Schlag ist fühlbar, wenn die Bewegungsformel angewandt wird. Ich würde sagen, diese physikalischen Komponenten in der Musik sind universell. Üblicherweise hat jede Region, in die ich reise, und insbesondere Europa einen vorherrschenden Rhythmus. Auf diesem Kontinent ist es etwas anders, aber der Rhythmus wurde in die USA und an die meisten anderen Orte exportiert.

Ist es der Viervierteltakt?

Ja! Es scheint eine harmlose Aussage zu sein, aber tatsächlich ist er in jedermanns Muskeln. Wenn ein anderer natürlicher Rhythmus erscheint, wird er von den Menschen oft nicht verstanden, insbesondere von Leuten mit Musikausbildung. Es ist eigentlich einfacher für Leute ohne Vorkenntnisse, sich mit diesen unregelmäßigen Takten wohlzufühlen. Es ist bloß eine andere Symmetrie die mehr Zyklen hat als vier. Auf diesem Kontinent finden wir ihn oft, zum Beispiel in Westafrika, eine Konstellation von zwölf Takten.

Oder sogar Sechsachteltakte?

Sie sagen Sechsachtel, aber das ist bereits westliches Denken, denn wie soll man sechs durch acht dividieren.

Es ist nicht möglich. Mathematisch ja, aber das Ergebnis ist keine ganze Zahl.

Es ist ein Hinweis, der zeigt wie verrückt und obsessiv einfallsreich Notation und musikalisches Denken sind, denn es macht nicht die Bewegung aus; es erklärt nicht den Rhythmus der von irgendwoher kommt und irgendwohin geht. Es erklärt nicht die zyklische Natur des Rhythmus.

Wie meinen Sie das?

Zyklisch im Gegensatz zu Rhythmus und Notenschrift in Takten. Man nennt das teilenden Rhythmus – deshalb gibt es Abschnitte in Takten. Ein Takt dauert von einem Anfangs- bis zu einem Endpunkt, und dann wiederholt er sich. Ein Zyklus aber hat keinen Anfang und kein Ende; es kommt auf die Perspektive an, darauf, wie jemand die Musik wahrnimmt. Es ist nicht einfach eine Abbildung der Musik, es ist eine Abstraktion von dem, was in Bewegung ist; eine bloße Vereinfachung. Mit dem, was wir tun, ist es viel einfacher; Konstruktionen wie Sechsachtel- oder Dreivierteltakte behindern das Verständnis davon, wie Musik funktioniert. Dies gilt insbesondere für Leute, die trommeln. Deshalb haben wir Fünffünftel, Siebensiebtel…

Aber das ergibt eins.

Warum ergibt es eins? Fünf geteilt durch fünf ergibt fünf gleichwertige Komponenten eines Rhythmus. Was ich meine, ist einfach: man dividiere einen Takt in gleiche Teile und nicht in etwas Unwirkliches. Für klassische Musik mag das nicht stimmen. Dort definiert der Takt die Länge der Note. Aber mit einem Rhythmus hat man das nicht. Dort gibt es entweder einen starken oder einen ruhigen Impuls; die Impulse sind beinahe gleich lang. Vielleicht kann man einen tiefen und einen hohen Ton haben, aber das ist nicht nötig, es ist überflüssig. Zyklisch gesehen gibt es einen betonten und einen nicht betonten Teil des Takts. Der Beginn des Takts muss nicht unbedingt betont sein. Daraus ergibt sich ein natürliches Bewegungsmuster.
695x300_Burnt Friedman3 Burnt Friedman and Tlale Makhene © Tseliso Monaheng Das sind interessante Ideen.

Ja, Sie werden sehen und hören, was ich meine.

Haben Sie schon immer zu elektronischer Musik tendiert?

Nein. Ich würde es nicht einmal elektronische Musik nennen. Ich habe Mikrofone und alle möglichen Instrumente benutzt; aber weil ich begonnen habe, Musik zu produzieren und die Aufnahmen zu behalten, zu archivieren, zu bearbeiten und Ebenen hinzuzufügen, ist es für mich selbstverständlich. Ich habe synthetische und akustische Elemente zusammengewürfelt. Für mich spielt es keine Rolle; es beschreibt die Oberfläche der Musik, aber nicht ihre Sprache.

Gibt es eine Definition für Ihren Sound?

Auf dieser Tournee habe ich mir den Begriff “Traditionelle Musik von Nirgendwo” ausgedacht, oder Neotraditionelle Musik mit elektronischen Mitteln. Das bedeutet, es kann ein Computer als Aufnahmegerät verwendet werden. Es bietet Bearbeitungsmöglichkeiten, die mit anderen Mitteln nicht möglich sind, und es erklärt das Playback aus den Lautsprechern. Ich bin an Lautsprecher gewöhnt; anders kann ich mir die Aufnahmen nicht anhören.

Der deutsche Elektromusikpionier Burnt Friedman war 2013 auf Tournee in Lagos, Nairobi, Kampala und Johannesburg. In Südafrika spannte er für ein einmaliges Konzert mit der Perkussionslegende Tlale Makhene zusammen. Das Konzert fand am 13.10.2013 am Goethe-Institut in Johannesburg statt.