Positionen und Perspektiven Kultur, Entwicklung, Menschenrechte und Demokratie in Afrika bedingen einander

Im Jahr 2000 trafen sich die Staats- und Regierungschefs von 170 Ländern und einigten sich auf acht Entwicklungsziele, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. Sieht man sich die Lebensbedingungen in Afrika an, so wird deutlich, dass die Millenniums-Entwicklungsziele für den Kontinent von besonderer Brisanz sind.

Dies ist eine gekürzte Version des Originaltexts. Den ganzen Artikel lesen Sie online im Magazin des Goethe-Instituts, Ausgabe 2/2012 


Was heißt »Entwicklung«?

Im UNESCO-Bericht ‚Kultur und Entwicklung‘ von 1998 finden sich zwei Definitionen von »Entwicklung«: Einerseits als Prozess wirtschaftlichen Wachstums und andererseits als »Prozess, der die Freiheit der beteiligten Menschen fördert, sich wirksam für Ziele zu engagieren, die ihnen wertvoll erscheinen.» Letztere Definition basiert auf dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, in dem die menschliche Entwicklung im Vordergrund steht. Ziel der Entwicklung sollte also diese »menschliche Entwicklung « sein und mit ihr die Erkenntnis und Umsetzung der Menschenrechte und Freiheiten, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 formuliert sind.

Wirtschaftswachstum als Maß für Entwicklung

In der Entwicklungspolitik herrscht die weit verbreitete Ansicht, dass ein Land seine wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben muss, um die Mittel für eine gesellschaftliche und menschliche Entwicklung zur Verfügung zu haben. Laut Internationalem Währungsfonds lagen von 2001 bis 2010 sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt in Afrika. Es gibt in Afrika durchaus ein beachtliches Wirtschaftswachstum; allerdings muss man fragen, um was für eine Art von Wachstum es sich handelt und wer davon hauptsächlich profitiert.

Die Kluft vertieft sich

Laut Afrikanischer Entwicklungsbank sind Südafrika, Ägypten, Nigeria, Algerien, Marokko, Libyen, Angola, Sudan, Tunesien und Äthiopien – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – die größten Volkswirtschaften in Afrika. Südafrika hat seit der Einführung der Demokratie in den letzten siebzehn Jahren zwar ein erhebliches Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, doch gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit massiv an. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich deutlich vertieft und gehört heute zu den am stärksten ausgeprägten der Welt. Daraus lässt sich schließen, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch eine positive gesellschaftliche und menschliche Entwicklung mit sich bringt.

Welchen Interessen dient Entwicklung?

Entwicklung orientiert sich nicht zwangsläufig an den Bedürfnissen und Interessen ihrer vermeintlichen Adressaten, denn sie erfolgt in einer Weltordnung mit massiven strukturellen Verwerfungen. Entwicklungsarbeit ist keine neutrale Tätigkeit. Sie ist sowohl politisch als auch kulturell wirksam. Im Prozess der Entwicklung wird auf die Werte, Ansichten und Ideen der Empfänger eingewirkt und sie verändern sich; sie können den Entwicklungsprozess fördern und behindern: Entwicklung und Kultur stehen damit in einem dynamischen und kreativen Spannungsverhältnis zueinander. Bislang wurden die Verbindungen zwischen Kultur und Entwicklung fast immer in Hinblick auf die Kultur der Empfänger betrachtet. Doch genauso sollte man in die umgekehrte Richtung blicken und überlegen, in welchem Ausmaß die Werte, Ideologien, Ansichten, Gebräuche, Ideen und Moralvorstellungen etwa der westlichen Kultur einschließlich ihrer wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen eine wirkliche Entwicklung behindern und/oder eine bestimmte Form der Entwicklung diktieren.

Menschrechte und Freiheit für alle

In Südafrika haben seit 1994 vier freie und faire Wahlen stattgefunden. Die Republik ist damit ein leuchtendes Beispiel für Demokratie auf dem afrikanischen Kontinent, doch in diesem Zeitraum vertiefte sich die Kluft zwischen Arm und Reich. So wie Wirtschaftswachstum nicht automatisch eine Entwicklung zum Wohl der Mehrheit bewirkt, so zieht Demokratie nicht zwangsläufig eine stärkere Achtung der Menschenrechte nach sich oder bewirkt positive Veränderungen im Leben der Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb hat das Arterial Network Entwicklung neu definiert als » laufende Schöpfung und Anwendung von Ressourcen (finanzieller, menschlicher, infrastruktureller und anderer Art), um optimale Bedingungen (in politischer, kultureller, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht) zu schaffen, unter denen Menschen in den Genuss der ganzen Bandbreite der Menschenrechte und Freiheiten gemäß der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kommen.«

Kultur und Entwicklung

Was hat das alles mit Kultur zu tun? Die UNESCO erklärte 1988 bis 1997 zur Weltdekade für kulturelle Entwicklung mit der Begründung, ein Entwicklungskonzept, das überwiegend auf quantitativem und materiellem Wachstum gründet, stoße an Grenzen. Die beiden grundlegenden Ziele der Weltdekade für kulturelle Entwicklung waren eine stärkere Betonung der kulturellen Dimension im Entwicklungsprozess und die Förderung kreativer Fähigkeiten und des Kulturlebens im Allgemeinen.

Modelle nicht transferierbar

Kultur wird in den aktuellen Entwicklungsstrategien kaum berücksichtigt: Normalerweise sollen sie ungeachtet der lokalen Gegebenheiten umgesetzt werden und einen bestimmten Zweck verfolgen. Der kulturelle Aspekt kommt dabei in jüngster Zeit höchstens zum Ausdruck, wenn es um den Kreativbereich als potenziellen Wirtschaftsfaktor geht. Investitionen gehen in der Folge in erster Linie an diejenigen kulturellen Aktivitäten mit der höchsten wirtschaftlichen Rendite. Drei Kategorien künstlerischen Schaffens sind für die kulturelle Dimension von Entwicklung relevant:

  • Kunst um ihrer selbst willen und als Anregung, über sich selbst zu reflektieren.
  • Kunst, die offen für Entwicklungszwecke eingesetzt wird – wie etwa Theaterstücke zur gesundheitlichen Aufklärung.
  • Die Produkte der Kreativindustrie, deren Hauptantrieb die wirtschaftliche Wertschöpfung ist.
Im afrikanischen Kontext sind alle drei Formen relevant und notwendig. Angesichts der Bedingungen auf unserem Kontinent sollten Entwicklungsstrategien bei Demokratie und Menschenrechten sowie bei der Bekämpfung von Armut und Ungleichheit ansetzen. Das Ziel von Kreativwirtschaft und Entwicklung sollte es sein, den Menschenrechten und der Freiheit zu dienen, anstatt zuzulassen, dass diese grundlegenden Rechte der Vorstellung der Industrieländer von Wirtschaftswachstum und Entwicklung unterworfen werden.