Spoken Word Project Bühne ist Bühne, und diese hat ihre eigenen Regeln

The Spoken Word Project
The Spoken Word Project | Foto: © Goethe-Institut / Masimba Sasa

Bewertungskarten und eine Jury mit Taschenrechner – die neue Art des Dichtens, die man beim Wettbewerb Spoken Word Project zu sehen bekommt, mag gewöhnungsbedürftig sein. Aber man sollte sich nicht verunsichern lassen: Dichtung ist schließlich nie norm-konform.

Die Erwartungshaltung im Publikum ist deutlich zu spüren. Alle Augen schauen gebannt auf die Jury, als diese in erhabener Langsamkeit auf die Bühne zusteuert. In Kürze wird sie verkünden, wer Südafrika beim kontinentalen Stand-Up-Poetry Wettbewerb vertreten wird. Den auf die Ergebnisse wartenden Teilnehmern ist die Nervosität deutlich anzumerken, als die dreiköpfige Jury am Bühnenrand über ihre letzte Ansage berät.

Bald darauf treten zwei Jurymitglieder vors Mikrophon und geben die üblichen Sätze über die Schwierigkeit solcher Dichterwettstreite zum Besten. Ihre wohlüberlegten Worte sollen den Teilnehmern Respekt zollen. Jeder sei auf seine Weise toll, aber nun müsse das „Gericht” entscheiden, erklärt die Jury so anerkennend wie möglich. Schließlich werden Sbu Simelane und Sabelo Ayanda Lushaba auf die Bühne gerufen – ein Gleichstand auf dem zweiten Platz.

Sabelo Ayanda Lushaba “Juba,” Ghetto Fractions

Als das letzte Jurymitglied das Mikro ergreift, legt sich der Applaus. Nach ein paar Worten über die Schwierigkeit des Auswählens macht die „Richterin“ eine bedeutsame Pause. Die Stimmung im Saal ist spürbar angespannt. Dann wird der Vertreter Südafrikas beim Spoken Word Project verkündet: Noel Kabelo „KB” Ringane, woraufhin auf diesen ein Meer aus Umarmungen, Handschlägen und Pfiffen einprasselt.

Zwei Wochen später starre ich auf eine leere Seite und denke über die Poetry-Szene nach, über die Jury und den Wettbewerb. Mit einem Mal wird mir klar, dass es wohl noch einige Zeit dauern wird, bis die Menschen meiner Generation bzw. meines „Schlags“ mit den Veränderungen innerhalb der Dichterlandschaft klarkommen werden.

eine Szene im Wandel

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Poetry-Champions noch gegen unterdrückende Regimes aufbegehrten, ihre Themen auf der Straße fanden und durch die harte Schule der wöchentlichen Offenen Bühnen gingen. Egal, ob Kippies Poetry Nights, Jungle Connexions oder Horror Café, solche Veranstaltungen konnten allesamt nur entstehen, weil die Leute etwas zu sagen hatten. Einige wollten gegen alles rebellieren, was irgendwie von Unterdrückung zeugt und präsentierten sich als Nachfahren jener antiken Sprachkrieger, die sich mit ihrer Dichtkunst der Tyrannei entgegenstellten.

Dann gibt es noch die Lobeshymnen schreibenden Dichter, die vorgeben, der alten afrikanischen Tradition zu folgen, königlichen Personen zu huldigen. Die Szene erfindet sich ständig neu, und es entstehen immer wieder neue Spielarten der Wortpräsentation.
Johannesburg ist der Startpunkt beim Spoken Word Project.

Zu diesen Neuerscheinungen gehört auch die Wertetafel-Dichtung und eine mit Taschenrechner ausgestattete Jury. Diese Entwicklung ist offenbar den Poetry-Slam-Wettbewerben zu verdanken. Da stellt sich die Frage: Ist es nun verabscheuungswürdig, dass Dichter auf einmal Trophäen gewinnen und mit nach Hause nehmen können?

Durch den zeitlichen und räumlichen Abstand bin ich schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass es viele Arten gibt, Dichtkunst zu hören und zu sehen. Für andere mag es nicht so sein, aber für mich beginnt Dichtung immer mit Non-Konformität. Wenn man sich erst von jemand anderem die Erlaubnis erteilen lässt, ein Autor sein zu dürfen, welchen Sinn macht diese Tätigkeit dann überhaupt noch? Und was wäre , wenn es keine Dozenten für Dichtung gäbe, keine Schulen für kreatives Schreiben, keine Literaturpäpste und keine Poetry-Kirchen? Nun, dann müsste wohl jeder für sich selbst den Begriff „Dichtkunst“ definieren.

Neue Visionen

Ich habe dem Poetry-Champion zwar an dem Abend im King-Kong viel Applaus zukommen lassen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieser wirklich angebracht war. Wenn ich im Nachhinein noch einmal über Simalanes Texte nachdenke, merke ich, wie sehr seine Bilder auf unbewusste Wahrnehmungen anspielen. Offenbar fehlte ihm dabei jedoch der Brustton der Überzeugung. Ich muss zugeben, dass er durchaus zu scharfzüngigen Beobachtungen in der Lage ist und seine künstlerische Laufbahn auf jeden Fall unterstützt werden sollte. So hat er etwa einen ausgeprägten Sinn für Wortspiele. Einigen emotional wirklich packenden Textpassagen aus seinem Werk The Second Coming („Die Wiederkunft”) habe ich auf jeden Fall mit Spannung gelauscht.

Wo du zuhause bist, da erscheinen dir die Sterne näher
Weil sie durch die verzweifelt geäußerten Wünsche 11-jähriger Soldaten tiefer hängen
Barackenpropheten lesen ihre Träume mit brennenden Kerzen


Simelane erzählt von Sehern, die Licht in ein von Gewalt geschütteltes Afrika bringen, einem Afrika, in dem schon Kleinkinder für den Profit der Mächtigen töten. Allein dieses Bild erinnert an das jüngste Massaker von Bangui und an die vielen Soldaten, die im Sarg nach Hause zurückkehren. Bei dem Dichter heißt es: „In den Kapiteln meiner Kindheit haben wir auf diesen Straßen Verstecken gespielt/Keiner hätte geahnt, dass wir uns bald schon in hohlen Gräbern wieder begegnen würden.“ Simelane führt uns ein Afrika vor, in dem „die Zeit nur ein neidischer Geist ist, der uns aus der Ferne beobachtet und sich fragt, wie wir entkommen konnten“. Dennoch sieht er auch Chancen auf Veränderung, die sich seiner Meinung nach allein schon aus der Verweigerung zum Sterben ergibt. „Ich habe der Ewigkeit meinen Abschiedsbrief geschickt und sie wissen lassen, dass ich das Sterben aufgegeben habe“, so der Dichter.
Sbu Simelane, The Second Coming

Die „Wiederkunft” ist für Simulane ein Stilmittel, die herrschende Realität in Afrika zu hinterfragen. Seine Vision des Wandels ist der Motor seiner Dichtung, ein Wandel, den angeblich nur die bemitleidenswerten Menschen Afrikas selbst herbeiführen können.

Auf der anderen Seiten wies der Siegerbeitrag auch viele geschickt eingeflochtene theatralische Effekte auf. Eine Bühne ist eine Bühne, und diese hat nun mal ihre eigenen Regeln. Auf der Bühne begibt sich die Dichtung quasi auf eine Reise durch den Körper des Zuhörers.

Der Ganze Kontinent im Dialog

Ringane hat uns an dem magischen Moment teilnehmen lassen, in dem der Autor sich von seinem Textblatt abwendet und frei redet. Mit einem unsichtbaren Rucksack, der ihm schwer auf den Schultern lastet, sprach er mit dem Rücken zum Publikum und abgewandt vom Mikrofon seine ersten Sätze:

Wer deckt dir den Rücken, wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst und keinen Back-Up-Plan in deinem Backpack hast? Und du nicht genügend Rückgrat hast, um dir selbst den Rücken zu stärken? Junge, du brauchst mehr Rückgrat. Junge, du brauchst mehr Rückgrat.

Mit übertriebenem Schwung dreht er sich dann um. Im Klang des Mikrofons erfüllte seine Stimme mit einem Mal den ganzen Raum. Durch die vielen Reime mutete sein Text dabei an wie ein Musikstück.
Gewinner Noel Kabelo “KB” Ringane, Lonesome Soul

Das Bild eines Jungen aus dem Waisenhaus drückt beim Publikum sofort auf die Tränendrüse. Das Herumreiten auf der Opferrolle bringt jedoch nicht viel, außer dass der Schmerz dramatisiert wird. An dieser Stelle sollte man einmal über die Grenzen der Mitleidspoesie nachdenken.

Alles in allem war der Johannesburger Auftakt des Spoken Word Projects eine tolle Chance, das herausragende Potential Südafrikas im Bereich Poetry und Performance zu zeigen. Das Projekt will Wortkünstlern aus ganz Afrika eine Plattform bieten, sich mit den Texten und Darbietungskünsten des andern auseinanderzusetzen. Ich freue mich schon sehr auf einen kontinentalen Dialog in der Kunst des gesprochenen Wortes: Einen Dialog, der Afrika die Chance gibt, durch Geschichten und Vortragskunst eine problematische post-koloniale Gegenwart zu reflektieren.
 
The Spoken Word Project macht gerade in Yaoundé in Kamerun Halt, wo die besten Künstler Johannesburgs in den Wettbewerb Einzug halten. Hier tragen sie neue Texte vor, die jeweils auf Elemente der bereits gezeigten Darbietung zurückgreifen. Das Projekt tourt noch bis Dezember 2013 durch fünf weitere sub-saharische Städte in Afrika und bringt dabei verschiedene Erzähltraditionen und Künstler zusammen. Auf der Website des Projekts kann man die Beiträge der einzelnen Teilnehmer als Videoclip sehen.