ON FIRE Südafrikanische Choreografien in Berlin

On Fire / Constanza Macras
On Fire / Constanza Macras | Foto: ©Manuel Osterholt

Unter dem Titel ON FIRE präsentierte Constanza Macras/dorkypark eine Reihe von Kollaborationen südafrikanischer und internationaler Tänzerinnen und Tänzer in Berlin. Das Spannungsfeld zwischen Gender und Tradition stand dabei im Zentrum der Bühne. Ein Feld, das auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid nicht an Relevanz verloren haben.

Von außen wirkt das Studio 44 von Constanza Macras‘ Compagnie dorkypark ein wenig verlassen. Obwohl nicht weit weg vom Alexanderplatz, muss man sich etwas umsehen um das Poster mit dem Schriftzug „ON FIRE“ neben dem Eingang zu finden. Das Publikum wartet rauchend im Vorraum des Studios bis sich die Türen öffnen. So ging es zwischen März und Mai 2014 etwa alle zwei Wochen, als südafrikanische Tänzerinnen und Tänzer nach kurzer Residenz in Berlin neue oder weiterentwickelte Stücke präsentieren.
 
Das Projekt gibt ungewöhnlich vielseitige Einblicke in die südafrikanische Tanzszene. Ein Abend kann zum Beispiel damit anfangen, dass man beim Betreten des Raumes nur einen menschengroßen, aus Wolle gehäkelten Wurm wahrnimmt, der reglos auf einem kleinen Podest auf der Bühne liegt. Mit Beginn des Stückes fängt die Figur an, sich zu winden.
Die eingehäkelte Künstlerin ist die 34-jährige Lerato Shadi. Über 45 Minuten verfolgt das Publikum die langsamen Windungen des Wollbündels. Am Schluss öffnet sich der Körper und bringt einen roten, gehäkelten Arm zum Vorschein, danach sieht man Shadi zum ersten Mal. Langsam, abwesend und vollkommen ruhig spuckt sie ein rotes Wollknäul auf den Boden der Bühne. Licht aus. Schluss.
Lerato Shadis Arbeiten haben etwas Meditatives, Ästhetisches und Entschleunigendes. Wie zum Beispiel bei ihrer Arbeit Se Sa Feleng, als Shadi im Jahr 2010 über drei Stunden lang im Projektraum GoetheonMain durch ein weißes, kubisches Gerüst kletterte und dabei einen roten Faden hinter sich herzog. So webte sie, wie eine Spinne, eine Struktur, die als Relikt ihrer Performance den eigentlich so wichtigen Produktionsprozess überdauerte.
 
Ein zweites Stück folgt. Shades of a Queen von Mmagosi Kgabi basiert auf Improvisation und technischer Spielerei: Mit Smartphone und iPad agierend, versucht Kgabi herauszufinden, was sie denn nun, da sie mitten auf einer Theaterbühne in Berlin steht, eigentlich machen solle. Dabei helfen die Angerufenen, die über Lautsprecher zu hören sind. Choreografen, Drehbuchautoren, Tänzer, Freunde, aber auch die eigene Mutter nehmen irgendwo in der Welt den Hörer ab und geben irritiert – weil weitgehend unvorbereitet – Ratschläge, die Kgabi dann spontan ausführt.
So spricht sie in einem schrillen Impro-Spektakel von der eigenen Identität – davon, dass es mehr über uns aussagt, wen wir lieben, als wir das selbst mit Worten könnten.
 
Natürlich gibt es aber auch Abende, an denen man das Studio 44 mit der Erwartung auf eine Arbeit betritt, die die Konflikte zwischen Gender und Tradition weniger abstrakt darstellt. Dies ist der Fall bei Zanele Muholi, Maureen Velile Majola und Jelena Kuljics Sifela I Ayikho. Das Publikum drängt sich auf dem Boden des Studios, so voll ist es.
Auf der Bühne entwickeln Maureen Velile Majola und Jelena Kuljic in verschiedenen Szenen ein verstörendes Bild der Trauer um die Opfer brutaler Hassmorde an lesbischen Frauen. Es werden aus Steinen und Kerzen kleine Schreine des Gedenkens aufgebaut. Dazwischen laufen Projektionen der Video- und Fotoarbeiten von Zanele Muholi.
Muholis Arbeiten rütteln auf, erschüttern, dokumentieren ganz direkt die Verbrechen gegen Menschenrechte, die Hassmorde und Diskriminierung. Dabei vergisst sie jedoch nie die Menschen dahinter, die Persönlichkeiten von starken Frauen und Männern aus der LGBTI Community im südlichen Afrika.
 
Athena Mazarakis erarbeitete zusammen mit Anouk Froidevaux und Emil Bordás persönliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Ausgrenzung, aus den jeweiligen Kontexten der Tänzer: Südafrika, Kanada/Deutschland und Ungarn. Als das Publikum das Studio betritt, stehen die Tänzerinnen und Tänzer mit Aufnahmegeräten bereit um kurze Interviews zu führen: Was ist deine Tradition? Welchen Teil deiner Tradition könntest du einfach aufgeben? Mit kleinen Handylautsprechern werden die Antworten anschließend vorgespielt. Uns erwartet eine fünfzigminütige, kurzweilige Performance mit Solodarbietungen der Tänzerinnen zu Tradition, Identität, Dazugehören und Ausgrenzung. Sie werden unterbrochen durch persönliche Reflektionen der Drei. Starke Momente, aus dem eigenen Leben bekannt, die Fragen aufwerfen.
Da ist zum Beispiel Anouk Froidevaux, die einen Eintrag aus dem Blog der zuvor über ein Jahr am Berliner Oranienplatz in Zelten protestierenden afrikanischen Flüchtlingen vorliest. Wie positionieren wir uns dazu, was ist unsere Meinung zu Asyl, Flucht, Migration? Später im Stück wird Athena Mazarakis lauthals eine Schuld-Auktion vor dem Publikum durchführen, mit der sie die Scheinheiligkeit von Onlinepetitionen vorführt indem sie um „Likes“ bettelt. Tun wir selbst genug?
Man spürt, dass die Tänzerinnen sich selbst die Fragen gestellt haben, die sie nun ans Publikum weitergeben: Was mache ich, wenn ich nicht selbst von Gewalt betroffen bin? Werden wir zu Mittätern, wenn wir nichts sagen, nichts tun?
 
Geschlecht und Tradition sind die großen Themen, denen sich Constanza Macras und Tamara Saphir als Grundlage ihrer kuratorischen Arbeit widmen. Sie haben daraufhin Künstlerinnen und Künstler aus Südafrika eingeladen, performative Arbeiten zu produzieren – darunter wichtige Namen der jungen südafrikanischen Tanz- und Performanceszene: Mamela Nyamza, Zanele Muholi, Athena Mazarakis, Kieron Jina, Lerato Shadi, Mmakgosi Kgabi und Lucky Kele.
 
Viele der Künstlerinnen und Künstler interpretieren die Begriffe Gender und Tradition ungezwungen und präsentieren somit Stücke, die nach Identität fragen, danach, was uns wichtig ist im Leben. Sie zeichnen ästhetische Bilder und schaffen die Gratwanderung zwischen den Extremen: einerseits einem ohnehin oft negativen und klischeehaften Afrikabild zu begegnen und andererseits sich einer Verharmlosung alltäglicher Brutalität gegen Homosexuelle in Afrika zu entziehen.
Insgesamt zeichnet sich so ein komplexes Bild der jungen südafrikanischen Tanzszene ab, die mittels künstlerischer Ausdrucksformen den Finger in die Wunde legt, wo Sprache häufig versagt.
Wer profitiert von diesen Kollaborationen? Vor allen die Zuschauer, die sonst kein so engmaschig gewebtes Netz aus thematisch fokussierten Beiträgen aus einer von Afrikas vielseitigsten Tanzszenen zu sehen bekommen hätten, und natürlich die Tanzszenen beider Länder – mit Sicherheit werden weitere gemeinsame Produktionen folgen.