Afrikas großes Selbstporträt Fotografen richten die Linse auf sich selbst

Neighbourhood 4, from In-Glorious series. 2009
Neighbourhood 4, from In-Glorious series. 2009 | Foto: © Musa N. Nxumalo

Die jungen afrikanischen Fotografen richten die Linse auf sich selbst und erforschen damit ihren Platz in einer kranken Gesellschaft, statt bloß deren Missstände zu dokumentieren. Charl Blignaut spricht mit sechs der besten Fotografen.

In Maboneng, im Zentrum von Johannesburg, sind wir in einer eiskalten Winternacht bei einem Dinner, welches das Goethe-Institut anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Peregrinate (dt.: Wandern) dreier junger afrikanischer Fotografen ausrichtet. Wandern – wer weiß schon, was das bedeutet, ohne es nachzuschlagen? – heißt umherwandern, reisen. Ein wichtiges Thema im Werk der ausstellenden Fotografen.

Wo sich einst die Kameras auf das lokale Geschehen konzentrierten, auf die Dokumentation sozialer Unruhen in unseren Hinterhöfen, zeigen sie sich nun global, indem sie ein größeres Bild aufzeichnen, oft ein Bild vom Selbst. Junge afrikanische Künstler reisen.

“Es gibt neue Kämpfe zu kämpfen”, sagt der 28-Jährige Musa N Nxumalo aus Emdeni in Soweto.

„Viele Menschen sagen, dass meine Arbeiten europäisch wirken. Sie haben eine sehr rigide Vorstellung davon, was afrikanisch ist“, stellt Mimi Cherono Ng’ok (31) aus Nairobi, Kenia, fest.

„Junge Künstler entfernen sich von den Klischees des Kontinents – Krieg und Armut“, stimmt der 32-Jährige Thabiso Sekgala, ebenfalls aus Soweto, zu.

“Zuversicht wird neu – und glücklicher – erfahren.”

Ihre Werke vermitteln eine sehr reale Wahrnehmung des Bruchs mit der vorangehenden Generation.

695x300_Peregrinate Exhibition2 © Julian Manjahi Peregrinate Exhibition2 © Julian Manjahi “Südafrika ist bekannt für seine Dokumentarbilder”, sagt Ng’ok. „Doch in Kenia sind Studioaufnahmen und Straßenfotografie Tradition.“ Wenn man auf der Joburg Art Fair, wo Peregrinate zum ersten Mal gezeigt wurde, an den Werken vorbeischlendert, sieht man, wie eine simultane Neuerfindung der sozialdokumentarischen Fotografie und des Porträts in den Blickpunkt gerät.
 
In Peregrinate gibt es ein nüchternes, beinahe schon abstraktes Foto von einem geknoteten Moskitonetz, das von der Decke baumelt.

Daneben hängt ein Tropf an einem Gestell. Man sieht weder einen Menschen noch ein Bett, nur die Anspielung auf ein Leiden. Mein Lieblingswerk von Ng’ok.

“Was ich mache, ist wirklich persönlich. Wenn man die Menschen wegnimmt, kann man sich ihre Geschichten ausmalen.” Der Betrachter kann selbst entscheiden, wer in dem Bett liegt.

“In Berlin würde man nirgends ein Moskitonetz finden. Es könnte Afrika sein … aber auch Brasilien.“

Ng’ok hat auf der ganzen Welt Bilder aufgenommen. „So wie das Esszimmer der elterlichen Mittelklassewohnung in Nairobi.“ Dort hat jemand den Raum verlassen. Wer und warum liegt in Ihrem Ermessen.

Auf dem Cover von #Trending ist ein Foto abgebildet, das Nxumalo aufgenommen hat und das ein Club Kid mit herausgestreckter Zunge zeigt.

In seiner Serie In/Glorious (Home) dokumentiert er das Haus seiner Großmutter in Emdeni, in dem er aufgewachsen ist.

In In/Glorious (Neighbourhood) reist er auf der Spur nach urbanen Entdeckern in die Randgebiete der Stadt.

“Wenn ich umherwandere und dabei versuche, mich selbst zu finden, begegne ich Menschen verschiedener Stilrichtungen, die ich bewundere … Das sind in erster Linie alternative Jugendliche, die losziehen und die Welt entdecken, statt sich immer in derselben Ecke der Stadt rumzutreiben.

Am anderen Ende der Serie ist sein Porträt von Kenny, einem Freund aus Kindertagen. Es könnte eine positive Arbeit sein – Kenny sieht seiner Zukunft entgegen. Doch Nxumalos Verwendung von Schwarz und Weiß verdüstert die Stimmung. Sogar seine Aufnahmen von Partys haben einen Hang zum Verhängnisvollen.

“Das ist kein Wohlfühlprojekt, keine Glücklichkeit. Es ist vielmehr eine Darstellung von mir als von den Partys.“

Auf den ersten Blick scheint Sekgalas Porträt eines Bergarbeiters nach dem Massaker von Marikana ein typisches Dokumentarbild aus Südafrika zu sein. Doch das ist es nicht.

„Ich mache keinen dokumentarischen Bericht … Bildreportagen sind eine Form, mir selbst Sinn zu geben.“

Sekgala war nach Marikana gekommen, um eine Fotoserie über den Land Act zu erstellen. Für ihn steht sie in Verbindung mit seiner mittlerweile berühmten Serie Homeland. Er hielt Landschaften fest und machte Porträts in den ehemaligen Homelands. Nxumalo ist zwischen Soweto und KwaNdebele aufgewachsen. “

Unsere Generation spricht nicht über die Geschichte der Homelands. Wir sprechen von ‘76.“

Seine Arbeit möchte sein Leben in einer verzerrten Geschichte positionieren – in der der Apartheidstaat Farbige als Besucher der Städte betrachtete, ihr wirkliches Zuhause aber irgendwo draußen auf dem Land lag. Das gilt auch heute noch insbesondere für Bergarbeiter.

Am Abend vor dem Dinner sehe ich mir bei der Messeeröffnung die Leute an, die sich die Porträts von Dean Hutton ansehen. Einige sind schockiert und eilen davon. 695x300_Peregrinate Exhibition © Julian Manjahi 695x300_Peregrinate Exhibition © Julian Manjahi Unter dem Titel Dean’s Bed zeigt die Serie vor allem nackte Freunde der Künstlerin, die früher unter dem Namen Nadine bekannt war. In ihrem früheren Leben war sie eine hoch angesehene Fotojournalistin, die nun zu einer „proudly queer“-Kunstkarriere aufgebrochen ist. Es ist noch immer sehr ungewöhnlich, Nackte freizügig in einer afrikanischen Ausstellung zu sehen, und die 38-Jährige geht bis an die Grenze. Unverfroren bindet sie ein Selbstporträt an den Wänden des Messestands ein.

“Mit den Teilnehmern arbeiten, spielen, um die ultimative Selbstentfaltung zu enthüllen, aber nicht einzufangen ... ein nacktes ... bares Selbst, das standhält. So beschreibt Hutton ihre Serie.

Porträts sind die neue Politik auf der Messe. Und viele von ihnen sind großartig.

Afrikanische Künstler zeigen Bilder von sich als Astronauten, Models und Rapper.

Namsa Leuba (32) nimmt am LagosPhoto-Stand eine besondere Stellung ein. Sie sagt, dass sie mit Mode spielt, um ihre Bilder wie ein Hochglanzmagazin funkeln zu lassen – und kritisiert, wie der weibliche Körper in Modemedien dargestellt wird. Ein grelles Porträt zeigt ein Model mit einem Blumengesteck anstelle des Gesichts.

Am Lagos-Stand starren den Besucher weitere gewaltige halbnackte Porträts leer und wertend an. Jenevieve Aken ist eine 25-jährige Fotografin, die früher als Model gearbeitet hat.

Ihre Selbstporträts mit dem Titel The Masked Woman sind nur das – sie selbst mit einer Maske. Sie hat sie kreiert, um die Wahrnehmung von Frauen als Sexobjekte in Frage zu stellen. Sie bezeichnet ihre Rolle als „super femme fatale“, um ihre Freiheit in der Gesellschaft zu erproben.

Ng’ok: „Junge Afrikaner richten die Linse durchaus auf sich selbst. Die neue Fotografie verkörpert viele Dinge gleichzeitig. Die Dokumentation ist zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Ich weiß nicht, warum das erst jetzt passiert und nicht schon vor zehn Jahren. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen mehr mit sich im Reinen sind.“
 

Peregrinate wurde zuerst an der FNB Joburg Art Fair 2014 gezeigt und ist vom 1. - 19. September 2014 im Goethe-Institut, 119 Jan Smuts Avenue in Johannesburg zu sehen.

Das LagosPhoto Festival findet vom 25. Oktober bis 26. November 2014 in Lagos, Nigeria statt.

Dieser Artikel ist zuerst bei Citypress #Trending Magazin erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung publiziert.