Symposium "Manchmal denke ich mir: Zum Teufel mit Afrika"

Antjie Krog
Antjie Krog | Foto: Delwyn Verasamy/2point8

Es war frech, ja sogar provozierend vom Goethe Institut, ein Symposion über Trauma zu organisieren, das am 9/11 endete, jedoch in keinster Weise auf die Zerstörung der Zwillingstürme hinwies. Stattdessen präsentierte die Konferenz (Johannesburg, 7-11 September) Künstler, Autoren und Aktivisten aus dem Sudan, DR Kongo, Elfenbeinküste, Ruanda, Kenia, Simbabwe, Südafrika und Europa, die diskutierten, auf welche Art und Weise Kunst mit Trauma fertig werden kann in Ländern, die extreme Konflikte erlebt haben.

Zum Glück wurde daraus kein “mein Trauma ist schlimmer als deines” Wettbewerb, wo die DR Kongo mit 5 Millionen Opfer leicht gegen den Sudan mit nur 2 Millionen Opfern gewonnen hätte. Es war gleichermaßen erfrischend, dass Südafrika in den Vorgängen der Veranstaltung leicht im Hintergrund stand, denn es war gut, von der komplizierten Post-Apartheid-Situation und Malemas Provokationen Abstand zu halten. Autorin und Diskussionsteilnehmerin Véronique Tadjo bemerkte passend: “Die Südafrikaner sehen und lernen nicht viel von den anderen Ländern. Sie glauben, es wäre nur deren Geschichte – rührt uns ja nicht an! Das ist nicht richtig, es ist ein Teil unserer gemeinsamen Afrikanischen kollektiven Erinnerung.”

Der auf Englisch merkwürdig klingende Titel über(W)unden hat im Deutschen eine zweifache Bedeutung. So bezieht man sich in über Wunden auf die Wunden der Vergangenheit, während das Verb überwunden auf die Heilung eben dieser Wunden hinweist. Und genau darum ging es: um Fragen zu stellen über die Rolle des Künstlers in unruhigen Zeiten. Wie beeinflusst Trauma Kunst? Kann die Kunst Trauma heilen? Welche Rolle können die Künstler spielen? Kann die Kunst über die Bedeutung für den Einzelnen hinweggehen?

Das sind schwierige, tiefgreifende Fragen, und die Antworten darauf kristallisierten sich im Laufe der folgenden fünf Tage heraus, die mit Antjie Krogs einleitender Ansprache begannen. Krog, die eine schwarze Strähne in ihrem grauen Haar trug und zum Anlass mit Bluse, Jacke und Krawatte erschien, sprach in ihrem Vortrag von drei verschiedenen Kunstwerken. Auf ihre unnachahmbare Art und Weise zeigte sie mit Hilfe von Gedanken, Worten und Bildern Gemeinsamkeiten auf zwischen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika und dem ersten Weltkrieg in Europa (1914-1918).

Zwei Dinge ragten aus ihrem Vortrag hervor. Erstens zeigte sie uns ein Bild mit zwei beträchtlichen Granitskulpturen auf einem Soldatenfriedhof in Flandern in Belgien, das Werk der deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz, die ihren Sohn im Krieg 1914 verloren hatte. Man sieht einen trauernden Vater und eine trauernde Mutter, die vollkommen verschieden versuchen, mit ihrer Trauer fertig zu werden. “Im Kummer sind ein Vater und eine Mutter vollkommen alleine” sagte Krog, die zeigte, dass der enge Knoten aus Verlust, Kunst und Trauma für verschiedene Menschen eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung und Auswirkung hat, und dass jeder Einzelne von uns damit auf seine eigene Art und Weise fertig zu werden versucht.

Das ist wohl ein passender Moment, den ehemaligen Sudanesischen Kindersoldaten und jetzigen Hip-Hop-Star Emmanuel Jal vorzustellen. Im Laufe der Konferenz wurde ein Film über sein Leben mit dem Titel War Child gezeigt, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der im Süden Sudans geboren wurde, der als Kind sein Dorf niederbrennen sah, dessen Mutter ermordet und Schwestern vergewaltigt wurden, der sich mit acht Jahren der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee anschloss und mordete und verstümmelte, seine Kumpanen sterben sah, Hunger miterlebte, der zu Kannibalismus führte, und der dann von einem Englischen Entwicklungshelfer gerettet wurde, in Nairobi erzogen wurde und schließlich ein internationaler Hip-Hop-Star mit einer besonderen Berufung wurde – für immer geprägt von seinen Erlebnissen.
 


Die Aufnahmen waren buchstäblich unglaublich, nie übersentimental oder moralistisch. Aber irgendwie waren es nicht die verblüffende Kette der Ereignisse oder die fast religiöse Offenbarung (Jal tauschte seine Rachephantasien gegen Vergebung ein) die mich am meisten beeindruckten. Was sich wirklich in mein Unterbewusstsein hineinbohrte waren die paar Sekunden des Films, wo man einen achtjährigen Emmanuel in einem desolaten Kindersoldatencamp in Äthiopien sieht, mit seinem runden, glücklichen Gesicht, einem abgetragenen T-Shirt und einen kleinen Kumpel an der Hand. Das waren Kinder, deren Heiterkeit und Unschuld abrupt von Camp Befehlshabern ausgelöscht wurde, indem sie dazu gezwungen wurden, sich gegenseitig brutal zu erschlagen um sich abzuhärten, zu entmenschlichen und sich in gnadenlose Killer zu verwandeln. Dieses Bild beinhaltete für mich eine unendliche Traurigkeit. Da ich selbst Camps wie diese in Uganda und im Sudan besichtigt hatte, war ich davon zutiefst betroffen. Wie Krog bemerkt hatte, wird jeder von uns mit seiner Trauer auf seine eigene Art und Weise fertig.

Das zweite wichtige Thema, das Krog ansprach, war die immer wieder verspottete Idee der Regenbogennation. Krog bestand darauf, dass dieses Konzept immer noch dazu verwendet werden kann, um die Südafrikaner zusammenzuführen. Sie beschrieb es als “unsere selbstgesponnene, am öftesten verwendete, am meisten kritisierte, aber trotzdem eine der wenigen wirklich originellen Metaphoren, die Südafrika hervorgebracht hat”. Sie demonstrierte dessen metaphorischen Sinn, indem sie den Regenbogen dekonstruierte und seine Bestandteile zeigte (die überlaufenden Farben), seinen Kontext (Regen und Sonnenschein nach einem Sturm) und seine Realität (im Gegensatz zum goldenen Hort an dessem Ende) und sie verband dies alles mit ihrer Philosophie der Verbundenheit, ueber die sie ausführlich schrieb in Begging To Be Black: the need to be inclusive if we want to succeed as a society (Betteln, schwarz zu sein: Über die Notwendigkeit des Miteinbeziehens, wenn wir als Gesellschaft Erfolg haben wollen). “Wenn wir behaupten, dass wir eine Regenbogennation sind, dann sollten wir wissen, dass wir nur durch Miteinbeziehen existieren können. Wenn ein Teil von uns zu arm, zu krank, zu sehr in Rache oder angehäuften Erinnerungen versteift ist, hört jeder Einzelne von uns auf zu existieren”.

Krogs Regenbogenidee wies auch auf das Verschwimmen der Grenzen hin. Obwohl dieses Konzept während der Konferenz nie direkt angesprochen wurde, war es doch grundlegend: die Idee, dass Konflikt, Trauma und Kunst mehr mit dem menschlichen Dasein als mit Geographie zu tun hat. Diese Verbundenheit ist enger, als viele von uns glauben möchten. Emmanuel Jals Geschichte, zum Beispiel, verbindet den Ölkonflikt im Sudan und dessen Gastfreundschaft für Osama bin Laden mit dem Anschlag auf die Zwillingstürme. Und um mit seinen Erlebnissen fertig zu werden griff er nach Amerikas selbst gezogener Straßenkunst: Hip-Hop.

Dies war eines der echten Aha-Erlebnisse von Über(w)unden. Es zeigte uns, dass es kein so radikaler Sprung ist von Flandern zur Versöhnungskommission, vom südlichen Sudan nach New York, vom Urwald in Kongo nach Paris oder Brüssel, oder, wie uns der deutsche Theaterdirektor Jens Dietrich und sein Ruandischer Kollege Dorcy Rugamba zeigten, von Nazideutschland nach Kigali.

Dietrich und Rugamba präsentierten ihr Projekt Hate Radio, das uns zum Ruandischen Völkermord von 1994 zurückbrachte und zur Rolle, welche der Kigalische Radiosender Mille Collines in den Grausamkeiten spielte, ein öffentlicher Radiosender, der zum Völkermord aufhetzte. Dietrich und Rugamba sprachen ausführlich über die Taktiken der Hutu Extremisten, die gleichermaßen einfach und fürchterlich waren. Deren führende Köpfe hatten Hitlers Mein Kampf gelesen und hatten die deutsche Wochenzeitung Der Stürmer studiert, die dafür bekannt war, die Juden zu verleumden und sie ausnahmslos mit übertriebenen Gesichtszügen und missgebildeten Körpern darzustellen. Von hier ist es nur ein kleiner Sprung, die Tutsis als Küchenschaben zu bezeichnen, ein Ausdruck, den Julius Malema unlängst wieder aufgriff.

Zudem waren die Denker des Völkermordes in Ruanda ja bekanntlich große Verehrer des Nazi Propagandachefs Joseph Goebbels, der die Reichweite seiner gemeinen Aussagen erweitete, indem er Millionen billiger Radios an die deutsche Bevölkerung verteilte. Die Ruandischen Extremisten lernten aus diesem Beispiel und verwendeten den höchst beliebten Radiosender Mille Collines, um Hass zu verstreuen. Mille Collines spielte abwechselnd zeitgemäße Popmusik, Sportergebnisse und Aufrufe zum Mord der „Küchenschaben“. Es wurde so präsentiert, dass ein Lied, ein Fußballspiel und Mord auf dem gleichen Level existierten. Der Befehl, zu morden, war in Normalität verkleidet. „Der Radiosender koordinierte und dirigierte die Tötungen“ sagte Dietrich. Und um die widerliche Absurdität all dies zu demonstrieren, spielte er uns das Lied vor, mit dem der Sender immer sein Programm beendete: die schnulzige Joe Dassin Ballade „Le Dernier Slow“, das letzte Lied, bevor die Lichter ausgehen: “Et si ce soir on dansait le dernier slow, un peu de tendresse au mileu de disco” (“Und wenn wir heute Nacht den letzten Stehblues tanzten, ein bisschen Zärtlichkeit in der Mitte der Disko”). Zärtlichkeit, die Macheten und rund 700000 Tote mit sich bringen würde.

Die Konferenz zog sich langsam in die Länge, mit einem undeutlichen Leitfaden, den man mit einer Auswahl von Zitaten nachvollziehen kann.

Paul Grootboom, südafrikanischer Dramatiker: “Manche Themen kann ich einfach nicht behandeln. Apartheid war ein Erfolg, sie hat uns bis hierher gebracht und niemand bringt uns zurück. Dieses Trauma wird fortfahren und wird niemals enden.“

Antjie Krog, südafrikanische Autorin: “Es ist schrecklich, einen Künstler zu fragen, wie er denkt, weil man dadurch das Kunstwerk simplifiziert.”

Zanele Muholi, südafrikanische Fotografin: “Ich kann nicht einfach sagen ich bin eine lesbische Fotografin und mein Leben genießen. Das kann ich nicht. Ich bin dazu gezwungen, eine Aktivistin zu werden. Ich bin wütend, verängstigt und geprägt. Ich könnte das nächste [Opfer] sein. [Meine Kunst] wird nie das zurückgeben, was man mir mit Gewalt entnommen hat.”

Kudzanai Chiurai, simbabwischer bildender Künstler: “Eine Freundin von mir sagt, sie hasst Johannesburg, weil die Stadt eine Augenschande sei. So chauvinistisch.”

Marcel van Heerden, südafrikanischer Schauspieler: “Ich wurde in Südafrika geboren, und sollte eigentlich traumatisiert sein. Aber ich war weiß.”

Djo Tunda wa Munga, Filmregisseur aus der DR Kongo: „Nach hundert Jahren des Leidens von Kolonisierung, Diktaturen und Krieg sieht der Kongo aus wie ein offenes Therapiezentrum. Kunst kann den Leuten helfen zu verstehen, wo sie sind, und weniger destruktiv zu sein. Idealerweise sollte sie sich in der Mitte einer Gesellschaft befinden, und eine neue Welt schaffen, in der wir über uns selbst sprechen können. Das würde zu besserer Gesundheit, einer besseren Wirtschaft und einer besseren Gesellschaft führen.“

Faustin Linyekula, Choreograf aus der DR Kongo: “Wir leben immer noch in einem Kolonialstaat, wo die Legitimität von außen kommt. Wenn ich im Ausland im Fernsehen erscheine, werde ich ernst genommen, oder wenn ich eine weiße Frau heirate.“

Hayley Berman, südafrikanische Kunst-Psychotherapeutin: “Manchmal heilt Kunst nicht. Ein Trauma hinterlässt Narben und kann wieder auftauchen. Die Wiederholungsmöglichkeit kann gefährlich sein, weil sie zu einem sekundären Trauma führen kann.”

Emmanuel Jal, sudanesischer Rapper: “Ich wusste gar nicht, was Trauma war, bis ich an einen Ort kam, der friedlich war. Ich kann Trauma nur durch Albträume erklären. Zur Zeit schlafe ich kaum. Ich liege nur im Bett. Jetzt träume ich nur zweimal im Monat schlecht.“

Rumbi Katedza, simbabwischer Regisseur: “Ich wurde viel [von den Behörden] schikaniert und wurde gezwungen, einen Dokumentarfilm zu ändern. Sollten wir unsere Kreativität zugunsten der eigenen Sicherheit aufs Spiel setzen?”

Sam Hopkins, Kenianischer Medienkünstler: “Es besteht ein Unterschied zwischen Kunst als Heilungsprozess und dem Schaffen sublimer Kunst.“

Aboudia, ivorischer bildender Künstler: “Mein Werk ist eine direkte Reaktion auf die Situation. Ich bekam Anleitungen von der Kunstgalerie, aber ich hielt mich nicht daran. Ich arbeite meinen eigenen Wünschen entsprechend. Das hat mir geholfen, mich auszudrücken.“

Veronique Tadjo, ivorische Schriftstellerin: “[Als ich über den Ruandischen Völkermord schrieb] musste ich als Außenstehende schreiben. Meine Hauptfrage war: wäre ich eine Heldin, ein Feigling oder eine Mörderin gewesen?“

Antjie Krog: “Dann kommt Hollywood daher und kassiert mit dieser Erfahrung ab.”

Und dann wurde uns am Freitag Faustin Linyekula vorgestellt, ein kleiner, drahtiger Tänzer und Choreograph, der in Ubundu aufwuchs, im damaligen Zaire, welches nun die DR Kongo ist. Als er 2007 den Niederländischen Prinz Claus Award bekam, sagte er, sein Werk adressiere „das Vermächtnis von Jahrzehnten des Krieges, Terrors, der Angst und des Zusammenbruchs der Wirtschaft für ihn selbst, seine Familie und seine Freunde.“

Tanz und Trauma ... Linyekulas 2009 Produktion More, more, more … future wuerde am Freitag Abend vorgestellt. Eine leere Bühne war von drei Musikern, zwei Sängern und drei Tänzern besetzt. Am Anfang kam die sanft schwingende Rumba Musik, die sowohl im Kongo als auch im Westen so beliebt geworden ist. Die Nacht ist heiß im Kongo, wo die Leute glitzernde Kleider tragen, um Kummer und Sorgen zu vergessen. Sie tanzen und tanzen bis zum Morgengrauen. Aber bald ändern sich das Tempo und der Ton. Der Gitarrist aktiviert das Verzerrungspedal und die Musik wird immer unerbittlicher, so was wie Afrikanischer Hard Rock, wo die Sänger sich zornig auf den „no future“ Refrain von Sex Pistols „God Save the Queen“ beziehen und schreien, dass sie „more future, more future“ wollen. Gleichzeitig werden philosophische Zitate an die Wand projiziert. Und dann zeigt die ganze Besatzung totale Verachtung fürs Publikum und zieht sich hinter die Bühne zurück, um dort in einem Kreis zu tanzen und auf Lingala zu schreien. Tanzen, um sich zu erinnern, und tanzen, um zu vergessen. Und dann kommt wieder der unerbittliche Lärm des Afro Space Rock.

Am Schluss, erklärte Linyekula später in einem Interview, war die Idee „die fantastische Energie der Gitarren und der Stimmen zu verwenden, um die Schwierigkeiten, die Ausgangslosigkeit, die Fehler und das ärmliche Vermächtnis unserer Väter aufzuzeigen.“ Zu den Punk-Bezügen sagte er: „Junge Leute verwendeten Musik um alles um sich herum zu zerstören, in einer selbsternannten zukunftslosen Gesellschaft. Wenn wir eine Zukunft, die wir niemals hatten, nicht zum Teufel schicken können, dann ist es schwierig, einen Ruinenhaufen weiter zu ruinieren. Lasst uns träumen, die Füße fest am Boden, und uns mehr Zukunft vorstellen.“

Wie Antjie Krog, Emmanuel Sal, Jens Dietrich und Dorcy Rugamba vor ihm, zeigte Linyekula Verbindungen auf zwischen Afrika und dem Westen, in seinem Fall durch Hinweise auf die französische Literatur und auf universale Gefühle der Entfremdung und des Nihilismus. Das war seine Annäherung an Walter Benjamins “destruktiven Charakter”, der nicht davon ausgeht, dass das Leben lebenswert sei, sondern davon, dass es den Selbstmord nicht Wert sei.

Am nächsten Tag saß Linyekula auf der Bühne des Goethe-Instituts und sprach über sein Leben und seine Art, mit der Kongolesischen Tragödie umzugehen, die in den späten 90er Jahren mit dem von Ruanda angestifteten Aufstand gegen den Präsidenten Mobutu Sese Seko begann und nur noch mehr Vergewaltigung und Massenmord verursachte. Er sprach über seine Rückkehr in den Kongo vor zehn Jahren, nachdem er nach Europa gezogen war, weil er sich gezwungen fühlte, die Geschichten „von innen“ zu erzählen. Er kam in ein verändertes Land zurück, das seinen Diktator beseitigt und seinen Namen geändert hatte. Er kam zurück, um das Gedächtnis des Körpers zu ergründen, die Evolution der Kraft der Gewalt, von der Kolonialzeit, als die Belgier Hände amputierten, bis in die Gegenwart, wo Menschen immer noch verstümmelt werden. Er wollte auch eine Antwort finden auf die Frage: Kann man in diesem Land noch träumen? „Ich wollte einen Raum schaffen, in dem man sich wieder Dinge vorstellen kann.“

Nach der Pause kam eine Diskussion zwischen Linyekula und Van Heerden, Chiurai und Jal. Damit erreichte die Konferenz ihren Höhepunkt, als Linyekula die Frage stellte, welche die Verwundbarkeit von Kunst, Trauma und Afrika aufdeckte, den endlosen Kampf, ja beinahe die Verdammung, Trauma immer in Kunst umzuwandeln: “Will ich eigentlich eine Stimme für andere sein? Vielleicht nicht. Es wird mir durch die Umstände aufgezwungen. Ich wünschte, ich wäre in der Position, über Blumen zu sprechen. Manchmal denke ich mir: zum Teufel mit Afrika, ich hasse das. Niemand brachte uns bei, wie man ein Individuum ist. Wir waren immer Teil einer Masse, mit einem Diktator, der lebenslang regierte.“

Ein verletzter Jal antwortete: „Aber wenn du dir Afrika ansiehst, wer soll die Situation ändern, wenn nicht wir? Ich hätte einen Vertrag mit einer Britischen Plattenfirma unterschreiben können und ein hardcore-Soldatenkind-Rapper des Schlags 50 Cent werden können, der von Weibern und Huren spricht. Aber das tat ich nicht. Wir müssen eine Generation hervorbringen, die verantwortungsbewusst ist. Ich habe jungen Leuten geholfen, in die Schule und auf die Uni zu gehen, und manche davon sind jetzt in der Regierung.“

Linyekula: “Aber wann wird Afrika sich mal um mich kümmern, wie eine sorgende Mutter? Wünschst du dir nie, es wäre für dich anders?“

Jal: “Das hab ich schon verloren.”

Linyekula: “Aber ich nicht! Ich weigere mich! Ich habe schon genug gegeben.”

Chiurai: “In London hat man mich auf der Strasse aufgehalten, weil man glaubte, ich sei ein Muslim, wegen meiner Glatze und dem Bart. Es wird nie normal sein, es wird immer ungleich sein. Es ist wichtig, jemandem eine Aufgabe zu geben. Aber es ist, was es ist, das kann man nicht ändern.

Zum Schluss kam alles wieder zusammen, zurück zu Linyekulas Tanz, zu Antjie Krogs Konzept der Verbundenheit. Darauf sprach Van Heerden von einem Theaterstück, in dem er gespielt hatte, mit einer Besetzung aus Schwarz und Weiß, Mann und Frau. „Von allen Worten, die auf der Bühne gesprochen wurden, hat es den [den Behörden] am meisten Angst gemacht, wenn wir miteinander tanzten.”