Ton- und Bildinstallation Eine Musikalische Reise in die Minenschächte

Philipp Miller
Philipp Miller | Foto: © Catherine Meyburgh

Auszüge aus dem Untergrund, eine Ton- und Bildinstallation, die das menschliche Dasein der Minenarbeiter persönlich macht.
 

Es begann alles mit der Fußballweltmeisterschaft 2010, als der innovative Komponist Philip Miller vom Goethe-Institut gebeten wurde, etwas zum Thema Joburg, seiner Heimatstadt, zu produzieren.

“Das war eine seltsame Reise,” meint er, weil alles damit begann als er sich die Stadt im vertikalen Sinne vorstellte. Es ging darum, unter die Erde zu gehen und um eine Stadt, die auf dem Reichtum ihrer Minen aufgebaut ist.

Daher der Titel „Auszüge aus dem Untergrund“, eine originelle, südafrikanische Ton- und Bildinstallation, die beim Wits Kunstmuseum (WAM) am Donnerstag mit einer einmaligen Liveaufführung mit  Sound- und Videoaustellungen eröffnet wurde und dort bis zum 24. Juni 2014 zu sehen ist.

Was er zu erreichen versuchte, war die menschliche Erfahrung, innerhalb der Anonymität des industriellen Minensektors, auf eine persönliche Ebene zu heben. “Für mich änderte sich alles, als ich in eine Mine hinunterfuhr,” schmückt er aus.

Auf einmal entdeckte er die Unterwelt der Wirtschaft, erfuhr aber auch das körperliche Gefühl, wie es ist tief unter die Erde zu fahren und sich dort aufzuhalten. “Es war ergreifend,” sagt er.  Die Erfahrung ließ ihn nicht mehr los und stellte auch die Verbindung zu alten Leidenschaften her, wie seine archivalische Faszination, die ihn in eine noch andere Welt zurückführt.
 
Seine Stärke liegt darin, sich dem Wort und der Musik zuzuwenden, wobei er ein Fanakalo-Wörterbuch für Minenarbeiter von 1967, das von der Transvaal Chamber of Mines (Bergwerkskammer von Transvaal) herausgegeben wurde.

Fanakalo wird als eine Pidginsprache beschrieben, die ihren Ursprung in den südafrikanischen Minen hat und mit dem Ziel geschaffen und übernommen wurde, die vielen verschiedenen Sprachen zueinander finden zu lassen; und dort entdeckte er, wie er seine eigenen Erzählungen über diese unterirdische Welt schreiben konnte. Sie war ein Instrument der Apartheid die Sprache, aber sie wird heute noch benutzt und es wurde ihm schnell klar, dass die Probleme komplexer sind als allein das.

Wie konnte er dem widerstehen, mit diesen Überbleibseln der kolonialen Vergangenheit zu spielen, sie umzuarbeiten, seine eigenen Stellungnahmen über das Arbeitnehmerfragen abzugeben, die nicht nur in Südafrika, sondern auf der ganzen Welt ausbrechen und brennen.

Und obwohl er auch die Musik zu Rehad Desais „Miners Shot Down“ (Minenarbeiter Erschossen) komponierte, möchte er, dass diese Installation (die in den kommenden Jahren hoffentlich ausgeweitet und nächstes Jahr beim  National Arts Festival gezeigt wird), den Minensektor weltweit erreicht.

Wenn man sich nur einen Auszug der Stimmen anhört, die Worte, die umhergeworfen werden und an einander abprallen, zeigt sich deutlich seine Absicht. “Meins, nicht deins,” ruft einer, als deine Gedanken zwischen der Mine und wem sie gehören mag, hin- und herflitzen – meins “Mine”, natürlich. Es ist clever, es regt zum Denken an und nimmt einen tief mit nach unten in die Unterwelt, die einen so starken Eindruck auf seine Weltanschauung gemacht hat.

“Ich wollte wirklich die Zivilgesellschaften auf die Vorstellung aufmerksam machen, unter der Erde zu sein. Wir stellen uns das nie so richtig vor.”

Es gab viel, mit dem man spielen konnte und es gab viel zu sagen, wie er so um die Themen von Menschen, die unter der Erde arbeiten und über die Vergangenheit des Landes nachzudenken versuchte – über die, die unter der Erde waren – buchstäblich und im übertragenen Sinn. Was sind heutzutage die Herausforderungen? Haben sie sich geändert?
Kämpfen die Leute anders als diejenigen vor ihnen?

Die Installation baut auf dem jüngsten Erfolg der originellen 30-minütigen Aufführung „The Anatomy of a Mining Accident“ (die Anatomie eines Minenunfalls)von Miller auf, , die von der Kapstädter Oper und dem University College of Opera in Stockholm in Auftrag gegeben wurde. Tshisa Boys Productions (Philip Miller; Warren Wilensky, Produzent von Winnie, die Oper; und Thuthuka Sibisi), wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, das Werk in eine Installation weiterzuentwickeln, sobald das Potential und die universelle Relevanz des Werks erkannt wurde.

Die erste Vorstellung fand bei einer Konferenz des Gordon Institute of Performing and Creative Arts in Kapstadt letzten November statt.
Teil ihrer Vision ist es, eine Oper in voller Länge auf einer ortspezifischen Bühne aufzuführen, wie z.B.   in einer stillgelegten Mine oder einem ausrangierten Kraftwerk, und sie suchen Unterstützung, um das Werk zu vollenden und damit hierzulande und international auf Tournee zu gehen.

Deshalb freut sich Miller so sehr über die finanzielle Unterstützung von „Extracts From the Underground“ durch Hollard .
“Es ist nicht gerade Mary Poppins,” sagt er und begrüßt ihren Mut. Worauf er aber wirklich hofft ist, dass das Konzept sogar noch weiter entwickelt wird, aber nicht unbedingt zu einer Oper (“das ist eine derart elitäre Sichtweise,” erklärt er), sondern um es auf den Vorplatz zu bringen, zu den Menschen, die etwas damit zu tun haben, zu alten Minenschächten, und sie wirklich miteinzubeziehen.
Das ist auch der Grund, warum er so begeistert ist von dem, was mit der momentanen Installation passiert.

“Der Sound und die Bilder werden in die Straßen gepumpt und die Leute, die bei WAM vorbeigehen, werden die Geräusche von Millers ständigem Kollaborateur Bham Ntabeni hören, der Vokalist und Musiker ist, und die Videos der brillianten Catherine Meyburgh zu sehen bekommen, die auf die Glasfenster und Wände des Museums projiziert werden.

Fast zwei Jahre nach den Streiks bei der  Lonmin Platinmine in Marikana, versuchen Südafrikaner noch immer die Tötung von 34 Minenarbeitern durch eine bewaffnete Polizei zu verarbeiten und zu verstehen. “Die Szenen, die in den Massenmedien gezeigt wurden, tragen den Horror einer anscheinend abgeschlossenen Vergangenheit in eine immer problematischere Gegenwart hinein,” meint Miller.
Aber er weiß auch, dass dies nicht allein unser Problem ist, wenn man an die jüngsten Vorfälle in Istanbul und Chile denkt. Die Minenarbeit ist ein weltweites Thema, die Umstände der Menschen, die dort arbeiten und die Wirtschaft, die sie schafft, und an wen sie dann weitergegeben wird. “Wir brauchen diese Konversationen,” sagt der Komponist, und deshalb sucht er nach weiterer finanzieller Unterstützung, um das Werk international auf Tournee zu schicken. “Es ist nicht hochintellektuell, es ist für die Menschen da.“