Artucation Das Verschwinden der Gedanken beim Lernen

Artucation Info
Artucation participants © Miora Rajaonary

Ein altes Sprichwort sagt „Wenn du laufen kannst, kannst du auch tanzen, wenn du sprechen kannst, kannst du auch singen“. Puleng Plessies Projekt Artucation stellt die gängige Meinung in Frage, dass mangelnde Ressourcen einer qualifizierten Kunsterziehung im Wege stehen.

1.
„Doornfontein erzählt so viel(e) Jozi Geschichte(n)“, denke ich, während ich das Gebäude an der Kreuzung Jeppe Street/End Street suche, um dort an der High School einen Lern-Workshop von Puleng Plessie zu besuchen. Ich denke an die Häuser der Bergarbeiter, an Marabi-Tanzpartys, Studentenwohnungen und verschwindende Fabriken, die Auswirkungen der Gentrifizierung, afro-amerikanische Konzerte, Massenansturm in Stadien.

 Doornfontein hat auch ganz schön viele Einbahnstraßen und heruntergekommene Gebäude. Ich zögere und suche immer weiter.
 
Kreise …
 
Ich erinnere mich auch noch an den ehemaligen Graphix Express, wo wir günstige Materialien für den Kunstunterricht gekauft haben, als die Wits Tech/University Of Johannesburg Faculty Of Art, Design And Architecture noch hier war. Ich sehe ein Plakat, das Werbung für eine Veranstaltung im The Precinct macht, einem relativen neuen Kunst-Hot-Spot mit Live-Veranstaltungen, Autowaschanlage und Mini-Markt, der die ohnehin schon ausgeprägte Gentrifizierung im Osten Johannesburgs noch weiter vorantreibt. Ich denke an Honey, ein fantastisches vom Musikstil Kwaito inspiriertes Online-Projekt, einem Mix aus Fotografie, Grafik Design und Storytelling, das hier sein einjähriges Jubiläum feierte. Noch zwei Straßen und dann rechts. An der Ecke das August House. Die Veranstaltungswerbung der Künstlerin Mary Sibande war damals schon abgeblättert, jetzt ist sie ganz verschwunden. An diesem berühmt-berüchtigten Gebäude stehe ich nun an einer T-Kreuzung. Die Bewohner sind längst vertrieben worden. Alles befindet sich im Wandel: Zementstaub, Schuttberge, einzelne Gerüstteile. Ich biege rechts ab und habe das Gefühl, als hätte ich die Schule verfehlt. Irgendwie liegt etwas Bedrohliches in der Luft.

 
Pause…
 
„Abuti Ra!” begrüßt mich der Tänzer Wesley Hlongwane, ein ehemaliges Mitglied des Keleketla! After School Programme (K!ASP). Er zeigt mir den Weg zur New Model Private High School. „Es ist gleich dahinten, gegenüber von diesem Gebäude da.“
 
Also zurück …
 
„BoNtate, Thobela!”, begrüße ich den Sicherheitsmann und seinen Kollegen. „Ist das hier die New Model School?”
 
Zum Glück bekomme ich einen Parkplatz direkt vor dem Eingang eines Hauses, das gerade renoviert wird. Dort sind meine Seitenspiegel und Felgen halbwegs in Sicherheit …
 
2.
Nachdem ich ihnen mitgeteilt habe, dass ich an einem Workshop teilnehmen möchte, schickt man mich zur Rezeption. Die Leute hier sind sehr freundlich, aber der Name Puleng sagt ihnen nichts, und von einem Workshop wissen sie auch nichts. „Studiert sie hier?“, fragt einer von ihnen. „Sie ist meine Master-Studentin“, geht es mir durch den Kopf. Aber diese Beschreibung ist hier wohl wenig hilfreich. „Sie führt auch an Paulo Freire angelehnte Tests durch“, denke ich mir. Aber das hilft wohl genauso wenig weiter. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erklären, was Artucation ist? Ich muss an die E-Mail denken, in der ich Puleng gebeten hatte, die folgenden Sätze zu ergänzen:
 
Ich: Artucation ist ...?
Puleng: … ein einjähriges interdisziplinäres Bildungsprogramm.
 
Ich: Artucation beinhaltet ...?
Puleng: … Workshops zum Thema Kunsterziehung (bildende Kunst, Musik und angewandte Schauspielkunst) mit Schülern des New Model Private College, dem Metropolitan College und der Mahlasedi High School.
 
Ich: Artucation wurde ins Leben gerufen, weil ...? 
Puleng: … die Teilnehmer des Further Education Training (FET) der Klassen 10 bis 12 in der Stadt Johannesburg ansonsten keinen Zugang zur Kunsterziehung haben – hier gibt es nur kreative Kunstkurse bis zur Klasse 9. Zunächst schrieb ich diesen mangelnden Bildungszugang fälschlicherweise auf fehlende Ressourcen zurück. Durch dieses Programm habe ich jedoch festgestellt, dass die Lernenden selbst Ressourcen sind, genauso wie ihre gesamte Umgebung. Dies ist einer der wichtigsten Aspekte des Artucation Programms: Die Erkenntnis, dass Lernen nicht nur den Lernenden beeinflusst, sondern auch den Förderer, den Lehrer, den Schulleiter und schließlich auch mich als Projektleiterin.

Ich: Artucation möchte in 10 Jahren bewirkt haben, dass ...?
Puleng: … es in jeder Provinz in den Schulen Workshops zur Kunsterziehung gibt und wir damit mehr Förderer, Lernende und Schulen erreichen.
 
„Sie studiert hier nicht, sondern veranstaltet einen Lern-Workshop”, sage ich. Anscheinend weiß hier jedoch niemand etwas darüber.
 
Also rufe ich Puleng an, die sogleich einen anderen Teilnehmer zur Rezeption schickt, um mich abzuholen. Der Junge kommt mir ebenfalls bekannt vor, er war auch bei K!ASP in der Drill Hall. Das ist schon ein paar Jahre her, also freue ich mich sehr, in seine Obhut aufgenommen zu werden. Er sieht jetzt älter und ruhiger aus.
 
„Nimmst du auch an dem Workshop teil?“, frage ich. Er verneint, Kunst sei nichts für ihn. „Warum?“, will ich wissen. „Weil ich nicht malen kann“, antwortet er. „Kann man denn außer Malen nichts Künstlerisches machen?“, hake ich nach. Er sagt, hier würde nichts angeboten, was ihn interessiert, also belassen wir es dabei.
 
Wir kommen zu einem knapp 30 Quadratmeter großen Klassenraum, wo einige Schüler an Tischen sitzen und ruhig vor sich hinarbeiten. Puleng sitzt freundlich und aufmerksam hinten im Raum. Ich bedanke mich bei dem Jungen fürs Abholen, werfe Puleng einen lächelnden Blick zu und suche mir einen Platz. In diesem Moment fing ich an, das hier aufzuschreiben.
 
Die Situation erinnert mich an meine einjährige Lehrtätigkeit bei den Postgraduate Certificate In Education (PGCE) Kunstmethodik-Kursen im Wits. Um mich darauf vorzubereiten, hatte ich viele verschiedene aufwändige Bürgerprojekte im Bereich Kunst durchgeführt: Mein erstes Künstlerkollektiv, das ich noch als Student in Joubert Park durchgeführt hatte; der Unterricht und die Workshops am Artist Proof Studio; Bürgerzeitungsprojekte, die ich in Zusammenarbeit mit der UJ als Forschungsassistent von Kim Berman durchgeführt habe; meine Recherchen für den Master-Abschluss bei einer Zeitungs-AG bei Welkom; das Keleketla! After School Programme in Joubert Park; Freedom Community College; Constitution Hill … Während ich in Nostalgie schwelge, wundere ich mich, dass ich immer noch an den Satz des Jungen denken muss: „Ich kann nicht malen” bzw. „Hier wird nichts angeboten, was mich interessiert.“ Also nutze ich die Gelegenheit, ihn noch mal anzusprechen, da er gerade vor dem Raum sitzt.

„Danke noch mal fürs Abholen. Wie war doch gleich dein Name?“ Er sagt ihn mir. Ich werde ihn hier nicht preisgeben, also nennen wir ihn einfach Mapula. „Ich bin Ra,” sage ich und frage dann: „Was ist es eigentlich genau, was dich interessiert, aber hier nicht angeboten wird?”
 
Gesang.
Tanz.
Bildende Kunst.
Lyrik.

„Was verstehst du unter bildender Kunst?”
 
Das einzige, das Mapula perfekt malen kann, sind Blumen. Er malt sie gerne, weil man sie so schön bunt ausmalen kann. Wenn er mal schlechte Laune hat, schaut er sich gerne Blumen an; sie haben eine beruhigende Wirkung auf ihn.
 
„Wo schaust du dir denn gerne Blumen an?”, will ich wissen. „Es gibt in der Stadt nur wenige angelegte Parks.“
 
Er antwortet, dass er ein oder zwei Mal im Monat nach Wild Waters in Sandton fährt (ist das nicht in Boksburg?).

Wir sprechen darüber, warum Blumen cool sind. Wir stellen uns vor unserem geistigen Auge ein Kunstprojekt vor: einen Kunstgarten voller Blumen, der eine beruhigende Wirkung auf die Schüler hat. „Das wäre cool“, befindet Mapula. Ich danke ihm und gehe wieder in die Klasse.
 
3.
Ich werde allen als Ra vorgestellt, die Schüler bzw. wie es hier heißt, die Lernenden, begrüßen mich mit „Hi, Ra.” Ich frage jeden einzelnen nach seinem Namen und führe ein spontanes Spiel als Eisbrecher ein. Dies gerät immer mehr in Schwung, und es bildet sich ein dynamischer Kreis, in dem jeder seinen Namen sagt und dies mit einer bestimmten Aktivität verbindet. Jeder macht mit. Für einen kurzen Moment vergessen wir alles um uns herum, als ob wir die einzigen Menschen auf der Welt wären. In diesem Moment bin ich überzeugt, dass ich viel mehr von diesen Leuten weiß, denen ich an der Jeppe Street Ecke End Street zum ersten Mal begegne, als nur ihre Namen.

 
„Nna ke Rangoato.” Aktivität? Begrüßen.
 
„Wann habt ihr (Künstler) das letzte Mal eine Schule für Schwarze besucht, um hier zu unterrichten? fragt der kürzlich verstorbene Geoff Mphakathi in dem Film Blue Notes For Bra Geoff von Aryan Kaganof (2005). Pulengs radikales Kunsterziehungsprojekt Artucation setzt sich genau mit dieser rhetorischen Frage auseinander. In einer Zeit, in der eine befriedigende Antwort auf diese Frage immer noch aussteht, ist es für Künstler in Südafrika eine radikale Entscheidung, den Unterricht an Grundschulen und an High Schools mitzugestalten.
 
Was man nicht hat, kann man auch nicht weitergeben, so heißt es. Viele Künstler können es sich nicht leisten, ein Studio oder eine Galerie zu betreiben, viele Townships und ländliche Schulen haben keinen Kunstunterricht. Aber wer Künstler ist, der hat auch Talent, unter anderem auch das, etwas aus dem Nichts zu erschaffen. Mit anderen Worten, fehlende Ressourcen sollten das letzte sein, das einer „freien, qualitativ hochwertigen und dekolonisierten“ (wie es die Fallists sagen würden, deren Anhänger die Abschaffung der Wissenschaft fordern, da diese ihrer Meinung nach von Weißen geprägt wurde) Form der Bildung im Wege stehen sollte.
 
Es ist sehr wichtig, dass Künstler in Schulen arbeiten: Abgesehen von Puleng Plessie und ihrem Artucation Projekt gibt es noch viele andere, die dort tätig sind. Mir ist klar, dass man Armut leicht romantisiert, wenn man von Kunsterziehung bzw. dem Mangel derselben spricht. Kunsterziehung ist oftmals ein Vorzeigeprojekt in armen und benachteiligten Stadtteilen. Es ist also ein Leichtes, Kunstprojekte schlicht als radikal zu bezeichnen, weil sie an einem Ort stattfinden, an denen Felgen von parkenden Autos geklaut werden. So überrascht es nicht, dass die Artucation Teilnehmer (unter anderem) folgende Schlagworte festgelegt haben: Depression. Traurigkeit. Traurig. Schrecken. Böses. Hexerei. Christlich. Teufel. Blut. Armut. Beängstigend. Kompliziert. Leid. Zombies. Geister. Opfer. Trennung. Diese Begriffe stammen aus Diskussionen, in denen die Teilnehmer sich kritisch mit der von Nomusa Makhubo und Nkule Mabaso kuratierten Ausstellung Fantastic auseinandergesetzt hatten, die vom 1. September bis zum 15. Dezember im Goethe-Institut in Parkhurst zu sehen war.
 
Ich möchte betonen, dass diese Schlagwörter nicht unbedingt eins zu eins die Erfahrungen der Artucation Kursteilnehmer widerspiegeln. Vielmehr beflügeln sie einfach meine Vorstellungskraft. Ich selbst hatte die Ausstellung Fantastic nicht gesehen, die Schüler haben mir jedoch erklärt, dass hier Kunst offenbar als „Kampf des Spirituellen gegen den Teufel” gesehen wird. Offenbar geht es hier um „lebenslanges Aufopfern”, in dem „dem König ein Baby gegeben wird”, was zu einem „Konflikt zwischen Mutter und Vater” führt. Dieser Konflikt endet damit, dass die Mutter „in den Wald gejagt“ wird. Warum, so frage ich mich, müssen Frauen immer die meisten Opfer bringen?
 
Ein besonderer Aspekt in Pulengs Projekt hat mit Sprache zu tun. In ihrer Lehr- und Lernumgebung bekommt Sprache durch Dialoge einen konkreten Nutzen, der nicht in überlieferten Bedeutungen verhaftet ist. Bei dem Zeitungsdruck-Workshop von Alphabet Zoo, einem Kollektiv aus Johannesburg, war ein Teilnehmer auf der Suche nach einem Wort, um eine bekannte Technik zu beschreiben:

„Wie heißt das noch mal … dieses dabeit Ding …?“
 
Puleng geht dazwischen: „Ok, wir belassen es dabei (dabeit).”
 
Welche Bedeutung hat dieses Wort, abgesehen von dabeit als dem allgegenwärtigen Vinylbodenbelag in südafrikanischen Häusern, im konkreten Lernumfeld von Artucation? Ein Schüler erzählt von einer Übung bei Alphabet Zoo, bei der man mit einem Stück dabeit verschiedene Sachen gemacht hat, etwa:

„Es in die Sonne legen, bis es weich und flach wird,
etwas darauf malen
das Gemälde mit einem Werkzeug bearbeiten
das Material anmalen
Papier auf das Bild aufdrücken (wenn möglich mit einem stählernen Rad)
Drücken – bis das Kunstwerk sich herauslöst.“

Viele kennen diese Technik des Linolschnitts aus dem Kunstunterricht. Für die Teilnehmer von Artucation ist dies eine Art „Drucken ohne Strom”, sogar ohne das „Stahlrad“ bzw. die Presse. Alphabet Zoo hat eine Technik entwickelt, die ein Teilnehmer folgendermaßen beschreibt: „Man kann mit einem Löffel kleine Meisterwerke machen und mit Tassen große Meisterwerke, und zwar ganz ohne Druckpresse”. Und wie steht es mit anderen Werkzeugen? „Sie (Alphabet Zoo) haben uns erklärt, dass die Aushöhlwerkzeuge wie die Buchstaben C, V und U geformt sind“. „Und was“, wollte ich wissen“, kam nach der Arbeit mit dem dabeit? „Wir haben Zines gemacht“.
 
Bei der Anfertigung von Zines werden Druckerzeugnisse am Fotokopierer produziert. Ich erinnere mich daran, den Teilnehmern von Alphabet Zoo diese Technik vorgestellt zu haben, als diese noch Schüler im Artist Proof Studio waren. Schließlich ist es dem Drucken, besonders in Form von dabeit und Leinwand, sehr ähnlich. Es ist schön zu sehen, wie sie diese Technik jetzt weiterentwickeln. „Wir haben auch über die professionelle Herstellung von Zeitungen, T-Shirts usw. gesprochen“, erzählt ein Schüler.
 
Langsam geht die Stunde ihrem Ende zu – nur eine von vielen in der Artucation Reihe. Ich denke daran, wie ich zum ersten Mal bei Pulengs Projekt mitgemacht habe und dann an die Veranstaltungsreihe GoetheOnMain im Jahr 2010. Ich lasse die lebhaften Diskussionen im Bioscope Revue passieren, einem Kino im Johannesburger Stadtteil Maboneng, die dort einige Jahre lang innerhalb des Film+School Projekts angeboten wurden. Es gibt noch so viele Erfahrungen, die auf mich warten. Puleng reißt mich sodann mit einer Frage wieder aus meinen Gedanken: „Wer möchte uns seine Arbeit (Linoldruck) von gestern zeigen?“ Um den Stolz des Urhebers herauszukitzeln, formuliert Puleng es so: „Wer fühlt sich wie ein ngangara, ein skhokho?” Ich fühle, wie meine Sinne förmlich explodieren, als die Arbeiten vorgezeigt werden.
 
Die Schlussbemerkung eines Schülers hat mich besonders beeindruckt. Ich würde ihn hier wirklich sehr gerne namentlich erwähnen, allein schon, weil sein Ausspruch mir den Titel für diesen Text geliefert hat, aber bei Minderjährigen sollte man bekanntlich Vorsicht walten lassen. Jedenfalls ließ er diese brillante Formulierung fallen, als er über die von Artucation veranstaltete Diskussion der Ausstellung Fantastic und nachfolgende Veranstaltungen nachdachte. Als ob er ein halbes Jahrhundert an Theorien auf einen Satz reduzieren und dabei völlig neue Gedankenzusammenhänge ersinnen würde, sagte er: „Das Verschwinden der Gedanken beim Lernen … macht die Ausstellung interessanter.“