Interview mit Felicitas Hoppe Die Kunst des Schreibens

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Image courtesy of Felicitas Hoppe

Auf ihrer ersten Reise nach Südafrika hielt die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe eine Podiumsdiskussion mit dem renommierten südafrikanischen Autor Ivan Vladislavic im Rahmen der Literaturveranstaltung New South African Voices des Goethe-Instituts. Die Journalistin Mary Corrigall unterhielt sich mit Hoppe.

Felicitas Hoppes erste Reise nach Südafrika mag kurz gewesen sein, doch in dieser knappen Zeit konnte sie das Interesse an ihrem eigentümlichen Markenzeichen und ihrem Literaturansatz entfachen. Hoppe besuchte Schulen und Universitäten, beantwortete Fragen zu ihrem Leben und Werk, und nahm an vielen Diskussionen auf dem Open Book Festival in Kapstadt teil. Mit Spannung erwartet wurde insbesondere eine öffentliche Podiumsdiskussion, die sie im Rahmen des laufenden New South African Voices-Programm des Goethe-Instituts mit Ivan Vladislavic führte. Unter dem Titel The Art of Writing (Die Kunst des Schreibens) konzentrierte sich der Dialog zwischen den bekannten Autoren nicht nur auf ihr Handwerk, sondern auch auf die gemeinsamen Themen, die ihr Werk vereinen oder trennen und zeigte auf, in welchen Bereichen sich die südafrikanische und deutsche Literatur überschneiden oder auseinanderklaffen und wie Autoren letztlich durch ihren Standort geprägt werden.
 
Während Vladislavic erzählt, dass sein Schreiben vor allem von dem Wunsch geprägt sei, sich mit seiner Identität oder deren Verlust in der schnelllebigen, turbulenten Stadt Johannesburg auszusöhnen, erklärt Hoppe, dass ihre oft fantastischen Werke für sie eine Flucht aus ihrer glücklichen Kindheit in Hameln seien, einer Stadt, die sich anscheinend nicht verändert und die wenig Stoff bot, über den man hätte schreiben können. Sie hat nie über Hameln geschrieben, die Stadt, die bekannt ist für den Rattenfänger aus der Sage, oder über andere Städte, in denen sie gelebt hat; nicht einmal über Berlin, wo sie mehrere Jahrzehnte verbrachte.
 
Hoppes Schaffen gedeiht auf dem Boden von Erfindung und Spiel, wenngleich sich ihr sehr vielseitiges und ungewöhnliches Werk auch durch den Gebrauch wahrer Begebenheiten auszeichnet. Das jüngste und meistbesprochene Beispiel dafür ist Hoppe (2012), eine fiktionale Autobiografie, in der sie ihre Lebensgeschichte neu erfindet, indem sie sie umgestaltet und umschreibt in eine andere, zu der sie ihre Tagträume aus Kinderzeiten inspirierten. Hoppe ist ein Stück weit eine literarische Anarchistin. Sie spielt mit Formen, sprachlichen Konventionen, Genres, Epochen und den Regeln des Erzählens selbst. Statt sich den Zorn des deutschen Literaturestablishments zuzuziehen, wurde sie jedoch mit Auszeichnungen überschüttet; unter anderem bekam sie 2012 den renommiertesten deutschen Literaturpreis verliehen, den Georg-Büchner-Preis.
 
Mary Corrigall: Sie haben bekanntermaßen einmal gesagt, dass in Ihrer fiktionalen Autobiografie "Hoppe" mehr Wahrheit stecke als in einer, die auf wahren Begebenheiten basiert hätte. Können Sie uns diese Aussage erklären?
 
Felicitas Hoppe: Es klingt verwirrend, aber die Erklärung ist simpel. Das liegt an der Anatomie (des Erzählens). Wenn man etwas klar und deutlich erkennen will, muss man einen Schritt beiseite gehen. Wie beim Reisen. Wenn man von seiner Heimat wegreist, versteht man sie besser, man weiß dann, was sie bedeutet. In "Hoppe" habe ich mir vorgestellt, ich wäre in einem anderen Land aufgewachsen. Ich hatte immer geglaubt, ich könnte mein wahres Ich in diesen Szenerien verbergen, doch ich bemerkte, dass ich, je weiter ich mich von meiner eigenen Wirklichkeit entfernte, mich selbst immer mehr sah, und das war ein Schock für mich. Ich könnte meine Geschichten in den Dschungel oder nach Südafrika verlagern, doch ich würde immer gegenwärtig in ihnen sein.
 
MC: Warum ist es für uns so wichtig, Grenzen zwischen Fakt und Fiktion zu ziehen; was bedeutet Authentizität im Bereich der Fiktion, wenn wir nur gewillt sind, einem fiktionalen Werk Glauben zu schenken, wenn es plausibel, real erscheint?
 
FH: Das Konzept der Authentizität ist kompliziert. Die Erinnerung ist unzuverlässig. Selbst wenn ich über mein wirkliches Leben schreiben würde, mich an Geschichten aus meiner Kindheit zurückerinnern würde, wäre das nicht die Wahrheit. Indem man Geschichten erfindet, kommt man der Wahrheit näher. Auch wenn man älter wird, weiß man nicht, was das Leben ist; man erfindet es jeden Tag neu. Es gibt einen Unterschied zwischen Lüge und Fiktion. Fiktion stellt die Mittel zur Verfügung, um durch Erzählen oder Erfinden der Wahrheit näher zu kommen. Lügen ist etwas anderes; es verbreitet absichtlich falsche Informationen, und das hat mit Literatur nichts zu tun.
 
MC: Trotz der vielen Arten, auf die Sie in "Hoppe" Ihr Leben neu erfinden, bleiben Sie eine Schriftstellerin. Sie bekamen dadurch die Chance, Ihr eigenes Werk zu überdenken und sich kritisch damit auseinanderzusetzen, was laut Ihnen sehr informativ war. Haben Ihre Kindheitsfantasien Sie dazu bewegt, Schriftstellerin zu werden?
 
FH: Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich einmal Schriftstellerin werden würde, aber ich habe schon in früher Kindheit mit dem Schreiben begonnen. Ein Leben ohne Schreiben ist für mich also undenkbar. Aber es ist nichts Besonderes oder ein besonderes Talent. Erst als ich älter wurde, fiel mir auf, dass es etwas ist, das andere Menschen nicht tun. Es gibt so viele andere Dinge, die ich gerne gemacht hätte, aber die Literatur, das Schreiben, hat mir die Möglichkeit eröffnet, verschiedene Versionen meines Lebens zu erfahren. Die meisten Autoren geben vor, über andere Menschen und andere Leben zu schreiben, aber im Grunde ist es immer über einen selbst.
 
MC: In "Hoppe" haben Sie das bis ins Extreme geführt. War das nicht auf psychologische Weise traumatisch, da Sie sich mit sich selbst konfrontieren mussten?
 
FH: Es hat Mut erfordert. Deswegen hätte ich es mehrmals fast abgebrochen. Es war ein Akt der Konfrontation; deshalb bin ich nie in Therapie gegangen. Die Konfrontation hätte mir Angst gemacht. Diese Momente, in denen ich aufhören will zu schreiben, gibt es bei jedem Buch, aber sie sind ein klarer Hinweis darauf, dass ich mich der Wahrheit nähere.
 
MC: Sie scheinen es zu genießen, unbequeme Charaktere zu erschaffen, zu erforschen und auf die Widersprüche einzugehen, die sie in sich tragen. Ich denke da an Ihren Roman Johanna (2006), der auf dem Leben von Jeanne d‘Arc basiert.
 
FH: Autoren tendieren dazu, ihre Protagonisten zu erklären, um sie im literarischen Sinne interessant zu machen. Schriftsteller statten ihre Charaktere oft mit Widersprüchen aus, aber nur so weit, dass sie für die Literatur interessant sind. Das Leben hat oft überraschendere Wendungen als die Literatur. Was ich an Jeanne d’Arc so mag, ist ihre Radikalität – ein Phänomen ihrer Zeit und der Menschheitsgeschichte. Sie war eine Art Terrorist, und mit diesem Gedanken wollte ich arbeiten. Als ich das Protokoll ihrer Gerichtsverhandlung las, war ich beeindruckt und bewegt, wie sie sich allein gegen die Mehrheit verteidigte; alles Männer, alles Akademiker. Sie ist arrogant, furchtbar und schockierend, aber nicht egoistisch. Wir können sie nicht mehr verstehen. Das fordert uns heraus. Sie glaubt an eine andere Welt, und was es hier gibt, zählt nicht so viel. Wir müssen hier und jetzt nach Wiedergutmachung suchen, und ihr ist es nicht wichtig; das gibt ihr Freiheit. Sie ist ziemlich cool.