Rite Die Gewaltspiralen durchbrechen

Rite / Jay Pather
Rite / Jay Pather | Foto: © John Hogg

Das Stück „Rite” von Jay Pather beschäftigt sich mit Ritualen, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben, schreibt Same Mdluli.

Gewalt in Südafrika ist ein derartig schwieriges Thema in unserem Leben geworden, dass die Gemüter sich dabei oft aufheizen. Obwohl es nicht der Hauptaspekt in Jay Pathers Stück ist, so schwingt das Thema in „Rite“ oft mit und erlaubt es dem in Kapstadt ansässigen Choreografen, aus einer traditionellen klassischen Arbeit ein Werk mit zeitgenössischem Anspruch zu machen und die bedrohliche Attraktivität des Themas Gewalt zu thematisieren. Auf der Grundlage der Ballettkomposition Le Sacre Du Printemps des russischen Komponisten Igor Stravinsky kreiert Pather einen nahtlosen Dialog aus Klassik sowie zeitgenössischem afrikanischem Tanz und Musik, Bildsprache und Installationen, die in eine dramatische Reise durch episodenhafte Rituale eingebettet sind.

Aufgeführt wird Rite vom Siwela Sonke Dance Theatre mit einem 17-köpfigen Ensemble anhand einer Auswahl aus den 14 Originalstücken. Die Eröffnungsszene weist eine opulente Bildsprache auf. Wir hören eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen (offenbar ein Paar), die mit viel Körpereinsatz einen Wendepunkt in ihrem Leben diskutieren. Neben den beiden sieht man einen halb angezogenen Mann auf einem Tisch stehen. Sein gesamter Körper ist mit Schnüren umwickelt, am Ende des Bandes an seinem Fuß ist ein junges Huhn festgebunden. Der Mann hat einen Apfel und eine brennende Kerze im Mund, und während die Hitze der Flamme seinem Mund immer nähert kommt, wird auch der Dialog des Paares lautstarker und gleitet in eine traumähnliche schamanische Szenerie aus rituellem Tanz, Videoprojektion und Musik ab. Am Ende erleben wir einen gewalttätigen Akt, der auch in den folgenden Szenen immer wieder als Motiv auftaucht.

In der zweiten Szene wird das Publikum mit Hilfe von Interaktion und Konfrontation noch mehr in das Stück integriert. Das Thema Gewalt taucht hier durch Metaphern wie roher Kohl, roter Chili, rote High Heels oder Deodorantspray immer wieder auf. Dies zieht sich bis in die nächste Szene, die die Interaktion mit Hilfe von Fragen an das Publikum bzw. einem echten Dialog zwischen Darstellern und Zuschauern noch erhöht. Mit solchen Momenten erörtert das Stück Fragen rund um Glauben, Gedächtniskultur und andere philosophische Themen und wirft einen vielschichtigen Blick auf Südafrika im Hier und Jetzt.

Obwohl das Stück interdisziplinäre Mittel einsetzt, ist eine seiner klaren Stärken die Nutzung des Raumes. Laut Pather liegt dies daran, „dass es hier auch um Dekonstruktion geht.“ Die Geschichte wird durch verschiedene Formen von Licht, Kostüm und Ton erzählt. Die kühle Industriekulisse des Museum Of African Design (MOAD) wurde dabei nicht nur bewusst gewählt, um das Raumgefühl des Stücks widerzuspiegeln, sondern konnte die Intention noch verstärken, indem man die architektonischen Besonderheiten des Raumes mit in die Inszenierung einfließen ließ. Auch die Leistung der Tänzer, die es schafften, diverse Aspekte des Lebens in Südafrika eindrucksvoll zu interpretieren, war herausragend. Obwohl das Stück mit einer Art Anti-Klimax endet – manch einer mochte enttäuscht gewesen sein, dass die am Ende geopferte Jungfrau selbst nicht zu sehen war – verrät genau dieser Umstand etwas über unsere eigenen Sehnsüchte und Hinwendung zur Gewalt. So erschien es angemessen, dass es am Ende keine Auflösung gab und stattdessen nur Empathie und Akzeptanz des Menschlichen im Raum standen.

Pathers Neuinterpretation von Stravinskys Arbeit ist nicht nur spannend, sie zeigt auch, warum der Choreograf derzeit für die Contemporary Szene in Südafrika so wichtig ist. Sein Stück bezieht sich auf einen bestimmten historischen Kontext, der vielen Zuschauern in Südafrika vielleicht gar nicht bewusst ist. Sein Einfühlungsvermögen und seine detailgenaue Kenntnis des Themas machen das Werk zu einem der am meisten nachdenklich machenden Programmpunkte des diesjährigen Festivals.
 

Informationen über den Dance Writers Workshop:
Junge Autoren, die sich mit der Kunstszene beschäftigen, haben es immer schwerer, ihre Texte in den etablierten Medien zu platzieren. Besonders schwierig ist es in den Bereichen Tanz und Performancekunst, da sich hier das Dargestellte oftmals nur schwer in Worte fassen lässt.

Darum veranstaltet das Goethe-Institut gemeinsam mit dem Dance Forum bereits zum dritten Mal parallel zum Dance Umbrella Festival den Dance Writing Workshop. Die Veranstaltung möchte nicht nur neue Schreibtalente in diesem Bereich aufspüren, unterstützen und aufbauen, sondern gleichzeitig etablierte Journalisten für den Bereich Contemporary Dance interessieren. Gefördert wird der Workshop von Mary Corrigall.

Die diesjährigen Workshop-Teilnehmer diskutierten etwa die Rolle von Mann und Frau in der Contemporary Choreografie – ein Thema, über das derzeit viel debattiert wird und das ebenfalls einen Bezug zur Plattform für Choreografinnen aufweist, der Teil des Dance Umbrella Festivals 2015 war.