Private Spaces Ein lebendes, atmendes, sich bewegendes Kunstwerk

Silke Z. - Private Spaces / Soweto Theatre
Silke Z. - Private Spaces / Soweto Theatre | Foto: Private Spaces at Soweto Theatre © John Hogg

“Ich will ein Experiment durchführen und brauche eure Hilfe dabei,” sagte der bärtige Tänzer als er das Publikum aufforderte, näher zu treten. Private Spaces ist ein inspirierendes Tanz-Kunstwerk, das die Teilung von persönlichem, öffentlichem und darstellendem Raum durchbricht.

“Ich will ein Experiment durchführen und brauche eure Hilfe dabei,” sagte der bärtige Tänzer auf dem Stuhl, als er bestimmte Mitglieder des Publikums, die keine Stühle hatten, aufforderte im vollgepackten Raum des Yellow Theaters näher zu ihm heranzukommen.

Der Großteil des Publikums zuckte zusammen. ‘Oh nein, nicht schon wieder so eine lahme touchy-feely Publikumsbeteiligung in einem Improvisations-Stück,’ war der stille Aufschrei, als das prosaisch betitelte Private Spaces begann. Eine Anzahl mutiger Seelen, vor allem professionelle Tänzer und Auszubildende der Vuyani Dance Company, traten galant nach vorne, um in die sehr persönliche Sphäre des Mannes einzudringen. Wie er sie aufgefordert hatte, berührten sie Antonio Cabritas Körper. Jemand musste auf die Arterie in seinem Hals drücken, um seinen Herzschlag fühlen zu können. Ein anderer Zuschauer musste sein Gesicht mit beiden Händen anfassen. Wieder ein anderer legte seine Hand auf sein Herz, als er ihre Energien anzapfte.

Mittendrin war eine Rothaarige mit einer wollüstigen Aura. Sie wollte nicht, gemäß der Anweisung, loslassen. Sie begann sich buchstäblich in Cabritas Körper zu verkrallen und schmiss sich auf ihn. Es wurde bald klar, wie sie so hinter ihm her war (und sie verbrannten schier den Boden mit ihren Körpern und Emotionen), dass die Frau mit der Rubens-Figur, Caroline Simon, die ein enges, tief- ausgeschnittenes rotes T-Shirt und blaue Jeans trug, die andere Hälfte des Private Spaces Duos war. Tatsächlich waren Simon und die Regisseurin und Choreographin, Silke Z., im Soweto Theater vor der Aufführung ziemlich sichtbar gewesen, und hatten sich unter die Menge gemischt.

Die Strategie, den Raum zwischen Zuschauer und Künstler in einem kontemporären Tanzumfeld zu verringern, ist nichts Neues. Es ist schon ein wenig zum Klischee geworden. Aber Silke Z./Resistdance aus Köln sind erfahren und kompetent genug, um sich aus dem Gewöhnlichen und Bekannten mit cleverem Geschick, raffinierter Erfindung, ausgezeichneten Produktionswerten und künstlerischer Ehrlichkeit da herauszuarbeiten.

Die Bewegungssprache, die sie entwickelt haben, ist tief dynamisch und komplex. Cabritas Solo auf der Bühne kombiniert Elemente von Hip Hop und Kampfsport mit klassischer Tanztechnik. Eine Phrase, die er ausführt, ist eine Variation des Barrelsprungs, der sich mit jeder Wiederholung aufbaut, und Intensität, Frustration und Gewalt ausdrückt. Der normalerweise luftige Sprung ist auf einem kleinen Radius zusammengedrängt, der seinen auf dem Boden stehenden Körper in einen Hoch- und Tiefflug hochschnellen lässt. Paradoxerweise sind Cabritas technische Brillanz und erhöhte Sinnlichkeit mit einer eloquenten Eleganz geladen.

Image gallery: Private Spaces performance im Soweto Theatre

Das räumliche Schachspiel der Darsteller zieht die Energien der Zuschauer an sich, wie sie die widerspenstigen Beziehungen ausleben. Die Wende geschieht im Dunklen, wenn Caroline Simon, die sich ausgezogen hat (ihre schweren Schuhe und Kleider in einen ordentlichen Haufen neben sich legt) mit makelloser Verletzlichkeit ihren nackten, milchweißen Körper einer ultravioletten Keith Haring-artigen Projektion aussetzt. Venen, Arterien und ein Herzschlag schlängeln sich auf ihrem Körper, der sich in ein lebendes, atmendes, sich bewegendes, intestinales Kunstwerk verwandelt. Das Publikum bewegt sich instinktiv in einem Kreis näher heran, um das zu betrachten, was dem sterblichen Äquivalent eines Buntglasfensters entspricht, das aus Blut, Knochen, Haut, Haaren und Gewebe besteht.

Wir erleben eine Kathedrale des Lebens, die von Unantastbarkeit durchflutet ist. Als sie aufsteht, wird vorübergehend ein gemaltes Abbild ihres Körpers auf dem Boden gezeigt. Danach beendet die eingreifende Vorführung alles was vom Raum übriggeblieben ist, in einem hellen Lichtklecks. Wo er saß, sie lag, sie sich bewegten – verbleiben ihre metaphorischen Handlungen, Wechselwirkungen und kreativen Synergien nur im Raum unserer Vorstellung und der Körpererinnerung.

Private Spaces ist ein inspirierendes Tanz-Kunstwerk, das die Teilung von persönlichem, öffentlichem und darstellendem Raum mit einer intimen Feinheit durchbricht, die Silke Z./Resistdance zu einer hervorragenden Wahl für das dreijährige Dance Dialogues Africa Projekt macht.

Die Cologne Company, beherbergt von der Vuyani Dance Company, hielt vor den zwei Aufführungen vier Tage lang Workshops im Soweto Theater ab. Während und nach der ersten Aufführung bekam ich den Eindruck, dass ein Dialog stattfand – nicht nur verbal (wie sich das in der Fragen und Antwortstunde nach der Aufführung ergab) – sondern auch was den Austausch von Tanzpraxis und Ästhetik anging. Sowie dem Austausch von Ideen und Konzepten und wie Tanz die Grenzen von visueller Kunst, Aktionskunst und der Schaffung von konzeptionellem Theatertanz verwischt.

In erster Linie haben diese Aufführungen und Workshops eine unauslöschliche, intrinsische Konversation über Kunst und Form ausgelöst. Das ist eine rare Leistung, wenn es um internationalen Austausch geht.
 
Private Spaces wurde am 27. und 28. Mai 2014 im Soweto Theatre mit Unterstützung von Dance Dialogues Africa, Kulturstiftung des Bundes, Tanzhaus NRW und Goethe-Institut Südafrika aufgeführt.
Silke Z./resistdance ist eine Kölner Tanzkompanie. Unter der künstlerischen Leitung von Silke Z. arbeitet die Gruppe an zeitgenössischen Tanzperformances und entwickelt Projekte zusammen mit Künstlern aus anderen Disziplinen.