Im Gespräch mit Achille Mbembe Ein Kulturinstitut muss künftige Entwicklungen erspüren können

Achille Mbembe
Foto (Ausschnitt): Matthias Balk, picture alliance / dpa

Der kamerunische Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus Achille Mbembe im Gespräch mit Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts der Region Subsahara-Afrika. 

Katharina von Ruckteschell-Katte: Die Zukunft kultureller Einrichtungen wie des Goethe-Instituts hängt stark von ihrer Fähigkeit ab, sich den verschiedenen Prozessen anzupassen, die sich aus der Globalisierung ergeben. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Und wie kann ein deutsch-europäisches Kulturinstitut damit umgehen? 

Achille Mbembe: Wir leben in einer Epoche, in der die westliche die übrige Welt dominiert. Diese Hegemonie befindet sich vielleicht noch nicht unbedingt im Niedergang, ist jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Krise zumindest bedroht. Und sei es nur, weil es mittlerweile neue Wirtschaftsmächte gibt, die nun die westliche Dominanz massiv infrage stellen. In kultureller Hinsicht ist diese Hegemonie noch viel stärker gefährdet. Das Epizentrum des weltweiten Wandels befindet sich heute im globalen Süden und im Osten. Ich habe den Eindruck, dass diese Veränderungen neue Formen der Auseinandersetzung mit fremden Welten und fremden Kulturen erfordern. Sie verlangen zudem ein Umdenken bei den kulturellen Einrichtungen, die ihre traditionelle Rolle überdenken müssen, um die kreativen Kräfte zu berücksichtigen, die vor allem im Süden entstehen. Was das Goethe-Institut betrifft, findet diese Umorientierung bereits seit einiger Zeit statt. Schon allein dank seines Netzwerks hat sich das Institut als Plattform für Begegnungen zwischen verschiedenen Netzwerken von Kulturschaffenden und Einrichtungen erwiesen. Das Institut wird noch stärker, wenn es dieses Engagement noch systematischer betreibt, was bedeutet, dass man aufmerksam zuhören und genau hinschauen muss, um herauszufinden, was neu ist.

KvR: Wir arbeiten immer noch viel in klassischen Formaten wie Film, Tanz, bildender Kunst – funktionieren sie in Ihren Augen noch?

AM: In bestimmten Ländern ist das traditionelle Engagement immer noch absolut notwendig, und sei es nur, um kleine Inseln kultureller Aktivität zu schaffen. In Ländern wie Südafrika, Nigeria und Senegal fallen mir vor allem der schnelle Wandel auf und der große Wunsch lokaler Schauspieler, Verbindung zu größeren Einheiten und Ensembles aufzunehmen. Wir müssen aber immer mehr neue Formen der Kulturarbeit finden, die sich nicht mit dem bereits Bestehenden zufrieden geben, sondern den Kulturschaffenden helfen, in einen interdisziplinären Dialog zu treten. Film im Dialog mit Musik, Musik im Dialog mit Literatur, die wiederum durch Tanz und die kritische Theorie belebt wird. Diese interdisziplinären Genres und Formen zeigen einen Weg in die Zukunft auf, erfordern aber eine ernsthafte intellektuelle Investition. Man muss nach aktuellen Entwicklungen fragen und herausfinden, was neu ist, was den Kontinent anspricht, aber auch die Welt insgesamt.

KvR: Thema am Johannesburg Workshop in Theory and Criticism 2013 ist „Das Leben der Formen“: Sie beschäftigen sich mit bestehenden, aber auch neuen Formen und Formaten. Wird die Digitalisierung unseren Umgang mit Kultur grundlegend verändern?

AM: Das digitale Zeitalter macht direkte Begegnungen von Angesicht zu Angesicht auf keinen Fall überflüssig. Menschliche, physische Kontakte sind einzigartig und werden sich nie durch Technologie ersetzen lassen. Doch mit dem digitalen Zeitalter wird Geschwindigkeit zu einer ganz besonderen Ressource. Die Digitalisierung eröffnet uns eine neue Ära, in der das Denken und Entwerfen, die Entwicklung von Dingen und Projekten, viel flexibler werden. Dazu kommt im Vergleich zu früher eine stärkere Formbarkeit. Die Auswirkungen auf das kulturelle und künstlerische Schaffen sind enorm.

KvR: Wird angesichts dieser Entwicklung ein nationales Kulturinstitut wie das Goethe-Institut weiter bestehen? Gibt es weiterhin Bedarf an Deutschunterricht?

AM: Absolut. Es wäre gut, wenn mehr Leute Deutsch lernen würden. Wenn ich Deutsch gelernt hätte, könnte ich Hegel und Heidegger im Original lesen. Ich hätte ohne Übersetzung Zugang zu ihrer Philosophie. Die deutsche Sprache ist ein Geschenk der Deutschen an die Menschheit. Daher sollte das Goethe-Institut weiter Deutschkurse anbieten. Der Verlust einer Sprache ist ein großer Schaden für das Erbe der Menschheit. Wir sollten uns auf eine multilinguale Welt zubewegen, in der Übersetzungen nicht mehr nötig sind, weil wir hoffentlich in der Lage sind, mehrere Sprachen zu sprechen.

KvR: Sie haben interdisziplinäre Plattformen erwähnt, die Theorie und Praxis verbinden. Wie könnten solche Plattformen aussehen?

AM: Sie wären das Ergebnis eines interdisziplinären Dialogs zwischen Künstlern, Intellektuellen und Autoren und würden sich mit Themen beschäftigen, die alle angehen. Das Ergebnis wären Interventionen, die aus der Auseinandersetzung mit diesen Themen hervorgingen. Das hat uns auch das Experiment der WITS University mit dem »Johannesburg Workshop in Theory and Criticism« gezeigt. Natürlich ist das Goethe-Institut keine Universität, aber es ist traditionell dem kritischen Denken verpflichtet, kritischem Gedankengut und kritischen Praktiken; etwas, das ganz verschiedene Protagonisten für sich nutzen können, Universitäten, Museen, Tanzinstitute, all die Laboratorien der Kultur und Kreativität, die derzeit in unserer Welt entstehen.

KvR: Unsere Arbeit würde also die Phänomene zusammenbringen, die wir beobachten und erleben, die kulturelle Essenz unserer Länder?

AM: So wie Sie es ja bereits tun. Das Goethe-Institut hat zum Beispiel einen Workshop organisiert mit dem Titel »New Imaginaries«: Man brachte Stadtplaner und Philosophen zusammen, Menschen, die im künstlerischen Bereich tätig sind, Musiker und Leute, die mit digitalen Techniken arbeiten. Das alles schafft einen Moment der Dringlichkeit, so dass sich innerhalb von ein oder zwei Tagen herauskristallisiert, welche Vorstellungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beispielsweise von der zukünftigen Entwicklung unserer Städte haben. Solche Veranstaltungen sind absolut notwendig, wenn wir nicht nur die Kultur fördern wollen, sondern auch die von mir angesprochenen verschiedenen Verbindungen. Das kommt auch in Ihren Veröffentlichungen zum Ausdruck. Ich habe neulich »Afropolis« (Jacana 2012) und »Shoe Shop« (Jacana Verlag, 2012) gelesen; all dies zeigt genau die Richtung auf, die wir einschlagen müssen.

KvR: Wird ein Institut weiterhin nötig sein? Könnte man sich nicht nur auf verschiedene Aktionen konzentrieren oder nur noch im virtuellen Raum agieren?

AM: Wir brauchen Einrichtungen wie das Goethe-Institut. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Begegnungen zwischen Menschen zu erleichtern, die sonst nie zusammenkommen würden. Sie sollten auch flexibel genug sein, das Unerwartete zuzulassen, Dinge, die sich erst entwickeln, die womöglich noch nicht einmal einen Namen haben, aber ein enormes Potenzial. Solche Einrichtungen fördern dieses Potenzial und bringen es zur Geltung. Und wir brauchen Einrichtungen, deren Hauptaufgabe darin besteht, Räume zu schaffen, wo sich Fähigkeiten entwickeln können. Damit meine ich zum Beispiel die Fähigkeit, sich auf seine eigene Stärke und seine eigenen Ressourcen zu verlassen, intellektuell wie – wenn möglich – finanziell. Solche Einrichtungen sind daher nicht überflüssig, sie sind auch nicht anachronistisch, solange sie sich Veränderungen anpassen und in der Lage sind, uns auf zukünftige Entwicklungen hinzuweisen.

KvR: Das Goethe-Institut sollte also so eine Art Seismograph für die Zukunft sein. Als europäische Einrichtung ist es in einem postkolonialen Umfeld tätig, dessen Kulturen durch die Eindringlinge aus dem Norden traumatisiert wurden.

AM: Das ist eine delikate Aufgabe. Man möchte natürlich auf keinen Fall die brutalen Mechanismen der Begegnung wiederholen, die charakteristisch waren für eine frühere Periode in der Geschichte. Einfühlungsvermögen ist wichtig. Wenn man als Kulturinstitut mit seiner Arbeit im Süden etwas erreichen will, muss man daher gewisse politische und ethische Implikationen berücksichtigen. Der beste Weg besteht darin, solche Bindungen mit einem Sinn für Freiheit einzugehen, weil sonst das Trauma der Vergangenheit die Zukunft beeinträchtigt. Die Aufgabe besteht darin, eine andere Zukunft für alle aufzuzeigen, auch für den Norden. Durch das kulturelle Engagement bewerten wir den Norden und das was ihn ausmacht und unsere heutige Welt bewegt, nun ganz neu. Einrichtungen wie das Goethe-Institut sind Orte des Dialogs und ermöglichen es uns, all diese Erinnerungsprozesse in eine Projektion auf die Zukunft umzuwandeln. Diese Ausrichtung auf die Zukunft ist absolut notwendig, wenn man die Dichotomie von Nord und Süd überwinden will.

KvR: Sie sind ein großer Fußballfan; 2010 fand in Südafrika die Fußballweltmeisterschaft statt, eine fantastische Plattform nicht nur für den Sport und die Fußballfans, sondern auch für einen interkulturellen Dialog mit der ganzen Welt. Was halten Sie davon, globale Veranstaltungen für kulturelle Zwecke zu nutzen?

AM: Bislang haben wir solche Megaevents noch nicht wirklich in den Dienst der kulturellen Kreativität gestellt. In Südafrika wurde kürzlich der Africa-Cup ausgetragen. Ein Ereignis für den ganzen Kontinent, das nicht nur in Afrika, sondern sogar weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. Doch es blieb bei einer Sportveranstaltung; die kulturelle Dimension fehlte komplett. Wir sollten Möglichkeiten finden, im Umfeld solcher Ereignisse ein Kulturprogramm zu organisieren. 2014 findet die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien statt, vielleicht könnte das Goethe-Institut in Brasilien etwas auf die Beine stellen, das diese Lücke füllt. Meiner Meinung nach gehören Sport und Kultur zur selben Familie.

KvR: Gibt es noch andere Bereiche, in denen kulturelle Interventionen Wirkung zeigen oder neue Dimensionen eröffnen könnten?

AM: Die Zukunft der Stadt als Idee sowie die Stadt als menschliche Form sind zwei Aspekte, an denen wir unbedingt arbeiten müssen. Afrika stehen dramatische Veränderungen bevor. Zum Beispiel werden sehr bald eine Milliarde Menschen auf dem Kontinent leben. Die demographische Frage spielt bei jeder Überlegung zur Zukunft der Kultur eine bedeutende Rolle, ebenso die schiere Macht der Zahlen. Die Zahl der Menschen, die eine Unterkunft benötigen, ernährt werden müssen, um die man sich kümmern muss, das alles sind für mich dringliche Fragen, mit denen man sich beschäftigen sollte. Ein anderes Phänomen hat mit der Tatsache zu tun, dass der Kontinent gerade einen neuen historischen Zyklus der Transnationalisierung erlebt. Menschen wandern aus, Menschen wandern ein, ziehen hin und her. Das ist nicht auf die Frage der Migration an sich beschränkt, sondern stellt eine Art Zirkulation dar. Da ist ein ganzer Kontinent in Bewegung.

KvR: Die Afrikanische Union versucht eine gemeinsame Identität zu schaffen, und auch andere Regionen bemühen sich um einen Zusammenschluss. Wird die Idee von der Nation oder einer nationalen Institution verschwinden, wenn Regionen – wie zum Beispiel auch Europa – mehr und mehr zusammenwachsen?

AM: Nein, die Nation wird nicht verschwinden, aber vermehrt unter Druck geraten. Die Arbeit auf einer nationalen Grundlage ist nicht überflüssig, verkörpert aber auch nicht die zukünftige Ausrichtung, denn die wird überregional sein. Kanäle und Strömungen werden dann nicht nur die Struktur der Räume bestimmen, sondern der gesamten kontinentalen Öffentlichkeit. Man kann eine große Zahl Menschen nicht an einem Ort konzentrieren, sie bewegen sich hin und her. Sie schaffen Neues, erfinden neue Formen des Zusammenlebens und der Konfliktbewältigung.

KvR: Daher sollte ein Kulturinstitut also flexible Projekte anbieten ...

AM: Ein Kulturinstitut sollte künftige Entwicklungen erspüren können. Eine zukunftsorientierte, mobile Einrichtung, die sich mit etwas befasst, das sich ebenfalls ständig bewegt, und die sich auf die aktuelle Situation ebenso einstellt wie darauf, dass immer wieder etwas Neues auftaucht. Doch damit sind auch viele Risiken verbunden. Verwaltungen mit ihren festgelegten Abläufen, Rechenschaftsanforderungen und Hierarchien sind schwerfällig. Sie sind nicht für die neue Zeit geschaffen, also das digitale Zeitalter. Wir benötigen Einrichtungen, die diesen gewundenen Entwicklungen folgen können. Denn wenn man etwas über die Menschen in Afrika sagen kann, dann, dass ihr Leben ständig in Bewegung ist.

KvR: Sie meinen, wir sollten diese Bewegung nutzen ...

AM:Ja. Kultur ist Bewegung. Kultur ist Mobilität im Gegensatz zur Stagnation.

KvR: Welche Motive sehen Sie im Engagement Deutschlands?

AM: Diese Form der kulturellen Arbeit trägt dazu bei, dass sich Deutsche und Afrikaner besser verstehen. Ein Verständnis füreinander, das als Beispiel dafür dienen könnte, wie verschiedene Menschen, Kulturen und Vergangenheiten in einer Zeit zusammenkommen können, in der die Welt von Konflikten beherrscht wird. Aber das ist alles rein spekulativ und wahrscheinlich weit entfernt von der Logik staatlicher Interessen, die sich, wie man weiß, sehr viel mehr an der Realität orientieren. Aber ich denke, es liegt an den Deutschen, diese Frage zu beantworten.

KvR: Welche Hoffnungen verbinden Sie damit?

AM: Wir hoffen, dass jenseits des Geldes und materieller Interessen eine höhere Idee dahinter steht, die uns hilft, unsere Vorstellung von einer Gemeinschaft der Menschen zu erneuern. Es geht also nicht ums Materielle, sondern um etwas ganz anderes. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen China und Deutschland: Die Chinesen kommen, und wir geben ihnen all unsere Rohstoffe. Sie kommen und geben uns etwas, aber wir geben ihnen nichts dafür zurück, zumindest nicht direkt. Das ist also eine ganz andere Beziehung.

KvR: Wir stehen miteinander im Austausch. Gemeinsam kommen wir auf neue Ideen.

AM: Hoffen wir also, dass diese genauso wertvoll sind wie die Rohstoffe, die China hier abbaut.