Tänzer Männer „tanzen nicht”

Thabiso Pule
Thabiso Pule | Foto: © John Hogg

Es gibt einige männliche Tänzer, so Mary Corrigall, die es schaffen, auf der Bühne „Mann“ zu bleiben.

Die geschlechtliche Zugehörigkeit ist im Umfeld von Tanz und Performance schwer auszublenden, denn der Körper ist mit politischen Aspekten behaftet – unser Körper und unsere Kleidung besitzen bestimmte visuelle Identitätsmerkmale. Das Geschlecht eines Tänzers scheint ebenfalls im Voraus einen bestimmten Dialog über die Rolle des Geschlechts in Bezug auf Tanz in Gang zu setzen. Dies basiert auf der Annahme, dass tanzende Männer als unmännlich bzw. homosexuell gelten.

Es ist beinahe müßig geworden, das Thema Männlichkeit und Tanz zu erörtern, da sich bereits ein ganzer Literaturkanon mit diesem Bereich beschäftigt, darunter auch so fragwürdige Titel wie „Männer und Tanz“. Thabiso Pule mag für die Penis Politics mitverantwortlich sein, weigert sich jedoch, sich an der Diskussion um dieses Thema zu beteiligen. Seine Bemühungen, eher als Künstler denn als Tänzer oder Choreograf verstanden zu werden, basieren möglicherweise auch auf seinem Wunsch, die Bürde des Begriffs „männlicher Tänzer“ loszuwerden.

Sonia Radebe bestätigt, dass das Geschlecht nicht nur auf die Identität des Tanzenden, sondern auch auf die ausgeführten Bewegungen einen unverkennbaren Einfluss ausübt.

„Es ist schwierig, eine Choreografie mit männlichen Tänzern zu erarbeiten, weil diese keine weichen, femininen Bewegungen ausführen möchten.”

Radebe war bis Dezember vorigen Jahres Mitglied der Moving Into Dance Mophatong Company (MIDM), die, obwohl von einer Frau (Sylvia Glasser) gegründet, inzwischen eine von Männern dominierte Institution ist. Radebe verließ das Ensemble, weil sie mit ihrer Kunst experimentieren und dazu auch mit Menschen außerhalb der Tanzszene zusammenarbeiten wollte. Mit diesen Zielen stieß sie bei MIDM jedoch auf Widerstand.

„Sie (die Männer) dachten, dass ich nicht das kann, was sie können. Es hat einige Zeit gedauert, sie davon zu überzeugen, dass ich einen Mann hochheben kann. Ich kann es wirklich. Als Mutter, die ständig ein Baby mit sich herumträgt, das noch klein ist und gestillt wird, hat man sehr viel körperliche Kraft, und genau die kann man für den Tanz nutzen.“ Männer glauben, sie sind unfehlbar, viele machen vor dem Tanzen daher keine Aufwärmübungen und sind dann weniger geschmeidig, weiß Radebe. Pule gibt sogar zu, dass er sich nicht einmal vor einer Aufführung aufwärmt.

Er isst, wie er sagt, lieber Schokolade. Angeblich, um beim Auftritt „frisch“ zu wirken und sich selbst und das Publikum überraschen zu können. Das Grundelement seiner Kunst, so Pule, sei die Improvisation.

Im Gegensatz zu den Erfahrungen, die Radebe als Tänzerin gemacht hat, findet Pule, dass Männer im Zuge der Bemühungen um die Befreiung der Frau an den Rand gedrängt wurden. „Warum“, so fragt er sich, „gibt es im Tanzbereich nur eine Take A Girl (‚Nimm ein Mädchen‘) Kampagne, was ist denn mit den Jungen? Was sollen die denn denken? Ayana Jackson, eine in Amerika geborene bildende Künstlerin, die mit Constanza Macras bei On Fire zusammengearbeitet hat, scheint die Wirkung dieser Kampagnen für Frauen gespürt zu haben – zu den bei der letzten Joburg Art Fair gezeigten Werken zählte auch ein Bild, auf dem sie als Mann posiert.

„Ich wollte den Männern in meiner unmittelbaren Umgebung zeigen, dass ich sie respektiere und mich mit ihnen und den Themen identifiziere, etwa die Frage nach der Herkunft und dem Leben als Moslem in einer vom 11. September geprägten Welt.“

Pules neueste Arbeit mit dem Titel What The Hell Happened To This place?? („Was zum Teufel ist mit diesem Ort geschehen?”), die er beim Dance Umbrella 2015 vorstellte, rückt von der Gender-Diskussion ab und stellt Umweltthematiken in den Vordergrund. Eine nicht unerwartete Kehrtwende, schließlich will er mit seine Performancekunst (und inzwischen auch mit dem Medium Film) auf sämtliche drängende gesellschaftlichen Probleme aufmerksam machen: „Ich möchte die Leute aufklären“, so sein Ansatz. Als er das Stück in New York im Rahmen eines Residenzprogramms in den USA entwickelte, lief er mit einem rosafarbenen Tutu über die Brooklyn Bridge.
 

Informationen über den Dance Writers Workshop:
Junge Autoren, die sich mit der Kunstszene beschäftigen, haben es immer schwerer, ihre Texte in den etablierten Medien zu platzieren. Besonders schwierig ist es in den Bereichen Tanz und Performancekunst, da sich hier das Dargestellte oftmals nur schwer in Worte fassen lässt.

Darum veranstaltet das Goethe-Institut gemeinsam mit dem Dance Forum bereits zum dritten Mal parallel zum Dance Umbrella Festival den Dance Writing Workshop. Die Veranstaltung möchte nicht nur neue Schreibtalente in diesem Bereich aufspüren, unterstützen und aufbauen, sondern gleichzeitig etablierte Journalisten für den Bereich Contemporary Dance interessieren. Gefördert wird der Workshop von Mary Corrigall.

Die diesjährigen Workshop-Teilnehmer diskutierten etwa die Rolle von Mann und Frau in der Contemporary Choreografie – ein Thema, über das derzeit viel debattiert wird und das ebenfalls einen Bezug zur Plattform für Choreografinnen aufweist, der Teil des Dance Umbrella Festivals 2015 war.