The Spoken Word Project Ein Gespräch mit Noel Kabelo

Noel Kabelo KB Ringane
Foto: Goethe-Institut/Gitte Zschoch

Ein Gespräch mit Noel Kabelo "KB" Ringane, Spoken Word-Künstler und Gewinner des "Words Up!"-Wettbewerbs in Johannesburg.

Kabelo Ringane, was bedeutet Poesie für Sie?

Poesie ist eine Ausdrucksform; sie bedeutet, sich seiner selbst und seines Umfelds bewusst zu sein und Gefühle in Worten ausdrücken zu können. Ich bin der Meinung, Lyrik ist die Grundlage der meisten heutigen Kunstformen. Sie war schon immer eine Form des mündlichen Ausdrucks für viele frühere und heutige Anführer und Künstler Malcolm X, Steve Biko, Marcus Garvey, Martin Luther, Mahatma Ghandi, Shakespeare, Steiner Rice und weitere. Ein Großteil der Rapmusik sowie viele Liedtexte in anderen Musikgenres basieren auf Lyrik. Dichtung hat, wie alle anderen Kunstformen, die Kraft Menschen zu beeinflussen. Mir bedeutet das eine Menge; es bedeutet, wir nutzen Worte, um Epiphanien künstlerisch zu erwecken. Ich habe Poesie nie als Mittel gesehen, um “meine Gefühle aufs Papier zu bringen”, sondern vielmehr als Weg, um zu und für Menschen zu sprechen.

Weshalb liegt Ihnen die Lyrik so sehr am Herzen?

Lyrik ist für mich so wichtig, weil ich glaube, dass es wichtig ist, für diejenigen zu sprechen, die fühlen, sich aber nicht ausdrücken können. Sie ist wichtig, weil ich als Dichter die Verantwortung übernehme, die Fackel von unseren Vorfahren zu übernehmen und in die Zukunft zu tragen, die Wahrheit zu sprechen und auf das Leben der Menschen einzuwirken. Ich bin genauso wie alle anderen Dichter wichtig, weil wir diese Kunstform am Leben erhalten. Der erste Poet, den ich auf der Bühne gesehen habe, war Tumi von der Gruppe „The Volumes“ im Jahr 2009. Ich glaube, sein Gedicht “76” hat sehr viele Menschen berührt. Für mich war es eine Herausforderung, mir der Umstände, in denen wir leben, bewusst zu werden und die Fähigkeit zu entwickeln, die Wahrheit und die Schönheit der Welt künstlerisch auszudrücken. Durch Poesie kann ich ohne Schamgefühle zu und über Gott, die Liebe und andere Dinge reden.

Was haben Sie während Ihrer Reise nach Madagaskar gelernt?

Was ich von den Dichtern auf der Bühne gelernt habe ist, dass wir als Nationen unterschiedlich sind, aber die gleichen Probleme haben. Die Geschichte der Madagassen ist geprägt von schmerzlichen Erfahrungen – verursacht durch Kolonialismus, anhaltende Armut und Korruption der Regierung. Liebe, menschliche Beziehungen und Religion sind universelle Konzepte.

Über Poesie hinaus habe ich viel über die madagassische Lebensweise gelernt. In der Kabare-Tradition waren ursprünglich ausschließlich Männer die Sprecher der Gemeindschaft; was sicherlich dazu beitrug, Frauen zu unterwürfigen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Dieses Wissen lässt mich ihre Ausdrucksweise und Wortwahl verstehen. Auf jeden Fall schätze ich nun das Umfeld, in dem ich lebe,mehr. Was mich sehr betroffen hat, sind die vielen armen Menschen, die ich in den ständig überfüllten Straßen gesehen habe. Es ist erschreckend, wie stark Arbeitslosigkeit das Leben der Menschen beeinträchtigt. Ich muss immer wieder an einige der Lebensbedingungen denken, die ich gesehen habe:, Leute die ihre Wäsche am Flussufer waschen, ärmliche Behausungen, und die vielen minderjährigen Straßenkinder. Was ich besonders erschreckend finde, ist die Tatsache, dass die Menschen nicht an eine baldige Veränderung glauben; sie passen sich den Umständen an.

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen sind die Madagassen gastfreundlich und bescheiden. Die Leute, die ich getroffen habe, luden mich in ihre Häuser ein – nicht, weil sie mussten, sondern weil es ihre Lebensweise ist. Sie begegnen anderen Menschen mit Respekt und Großzügigkeit und teilen das wenige Essen, das sie haben.

Wie unterscheiden sich die Spoken Word-Szenen in Tana (Madagaskar) und Johannesburg?

Ich habe gesehen, dass Spoken Word in Madagaskar nicht nur ein Werbegag oder ein Mittel zum Geldverdienen istwie in Südafrika, es geht vielmehr darum, sich eine Stimme zu verschaffen und Informationen zu verbreiten. Noch eindrücklicher ist das zunehmende Engagement der Jugend, für die Spoken Word eine Zuflucht vor den harschen Realitäten auf dem Inselstaat ist. Obwohl in Antananarivo Spoken Word vor allem in Französisch und Madagassisch vorgetragen wird, bekommt man – aufgrund der ausgeprägten Mimik und gestik der Künstler - ein gutes Gefühl dafür, worüber sie sprechen. Ich würde fast sagen, wir sind alle gleich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in Madagaskar mehr über die Liebe, Gott und die Herausforderungen des Lebens redet, und sich eher scheut vor explizit sexuellen Inhalten und abstrakter Dichtung. Es gibt dort einfach zuviel „Reales“, über das man sich austauschen möchte…

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

2014 mache ich meinen Abschluss als Tiefbauingenieur und werde für eines der größten Bauunternehmen im Land arbeiten. Bis September 2013 werde ich jedoch noch meinen Gedichtband “In The Name Of The Word” (Im Namen des Wortes) herausgeben. “In The Name Of The Word” ist abgeleitet vom Johannesevangelium, Vers 1: “Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.”; der Buchtitel heißt abgeleitet also: “Im Namen Gottes”.

In meiner Laufbahn als Dichter will ich für Unternehmen schreiben; ich will Lyrik als Motivationsmittel bei Seminaren und für die Teamentwicklung einsetzen. In ein oder zwei Jahren will ich ein Mentoringprogramm an Sekundarschulen einführen, durch das Schüler an Spoken Word herangeführt werden sollen. Als ich mit Spoken Word anfing, war ich über zwanzig Jahre alt und studierte an der Universität. Ich glaube, wir können Jugendliche zum kreativen Denken anleiten, indem wir sie Aktivitäten und Performances einbinden. Deshalb habe ich begonnen, mich in lokalen Gruppen zu engagieren und dort aufzutreten, um eine lesende und informierte zukünftige Generation von Poeten zu inspirieren.

Ab 2014 würde ich gerne einige Gruppen zur Förderung von Poesie und Spoken Word unterstützen und ich möchte gerne mein Buch als Hörbuch herausgeben.

Nichts ist unmöglich; man muss nur seine Energie entsprechend einsetzen.

Noel Kabelo Ringane ist vor allem als KB („Kilobyte“) bekannt. Er kommt aus Pretoria und studiert dort Bauingenieurwesen. Seit zehn Jahren schreibt er Gedichte und sein einzigartiger Stil machte ihn zu einem wichtigen Akteur auf den Spoken-Word-Bühnen der Provinz Gautengs. Er trat auf bei WORDnSOUND, House of Hunger und Penseed Poets sowie in Simbabwe.