African Futures Nun sei mal nicht so weiß!

AF: Sei nicht so weiß
African futures Festival © Goethe-Institut/Lerato Maduna

Das Aufbegehren gegen alte Denkmuster und Klischees ist für viele afrikanischstämmige Künstler eine Überlebensstrategie. Auch Europa muss hier noch viel lernen.

Ein sonniger Nachmittag im Südwesten von Soweto. Albert Ibokwe Khoza steht sehr dicht vor mir, und er ist nackt. Nackt und offensichtlich wütend. Eben noch hat er ein paar getrocknete Blätter abgebrannt und sie durch den improvisierten Performance-Raum geschwenkt. Jetzt starrt er mich und die anderen Zuschauer in der ersten Reihe mit funkelnden Augen an. Er baut sich vor uns auf und stampft laut mit seinen großen Füßen. Albert ist traditioneller Heiler, ein Sangoma, vielleicht also was Rituelles, denke ich. Doch dann nimmt er seinen 1,50 Meter langen Zopf in die Hand und peitscht ihn über den Beton. Er sei einfach nur genervt, sagt er. Schon während der Tanzausbildung hätte man ihn immer so komisch angesehen. Dann lacht er und macht ein paar Tendus.

Die westliche Festivalwelt interessiert sich bereits für ihn. Und ich ahne, wie erfolgreich er in Europa sein wird. Schließlich bricht er die Exotik, nach der wir hier heimlich lechzen, gar so hübsch, außerdem lebt sein Agent in Berlin. Doch dort wird Albert sich im streng abgesteckten Rahmen einer eurozentrischen Kunstwelt bewegen. Er wird von Identität und seinem Kampf um Akzeptanz sprechen. Er wird singen, stampfen und alle bezaubern. Und vermutlich wird er doch nur in Ansätzen vermitteln können, was für ein mühsames Geschäft der Umgang mit der eigenen Identität ist.

Radikaler Austausch

Persönliche Verortung gehört zum Alltagsgeschäft vieler afrikanischstämmiger Künstler. Von differenzierten Afrika-Bildern können sie höchstens träumen, die Ignoranz ist noch immer groß im Westen. Noch immer ist hier nicht wirklich angekommen, dass Menschen zwischen Yoruba- oder Xhosa-Traditionen und dem urbanen Chaos von Städten wie Lagos, London oder Johannesburg pendeln können. Menschen, die sich mehr oder weniger geschmeidig zwischen Ländern, Kulturen und Kontinenten bewegen und dabei doch eines gemein haben: sich im Westen an Afrika-Klischees und auf dem Kontinent an gesellschaftlichen Konventionen abzuarbeiten.

Am Morgen vor Alberts Performance steht die Künstlerin Thenjiwe Niki Nkosi auf der Bühne des Goethe-Instituts. Das aktuelle Festivalthema ist Afrikas Zukunft, und sie erzählt von ihrem Frauenkollektiv. Warum sie sich mit anderen schwarzen Künstlerinnen zusammengetan hat? "Weil wir einander schlicht  brauchen", sagt sie. "Allein hätten wir im weißen patriarchalen Kunstumfeld unseres Landes wenig Chancen. So werden wir wenigstens mal wahrgenommen." Ganz langsam erkämpfen sie und die Kolleginnen sich ihren Platz an einschlägigen Kulturorten in Südafrika. Sie nennen sich "Multiplier", um den Mehrwert ihrer Arbeit zu unterstreichen. Das gemeinsame Aufbegehren gegen Vereinnahmungen durch traditionelle Denkmuster. "Für uns ist das nicht einfach nur Rhetorik", sagt Nkosi. "Wir müssen die alten Strukturen aufbrechen, wenn wir arbeiten wollen." Die Auseinandersetzung mit der eigenen Stereotypisierung ist Überlebensstrategie. Unter anderem mit Projekten wie einer mobilen Buchhandlung, wo Geschichten über race, class und gender nicht in Büchern stehen, sondern von Menschen erzählt werden.

Auch ihre Pop-up-Galerie in Soweto setzt auf Nähe. Albert lässt seinen dicken Bauch dort an diesem Nachmittag nicht zufällig vor meiner Nase kreisen. Gerade Touristen und weiße Johannesburger sollen in den wenigen Kunsträumen von Soweto mit der für sie fremden Realität konfrontiert werden. "Vor allem Letztere müssen wir regelrecht herlocken", sagt die Kuratorin Zanele Matsumi. "Sie trauen sich immer noch nicht selbstverständlich in die Townships." Matsumi glaubt, dass Berührungsängste sich durch radikalen Austausch abbauen können, nein sogar müssen. Denn sonst ändere sich nichts an den noch immer großen Spannungen in ihrer Stadt.

Überhaupt, die Sache mit den Berührungsängsten. Auch in Europa bräuchte es neue Formen im Umgang mit den diversen Gesellschaften Afrikas. Und zumindest bei ein paar Kulturinstitutionen kommt das langsam an. Bislang dominierten finanzielle Abhängigkeiten das Verhältnis zwischen afrikanischen Künstlern und Europa. Mittlerweile bestimmen die Künstler die Zusammenarbeit immer stärker mit, und westliche Institutionen hören zu. Darin steckt eine Chance: dafür, den Blick aus weißer und schwarzer, afrikanischer und europäischer Perspektive auf den Alltag von Menschen wie Albert zu lenken. In Johannesburg, wo Künstler mit den noch immer so präsenten Tabus und Verletzungen der Vergangenheit konfrontiert sind, denkt man zumindest auch am Goethe-Institut nicht mehr eindimensional. Hier muss Albert niemandem erklären, warum er sich längst als Weltbürger sieht. Die anderen Gäste tun es ja auch.

Thenjiwe Nkosi und ich stehen vor einem Kino im schicken Stadtteil Maboneng. Der Science-Fiction-Film über zwei männermordende Dissidentinnen aus Kamerun ist gerade zu Ende. Wir sprechen über Audre Lorde und darüber, wie sehr die Idee des black feminism uns beide geprägt hat. Staunen darüber, was zwei schwarze Frauen aus Europa und Afrika alles verbindet. Plötzlich tritt der Regisseur des Films dazu. Er hat gehört, dass mein Vater aus seinem Nachbarland stammt. "Oh, wie schön, eine Guineanerin", ruft er begeistert. "Nein, Missverständnis", sage ich reflexartig und nach vierzig Jahren in Europa. "Ich bin deutsch." Mitleidig sieht er mich an, dann legt er seine Hand auf meine Schulter. "Ach Mädchen, komm", sagt er väterlich. "Nun sei mal nicht so weiß."

Ich bin so genervt, dass ich erst ein Bier später wieder lachen kann. Darüber, dass man sich eben nie ganz sicher sein kann, wer einen in welche Schublade steckt. Über die Absurdität, dass ich seit jeher versuche, meine deutsche Heimat von meiner Zugehörigkeit zu überzeugen, obwohl mein Verständnis von Herkunft über das bisschen Ausweis-Nationalität hinausgeht. Und dass ich nun Schnappatmung bekomme, weil ein Kameruner mir meine Identität erklärt. Thenjiwe und ich sehen uns an. Ihre Mutter kommt aus Griechenland, meine aus Hamburg. Für die vorbeilaufenden Touristen sind wir eh alle Afrikaner.