New South African Voices Im Gespräch mit dem Autor Fred Khumalo

Mary Corrigall sprach mit dem renommierten südafrikanischen Autor Fred Khumalo über die Bedeutung des 20. Jubiläums der Demokratie und darüber, wie sich literarische Erfindung in den letzten 20 Jahren entwickelt hat. 

Die weichenstellenden Wahlen von 1994, die die Demokratie nach Südafrika brachten, zogen eine solide Linie zwischen der Apartheid- und der Postapartheid-Ära des Landes; eine Linie, die der preisgekrönte Autor Fred Khumalo mit seiner Literatur ständig überschritten hat. In seiner gefeierten Biografie “Touch My Blood: The Early Years” (2006), das 2009 von James Ngcobo als Theaterstück umgesetzt wurde, erinnert er sich an seine Jugend und findet sich damit ab, dass er gezwungen war, sich zwischen einem Werdegang als Aktivist oder Künstler zu entscheiden. In “Bitches Brew” (2007) und im Folgeroman  “Seven Steps to Heaven” (2008), erfindet er eine Township-Gemeinschaft, die trotz Unterdrückung lebhaft bleibt.  Aktuell schreibt er an einem Buch, das sich mit der Gegenwart befasst; doch sein bisheriges literarisches Werk ist mehr von der Betrachtung der belasteten Vergangenheit des Landes charakterisiert als von seiner Befreiung.  

Mary Corrigall: Der 20. Jahrestag der Demokratie hat uns dazu angeregt, darüber nachzudenken, was sich in verschiedenen Bereichen getan hat. Wie kann dieser Rückblick die Selbstwahrnehmung der Nation zu diesem Zeitpunkt beeinflussen?

Fred Khumalo: Es könnte sich um einen künstlichen Meilenstein handeln, doch er gibt Künstlern, Schriftstellern und Konsumenten von Kunst die Gelegenheit, sich auszutauschen und offen über den Entstehungsprozess von Kunst zu reden. Durch die Kunst kann die Nation sich selbst betrachten. Durch die Kunst lernt eine Gesellschaft sich selbst kennen. Mitte der 90er-Jahre, unmittelbar nach dem Niedergang der Apartheid, gab es eine Debatte, oder sogar Nicht-Debatte,  die sich damit befasste, worüber lokale Autoren schreiben würden, jetzt, wo die Apartheid nicht mehr bestand. Der Rückschluss war, dass die Vorstellungskraft südafrikanischer Schriftsteller irgendwie auf die Apartheid beschränkt war. Sie hatten als Reaktion auf die Apartheid geschrieben. Jetzt als es die Apartheid nicht mehr gab war der Künstler, der Autor, frei andere Dinge zu erkunden, wie Fragen der Identität.  Solche Fragen konfrontieren Einzelpersonen eher als Gruppen, wie es in der Vergangenheit gewesen war. Die Idee der guten Schwarzen und der bösen Weißen war sehr reduktionistisch. Wir Künstler sind nun frei, in unsere persönlichen Fragestellungen einzutauchen wenn wir wollen.

Haben wir wirklich begonnen, über Apartheid zu schreiben?

An der Frage könnte etwas Wahres daran sein.  In meinem ersten Roman “Bitches Brew” kommt das Wort Apartheid nicht einmal vor. Ja, die Geschichte handelt in Südafrika in den 1970er-Jahren. Ich untersuche das Leben von Einzelpersonen und wie es von der Apartheid überschattet wurde. Doch jetzt hat sich dieses Monster irgendwie verlagert. Wir können einzelne Menschen betrachten und verstehen, wie sie mit der Apartheid umgegangen sind, ohne dabei mit dem Finger auf das System zu zeigen.

Sie sagten, “Bitches Brew” sei eine Zelebration der Liebe.  Dies deckt sich mit dem neuen Wunsch, ein ausgeglicheneres Bild oder vermehrt positive Aspekte vom Leben in dieser düsteren Ära zu übermitteln.  Dies hat eine Gegenreaktion ausgelöst – nicht gegenüber Ihrem Roman “Bitches Brew“, sondern gegenüber Jacob Dlaminis Einheimischen-Nostalgie. Der Akt des Zurückholens bleibt politisiert, nicht wahr?

Man versucht diese Zeiten zu humanisieren. Obwohl meine Charaktere ihr Leben im Schatten der Apartheid lebten, liebten sie trotzdem.  Sie waren vollständige menschliche Wesen – das versuche ich in meinen Erzählungen zu vermitteln.  

Einige Kommentatoren, wie Ashraf Jamal, haben unterstellt, dass die Dokumentation und Rückkehr zu unserer Geschichte als literarisches Thema den Umfang unserer Literatur und die Fantasie unserer Schriftsteller eingeschränkt habe.

Ich habe Jamals Schriften zu diesem Thema nicht gelesen. Ich denke, man nimmt der Nation und den Autoren den Raum und die kreative Vorstellungskraft weg, wenn man Ihnen sagt, was sie tun oder lassen sollen.  Es gibt viele Arten, sich zu erinnern. Unsere Vergangenheit unterliegt auch so vielen Interpretationen. Ich denke nicht, dass man Beschränkungen auferlegen sollte. Nach 1994 haben wir nicht einfach mit der Vergangenheit gebrochen und dann beschlossen, über die Gegenwart und Zukunft zu schreiben, denn sie sind verbunden. Unsere Vorstellungskraft ist riesig und wird berührt von unserer sozialen Existenz, die mit der Vergangenheit verbunden ist.  

Sind unausgesprochene Regeln und die Repräsentationspolitik in Bezug darauf, wer Geschichten über andere Rassen und Kulturen schreiben kann noch aktuell?

Als ich anfing, fürs Staffrider Magazin zu schreiben, gab es den Kongress Südafrikanischer Schriftsteller, eine nicht-rassische Gruppe. Es gab ungeschriebene Regeln; so zum Beispiel sei Nadine Gordimer nicht qualifiziert genug, um über schwarze Menschen zu schreiben. Es wurde unterstellt, ihre schwarzen Charaktere seien wie Pappkameraden weil sie keine afrikanischen Sprachen versteht, nicht in einem Township gelebt hat und sich mit den sozialen Dynamiken der schwarzen Gemeinschaft nicht auskennt. Ich wuchs im Township auf und ging auf eine weiße Schule, doch es gibt immer noch Dynamiken in der weißen Gemeinschaft, die ich falsch auslege. Aus diesem Grund würde ich einem jüdischen Charakter nicht viel Platz einräumen. Es würde mich nervös machen, dies zu tun, denn ich verstehe ihre Rituale wirklich nicht.

Schafft der Akt des Schreibens nicht Raum, um übereinander zu lernen? Welche Rolle hat Literatur bei der Überbrückung der von der Apartheid geschaffenen Rassentrennung gespielt?

Für mich geht es im Schreibprozess darum, mehr über mich selbst zu lernen, meine Begrenzungen als menschliches Wesen, meine Familie und meine Landsmänner und -frauen. Ich spreche Zulu und ich habe Dinge über schwarze Menschen anderer (ethnischer) Gruppen entdeckt, indem ich andere Sprachen gelernt habe. Ja, Schreiben spielt eine wichtige Rolle in der Überbrückung der Gräben zwischen verschiedenen rassischen, kulturellen und ethnischen Gruppen.
   

Fred Khumalo, ehemaliger Redakteur der Sunday Times Review, ist ein renommierter Kolumnist und Autor von The Lighter Side of Robben Island, Bitches Brew (wofür er den Literaturpreis der Europäischen Union im Jahr 2006 gewann) und Seven Steps To Heaven und weiteren Romanen. Er war in verschiedenen Funktionen für Zeitungen in Südafrika und im Ausland tätig und von 2011 bis 2012 Nieman Fellow an der Harvard-Universität.

Zusammen mit Imraan Coovadia ist Khumalo Gastautor bei New South African Voices: 20 Jahre Demokratie, Buchlesung und Diskussion am 24.06.2014 in der Bibliothek des Goethe-Instituts.